Bayerns starke 30 Minuten werden von schwachen 60 Minuten überschattet

Am Samstag trafen die Hoffenheimer auf den FC Bayern. Letztendlich siegte die Mannschaft von Trainer Julian Nagelsmann mit 2:0. Seitdem herrscht bei Bayern Unruhe. Besonders die zweite Hälfte war sehr enttäuschend und man spielte sich keine Torchancen mehr heraus. Jedoch sollte man nicht immer Leistungen rein nach dem Ergebnis bewerten. In der ersten Hälfte zeigten die Münchner eine gute Leistung, wie sich an einigen Szenen zeigen lässt. Im Folgenden zwei gute und zwei schwache Szenen der Bayern gegen Hoffenheim.

 

Bayerns Positionsspiel in der ersten Halbzeit

In der ersten Halbzeit schafften es die Bayern Hoffenheim zu dominieren und teils über längere Zeit in deren Hälfte zu halten. Dies gelang besonders wegen der verbesserten Raumaufteilung und Besetzung der Positionen bei den Münchnern. Die Szene steht exemplarisch für die gute Positionierung der Münchner.

Gute Raumaufteilung

Die Münchner verlagern vom linken Flügel zurück zu Hummels. Im Folgenden bewegt sich Thiago geschickt in den Raum zwischen den Linien. Lewandowski, der sich davor im linken Halbraum den Ball abholte und das Kombinationsspiel unterstützte steht nun höher. Müller hielt sich in der ersten Halbzeit viel zwischen den Linien auf bzw. im Sturm nahe der gegnerischen Abwehrlinie. Kimmich besetzte die rechte Seite.

Hier erhält Hummels nun den Ball und wird von Kramaric gepresst. Bayerns Struktur stimmt aber in diesem Fall. Hummels kann immer noch Martinez anspielen, der dann auf die andere Seite verlagern könnte. Im linken Halbraum bildeten die Bayern aber eine Raute, mit Hummels als tiefstem Punkt. Thiago bewegte sich aus dem Deckungsschatten von Demirbay in die offene Position. Coman bewegte sich kurz davor vom linken Halbraum etwas mehr zu Mitte und öffnete dadurch den Raum für einen Pass zu Thiago. Comans Position verhindert, dass Geiger den Raum vor Thiago schließen kann, da sonst der Franzose anspielbar gewesen wäre und sich in den Zwischenlinienraum drehen hätte können. Rafinha besetzt die Breite und bringt dadurch Demirbay dazu sich in der Halbposition zu positionieren, damit der Brasilianer bei Ballannahme nicht zu viel Zeit hätte. Hier zeigt ich Hummels Qualität im Aufbauspiel. Er erkennt die Lücke sofort und spielt Thiago vertikal an.

Das Entscheidende ist aber, dass Lewandowski und Müller relativ hoch stehen, die zwei Angreifer beschäftigen die komplette Abwehrkette. Lewandowskis geschicktes Lauern auf einen Pass zwischen Bicakcic und Kaderabek verhindert, dass sich einer der beiden traut vor zu schieben und die Lücke um Thiago zu schließen.

Wenn Thiago den Ball erhält und sich dreht, kann keiner aus der Hoffenheimer Abwehr den Spanier sofort unter Druck setzen, dies würde Thiago Zeit für einen Pass in den Raum hinter der Hoffenheimer Linie geben, den Müller und Lewandowski mit Sprints ohne Ball attackieren könnten.

Allerdings nutzt Thiago den Fehler, der sonst kompakten Hoffenheimer, nicht. In einem der seltenen Fällen schaute sich Thiago vor der Ballannahme nicht um, und verpasste so die Chance sich mit Ball zu drehen und mit Raum und Zeit auf die Abwehrkette zuzulaufen. Letztendlich lässt Thiago, zum Missmut von Hummels, auf Rafinha klatschen, der wenn er etwas höher stehen würde, den Raum auf der Außenbahn nutzten könnte.

