Inter Mailands Offensivprobleme zum Saisonauftakt

Etwas überraschend wurde Roberto Mancini am 9. August kurz vor dem Saisonstart aufgrund von Meinungsverschiedenheiten entlassen. Nachfolger wurde der ehemalige Ajax Trainer Frank de Boer. De Boers Auftakt gegen Chievo Verona ging mit 2:0 verloren, dabei zeigte Inter viele Probleme im Offensivspiel, an denen de Boer noch arbeiten muss, bereits gegen Palermo sah man einige Verbesserungen, auch wenn es schlussendlich nicht zu de Boers erstem Sieg reichte.

Schwaches Inter bei de Boers Debüt
De Boers Debüt verlief für Inter Offensiv enttäuschend. Es fehlte vor allem an Kreativität, um die starke Defensive Chievos zu knacken.

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Inter startete in einem 3-5-2. Mit Miranda, Ranocchia und D´Ambrosio in der Dreierkette. D´Ambrosio rückte meist leicht nach rechts, um den Offensiven Candreva besser absichern zu können. Candreva spielte als offensiver Flügel, meist agierte er linear, gelegentlich drang er diagonal in die Mitte ein. Auf der anderen Seite spielte Nagatomo etwas zurückhaltender und gab oftmals nur die Breite. Beide ließen sich in der Defensive in die letzte Linie fallen und bildeten mit den Innenverteidiger eine Fünferkette.

Den Part vor der Dreierkette übernahm Gary Medel. Der Chilene war die erste Anspielstation und sollte das Aufbauspiel vorantreiben. Meist hatte er aber mit den Mannorientierungen von Chievo zu schaffen und konnte deshalb nie wirklich zur Entfaltung kommen.

Bangea und Kondogbia übernahmen die Doppelacht, beide hatten einen Linksdrahl, und überluden den dortigen Halbraum zusammen mit Eder, der sich als Stürmer immer wieder fallen ließ, und sich zwischen den Linien für das Kombinationsspiel anbot. Am besten präsentierte sich hier Banega, besonders seine Fähigkeiten unter Druck wurden deutlich. Immer wieder schaffte er es sich aus Drucksituationen herauszudribbeln.
Icardi im Gegensatz zu Eder bewegte sich wenig. Meist gab er die Tiefe und besetzte das Sturmzentrum, er war dort Anspieloption für lange Bälle und Flanken. Selten schob er mal nach links, wenn Nagatomo eine Anspielstation die Linie entlang benötigte.

Überladung des linken Halbraums

Im Aufbauspiel ließ Inter meist kurz den Ball in der Abwehrlinie laufen und versuchte Medel einzubinden. Oft wurde dann im zweiten Drittel versucht den rechten Halbraum zu überladen, dazu ließ sich Eder fallen und Banega rückte weit auf die rechte Seite, durch kurze Kombinationen wollte man in den Zwischenlinienraum kommen, oder Candreva auf rechts freispielen, oftmals scheiterte dies an schlechten Verbindungen im rechten Halbraum und keinen Verlagerungsoptionen in der Mitte. Dies führte dazu, dass Inter die meiste Zeit von rechts nach links passte und nur selten durch die Mitte in die Räume zwischen den Linien von Chievo kamen.

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Wie hier deutlich zu sehen ist, hat Candreva keine Anspielstation in der Mitte. Pep Guardiola sprach hier einmal vom „U förmigen Aufbauspiel“, Inter hatte zwar den Ball, kombinierte aber nur über die Verteidiger von einer zur anderen Seite. Banega versucht hier Raum zu öffnen und gleichzeitig den Raum hinter dem Außenverteidiger zu nutzen, allerdings stimmt die Einbindung des Laufs kaum, der Rest des Mittelfelds ist nicht anspielbar und wurde aufgrund der Mannorientierungen von Chievo Verona immer weiter aus dem Zentrum gedrängt. Durch die oftmals fehlenden Verbindungen ins Zentrum, war Inters Spielaufbau ineffektiv und sorgte dafür, dass sie kaum den Ball sauber in Chievos Hälfte bringen konnten, geschweige denn, dass sie dort vernünftige Strukturen hatten.

Inters Offensivprobleme

Inters Verbindungsprobleme wurden im Offensivspiel noch deutlicher, da sie selten strukturiert den Ball in Chievos Hälfte bekamen, fehlten auch dort die entsprechenden Strukturen. Inter war kaum bis gar nicht im Zwischenlinienraum präsent. Icardi war meist der Einzige, der sich im Chievo Block befand. Ähnlich wie im Aufbauspiel führte dies dazu, dass Inter den Ball zwar hatte und um den Abwehrblock von Verona zirkulieren lassen konnte, jedoch nie gefährlich wurde. Deutlich wird dies, dass Inters beste Chancen aus Standards und Distanzschüssen resultierten.

Das große Problem bei Inter war, dass sich ballnah, besonders auf links kaum Spieler anboten. Es wurde wenig Dreiecke gebildet und häufig war dadurch der Spieler in Ballbesitz isoliert. Die schlechten Offensivstrukturen führten dazu, dass Inter keinen Zugriff nach einem Ballverlust hatte und so viel Platz für Chievos Konter entstand. Zwei von drei Großchancen von Chievo entstanden durch mangelnden Zugriff im Gegenpressing und gleichzeitig schlechter Absicherung.
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Wie hier in der Situation gut zu erkennen, hat der Spieler in Ballbesitz nur eine Anspielstation nach vorne und steht dabei gleichzeitig unter Druck. Zwar hat Candreva auf der rechten Seite etwas Platz, jedoch lässt die Struktur einen Seitenwechsel nicht zu, da dem Ballführenden keine Anspieloptionen offen stehen. Des weiteren befinden sich keine Spieler von Inter im Zwischenlinienraum, daraus resultieren schlussendlich Angriffe die mit banalen Flanken in den Sechzehner und Distanzschüssen, was sehr einfach zu verteidigen ist, da auch der zweite Ball meist bei Chievo landet.

