Anfangs stürmische Störche – eine Teamanalyse

Nach dem Aufstieg von Hannover und Stuttgart sprachen viele von der (namentlich) stärksten 1. Liga aller Zeiten und von einer 2. Liga ohne echten Favoriten. Nach der Hinrunde hat sich aber eine Spitze aus Düsseldorf, Nürnberg und Kiel herauskristallisiert. Obwohl das Team von Markus Anfang gerade erst aufgestiegen ist, sollte dessen Erfolg nicht allzu sehr überraschen (wie die Statistik von Goalimpact belegt). Doch wie kommt es zur Dominanz der Kieler Störche?

Ein Hauch Pep Guardiola

Mit 36 Toren an den ersten 17 Spieltagen bildet man die stärkste Offensive der Liga. Das kommt nicht von ungefähr. Denn das 4-1-4-1 Grundsystem ist eigentlich gar kein 4-1-4-1, sondern ein sehr offensives 2-3-5. Die Achter sind also die „Halbstürmer“ der Fünferreihe. Zudem besetzen die nominellen Außenverteidiger die Halbräume, von wo sie das Spiel gestalten wie echte Mittelfeldspieler. Daraus ergeben sich folgende Angriffsmechanismen:

Ab durch die Mitte

Ein gern genutztes Mittel sind flache Vertikalpässe der Innenverteidiger oder eingerückten Außenverteidiger durch das Mittelfeldzentrum. Sechser Kinsombi, Stoßstürmer Ducksch oder Spielgestalter Drexler sind hierbei gute Prall- und Kombinationsspieler. Entscheidend sind vor allem die Anschlussaktionen, die oft nach außen oder in die Schnittstelle zwischen gegnerischen Innen- und Außenverteidiger führen

Hier verschiedene Möglichkeiten, wie sich Holstein Kiel mit kurzen Pässen durch das Zentrum kombiniert:

Holstein Kiel

Doch die Innenverteidiger können auch sehr gute Laserpässe spielen. Hier lässt Ducksch den flachen Vertikalpass (auch gerne genutzt: Diagonalpass auf einen Achter) auf einen der Mittelfeldspieler klatschen:

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Mit Tempo über Außen

Gefährlich wird es auch, wenn die Kieler über Außen angreifen. Den Flügelspielern – besonders Schindler wird dabei fokussiert – bieten sich nämlich mehrere Möglichkeiten: der sichere Rückpass auf den unterstützenden Außenverteidiger, der Pass in den Zwischenlinienraum, wo dann über die Achter weiter kombiniert wird, der Pass in die Tiefe, in welche gleich mehrere Spieler hineinsprinten können oder das Dribbling und die anschließende Flanke in das sehr gut besetzte Zentrum. Häufig werden die letzten beiden Möglichkeiten ausgespielt, was nur sehr schwer zu verteidigen ist. Dabei entsteht nämlich eine hohe Dynamik, die letzte Linie wird stark überladen und die gegnerischen Verteidiger müssen sich erst umorientieren. Durch Abfangjäger Kinsombi und die eingerückten Außenverteidiger sind Konterräume außerdem gut besetzt, was das Gegenpressing erleichtert.

Holstein Kiel

Hoch und weit bringt Sicherheit – und Torgefahr!

Im Kieler Spiel wird auch viel gebolzt. Was zunächst nach etwas magerer Spielkultur klingt, ist in diesem Fall eine echte Waffe. Denn auch hier sprinten die Stürmer konsequent hinter die letzte Linie. Somit ist es egal, ob ein Kieler den Ball annimmt oder ein gegnerischer Verteidiger: Durch die Überladung in solch hohen Zonen kann der Ball schnell zurückerobert oder weitergeleitet werden.

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Das Pressing

Neben dem raffinierten Ballbesitzspiel wirkt das Pressing fast ein wenig langweilig. Es ist aber nicht schlecht, sondern einfach „deutscher Standard“. Die 4-1-4-1 Grundformation ist dabei nur situativ zu sehen. Meist rückt ein Achter (Drexler) vor und lässt somit ein 4-4-2 entstehen. Dieses staffelt sich dann relativ passiv in Form eines tiefen Mittelfeldpressings. Nur selten wird ein hohes, aggressives Mittelfeldpressing praktiziert.

Holstein Kiel

Hier wäre eine etwas proaktivere Pressingvariante wünschenswert. Das Heynckes-4-1-4-1 mit flexiblem Herausrücken etwa?

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Oder doch Klopps aggressives 4-3-3?

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Reicht es für Liga 1?

Man kann schon davon auszugehen, dass es mindestens für Platz 3 reichen wird. Das liegt neben Goalimpact, Spielermaterial und Mangel an konstant guten Gegnern außerhalb der Top3 vor allem an einer Offensivtaktik, aus der pro Spiel so viele Abschlüsse resultieren, wie bei keinem anderen Team. Ein weiter andauernder Erfolg setzt aber voraus, dass Markus Anfang bis zum Ende der Saison Trainer bleibt. Gerüchten zufolge hat er durch die vergangenen Leistungen nämlich einige Begehrlichkeiten geweckt.

Nach einem potentiellen Aufstieg wird es, wie für jeden Liganeuling, sehr schwer. Problematisch werden besonders die weitaus besseren Defensivsysteme in Liga 1. Während man in der 2. Liga teilweise offene Mittelfeldzentren antrifft, die Holstein Kiel gerne ausnutzt, dürfte es im Oberhaus weitaus kompakter zugehen. Auch ein besseres Anlaufen, garniert mit schnellerem Konterspiel könnte für Kiel gefährlich werden.

Das normale 4-4-2 (rot) oder ein ebenfalls häufig genutztes 5-3-2/5-2-3 (gelb) schließt nämlich genau die Räume, die Holstein Kiel häufig bespielt:

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Außerdem muss man befürchten, dass die besten Spieler bald abwandern. Schlüsselspieler Ducksch ist nur ausgeliehen und Schindler sowie Drexler dürften nach dieser Saison auch sehr begehrt sein. Czichos, Kinsombi oder Seydel sind weitere Kandidaten, die noch einmal eine größere Herausforderung suchen könnten. Deshalb bleibt aus Kieler Sicht zu hoffen, dass der Kader bis mindestens Sommer 2018 zusammengehalten und auch danach der Umbruch gemeistert werden kann.

Gastautor @derhemmy

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