Müllers schwarzer Abend und Ancelottis ungelöstes Problem

Am Mittwoch sollte der FC Bayern unter Carlo Ancelotti erstmals sein wahres Gesicht zeigen, die großen Spiele im April seien die wichtigsten, wurde die ganze Saison über gepredigt. Nach ordentlichem Beginn inklusive 1:0 Führung und einem verschossenen Elfmeter gegen Real Madrid zur Halbzeit, wendete sich das Blatt im zweiten Durchgang, geschwächt durch die Gelb-Rote Karte von Javi Martinez, verlor die Bayern schlussendlich mit 1:2 und können sich bei Manuel Neuer bedanken, das sie zumindest noch am Leben sind, wie es Carlo Ancelotti nach dem Spiel betonte.

Nach dem Platzverweis von Javi Martinez wirkten die Bayern sehr unorganisiert und ohne wirklichen Plan, wie sie in Unterzahl agieren sollten, im Laufe der zweiten Halbzeit verlor das Team komplett seine Ordnung, wirkte müde und konnte für keine Entlastung mehr nach vorne Sorgen. Allerdings lief es auch im 11vs11 nicht optimal, zwar kontrollierte man das Spiel und ging auch mit 1:0 in Führung, jedoch wurden kaum Chancen aus dem Spiel heraus kreiert.

Dafür gab es verschiedene Gründe, einer der prägnantesten war der Ausfall von Robert Lewandowski vor dem Spiel, sein Ersatz Thomas Müller wirkte wie ein Fremdkörper im Spiel der Bayern, dessen Präsenz die normalen Abläufe der Offensive behinderte bzw. gar nicht erst entstehen ließ.

Thomas Müller verloren durch falsche Einbindung

Thomas Müller sollte Robert Lewandowski im Sturmzentrum ersetzten, jedoch sind Lewandowski und Müller zwei völlig unterschiedliche Spielertypen. Während der Pole Bälle festmachen kann, sich ins Kombinationsspiel mit einbringen kann und auch mit dem Rücken zum Tor oder bei Flanken gefährlich sein kann, ist Thomas Müller das komplette Gegenteil.

Müller ist für viele schon immer ein seltsamer Spieler, mit seinem Körper der kaum aussieht wie der eines Profisportlers und seiner ungelenken Technik wirkt er meist nicht wie ein Weltklassespieler, jedoch liegen Müllers Stärken ganz woanders, niemand ist so stark wie er darin, die richtigen Räume zu erkennen, unorthodoxe Laufwege zu nutzen und durch ausweichende Bewegungen Räume für seine Mitspieler zu schaffen, um dann selbst im Rücken der Verteidiger gefährlich zu werden. Der Begriff Raumdeuter ist auf Müller zugeschnitten. Als Zehner bzw. hängende Spitze ist er besonders gefährlich durch seine klugen Bewegungen in die richtigen Räume ist er für jeden Verteidiger der Welt schwierig zu verteidigen.

Allerdings ist Müller aufgrund seiner technischen Fähigkeiten und seines Körpers kaum in der Lage Bälle festzumachen und sich gegen Verteidiger im direkten 1vs1 auf engstem Raum durchzusetzen. Jedoch war scheinbar dies genau seine Aufgabe am Mittwoch gegen Real. Müller hatte für seine Verhältnisse einen ungewöhnlich kleinen Aktionsradius, meist bewegte er sich zwischen den beiden Innenverteidigern oder wich maximal in den Raum zwischen AV und IV aus. Kurz ließ er sich auch mal ein paar Meter fallen, um an den Ball zu kommen, jedoch wurde er selten angespielt und stets durch einen der Verteidiger verfolgt, da Robben selten einrückte sondern vermehrt breit blieb.

Thomas Müller Position

Thomas Müller meist im Zentrum manchmal nach rechts ausweichend

Wie bereits erwähnt, hielt sich Müller viel im Zentrum auf, sollte die Verteidiger binden und den Sechzehner bei Flanken besetzten. Alles in allem waren seine Aufgaben fast identisch zu denen von Lewandowski, jedoch ist Müller in diesen Kategorien nicht einmal annähernd so gut wie Lewandowski. Lewandowski wird darüber hinaus auch als Anspielstation für lange Bälle genutzt, auch hier ist Müller aufgrund seiner Statur klar im Nachteil gegenüber Sergio Ramos, und so landeten lange Bälle aus der Abwehr, mit denen man versuchte die gegnerische Linie gelegentlich zu knacken, meist beim Gegner.

