Tottenham vs. Man City – Ein Blick auf das Gegenpressing

Tottenham vs. City war sicherlich eines der Spiele, auf die man sich schon im Vorhinein freut. Nicht nur sind beide unter den Top 5 der Premier League, sondern gleichzeitig auch die beiden Mannschaften, denen man die beste Spielanlage in dieser Liga bescheinigt. (Nicht ganz ohne Grund). City konnte einen weiteren Schritt in Richtung Meisterschaft gehen (diese wurde aufgrund der Niederlage von ManU auf dem Sofa gefeiert) und die Spurs ihren 4. Rang weiter vor Chelsea festigen und die damit verbundene Champions League Quali. City gewann das Hinspiel mit 4:1, allerdings verlor man die letzten 3 Pflichtspiele u.a. 2x gegen Liverpool.

Ich werde mich in dieser Aspektanalyse mit dem Gegenpressing beider Teams beschäftigen. Beide Teams wurden diese Saison schon häufig thematisiert, egal ob es das Positionsspiel Citys war inklusive false fullbacks,den sehr breit stehenden Außenstürmern oder einer Aufbaukette mit IVs und Walker als RV. Genauso Tottenhams gutes Pressing u.a gegen Real oder des sehr vertikalen Positionsspiel unter Mauricio Pochettino.

Das Gegenpressing

Zuallererst kurz die Begriffserläuterung, da dieser Begriff noch sehr oft mit dem Begriff des Pressings verwechselt wird. Das Gegenpressing ist das direkte Nachsetzen einer Mannschaft nach eigenem Ballverlust und somit quasi das Pressing des Konters. Es wird im 4-Phasen Modell nach Van Gaal zu der Umschaltphase von Offensive zu Defensive gezählt. In dieser Umschaltphase gibt es 2 strategische Varianten.1. Fallen lassen und in eine geordnete Defensivformation gehen, gleichbedeutend mit Rückzug zum eigenen Tor. 2. Das angesprochene Gegenpressing, wobei man direkt nach Ballverlust nachsetzt und versucht einerseits den Konter des Gegners zur verhindern, bestenfalls den Ball zurückerobert oder zumindest den Gegner zum Rückpass zwingt und somit seine Feldposition nicht bedeutend ändern muss und sofort in das organisierte Pressing übergehen kann.

Um ein erfolgreiches Gegenpressing zu erzeugen, benötigt man schon in der Phase des Ballbesitzes eine geordnete Staffelung, also möglichst viele Spieler in Ballnähe. In der Bundesliga wird dies zur Zeit ad absurdum geführt und führt zu einem „Gegenpressingwahn“, in dem man mehr oder weniger auf Ballbesitz verzichtet und sofort in eine sehr enge Staffelung geht, um im Folgenden sofort gegenpressen zu können. Dabei schließt sich eine Breite, auf Ballbesitz angelegte Spielphilosophie nicht aus, wie uns auch die Spurs und City zeigen.

Näheres zur Taktiktheorie des Gegenpressings -hier von Salzburger Co-Trainer Rene Maric

Tottenham vs. Man City 1:3 (1:2)

Das Spiel war geprägt von einer hohen Intensität, weil beide Mannschaft meistens sehr hoch pressten und vor allem nach verloren gegangenen Bällen sofort gegenpressten. City fand deutlich besser in das Spiel und kam besser mit dem Pressing der Spurs klar, welches auch desöfteren Mal mit hohen Bällen überspielt wurde, siehe 0:1 durch Jesus. Im Laufe des Spiels kamen die Spurs leicht besser in das Spiel und konnten noch vor der Pause auf 1:2 verkürzen. In der 2. Halbzeit hatte man sogar leicht mehr Spielanteile, was auch den Ballbesitzwert von nur knappen 53% von City erklärt. Nichtsdestotrotz war City weiter gefährlich, gerade in Person von Sterling, welcher reihenweise zu Torchancen kam und letztendlich auch das verdiente 1:3 Endergebnis erzielte.