Nichtsdestotrotz zeigt diese Szene Bayerns verbesserte Raumaufteilung in Hälfte eins. Denn durch diese verbesserte Staffelung profitieren die Münchner nicht nur im Spiel mit Ball. Wenn Thiago nun den Ball verloren hätte, wäre es für Coman und Rafinha möglich gewesen, unter Absicherung von Rudy und Hummels, gemeinsam mit Thiago sofort ins Gegenpressing zu gehen. Leider gab es solche Szenen auch in der ersten Hälfte nicht wahnsinnig oft, zu häufig suchte man doch den Weg über die Flügel. Jedoch wurde systematisch der linke Halbraum mit Lewandowski und Thiago überladen. Unterstützend von Hummels und Rudy ist dies auch die spielstärkere Seite der Bayern. Die Überladung des linken Halbraums in Bayerns asymmetrischer Formation mit Kimmich, der die rechte Seite zusammen mit Tolisso besetzt, bereits in den letzten Spielen auffällig.

 

Verbessertes Pressing

Julian Nagelsmann merkte nach dem Spiel an, dass die Hoffenheimer etwas überrascht von Bayerns anfänglicher Aggressivität überrascht waren. Die Bayern agierten wirklich sehr aggressiv gegen den Ball. Durch die verbesserte Raumaufteilung bei eigenem Ballbesitz kamen sie schnell ins Gegenpressing und konnten so viele Bälle sofort zurückerobern. Doch auch wenn Hoffenheim mal von hinten aufbaute, zwangen die Münchner die Hoffenheimer mit ihrem mannorientiertem 4-3-3 Pressing zu Ballverlusten.

Pressing 1

 

Hier zeigt sich Bayerns aggressives Pressing mit guten Verschieben. Mit Lewandowski, Coman und Müller liefen sie die Dreierkette im Aufbau an. Dabei versuchten sie die Hoffenheimer nicht nur unter Druck zu setzten, sondern vor allem nach außen zu leiten, hier läuft Coman Bicakcic bogenförmig an, und provoziert einen Pass auf Kaderabek, der sofort von Rafinha unter Druck gesetzt wird. Außerdem verschließt Coman mit seinem Deckungsschatten die Rückpassoption, und auch Demirbay, der von Thiago verfolgt wird, ist keine wirkliche Option. Bayern verfolgte ballfern die Gegenspieler nicht so strikt, was aufgrund ballorientiertem Verschieben auch vollkommen normal ist. Kaderabek hätte hier eventuell den Risikopass auf Geiger spielen können, doch auch dort hätte Bayern sofort Zugriff gehabt.

Wichtig ist hier noch Rudys Rolle. Er sicherte den Raum hinter Tolisso und Thiago ab und sollte die losen Bälle sammeln, wie auch die Räume neben seinen Teamkollegen schließen. Er agierte als eine Art Libero vor der Abwehr, was perfekt zu seinen Eigenschaften, dem guten Stellungsspiel und dem Abfangen von Pässen, passte.

Irgendwie schaffte es Kaderabek noch einen Pass auf Uth zu spielen, dies sollte eigentlich schon gar nicht passieren, jedoch waren die Bayern in dieser Szene so gut gestaffelt, um den Ball trotzdem zu erobern.

Pressing 2

Letztendlich zeigt sich hier Hummels immense Qualität, er ist rechtzeitig bei Uth und verhindert, dass dieser sich drehen kann, aber nicht nur das. Hummels bringt Uth dazu sich nach hinten in die eigene Hälfte zu bewegen. Bayern schafft es hier in Person von Rudy und Thiago sofort Druck auszuüben, während Hummels nach hinten sichern konnte.

