Noch viel Arbeit: Die Probleme der bayrischen Innenverteidigung

Mit der Verpflichtung von Mats Hummels im Mai, war für viele klar, die Bayern haben die beste Abwehr der Welt, mit Lahm, Boateng, Hummels und Alaba stehen vier Weltklasseverteidiger zur Verfügung, dazu kommen noch Martinez, Bernat, Badstuber und Rafinha. Darüberhinaus steht im Tor des Rekordmeisters der amtierende Welttorhüter Manuel Neuer. Bayerns Innenverteidiger sind nicht nur in der Defensive stark, sie haben auch alle ein starkes Aufbauspiel. Unter Guardiola wurde die Spieleröffnung zumeist von den Innenverteidigern übernommen. Insbesondere Jerome Boatengs Laserpässe wurden immer wieder forciert. Unter Carlo Ancelotti veränderte sich die Rolle der Innenverteidiger im Aufbauspiel in Teilen. Bisher werden die Stärken der bayrischen Innenverteidiger noch nicht ideal genutzt.
Innenverteidiger tiefer
Mit der Ankunft von Ancelotti rückten die Innenverteidiger wieder einige Meter zurück. Im Gegensatz zu der Amtsperiode von Pep Guardiola, stehen die Innenverteidiger unter dem Italiener nun nicht mehr für lange Zeit in der gegnerischen Hälfte, sondern positionieren sich etwas hinter der Mittellinie. Diese tiefere Positionierung bringt einige taktische Änderungen mit sich.

Zum einen ist Bayern mit den tieferen Innenverteidiger etwas sicherer bei langen Bällen und bei Kontern, allerdings werden die Konter bei den Bayern aktuell noch nicht gut verteidigt. Aufgrund des etwas schlecht organisiertem Gegenpressing, schafft es der Rekordmeister nicht immer Konter sauber zu verteidigen

Zum anderen ergeben sich in eigenem Ballbesitz aber Probleme im Kombinationsspiel. Nicht nur stehen die Innenverteidiger nicht mehr so hoch wie früher, sie fächern auch nicht mehr so breit auf und schieben meist nicht konsequent zum Ball. Wenn die Bayern auf einer Seite versuchen Überzahl herzustellen, ist die einzige Rückpassoption die Innenverteidigung. Da dieser nun tiefer und zentraler stehen, ist ein Rückpass länger unterwegs, was dazu führt, dass der Gegner mehr Zeit hat sich zu ordnen. Darüberhinaus sind Verlagerungen über die Innenverteidiger schwieriger, da es länger dauert den Ball von der einen auf die andere Seite über die Innenverteidiger zu verlagern.

Fehlendes Andribbeln und das U im Spielaufbau

Auch in der Spieleröffnung haben sich Details verändert. Wie im zweiten Drittel, stehen die bayrischen Innenverteidiger auch im ersten Drittel nicht so breit wie unter Guardiola. Mit den breiten Achtern und den hohen Außenverteidiger ergibt sich ein diagonales Passmuster, das nach außen gerichtet ist.

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Dadurch wird das aktuelle Problem des bayrischen Spielaufbaus weiter verstärkt. Bayern schafft es selten das Spiel durch die Mitte aufzubauen und zwischen die Linien des Gegners zu kommen. Oftmals zirkulieren die Bayern den Ball nur von rechts nach links und andersherum, was zu einem U förmigen Passmuster führt. Dadurch landen die Bayern recht schnell auf dem Flügel und sind dort gelegentlich isoliert. Da die bayrischen Innenverteidiger nicht mehr so breit stehen, sind diagonale Pässe in die Mitte und zwischen die Linien des Gegners schwierig.

Nicht nur die enge Positionierung der Innenverteidiger, sondern auch das fehlende Andribbeln schränkt die bayrischen Innenverteidiger und den Spielaufbau des Rekordmeisters im allgemeinen ein. Die Gegner können sich so gut positionieren und die Räume eng halten. Die Bayern schaffen es nicht den Gegner aus seiner Position zu bringen.