Taktische Grundformation

Spurs - Man CityDie Spurs im 4-2-3-1 agierend (hier defensiv) und City in der Aufbauvariante des 4-3-3. Insgesamt wurde dies defensiv und offensiv sehr variabel von den Spurs interpretiert und so konnte Alli auch mal links auftauchen oder Eriksen rechts.

City Gegenpressing

Spurs - Man City Gegenpressing City + Torchance32:04 In dieser Szene geht City nach Ballverlust, besonders De Bruyne als aktiv pressender Spieler, und kommt infolgedessen sogar zu einer sehr guten Chance.

Nach De Bruynes Ballverlust geht er sofort in das Gegenpressing über, die restlichen Spieler zeigen sich sofort Zugriffsbereit, weil sie aufgrund der relativ unkontrollierten Aktion De Bruynes wussten, dass ein Ballverlust erfolgen kann. Entstanden ist diese Szene aus Kombinationen am rechten Flügel und rechten Halbraum, weshalb man hier auch eine Vielzahl an Citizens sieht. Die Überladungsversuche von City konterte Tottenham damit, dass sie extrem zu dieser Seite verschoben, um besseren Zugriff im Abwehrpressing zu bekommen, welches im Endeffekt auch zum kurzzeitigen Ballgewinn führte. Allerdings hat man durch die eigene Staffelung und die Tornähe Probleme aus diesem Ballgewinn etwas produktives zu generieren, sodass jeder Kurzpass zurück sofort pressbar wäre und ein schneller vertikaler Ball zu Kane oder Laporte sehr einfach zu verteidigen, da Man City in der Restverteidigung im 3-1 bzw. 2-2 mit 2 Spielern in der Überzahl wäre. Zeit zu überhaupt einer Aktion blieb allerdings gar nicht, da De Bruyne sofort gegenpresste. Die restlichen Spieler Cities in Ballnähe sind allesamt auf die Aktion von De Bruyne eingestimmt und belauern mögliche Pässe vom noch ballbesitzenden Eriksen. So haben in dieser Szene Silva und Sterling eine Doppelfunktion. Silva ist links neben der Aktion und beobachtet den weiteren Verlauf, somit kann er entweder mit offenen Blickfeld den Ball bekommen bzw. aufsammeln oder bei Pass auf Dier direkt weiter gegenpressen. Sterling positioniert sich zwischen IV und LV der Spurs und hätte ebenfalls bei Pass sofort Zugriff auf 2 Spieler und gleichzeitig wäre er Bereit nach Ballgewinn, z.B. Silvas, in die Schnittstelle angespielt zu werden. Sane auf der anderen Seite hält weiterhin die Breite und wäre nach Ballgewinn ebenfalls sofort anspielbar Richtung Tor. Somit hat man einerseits im Ballbesitz die Möglichkeit geschaffen sofort den Ball wiederzugewinnen und andererseits den möglichen Konter der Spurs zu kontern, quasi als „Gegenkonter“.

Spurs Gegenpressing

Spurs - Man City Spurs Pressingszene50:00 Hier eine vergleichbare Szene von Tottenham in einem ähnlichen Spielfeldbereich

Durch Tottenhams im Vergleich zu City noch vertikalere Ausrichtung des Juego de Posicion kommt es natürlich zu noch noch mehr Gegenpressingaktionen, wobei die Intention dennoch die gleiche bleibt. Je nach Spielfeldbereich möchte man entweder nach Ballzurückgewinnung sofort torgefährlich werden („Gegenpressing ist der beste Spielmacher“ – Jürgen Klopp) oder je näher es zum eigenen Tor geht den eigenen Ballbesitz dazu nutzen neu aufzubauen. Guardiola selbst stellte die Regel bei seinen Mannschaften auf, dass man ca. 15 Pässe benötige, um einen organsierten Angriff zu beginnen. Würde man nach jeder Gegenpressing Situation einen neuen wilden Versuch angehen sofort zur Torchance zu kommen, würde das Spiel sehr wild werden und man verliert die Kontrolle über das Spiel. So ist es immer situationsabhängig, ob man sofort zum „Gegenkonter“ ansetzt oder erst einmal das Spiel kontrollieren möchte.

