Wie Antonio Conte die Schwächen der Premier League nutzt

Im Sommer nach einer recht erfolgreichen Europameisterschaft für Antonio Conte mit Italien, übernahm er das Amt beim Fc Chelsea. Conte soll die Londoner wieder an die Tabellenspitze führen. Zu Anfang hatte er Probleme und musste sich erst einmal an das Team gewöhnen und die passenden Rollen für seine Spieler finden. Mittlerweile setzt er konsequent auf eine Dreierkette wie bereits bei Juventus Turin und der italienischen Nationalmannschaft. Seitdem ist er erfolgreich. Nach einem Fußballfest gegen den Fc Everton stand er über Nacht an der Tabellenspitze, bis Jürgen Klopp und der Fc Liverpool Chelsea wieder verdrängten. Jedoch kann man festhalten, die Formkurve zeigt steil bergauf. Grundlage für den Erfolg ist die starke Spieleröffnung und damit der Übergang ins Angriffsspiel. 

Grundprinzip

Antonio Conte lässt sein Team zumeist in einem 3-4-2-1/3-4-3 agieren. Die Wingbacks schieben dabei weit nach vorne, der Innenverteidiger und die Halbverteidiger fächern auf und stehen dadurch recht breit. Die Sechser bewegen sich zwischen den Linien des Gegners, um als Anspielstation zur Verfügung zu stehen. Dabei bleiben beide Sechser recht zentral und übernehmen eher weniger spielmachende Aufgaben. Die drei Offensivspieler bieten sich viel in den Halbräumen an, lassen sich allerdings wenig fallen, sondern halten ihre hohe Position.

Die Spieleröffnung wird von der Dreierkette betrieben, die den Ball immer wieder geduldig von rechts nach links zirkulieren lässt, um dann wenn sich Räume ergeben den vertikalen Pass auf einen der Offensivspieler suchen oder wenn möglich einen kurzen Pass auf einen der Sechser spielen. Meist wird aber die erste Variante forciert. Besonders die Halbverteidiger stoßen mit dem Ball am Fuß oftmals nach vorne, um Raumgewinn zu schaffen und dann mit einem flachen vertikalen Pass einen Spieler im Halbraum zu finden. Besonders nach schnellen Seitenverlagerungen, bei denen sich Räume öffnen, ist ein vorstoßen mit Ball besonders effektiv.

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Beispielszene aus dem Spiel gegen Everton, die in ihrem 5-3-2 die Halbräume besonders öffneten

Da der vertikale Pass nicht immer möglich ist, benötigt der vorstoßende Halbverteidiger natürlich noch weitere Anspielstationen. Antonio Conte hat eine solide Struktur implementiert, die bei einem Vorstoß aus der Dreierkette auch eine Ausweichoption für den vertikalen Pass bietet. Zum einen dienen die Wingbacks/Außenverteidiger eine Anspielstation nach außen. Gelegentlich werden dann vom Flügel aus, je nachdem wie nah man bereits am Tor ist, kleine Kombinationen mit bis zu drei involvierten Spielern gestartet ( meisten Außenverteidger, Offensvispieler und Stürmer). Zum anderen verschieben die Sechser  nämlich konsequent mit und versuchen ballnah als Anspielstation zur Verfügung zu stehen.

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Spielt der Halbverteidiger den Sechser an, gibt es die Möglichkeit über den Sechser in den Raum zwischen die Linien zu kommen, oder es wird auf den anderen Halbverteidiger verlagert, der dann den vertikalen Pass versuchen kann.

Der vertikale Pass und Conte Spiel über den Dritten

Wie bereits erwähnt, ist das Ziel des Aufbauspiels, einen Offensivspieler im Halbraum anspielen zu können. Gelingt dies gibt es verschiedene Kombinationsmöglichkeiten.

Beispielsweise lässt Hazard gerne auch mal den Ball auf Diego Costa klatschen, der dann mit etwas Raum auf die Innenverteidiger zulaufen kann.

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Erhält ein Stürmer (in diesem Fall Diego Costa) den Ball mit Blick aufs Tor (Spiel über den Dritten) ist er brandgefährlich, da die Verteidiger ihn nun stellen müssen, während er für kurze Zeit Platz und Zeit hat. Mit klugen Läufen der Spieler ohne Ball, kann dieser Raum ideal genutzt werden und simple Pässe hinter die Abwehr gespielt werden.

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Wichtig, nach dem Pass auf Costa hat dieser sehr viel Zeit, da Abstände bei Everton zu groß sind 

Im Allgemeinen ist mit dem Spiel über den Dritten ein Pass von einem auf einen anderen Spieler gemeint ist, da dieser Pass zu schwierig ist, ist noch ein dritter Spieler involviert. Ein passendes Beispiel wäre ein Pass aus der Verteidigung auf einen Stürmer, der den Ball auf einen offensiven Mittelfeldspieler klatschen lässt.

