Hoffenheim mal anders – TSG im Underdog – Modus

Am Samstag stand das als „El Plastico“ verschriene Spiel zwischen der TSG aus Hoffenheim  und RasenBallsport Leipzig an. Dem Saisonverlauf entsprechend ging Leipzig als kleiner Favorit in dieses Spiel, gerade die letzten Spiele Hoffenheims ließen vermuten, dass die Mannschaft insgesamt nicht mehr die Intensität und Qualität der vergangenen Saison aufrecht erhalten kann. Gleichzeitig kommt in dieser Saison der Europäische Wettbewerb hinzu, der auch zur Dezimierung der Kaderquantität der TSG beitrug. Leipzig scheint dies insgesamt weniger anzuhaben, wirken sie in der Bundesliga doch deutlich souveräner.

Die Aufstellungen

TSGRBL (2)

RB Leipzig spielte in ihrer bekannten 4-2-2-2 Formation mit stark einrückendenc „Flügelspielern“. Von den Personalien gab es keine großen Überraschungen zu Beginn der Partie, außer der sehr junge Innenverteidiger Konate, der für den verletzten Kapitätn Orban in die Startaufstellung rückte.

Hoffenheim setzte ein dagegen auf ein 5-3-2, wobei die Rückkehr von Hübner mit am wichtigsten erscheint, der erst ab Donnerstag voll mit der Mannschaft mittrainierte. Dieser ersetzte auch gleichzeitig den gelbgesperrten Vogt in der 3er – Kette, besetzte aber die Position als linker Halbverteidiger und Posch ging als zentraler Verteidiger in das Spiel. Als alleiniger 6er spielte wieder einmal der junge Geiger, als linker 8er kam Amiri neu in das Team, genau so wie der rechte 8er Rupp. Als Außenspieler kamen Zuber und der wiedergenesene Kaderabek. Im Sturm fiel Sandro Wagner aus, weswegen Gnabry und Uth das dynamische Sturmduo formierten.

Leipzigs Stärken

Verkehrte Welt in Hoffenheim oder Nagelsmann man mit dem perfekten Plan B in der Tasche? Aufjedenfall reagierte der Hoffenheimer Coach auf die vergangenen Spiele, wo man deutlich mehr Ballbestitz als der Gegner hatte, aber meistens ausgekontert wurde und somit die Spiele verlor oder zumindest nicht gewann. Hoffenheim ist eine Mannschaft, die insgesamt sehr polyvalent ist und auch in der letzten Saison schon durch gutes Umschaltspiel nach Ballgewinn bestechen konnte, allerdings hatte man in den meisten Spielen mehr Ballbesitz als der Gegner, konnte diesen aufgrund höherer Qualität und mit Sicherheit auch mehr Zeit im Training (kein Europapokal) besser nutzen. Leipzig dagegen besticht vorrangig durch ein gutes, kollektives Pressing mit sehr gutem Umschaltspiel nach Ballgewinn. Probleme offenbaren sich aber, wenn sie selbst vermehrt Ballbesitz haben und sich so Chancen erspielen müssen. Gleichwohl muss aber gesagt werden, dass sie sehr wohl einen Plan mit Ball haben. Durch die eingerückten Außen (Forsberg und Kampl) liegt der Fokus eindeutig auf das Zentrum und die Halbräume, insgesamt ist das Ballbesitzspiel weniger geduldig, sondern sehr auf Vertikalität bedacht. Zumeißt bildet sich in der hinersten Linie der Leipziger eine kurzzeitige Dreierkette im Aufbau durch einen der beiden 6er. In diesem Spiel übernahm meistens Demme die tiefere Rolle und positionierte sich entweder zwischen den beiden Innenverteidigern oder abkippend links oder rechts daneben. Die Zirkulation läuft dann solange bis genügend Raum zum Vorstoßen erspielt wurde und der jeweilige „Halbverteidiger“ in das Mittelfeld andribbelt und somit die Dynamik erhöht. Im Zentrum und Halbraum positionieren sich in diesem Fall sehr viele Spieler (2 Stürmer, die beiden „Außen“ + der verbliebene 6er), die beiden Außenverteidiger sorgen relativ hochstehend für Breite im Spiel. Durch diese Staffelung ist es zwangsläufig so, dass man eine sehr starke Fokussierung auf das Zentrum des Spielfelds hat.

