​Barcelona bestraft Reals Mannorientierungen

Außergewöhnlich spät im Jahr gab es das Aufeinandertreffen der zwei Giganten der Primera División als Real Madrid und der FC Barcelona sich im Bernabéu zum 270. Clásico trafen. Die Ausgangskonstellation war allen bewusst: ein Heimsieg wäre für die Galaktischen die einzige Möglichkeit noch ein Wörtchen im Meisterschaftsrennen mitzureden, eine Pleite gegen die Katalanen würde möglicherweise eine vorzeitige Entscheidung der Meisterschaft zur Folge haben, zumal Verfolger Atlético am Vorabend gegen Espanyol die erste Saisonniederlage einstecken musste. Dabei verfolgte Zidane einen Plan, der auch gut und gerne dem Hirn eines Bundesligatrainers entstammen könnte.


Real mit der Bundesliga als Vorbild

Genauer gemeint sind damit enorm strikte Mannorientierungen, die spätestens seit dieser Saison in der Bundesliga als allgemeines Defensivkonzept die erste Wahl darstellen. Hierfür stellte Zidane gar Kovačić auf, der nach seiner hartnäckigen Verletzungspause zuvor lediglich Anfang Dezember gegen Athletic Club für acht Minuten eingewechselt worden war. Im Rückspiel des Supercups vor der Saison erwies sich das Vertrauen in ihn als absoluter Glücksgriff gegen Barcelona, der Kroate wusste schon damals an der Seite von Modrić und Kroos zu glänzen und half in Ballbesitz zu einer Unpressbarkeit der Madrilenen.

Die Katalanen veränderten im Gegenzug nicht viel nach ihrem Heimsieg gegen Depor. Lediglich Busquets, der in jenem Spiel geschont worden war, rotierte für den verletzten Paco Alcácer hinein. Das führte zu einem Clash der zentralen Mittelfeldspieler, wie der Aufstellungsgrafik zu entnehmen ist. Es standen pro Mannschaft vier gelernte zentrale Mittelfeldspieler in der Aufstellung, was auch klarmachen sollte, dass beide Teams um Kontrolle im Zentrum bemüht waren.

Wie bereits angerissen, versuchte Real zudem auf diese Weise gegen den Ball klare Zuordnungen für ihre Spieler zu schaffen: Kroos orientierte sich an Rakitić, Modrić an Iniesta, Casemiro an Messi oder Paulinho (je nachdem, wer sich in seinem Raum tummelte), Kovačić stand Busquets auf den Füßen. Die Gäste waren auf den anderen Seite etwas anders aufgestellt.


Barças Transformation unter Valverde

Der FCB trat in einer interessanten Mischformation an: gegen den Ball konnte man über weite Strecken ein 4-4-2 mit Messi und Suárez als Sturmspitzen erkennen, während man in Ballbesitz eher 4-3-3-mäßig stand. Allerdings kann man hier auch nicht zwingend von einem klassischen 4-3-3 wie unter Pep oder Lucho sprechen, Rakitić ließ sich im rechten Halbraum sehr weit nach hinten fallen und unterstützte Busquets früh. Auch Iniesta orientierte sich am Ball und kam weit entgegen. Nur vereinzelt versuchte er seinen direkten Gegenspieler in die Tiefe zu ziehen und Räume zu schaffen. Paulinho hingegen wich sehr weit auf die rechte Seite aus und schuf Räume für Messi, der dann in der Mitte Freiraum erhalten sollte. Insgesamt ist der stark kritisierte Brasilianer sehr passend und interessant eingebunden: dadurch, dass sich alle anderen als unmittelbare Anspielstation anbieten, kann er höhere Räume attackieren und bekommt viele Zweikämpfe, was seiner Natur enorm entgegenkommt.

Die ersten Minuten waren daher durch Neutralisation geprägt, dieBallbesitzverhältnisse waren einigermaßen ausgeglichen. Auffällig war, dass Real in der ersten Linie gegen den Ball nie numerisch in Unterzahl sein wollte. Der Zehner wurde immer dazu genutzt, den spielaufbauenden Gegenspieler weit zu verfolgen. Oft fand sich Kroos in dieser Rolle wieder, da, wie gesagt, Rakitić sehr tief spielte.

Ob dies immer sinnvoll war, sei dahingestellt. Die möglicherweise interessantesten Situationen ereigneten sich auf den Flügeln, da alle Außenverteidiger viel Raum vor sich hatten und stark aufrückten. Carvajal versuchte beispielsweise Alba in seiner eigenen Hälfte unter Druck zu setzen.


Auf der anderen Seite versuchte Real Cristiano Ronaldo in Szene zu setzen, sein Gegenspieler Roberto agierte nicht ansatzweise so mannorientiert und fokussierte sich eher darauf, die Lücke zu Piqué dicht zu halten, was nicht ganz verkehrt ist im Hinblick auf das Verteidigen des Raumes hinter der Kette. Auf diese Weise nahm er allerdings viele 1-vs-1-Situationen in Kauf.