Celsea nutzt das Spiel über den Dritten in vielen verschiedenen Varianten, um Durchbrüche zu ermöglichen, ein Beispiel habe ich bereits oben genant, ein anderes wäre ein Pass auf den Offensivspieler, der somit zwei Verteidiger auf sich zieht und dann den Ball auf den Wingback durchsteckt.

 

Conte nutzt Englands Schwächen

In England gingen viele der taktischen Neuerungen spurlos vorbei. Zum Teil lang dies daran, dass immer davon gesprochen wurde und heute auch noch wird, dass die englische Liga anders ist als die anderen Ligen in Europa und das es vor allem um sehr viel Kampf geht.

Allerdings veränderte sich der Weltfußball in den letzten Jahren rasant. Besonders die Defensivarbeit ist auf einem ganz anderen Niveau wie vor einigen Jahren noch. Die Topteams in der Champions League stehen mittlerweile sehr kompakt, verschieben gut und lassen dem Ballführenden kaum Zeit und Raum, um Entscheidungen zu treffen. In England ist diese konsequente Defensivarbeit noch nicht bzw. Kaum verbreitet. Auch ein Grund wieso die englische Nationalmannschaft und auch die englischen Teams auf europäischer Ebene meist nicht wirklich stark abschneiden. Mittlerweile beginnt aber auch das kompakte Verteidigen in England. Durch die vielen ausländischen Trainer wurde das aggressive Pressing in England bekannter, Trainer wie Klopp, Pocchetino oder auch Guardiola möchten den Ball möglichst weit vorne erobern und legen Wert auf ein hohes Pressing und ein starkes Gegenpressing.

Allerdings ist die Intensität im Verteidigen weiter nicht vergleichbar mit der in beispielsweise Deutschland. Vielen Teams fehlt weiterhin die Kompaktheit im Mittelfeld.

kompaktheit

Die Ketten stehen zu weit auseinander, dadurch öffnen sich dazwischen Räume, die für das Team in Ballbesitz sehr nützlich sind. Conte forciert Pässe in den Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld. Da die Räume wie angesprochen dort recht groß sind.

Darüberhinaus nutzt Conte die fehlende horizontale Kompaktheit des Mittelfelds in England und die fehlende Defenisvarbeit der Stürmer. Nach einer Verlagerung schieben die Stürmer nicht immer schnell genug nach und lassen Chelseas Innenverteidiger/ Halbverteidiger Raum, den sie mit ihren Vorstößen sofort nutzen und so Pässe auf die Offensivspieler spielen können. Die Dreierkette, die der Italiener gerne nutzt, hilft dabei noch das eh schon unkompakte Pressing noch weiter zu strecken. Durch die Dreierkette wird das Spiel in die Breite gezogen, was weitere Räume für vertikale Pässe und Vorstöße öffnet.

Wie verhindert man das Aufbauspiel

Wie bereits angesprochen muss die Kompaktheit vertikal wie horizontal stimmen. Besonders das Mittelfeld sollte eng stehen, Everton nutzte am letzten Spieltag eine 5-3-2 Formation, die große Löcher im Mittelfeld offenbarte. Das Mittelfeld muss eng gestaffelt sein, weswegen sich ein 4-4-2 eher anbieten würde. Die Stürmer müssen versuchen die Verteidiger von einander zu isolieren, ohne die Sechser offen zu lassen, die sonst das Spiel verlagern könnten. Ziel des Stürmers sollte es sein, den Halbverteidiger bogenfömig anzulaufen und ihn diagonal Richtung Außenlinie zu drängen. Die Mittelfeldkette kümmert sich währenddessen um die Verschließung des Zehnerraums/ Zwischenlinienraums. Am Ende kann Chelsea durch ein gut funktionierendes Pressing Richtung Flügel gedrängt und isoliert werden, um das Aufbauspiel zu stoppen. Dies wird allerdings nicht leicht und erfordert ein sehr präzises Verschieben, da die 3-2 Staffelung im Aufbau der Londoner recht viele Passoptionen öffnet und deshalb schwierig zuzustellen ist.

Ein super Beispiel von Judah Davies wie Everton Chelseas Aufbauspiel hätte pressen können/sollen

Fazit

Alles in allem hat Antonio Conte ein funktionierendes System geschaffen, das zum einen die Stärken der eigenen Spieler gut einbindet, beispielsweise Pedro, Diego Costa und Hazards Stärken im Zwischenlinienraum bzw. Dem finden von offenen Räumen, zum anderen werden die Probleme von einigen englischen Teams genutzt, die fehlende Kompaktheit im Mittelfeld. Diese Mischung aus Anpassung an Spieler und Gegner und die hohe individuelle Qualität der einzelnen Chelsea Akteure lässt Contes Team wieder zu einem Meisterschaftskandidaten in dieser Saison werden.

 

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