Taktikanalyse Leipzig von Spielverlagerung.de

Verkehrte Welt – Leipzig hat den Ball und Hoffenheim kontert

Aus diesen Stärken und Schwächen entstand nun wohl auch Hoffenheims Matchplan für dieses Spiel. Leipzige hatte im gesamten Spiel über 65% Ballbesitz, welches für Hoffenheimer Verhältnisse absolut untypisch ist. Hoffenheim begann das Spiel tiefstehender als üblich und ließ Leipzig kommen. Das Mittelfeld formierte sich in der bekannten 3-2 Staffelung (Pentagon bzw. Fünfeck) und fokussierte sich auf das Zustellen der Feldmitte und das leiten der Leipziger Angriffe auf die Außen. Normalerweise pressen die Hoffenheimer deutlich höher und die 8er pressen vermehrt und risikoreich auf die beiden 6er. Dies passierte in diesem Spiel nur vereinzelt und vor allem risikoärmer. Zuallererst sollte das Zentrum kompakt bleiben, Anspiele in den Zwischenlinienraum bestenfalls vermieden werden. Schafften es die Leipziger doch einmal in diesem Bereich des Spielfeldes zu kommen, zog sich das Pentagon rasch zusammen, pressten rückwärts und ein Verteidiger aus der 3er – Kette konnte zusätzlich aus der Kette rücken, um das Aufdrehen zu verhindern. Besonders auffällig war die deutlich höhere Intensität im Spiel der Hoffenheimer, die in den letzten Spielen und besonders gegen Hamburg etwas kraftlos wirkten. Nagelsmann betonte auch, dass man im Training eine hohe Spieleranzahl hatte und erstmalig wieder die ganze Woche trainieren konnte, was sehr wahrscheinlich einen sehr positiven Effekt auf die Hoffenheimer Spiele und die Spielintensität hatte.

Leipzigs Mechanismen für das Spiel über die Außen sind eher begrenzt, dennoch gibt es sie. Von den beiden Stürmen ist es zumeist Werner, der öfters mal auf die Außen ausweicht, um dort hinter die Abwehr des Gegners zu gelangen. Dadurch kann er einerseits Raum für Kampl im Halbraum schaffen oder er wird selbst angespielt und kann seine extreme Schnelligkeit einsetzen.

Isolierung Werner auf Flügel

Eine Spielszene noch aus der Anfangsphase des Spiels. Klostermann wird aus dem Halbraum angespielt, Zuber als Linksaußen rückt auf ihn heraus. Dieser spielt den Ball sehr schnell weiter auf Werner. Durch die tiefe Fünferkette der Hoffenheimer ist die Breitenabdeckung in letzter Linie allein numerisch sehr gut, so sieht sich Werner trotz des Überspielens des Außenverteidigers noch Hübner ausgesetzt und gleichzeitig Geiger, der hier zum doppeln kommt. Werner ist in der Außenspur isoliert und läuft nun weiter Richtung Grundlinie und aufgrund eines technischen Fehlers ins Aus.

1:0 Hoffenheim – Kurzfassung des Spiels

Das 1:0 der Hoffenheimer war nicht nur ein hervorragend ausgespielter Konter, sondern wohl auch gleichzeitig die Kurzfassung des gesamten Spiels. Das Zentrum der Hoffenheimer war sehr kompakt und Leipzig sah sich gezwungen wiederum über die Außen zu spielen, Kampl lief diagonal nach innen und verlor den Ball an Geiger. Geiger suchte sofort den Weg nach vorne, dort rutschte Gnabry allerdings aus. Eine schnelle Fintierung und er blickte auf die gegenüberliegende Seite, Kampl musste abstoppen und Geiger hatte dadurch einen Dynamikvorteil. Kaderabek schaltete nach dem Ballgewinn sofort mit um, somit konnte Geiger die Verlagerung in die gegenüberliegende Halbspur spielen. Kaderabek hatte sehr viel Raum zum Vorwärtsdribbeln und im Strafraum kam es zu eiiner 4:3 Überzahlsituation, die die Hoffenheimer gekonnt und mit ein wenig Glück zum 1:0 durch Amiri verwandelten.