Bayern Defensivstaffelung, mit einigen Dreiecken führte dazu, dass Hoffenheim Probleme hatte sich durch das kompakte Pressing zu spielen. Sie schafften es selten mal das Pressing zu knacken, meist wenn Bayern im Aufbauspiel unnötig schnell vertikal nach vorne spielte. Meist kamen die Münchner auch da noch ins Gegenpressing, allerdings wurde dann nicht schnell genug zugeschoben und es fehlten die Absicherungen zentral. Jedoch hatte dies mehr mit dem Gegenpressing und der Struktur in Ballbesitz zu tun.

 

Bayerns „Aufholjagdversuche“

Bereits nach dem ersten Gegentor ließen die Bayern bereits etwas nach und verfielen wieder in alte Muster. Besonders dann in der zweiten Hälfte, als sie einem 2:0 Rückstand hinterherliefen, war es endgültig mit der guten Grundordnung aus den ersten 30 Minuten vorbei. Bayern agierte wieder ausschließlich mit Flanken und selten wurde der ballnahe Spieler so konsequent unterstützt wie noch im ersten Durchgang. Meist verlagerte man von einer Seite auf die Andere, vermeintliche Lösungen durch die Mitte wurden ignoriert, stattdessen ging es immer wieder auf die Flügel und man versuchte über Flanken gefährlich zu werden. Mit überschaubarem Erfolg. Nach der Hereinnahme von Arjen Robben vermehrte sich das Muster der vielen Flanken noch weiter. Zumeist wurden beide Flügel besetzt und man hatte das Gefühl, Bayern wollte die Tore erzwingen.

Besonders bei Coman sah man, was eine gute Struktur ausmacht. In der ersten Hälfte noch mit vielen starken 1vs1 Situationen aus aussichtsreichen Positionen, stand er in der zweiten Hälfte häufiger an der Außenlinie gegen 3 Spieler. In der ersten Hälfte half Rafinhas inversere Rolle dem Franzosen, in der zweiten Hälfte blieb auch der Brasilianer lieber außen.

Bayern 2 Hälfte

 

Situation aus der zweiten Hälfte, nach einer Standardsituation. Hummels und Martinez blieben nach Standardsituationen meist sehr lange noch im gegnerischen Strafraum, der überbesetzt wurde. Nachdem Thiago den Ball auf Robben spielte dribbelte dieser kurz an und schickte dann Kimmich die Linie hinunter. Dessen Flanke fand Müller und entwickelte sich zu einer Halbchance, eine der gefährlichsten Situationen der Münchner in Hälfte zwei, symptomatisch für Bayerns Probleme diese Saison.

Im Gegensatz zu ersten Hälfte stimmte die Struktur nicht mehr, keiner bot sich hier für Robben im Zwischenlinienraum an, statt mit etwas Geduld sich eine größere Chance zu erspielen, wollte man es über Flanken erzwingen. Die Staffelung für zweite Bälle nachdem die Flanken abgewehrt wurden, war sehr schwach, was die Ballrückeroberung schwierig machte, auch deswegen kamen die Kraichgauer kaum unter Dauerdruck durch die Münchner.

 

Bayern mit Improvisation und individuelle Klasse

Mit James und Ribery ging Ancelotti dann am Ende der Partie volles Risiko. Stellte auf Dreierkette um und hatte vorne fünf Offensivkräfte. Mit James und Ribery zwischen den Linien wären, mit Unterstützung durch Thiago und Hummels und dem Binden der Abwehrkette durch die anderen drei Offensivspieler, gefährliche Situationen nach Pässen in den Raum vor der Abwehr mit Sicherheit möglich gewesen. Doch Ribery und James besetzten nur unregelmäßig den Zwischenlinienraum und die Halbräume, vielmehr unterstützten sie die Außen. Auch wurde nicht konsequent Verbindungen zwischen den Spielern geschaffen, ein schnelles und gefährliches Kombinationsspiel war somit ausgeschlossen. Vereinzelt gab es mit James und Lewandowski Ansätze, nach einem diagonalen Pass des Kolumbianers auf den Polen, jedoch blieb das die Aussnahme.

