Warum der HSV der 1. Bundesliga auch taktisch fehlen wird

Der HSV empfing am letzten Spieltag die Borussia aus Gladbach. Hamburg, auf Tabellenplatz 17, musste gewinnen und auf Köln in Wolfsburg hoffen. Nur so konnte der Abstieg vermieden werden. Gladbach dagegen hoffte noch auf eine Europa League Qualifikation. Im Endeffekt mussten beide Mannschaften gewinnen, um ihr Mindestziel zu erreichen.

Gladbach im Aufbauspiel der Hamburger ohne Zugriff

Hamburg startete, wie gewöhnlich unter Titz, im 433. Gladbach im typischen 442. Auch positionell gab es keine Überraschungen. So wollten wohl beide Trainer ihr Spiel durchziehen und sich nicht dem Gegner anpassen.

Hamburgs Spiel ähnelte stark den Spielen davor. Die Hamburger konnten ihr Aufbauspiel im ersten Drittel problemlos durchziehen. Gladbach hatte im 442 große Probleme Zugriff zu finden. Die beiden Stürmer Raffael und Drmic waren im Pressing meistens zu zweit gegen vier Hamburger.

Die beiden Innenverteidiger Jung und Papadopoulos standen im Aufbauspiel sehr breit. Oft sogar Am Flügel. Pollersbeck nutzte wie gewohnt die Lücke dazwischen und spielte sehr hoch, quasi als Torwartkette. Er positionierte sich meistens kurz hinter den beiden aufgefächerten Innenverteidigern und manchmal zwischen ihn. Bei höheren Pressingsituationen der Gladbacher setzte sich Pollersback einfach etwas ab, diente so als sichere, freie Anspielstation, ohne viel Zeit oder Raum zu verlieren. Er löste dadurch das Gladbacher Pressing auf und verlagerte das Spiel einfach auf die andere Seite.

Davor spielte Steinmann als einziger Sechser. Er positionierte sich deutlich höher als die Innenverteidiger und ließ sich nicht zurückfallen, da diese Aufgabe Pollerskeck übernahm. So entstand im Aufbauspiel oft eine breite Raute. Steinmann war die zentrale Anspielstation und sollte den Ball vom ersten ins zweite Drittel bringen. Meistens konnte er ohne große Probleme angespielt werden, da er keinen Gegenspieler hatte. Mit diesem einfachen Pass wurde die erste Pressingreihe einfach überspielt.

Das Problem im Gladbacher Pressing war einfach. Die beiden Stürmer waren in Unterzahl gegen die Hamburger chancenlos. Steinmann und Pollersbeck bewegten sich passend und ließen den Gladbachern keine Chance, auch wenn einer der Sechser, meistens Zakaria, aufrückte und Steinmann zustellten. Dies passierte trotzdem zu selten. Auch deshalb weil die Hamburger Achter Holtby und Hunt sehr hoch spielten und Zakaria und Kramer weit nach hinten drückten. Sobald sie nach vorne rückten, um Steinmann zu attackieren, stand einer der Achter als Anspielstation frei und der aufgerückte Sechser aus dem Spiel.

Auch die Außenverteidiger der Gastgeber rückten nach vorne und drückten dadurch die komplette Mittelfeldkette nach hinten. So entstand oft eine riesige Lücke zwischen der Gladbacher Mittelfeld- und Angrifsreihe. Dort befand sich  der oben erwähnte Steinmann.

Sobald die erste Reihe der Gladbacher überspielt war, fehlten aber oft die Anspielstationen nach vorne. Die hochstehenden Achter waren durch Gladbachs zentrale Mittelfeldspieler zugestellt. Durch die Gladbacher mannorientierungen befand sich vor allem Kramer oft zwischen den Verteidigern. So entstand situationsbedingt manchmal eine 5er-Kette. Der Raum im Zentrum vor dieser Kette wurde aber nicht genutzt, weil die Achter teilweise zu hoch standen, sodass sie fast auf einer hohe mit den Stürmern waren und den Raum davor unbesetzt ließen.

Auch auf den Außen wurden die Außenverteidiger durch Hazard und Hofmann, die im rechten und linken Mittelfeld spielten, gedeckt. Kostic, Wood und Ito waren in der letzten Reihe in Unterzahl und deswegen schwer anspielbar. Deshalb gab es in der ersten Halbzeit auch wenig Chancen für die Hamburger.