Wenn sich Chancen ergaben, dann erwartungsgemäß über die Außen. Gerade Real zeigte sich mit zunehmendem Spielverlauf enorm verwundbar, wenn Carvajal und Marcelo zockten und sehr hoch standen. Gegen Ende der ersten Hälfte bereits versuchte Barcelona diese Räume anzuvisieren. In der Tat bestand dann die Restverteidigung lediglich aus Ramos und Varane, was in Umschaltsituationen zuweilen kurios ausschaute.

Als einziger wahrer Gewinner der ersten Hälfte konnte sich in einem Haufen voller Superstars einzig Luka Modrić hervortun. Der Kroate versuchte durch intelligente Läufe in die Tiefeoder diagonale Dribblings Gegenspieler zu binden und strategisch wichtige Räume zu öffnen.


Valverdes Barcelona nutzt Reals Fehler

Den „Spielgeist“ hat der FC Barcelona eindeutig besser begriffen und dementsprechend begannen die Katalanen auch die zweite Hälfte sehr intelligent. Der Knackpunkt des Spiels und die wahrscheinlich spielentscheidende Szene geschah vor dem 0:1 für Barça: Sergi Roberto fängt einen Pass ab, Reals Mittefeld möchte eine Gegenpressingsituation schaffen und läuft an. Der Ball landet bei Busquets. Dieser kann den Ball für beinahe 6 Sekunden halten, Kroos geht ihn aktiv an, Modrić und Casemiro sind auf den Halbpositionen in Lauerstellung. Busquets erkennt, dass Rakitić losläuft und spielt ihm den Ball trotz Drucks ideal zu. Der bindet mit seinem Vorstoß die Innenverteidiger, die mitgelaufenen Roberto und Suárez müssen nur noch vollenden.

Interessant ist, dass Kovačić durchaus die Möglichkeit gehabt hätte, Rakitićs Lauf zu bremsen, doch er hat sich nur auf Messi fokussiert und seinen Landsmann passieren lassen. Spätestens an dieser Stelle kann man sagen, dass Reals strikte Mannorientierungen ihnen selbst um die Ohren flogen.

Die ohnehin überoffensiv eingestellten Madrilenen sahen sich gezwungen endgültig alles nach vorne zu werfen. Nochmals: es sei an die Tabellenkonstellation erinnert. Zu den zockenden Außenverteidigern gesellte sich nun beispielsweise Sergio Ramos dazu. Es gab kurz nach dem Rückstand eine Szene, in der er in einen Doppelpassversuch geht und den Ball verliert, so sah sich in dieser Situation nur Varane als einziger Verteidiger einem katalanischen Konter entgegen.

Allgemein vernachlässigte Real die Spielkontrolle, um die man durchaus zuvor bemüht war, nun komplett und man spielte vertikaler, was nicht selten in verheerenden Ballverlusten resultierte. Als in der 63. Minute Suárez die Lücke attackiert, die Carvajal durch seinen Vorstoß hinterlassen hatte, und Messi ihn anspielt, geschieht die Situation mit Carvajals Handspiel und das Spiel ist aus Sicht der Galaktischen nach roter Karte und dem 0:2-Gegentreffer endgültig vorbei.

Nichts desto trotz bringt Zidane Bale, Asensio und Nacho für Casemiro, Kovačić und Benzema und fokussiert die Vertikalität dadurch noch umso mehr. Mit Ball agierten die Königlichen nun in einem 4-2-3-Gebilde.

Dies brachte ihnen außer Kleinchancen nichts mehr ein. Das 0:3 fiel kurz vor Abpfiff dann folgerichtig nach einem Cutback auf den eingewechselten Aleix Vidal.


Fazit

Man kann eventuell die mutige These aufstellen, dass Reals Niedergang nach der 1. Halbzeit vorauszusehen war, wenn sich nichts mehr großartig ändern sollte. Insgesamt war das Pensum für die Mittelfeldpspieler wohl zu viel, da sie schon von Beginn an die Ausflüge von Marcelo und Carvajal auszubalancieren versuchten. Dadurch schienen sie sehr früh ermüdet und waren in defensiven Umschaltmomenten irgendwann abstinent. Zudem stand die Abwehrkette bei Ballverlusten eindeutig zu hoch, da sie die Lücke zum Mittelfeld zu schließen versuchten. Es schien ab dem 0:2 so, als würde Real die Restverteidigungssituationen überhaupt nicht mehr erkennen, geschweige denn annehmen.

Der Schlüssel für Barca war dann das verbesserte Bespielen der Mannorientierungen in der zweiten Halbzeit. Dem Ballführenden kamen aus der Tiefe zwei Mitspieler entgegen, nach Doppelpass mit dem näher stehenden Akteur bespielte man die die entstandene Lücke, um den tieferen Mitspieler zu finden. In der Theorie klingt dies simpel, die Feinkalibrierung dafür erlangte Barcelona allerdings erst mit zunehmendem Spielverlauf.

Die spanische Primera División sollte damit entschieden sein und beide Mannschaften dürften sich nun auf den europäischen Wettbewerb fokussieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.