In dieser Szene kam es zu einem schwierigen vertikalen Ball des RVs der Spurs zu Kane, der diesen allerdings nicht unter Kontrolle bringen konnte und der Verteidiger der Citizens den Ball eroberte. Kane, der sich nach dem Versuch der Ballkontrolle weiter auf dem Weg befand, nutzte seine bestehende Dynamik und setzte den ballgewinnenden Spieler sofort von hinten unter Druck und agierte als „Jäger“ des eben verlorenen Balles. Aufgrund der Position Eriksen, der sich direkt hinter Kane befand, einerseits als 1. Gegenpressingspieler bei Ballverlust und andererseits als Ablagenstation für Kane, falls dieser das Zuspiel sofort hätte weiterleiten können. Auch hier sieht man wieder die Wichtigkeit der Doppelfunktion eines Spielers, welche in 2 unterschiedlichen Ausgängen einer Spielsituation eine Lösung hat. In diesem Fall nutzt Eriksen sein Blickfeld und seine Position, um den jagenden Kande zu unterstützen und als Sammler den Ball vom Gegner wiederzubekommen.

Auch hier steht die Restverteidigung im 3-1 und ist sofort Bereit nach Vorne zu verteidigen. Die IVs haben eine klare Zuordnung, in dem einer von Beiden den Stürmer sofort zustellt und der andere die Absicherung übernimmt. Der RV schiebt auch sofort nach vorne Richtung nächsten Spieler, um diesen bei Anspiel sofort unter Druck zu setzen. Die beiden Spieler auf der ballfernen Seite haben ebenfalls eine enorm wichtige Aufgabe, da es sehr gefährlich werden kann, falls City es schafft aus dem Gegenpressing zu kommen und verlagern könnte. Deshalb haben diese beiden Spieler den Ballverlust vorweggenommen und sprinten diagonal nach hinten zurück, um Stabilität und Absicherung herzustellen.

Fazit

Dieses Spiel und viele andere Spiele mit solch 2 Mannschaften zeigt auf, wie intensiv der moderne Fußball sein kann und zukünftig sein wird. Durch die enorme athletische Weiterentwicklung werden die Spieler zu immer besseren Athleten und somit steigt natürlich auch die Möglichkeit solch ein intensives Spiel aufzuziehen. Das Gegenpressing an sich wurde und wird heutzutage desöfteren als der Kern der Guardiolaischen Spielphilosophie angesehen und Unrecht hat man sicherlich nicht damit. Allerdings gibt es das eine (Gegenpressing) nicht ohne das Andere (Positionsspiel) bzw. gibt es schon, aber für diese Art und Weise Fußball zu spielen ist es essentiell eine gute Positionierung im Ballbesitz zu haben, um sofort gegenpressen zu können und es ist unerlässlich gegenzupressen, wenn man Spielkontrolle durch Ballbesitz haben möchte bzw. Konter im Keim ersticken will.

Dies war nur ein kleiner Aspektorientierter Ausschnitt des Spiels. Ich werde in nächster Zeit auch einen Trainingsartikel zu der Thematik Gegenpressing hier veröffentlichen.

Kategorie Aspektanalyse
Autor

Robin Schüßler (25) kommt aus dem schönen Nordhessen, wo auch gleichzeitig seine fußballerische Heimat ist. Er ist seit nun 7 Jahren Jugendtrainer und trainiert aktuell die U14 beim KSV Baunatal in der Verbandsliga. Auf Twitter findet ihr ihn unter @vorstopper94

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