Zeichnung Tor Amiri

Ein Paradebeispiel auch deswegen, weil es vermehrt zu solchen Situationen kam, wo Hoffenheim nach Ballverlust schnell die Verlagerung zum mitstoßenden Außenspieler forcierte. Wie auf dem Bild kurz vor der Verlagerung von Geiger zu erkennen, sind alle 10 Feldspieler in einer Hälfte von Leipzig. Ist diese Struktur und dieses vehemente Überladen einer Spielfeldseite perfekt, um ein gutes Gegenpressing zu spielen, ist es gleichzeitig auch anfällig, wenn man sich perfekt aus dieser Umklammerung befreien kann. In diesem Fall war es Geiger, der die Situation sehr schnell erkannt hat und den großen Raum auf der gegenüberliegenden Seite anspielte.

Die 2. Halbzeit

Leipzig wechselte nach der Halbzeitpause aus, so ersetzte Bruma Klostermann und Ilsanker kam für Upamecano. Ilsanker übernahm die Position 1:1, Bruma spielte allerdings auf der Seite von Forsberg, dieser ging auf die andere Seite und Kampl übernahm die für ihn ungewohnte Position des Rechtsverteidigers. Dies sollte wohlmöglich die Qualität über die Außen verbessern, da Bruma ein eher linearer, dribbelstarker und schneller Spieler ist, der auch vermehrt 1 vs.1 Duelle sucht und für sich entscheiden kann. Zu Beginn wirkte man auch sehr frisch und willens den Rückstand zu egalisieren. Aber schon in der 52. Minute wurde dieses Vorhaben zunichte gemacht. Ein langer Ball von Akpoguma hinter die Abwehr erreichte Gnabry, der alleine auf Gulacsi zudribbeln konnte und das Tor machte. Konate wirkte in dieser Situation sehr unglücklich, rückte er nach einem kurz come and go ohne Absicherung weit heraus.

Das 3:0 fiel nach einem Ballverlust von Werner im Zentrum und schnelles vertikales Umschaltspiel zu Gnabry, der den Ball von der Mittellinie über Gulacsi sehenswert zum 3:0 einnentzte. Das konnte man gleichzeitig auch als Entscheidung ansehen. Im weiteren Verlauf bemühte sich Hoffenheim vermehrt um Spielkontrolle. Dies gelang ihnen durch teilweise ruhige Ballzirkulation, größtenteils aber weiterhin durch kompaktes und entschlossenes verteidigen der Leipziger Angriffsversuche. Daran änderten auch die Wechsel nichts mehr. Hoffenheim wirkte zu keiner Zeit mehr gefährdet dieses Spiel noch aus der Hand zu geben. Ganz im Gegenteil sogar, so schafften die TSG sogar noch das 4:0. Ebenfalls nach einer Verlagerung und dem daraus resultierendem 1vs.1 kam Uth nach einem Abpraller frei zum Einschuss.

Fazit

Was tun, wenn man die letzten Spiele gegen Kontermannschaften nicht gewinnen konnte, weil der eigene Ballbesitz erlahmt und nicht mehr die Qualität des vergangenen Jahres hat? Was tun, wenn man gegen eine Mannschaft spielt, die ein sehr gutes Pressing und Umschaltverhalten hat und zumindest im Bereich Ballbesitzspiel Defizite hat? Genau, man dreht den Spieß einfach mal herum. Hoffenheim wirkte viel frischer und deutlich intensiver in jeder Spielphase als noch zuletzt. Leipzig dagegen erwischte einen schlechten Tag und konnte kaum bis gar keine Torgefahr ausstrahlen. Einerseits aufgrund einer sehr guten und konzentrierten Teamleistung der Hoffenheimer, allerdings auch hervorgebracht durch ein zum Teil ambitionsloses und wenig kreatives Ballbesitzspiel der Leipziger.

Unbenannt

Quelle: @11tegen11

Leipzig schoss insgesamt viel und sogar einmal mehr als die Hoffenheimer, allerdings waren von den 11 Schüssen nur 4 Schüsse im Strafraum, wovon aber alle mit extremen Gegnerdruck entstanden sind. Hoffenheim dagegen schloss fast ausnahmslos (Gnabry) im Strafraum ab, in Folge von viel Raum durch gut ausgeführte Konter.

 

 

Kategorie Allgemein, Bundesliga, Spielanalysen
Autor

Robin Schüßler (25) kommt aus dem schönen Nordhessen, wo auch gleichzeitig seine fußballerische Heimat ist. Er ist seit nun 7 Jahren Jugendtrainer und trainiert aktuell die U14 beim KSV Baunatal in der Verbandsliga. Auf Twitter findet ihr ihn unter @vorstopper94

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