Bayern nach Umstellung

Viel häufiger gab es Szenen wie diese. Ball wurde nach außen verlagert und man versuchte dort mit 1vs1 Situationen und Flanken zum Erfolg zu kommen, jedoch ohne Zählbares. Hier spielt James den Ball nach außen auf Robben und sprintet dann in den Halbraum, Hoffenheim schafft es Robben schnell zu doppeln, da James im Deckungsschatten verschwindet.

Hier wird auffällig, dass dieses System kaum einstudiert sein konnte. Nicht nur wussten die Spieler nicht in welche Positionen sie bewegen mussten, auch herrschte viel Hektik im Bayernspiel, es gab kaum eine ruhige Phase, die Angriffe wirkten ungeplant und kopflos. Einstudierte Spielzüge, clevere Kombinationen oder öffnende Bewegungen gab es kaum.

Viele Spieler bewegten sich sogar zu viel, was das Spiel eher behinderte. Warum James sich hier vor das gegnerische Mittelfeld fallen ließ, ist nicht ganz klar. Kimmich hätte den Pass auch so auf Robben spielen können. Eine etwas breite Position von Kimmich, die es ohne James zurückfallen möglich gewesen wäre und der Nationalspieler hätte die Situation alleine lösen können. Sinnvoller wäre es gewesen, wenn James sich im Halbraum positioniert hätte, dies hätte Robben mehr Platz verschafft und die TSG vor größere Herausforderungen gestellt. Kimmichs Möglichkeiten wären so Robben, Thiago und James zwischen den Linien gewesen. Die Münchner könnten leichter in den Zehnerraum vordringen. Alles in allem, fruchtete die erste Umstellung Ancelottis auf 4-2-3-1 schon nicht, sie vergrößerte Bayerns Probleme eher. Die zweite Umstellung zeigte deutlich auf, in welchem Punkt die Münchner nach Guardiola besonders abbauten, Flexibilität.

 

Fazit

Am Ende des Tages verlieren die Bayern in Hoffenheim. Die Medien eröffnen die Krise in München. Man sollte das Ergebnis nicht schönreden, besonders die zweite Hälfte war besorgniserregend, allerdings waren es die selben Probleme wie bei Bayerns vorherigen Auftritten, nur stimmte diesmal das Ergebnis nicht. Die Öffentlichkeit sollte bei der Bewertung von Mannschaften und Trainer nicht immer zu ergebnsiorientiert sein. Auch die letzten Wochen gab es bereits Kritik an Ancelottis Bayern. Nach der Niederlage ist diese noch um einiges härter. Allerdings war es absehbar, dass mit diesen Problemen im Offensivspiel Bayern irgendwann sich nicht mehr über die individuelle Klasse retten kann.

Die Ironie dabei, in den ersten 30 Minuten machte die Mannschaft ein sehr gutes Spiel, wirkte gut eingestellt. Das Pressing war aggressiv und kompakt, das Gegenpressing verbessert und auch Offensiv stimmten die Positionierungen. Das daraus nichts Zählbares entstand, lag zum einen am immer noch hohen Flankenfokus, zum anderen an gewissen Ungenauigkeiten beim letzten und vorletzten Pass. Auch hier sollte man in der Öffentlichkeit nicht nur auf das Ergebnis schauen. Schafft es die Mannschaft konstanter die Leistungen aus der ersten Hälfte abzurufen, dann sieht die Zukunft der Saison nicht so trostlos aus, wie nach dem Spiel beschrieben.

 

Kategorie Allgemein, Aspektanalyse, Bundesliga, Spielanalysen

Interessiert sich für Taktik und Training. Positionsspiel, hohes Pressing und dynamische Positionswechsel. Großer Pep Guardiola Fan. Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, kann du dies für 1€/Monat auf Patreon machen und erhälst exklusive Beiträge dazu (https://www.patreon.com/user?u=33684939&fan_landing=true)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.