Update zweites Spiel gegen Palermo

Auch im zweiten Spiel von de Boer gab es keinen Erfolg, Inter kam nicht über ein 1:1 hinaus. Aus taktischer Sicht wurde der Einfluss von de Boer allerdings deutlicher. Der neue Coach schickte sein Team in einem 4-3-3 auf Feld, Murillo ersetzte Ranocchia in der Innenverteidigung, Santon begann als Linksverteidiger und Perisic besetzte die linke Außenbahn.
De Boers Einfluss wurde im Pressing und Aufbauspiel besonders deutlich, ohne dort gravierende Fortschritte gemacht zu haben.

Faktor Banega

Eine positive Veränderung war die Versetzung von Ever Banega auf die Sechserposition, durch ihn kamen neue kreative Elemente hinzu, ebenso ist er weitaus pressingresistenter als Gary Medel. Unter Druck konnte sich Banega mit gezielten Pässen und seinen Dribblings befreien und stabilisierte somit das immer noch nicht optimale Aufbauspiel der Nerrazuri. Banega war auch derjenige, der durch geniale Pässe, oft suchte er Perisic, dem Inter Offensivspiel ein bisschen Kreativität und Ideen verlieh. Gefährlich wurde es für Palermo wenn Banega Perisic mit einem hohen diagonalen Pass oder einem starken Schnittstellenpass finden konnte und so Perisic in für ihn gute 1vs1 Situationen bringen konnte. Darüberhinaus war Banega auch für eine Reihe von gefährlichen Standards verantwortlich.

Mehr Spieler im Zwischenlinienraum

Die Umstellung von einem 3-5-2 zu einer 4-3-3 Formation sorgte für eine höhere Präsenz in der Offensive. Eder rückte vom rechten Flügel konstant ein, während Perisic dies nur sporadisch machte. Im weiteren Angriffsverlauf stieß einer oder manchmal sogar beide Achter in den Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld von Palermo vor. Allerdings stimmten durch das Vorrücken der beiden Achter die Abstände zwischen den Spielern nicht. Häufig sah man Banega in der zentralen isoliert, da beide Achter vorrückten. Allerdings unterstützen die Achter das Offensivspiel selten. Weder halfen sie den Flügelspielern noch waren sie wirklich im Zwischenlinienraum anspielbar. Kondogbia ließ sich immer wieder fallen, fiel dann aber nur durch Unterzahl Dribblings auf. Medel wurde nur bei Abprallern nach Flanken gefährlich und unterstützte sonst wenig.  Dazu kam noch, dass Medel und Kondogbia unter Druck unsicher wirkten und in der Anfangsphase entweder Fehlpässe spielten, oder zu langsam waren und so die Bälle verloren. Beide stabilisierten sich nach der Anfangsphase, wirkten aber weiterhin nicht wirklich sicher in engen Situationen. In diesem Zusammenhang darf man auch daran zweifeln, dass Medel und Kondogbia die richtigen Spielertypen für diese Aufgaben sind.
In der ersten Phase des Aufbauspiels fungierten beide Achter noch als Anspielstation, dies und das fehlende Angriffpressing von Palermo führten dazu, dass Inter den Ball sicher in die gegnerische Hälfte bringen konnte.

Isolation und fehlende ballnahe Unterstützung

Im Vergleich zur Niederlage gegen Chievo gab es ein paar Verbesserungen im Spiel mit Ball. Gegen Palermo war der Zwischenlinienraum häufiger besetzt, da die Achter vorrückten oder die Flügel in die Halbräume einrückten, dadurch bereiten sie der gegnerischen Defensive etwas mehr Probleme, allerdings gab es oftmals keine ballnahe Unterstützung, dies führte dazu, dass immer wieder Spieler in Unterzahlsituationen am Ball kamen. Häufig war dies auf den Flügeln zu beobachten. Besonders rechts war Eder auf sich allein gestellt und versuchte oft sich mit Dribblings durchzusetzen. Gleiches galt auch für Kondogbia und Perisic. Inter wurde besonders dann gefährlich, wenn sie sich aus der Isolation befreien konnten und dann Flanken in den Sechzehner schlagen konnten oder eines der Dribblings führte zu einem Freistoß in aussichtsreicher Position.

Fazit

De Boers Start verlief nicht gut. Allerdings kann man dem Niederländer daran nicht die Schuld geben, da er erst kurz vor Saisonstart übernahm. Im Spiel gegen Palermo sah man bereits Verbesserungen gegenüber dem Offensivspiel gegen Chievo Verona, außerdem wurde de Boers Einfluss langsam sichtbar. Allerdings hat Inter Mailand weiterhin Probleme sich gute Chancen herauszuspielen, da ihre Offensive auf der individuellen Qualität der Spieler basiert. So richtig gefährlich wurde Inter in beiden Spielen nur durch Standards und Flanken. De Boer versucht langsam die Ajax bzw. seine Philosophie auf Inter zu übertragen, dies benötigt allerdings noch viel Arbeit und Zeit, die die Nerazzurri nicht haben.

Kategorie Allgemein, International, Portraits, Spielanalysen

Interessiert sich für Taktik und Training. Positionsspiel, hohes Pressing und dynamische Positionswechsel. Großer Pep Guardiola Fan. Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, kann du dies für 1€/Monat auf Patreon machen und erhälst exklusive Beiträge dazu (https://www.patreon.com/user?u=33684939&fan_landing=true) Artikel abonnieren

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