Die Passmap des FC Bayern verdeutlicht, dass es kaum Verbindungen und Pässe zu Müller gab, der komplett vom Rest abgeschnitten war.

Um ins Spiel zu kommen, versuchte Müller durch diagonale Läufe zwischen den gegnerischen Verteidigern hindurch hinter die Abwehr zu kommen und für Gefahr zu sorgen, seine Mitspieler fanden ihn nur selten und wenn war es aufgrund seiner Schnelligkeit und seiner Fähigkeiten im 1vs1 schwierig sich durchzusetzen. Gleiches gilt auch für Anspiele im Sechzehner, die Müller unter Druck einfach nicht so schnell und sauber verarbeiten kann wie Lewandowski, so wurden aus potenziell guten Möglichkeiten kein Kapital geschöpft.

Auch Arjen Robben leidet unter Müllers Rolle

Thomas Müller ist sonst recht effektiv, wenn er halbrechts mit Robben und Lahm interagiert, beispielsweise durch binden eines Gegenspielers oder durch die diagonalen Läufe nach Außen, die Arjen Robben bei seinen inversen Läufen den Raum öffnen. Auch diese Aktionen waren am Mittwoch aufgrund des Aufbagenprofils nicht zu sehen.

Müller normal

Typische Aktion von Müller als Zehner, öffnet Raum für Robben, um sich dann schnell in den Sechzehner zu bewegen und auf Abpraller zu warten

Gegen Real beschränkte sich Müller nach einem Pass auf Robben bzw. wenn dieser den Ball hatte, in den Sechzehner zu gehen, gepaart mit dem nicht immer optimal abgestimmten Hinterlaufen von Lahm führte das dazu, dass Robben von Real gedoppelt werden konnte und kaum Gefahr ausstrahlte.

Ein Problem, dass eigentlich schon im zweiten Jahr unter Heynckes gelöst wurde trat wieder auf, die Isolation der Flügelzange. Durch Lewandowskis Präsenz oder besserem Bewegungsspiel schaffen es die Bayern sonst Räume für Ribery und Robben zu öffnen, Thomas Müller fand dabei selten die richtige Positionierung und Bayerns Angriffe verkamen zu durchsichtigen Flanken in den Sechzehner.

Müller vs Real

Robben isoliert, Müller hängt in der Luft

Fazit

Alles in allem muss man sagen, dass Thomas Müller auch ein für seine Verhältnisse schwaches Spiel machte und nicht in Form wirkte, oftmals passten die Laufwege kaum zu den Bewegungen der Mitspieler, besonders in der zweiten Halbzeit sah er kein Land mehr. Seine Auswechslung kam wahrscheinlich zu spät. Jedoch muss man auch Carlo Ancelotti kritisieren, dass er seit Saisonbeginn es immer noch nicht geschafft hat, Müller richtig einzubinden, gegen Real Madrid wollte er Lewandowski eins zu eins mit Müller ersetzten ohne dessen Rolle leicht zu verändern und auf Müllers Fähigkeitenprofil zu zu schneiden.

Alternative

Durch Lewandowskis Ausfall hätte man Real Madrid durch eine flexible Besetzung des Strumzentrums mit Müller, Robben, Ribery und Vidal überraschen können. Müller hätte viele ausweichende Bewegungen machen können und auch mal die Position mit Ribery oder Robben tauschen können, um möglichst die komplette Viererkette zu beschäftigen, dazu könnten Vidals Bewegungen in den Sechzehner noch unberechenbarer sein. Statt also Müller das ganze Spiel über im Sturmzentrum zu parken, könnte man das Zentrum flexibel besetzten oder auch den Raum unbesetzt lassen. Ob dies effektiver gewesen wäre, kann man nicht sagen, jedoch hätte man die Madrilenen vor neue Herausforderungen gestellt. Stattdessen mussten die Real Verteidiger einen Stürmer mit bekannten Aufgaben verteidigen, der aber nicht Robert Lewandowski, sondern Thomas Müller hieß.

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