Strukturprobleme : Bayerns Positionsspiel unter Carlo Ancelotti

Als Ancelotti antrat Pep Guardiola zu beerben, machte er klar nicht alles über den Haufen zu werfen, sondern auf Guardiolas Arbeit aufzubauen.  Ancelotti machte immer wieder deutlich, dass er zwar nicht von Peps Spielweise total abweichen wolle, allerdings sollte das ganze Spiel schneller und freier von starren Strukturen werden. Auch soll die Intensität des Pressings variiert und auch mal auf Konter gewartet werden. Jedoch läuft bisher noch nicht alles rund, nach den ersten verpassten Siegen gibt es erste Kritik für den Italiener. 

Ancelottis Änderungen

Wie bereits erwähnt will Ancelotti ein etwas vertikaleres und schnelleres Angriffsspiel, passend dazu auch die Rhythmuswechsel in der Defensivarbeit. Der Rekordmeister geht nun nicht immer aggressiv vorne drauf und versucht den Ball so schnell es geht zu erobern, sondern lässt sich auch mal in ein Mittelfeldpressing zurückfallen, und versucht so den Gegner etwas kommen zu lassen, mit dem Ziel Kontermöglichkeiten zu erhalten.

Nicht nur soll das Offensivspiel schneller werden, auch veränderte Ancelotti die Struktur im eigenen Ballbesitz, man kann sagen, er vereinfachte die Positionierungen im Vergleich zu Guardiola, und Bayern spielt nun deutlich symmetrischer im eigenen Ballbesitz.

Die Innenverteidiger stehen meist weniger breit, und Alonso kippt seltener zwischen die Innenverteidiger ab. Die Außenverteidiger stehen breit und schieben oftmals sehr hoch, um Platz für die nach außen schiebenden Achter zu generieren. Je nach Besetzung der Außenpositionen rücken die Außenspieler in den Halbraum ein oder stehen ebenfalls etwas breiter. Der Bewegungsradius von Robert Lewandowski ist außerdem nicht mehr so groß. Der Pole hält sich länger im Sturmzentrum auf und unterstützt seltener seine Mitspieler im Halbraum.
Für alle die sich näher mit Ancelottis System auseinandersetzten wollen, denen ist der Artikel von Miasanrot sehr ans Herz zu legen.

Ancelottis Positionsspiel ist zwar etwas freier, die Spieler sind nicht mehr so sehr an bestimmte Räume gebunden, das dies zu viel Offensivpower führen kann, sah man beim Saisonauftakt gegen Werder Bremen, allerdings hatten die Bayern danach eher mehr Probleme sich konstant Chancen herauszuspielen und das Spiel voll zu kontrollieren. Die hohe individuelle Klasse des Kaders vertuschte aufgrund der positiven Ergebnisse zu Saisonbeginn die Probleme, allerdings wurde nach der Niederlage gegen Atletico und dem Unentschieden gegen Köln erste Kritik laut.

Isolation

Eines der größten Probleme des bayrischen Offensivspiels ist die fehlende ballnahe Unterstützung. Durch das stark nach außen gerichtete Aufbauspiel der Bayern, landen sie oft auf dem Flügel und lassen sich dort isolieren.
Einer der Gründe dafür ist, dass die Achter die Flügelspieler oder Außenverteidiger weniger unterstützen als noch unter Guardiola, dadurch wird das Lösen von Drucksituationen auf den außen erschwert.

Wie hier gut zu sehen, Sanches unterstützt als Achter Bernat zu wenig, da er nicht den ballnahen Halbraum besetzt, sondern immer noch tief steht, da er zuerst als Anspielstation für Hummels dienen sollte. Nachdem Hummels aber einen Pass auf Bernat gespielt hatte, bot sich Renato Sanches nicht sofort aktiv an, sondern blieb erstmal etwas tiefer stehen.

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Darüberhinaus schiebt Hummels nach seinem Pass auf Bernat nicht konsequent nach, eine Verlagerung über Hummels ist schwierig. Ebenso verhält sich Coman passiv. Er ist zwar leicht eingerückt, steht aber sehr hoch und kann im Kölner Block nicht von Bernat angespielt werden.
Schlussendlich bleibt Bernat nur ein Dribblings die Linie entlang, indem er von zwei Spielern attackiert wird, übrig. In der Situation zeigt sich deutlich, dass aufgrund von Bernats Klasse solche Probleme etwas überschattet werden, da sich der kleiner Spanier im Dribbling fast bis zum gegnerischen Sechzehner durchsetzten kann.