Das Andribbeln ist vor allem im Positionsspiel sehr wichtig. Mit Andribbeln ist im allgemeinen gemeint, dass der Ballführende einige Meter auf den gegnerischen Verteidiger oder Verteidigungsblock macht, damit der Verteidiger gezwungen wird den Ballführenden zu attackieren. Durch dieses Attackieren verlässt der Verteidiger seine Position und hinterlässt einen offenen Raum. Schafft nun der Ballführende das 1vs1 zu gewinnen oder einen Pass auf einen Mitspieler in den freien Raum zu spielen, wird die gegnerische Verteidigung vor Probleme gestellt.

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Hier zeigt sich wie die Bayern gegen Köln leichter zwischen die Linien des Gegners kommen könnten. Dadurch, dass einer der Innenverteidiger mit dem Ball am Fuß nach vorne stößt, wird der ballnahe Stürmer der Kölner aus der Position gezogen. Über den Achter kann der Innenverteidiger nun den Sechser anspielen. Je nach Positionierung kann sich der Sechser drehen und so einen Pass nach vorne spielen, oder er verlagert in den Halbraum, dort hat der Achter etwas mehr Platz. Durch das Andribbeln der Innenverteidiger können die Bayern leichter zwischen die Linien des Gegners kommen, und versuchen durch die Mitte anzugreifen. Daraus würde ein flexibleres und schwerer zu verteidigendes Spiel mit Ball entstehen und der Rekordmeister würde sich nicht so schwer tun, einen sauberen Spielaufbau hinzubekommen.

Kleine Anpassungen mit großer Wirkung

Um das Aufbauspiel des FC Bayerns langfristig zu verbessern, vor allem um wieder Zugriff auf das Zentrum zu erhalten, braucht es nicht viele Anpassungen seitens Ancelottis. Einer der ersten Punkte wäre es die Innenverteidiger wieder breiter zu positionieren, um einerseits Raum für Alonsos Abkippen zu schaffen und andererseits Manuel Neuers Fähigkeiten mit dem Ball besser einzubinden.

Ebenso wäre es hilfreich, wenn vor allem Hummels und Boateng häufiger mit dem Ball am Fuß einige Meter zurücklegen, damit der Gegner vor Probleme gestellt wird und Räume in der Zentralen sich öffnen würden.

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Hier noch einmal deutlich. Wenn sich die Innenverteidiger breiter positionieren, können die Außenverteidiger weiter nach vorne schieben, was zur Folge hätte, dass der Gegner weiter zurückgedrängt wird. Darüberhinaus hätten die Innenverteidiger einen besseren Winkel für Pässe in die Mitte. Ebenso würden Pässe auf die Außenverteidiger mehr Raumgewinn bei gleichzeitig besserer Absicherung durch die Innenverteidiger bedeuten.

Durch das Andribbeln der Innenverteidiger werden die Stürmer zu herrausrücken fast schon gezwungen, dies öffnet Räume in der Mitte, die durch den Sechser oder die Achter genutzt werden können.

Fazit

Zu guter letzt lässt sich sagen, dass auf Ancelotti noch etwas Arbeit wartet, um die Stärken seiner Innenverteidiger, besonders die Spieleröffnung von Hummels und Boateng, gewinnbringend einzubinden. Mit einer besseren Einbindung der Innenverteidiger, werden auch die aktuellen Probleme im Spielaufbau nicht mehr so schwerwiegend und können leichter behoben werden. Aktuell wirkt es so, als ob die Innenverteidiger in Ancelottis System ihrer großen Stärke im Passspiel beraubt werden. Allerdings sollte man Ancelotti nicht plötzlich komplett in Frage stellen, sondern ihm die nötige Zeit zur Anpassung an sein neues Team geben.

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