Schlechte Verbindungen

Wie bereits im letzten Punkt deutlich wurde, die Bayern bilden viel weniger Dreiecke und Rauten im eigenen Ballbesitz. Vielen wird die Bedeutung dessen nicht bewusst. Ganz einfach, durch die fehlenden Dreiecke bzw. Anspielstationen lassen sich die Bayern einerseits leicht isolieren und andererseits schaffen sie es nicht durch gute Ballzirkulation den Gegner zu Fehlern zu zwingen. Hauptproblem der schlechten Ballzirkulation sind die angesprochenen fehlenden Dreiecke und die schlechte Positionierung auf dem Feld

Ancelotti

Die roten Pfeile sollen mögliche Laufwege veranschaulichen, um das Positionsspiel zu verbessern
Kimmich hat außen den Ball und kaum Anspielstationen. Rafinha als rechter Verteididiger steht auf der gleichen Linie und ist eine strategisch ungünstige Option. Alonso unterstützt ballnah zu wenig, ebenso Martinez, der aufgrund seiner tiefen Position nicht richtig eingebunden ist. Auffällig ist hier, wie wenig die Bayern den Halbraum als strategisch wichtige Position besetzten.
Nicht nur der Halbraum ist unbesetzt, auch der Raum zwischen den Linien des Gegners kann von den Bayern nicht richtig bespielt werden. Robben und Lewandowski unterstützen sind beide nicht anspielbar für Kimmich, da sie den Zwischenlinienraum nicht besetzten. Auch hat Kimmich keine Möglichkeit durch horizontale Pässe das Spiel auf die andere Seite zu verlagern, da weder Alonso noch Sanches wirklich anspielbar sind.

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Ein weiteres Problem der Bayern in Ballbesitz wird hier deutlich, die Bayern stellen keine Verbindungen zwischen einander her, da kaum Richtung Ball verschoben wird. Durch die langen Distanzen zwischen den Spielern, ist eine schnelle Ballzirkulation kaum möglich. Der Gegner kann zu leicht Spieler isolieren oder in den Deckungsschatten stellen.

Unbesetzte Räume

Wie hier in vielen Schaubildern deutlich wird, schafft es der Rekordmeister nicht immer alle wichtigen Räume zu besetzten. Dadurch, dass die Achter recht breit stehen, ist ihre angestammte Position im Halbraum oftmals im Aufbauspiel unbesetzt, was dazu führt, dass die Bayern schnell den Ball nach außen spielen müssen, da zentral oder im Halbraum keine Anspielstation vorhanden ist.

Darüberhinaus stehen auch die Flügelspieler häufig aufgrund ihrer Fähigkeiten und Angewohnheiten auf den Außen, was zur Folge hat, das der Zwischenlinienraum, ohne den Zwischenlinienraum zu besetzten, schafft es Bayern nicht in die Formation des Gegners zu kommen und gegnerische Spieler zu überspielen. Nicht nur der Zwischenlinienraum, sondern auch der Zehnerraum wird von den Bayern nicht konstant besetzt, was ein Spiel durch die Mitte und Verlagerungen erschwert.

Ancelotti Positionsspiel

Im allgemeinen fehlt den Bayern im Zentrum die Präsenz, da Lewandowski sehr hoch steht, die Achter recht tief und die außen nur selten einrücken. Dieses Problem spiegelt sich auch in der Chancenerarbeitung der Bayern wieder, viele Angriffe enden mit einem Distanzschuss oder einer Flanke von Außen, aufgrund der tiefen Position der Achter stößt aber im Gegensatz zu letztem Jahr keiner in den Strafraum nach. Besonders Vidal war letzte Saison so einige Male erfolgreich.

Fazit

Bisher haben die Bayern Probleme sich konstant hochprozentige Chancen zu erarbeiten, Grund dafür ist das fehlerhafte Positionsspiel der Bayern unter Ancelotti, dass zu häufigen Isolationen von einigen Akteuren führt und darüberhinaus auch das Gegenpressing erschwert. Aufgrund der individuellen Klasse der Bayern sprechen die Ergebnisse noch ich für eine wirkliche Verschlechterung im Vergleich zum Vorjahr. Man muss Ancelotti die Zeit geben sein System einzuführen und zu verfeinern, allerdings muss man sich die Frage stellen, ob in dieser Rollenverteilung die Stärken der einzelnen Bayernakteure wirklich voll zur Geltung kommen.

Kategorie Allgemein, Aspektanalyse, Portraits

Interessiert sich für Taktik und Training. Positionsspiel, hohes Pressing und dynamische Positionswechsel. Großer Pep Guardiola Fan. Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, kann du dies für 1€/Monat auf Patreon machen und erhälst exklusive Beiträge dazu (https://www.patreon.com/user?u=33684939&fan_landing=true)

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