Steinmann versuchte das Problem oft mit Dribblings zu lösen. Er nutzte die freie Zone und trug den Ball nach vorne. Aber dort war selten ein Hamburger anspielbar. Außerdem versuchte er oft sofort einen der Offensivmänner mit einem langen, hohen Ball anzuspielen. Dies hatte aber noch weniger Erfolg. Auch weil Hamburgs Offensivspieler deutlich kleiner waren.

Hamburgs aggressives Pressing

Bei Abschlägen von Sommer stellten sich Ito und Kostic zwischen die Außenverteidiger und Innenverteidiger, sodass beide sofort unter Druck gesetzt werden konnten. Sobald die Innenverteidiger angespielt wurden, wurden sie unter Druck gesetzt. Der Ball wurde zurück zu Sommer gespielt, der unter Druck nur noch den langen Ball spielen konnte. Die Anspielversuche auf die Außenverteidiger waren von Sommer meistens zu ungenau und endeten im Seitenaus.

Sobald die Gladbacher aufbauen wollten, liefen die Hamburger hoch an. Torwart Sommer wurde ununterbrochen von Wood angelaufen, sodass er potentielle Lücken im Hamburger Pressing nicht nutzen konnte. Die beiden Innenverteidiger der Gladbacher wurden im Spiel von Hamburgs Flügelspielern zugestellt. Hamburgs Achter blieben mannorientiert an ihren Gegenspielern Zakaria und Kramer.

Kramer setzte sich oft ab und war zwischen den Innenverteidigern zu finden. Aber selbst dort wurde er sofort von Holtby oder Wood attackiert. So blieb auch der Versuch, hinten im Zentrum eine Überzahlsituation zu kreieren, erfolglos.

Die Gladbacher Außenverteidiger Wendt und Elvedi blieben meistens als einzige Spieler frei. Doch im Aufbauspiel blieb den Gladbachern keine Zeit diese anzuspielen. Sommer wurde sofort von Wood angegriffen und die beiden Innenverteidiger konnten sowieso kaum angespielt werden. Wenn sie mal am Ball waren wurden sie sofort von Ito und Kostic von Außen angelaufen und angegriffen. Durch das Anlaufen von außen waren die Außenverteidiger meistens im Deckungsschatten und konnten nicht angespielt werden.

Unbesetzte Räume

Obwohl vor allem Raffael ein Spielertyp ist, der die Räume neben Steinmann besetzen kann, passierte dies kaum. Die beiden Stürmer der Gäste blieben meistens zu weit vorne und ließen sich zu selten in den Halbraum neben Steinmann fallen. So waren sie einfach für Jung und Papadopoulos zu kontrollieren und die größte Schwachstelle des Hamburger Systems blieb ungenutzt.

Dies ist sehr merkwürdig, da die Halbräume vor der Abwehrkette enorm viel Potential haben. Außerdem ist dies wirklich nichts Neues, dass Hamburgs Achter sehr hoch stehen und diese Zonen unbesetzt sind. Seitdem Titz Trainer der Hamburger Profis ist, kann man das festzustellen. Es wäre auch keine große Umstellung nötig, um dort den Halbraum zu besetzen. Sicherlich fehlte Stindl, denn er wäre dafür der ideale Spieler gewesen. Doch auch ohne ihn hätte man mit Raffael und Hazard zwei Spieler, die dies problemlos spielen könnten. Doch dies geschah nicht. Auch die Wolfsburger ignorierten übrigens vor zwei Wochen diesen freien Raum und scheiterten an Hamburgs System

Die Stürmer standen zu hoch und die Sechser zu tief. So kamen die Fohlen fast gar nicht nach vorne und erspielten sich dementsprechend kaum Chancen.  Das Tor fiel durch einen Konter nach einem Freistoß der Hamburger. Hier fehlten die aufgerückten Innenverteidiger hinten. Am Schluss konnten die Gladbacher in Unterzahl durch einen einfachen Doppelpass die Hamburger auskontern und den Ausgleich schießen.

Gladbachs Systemanpassung sorgt für mehr Zugriff

Schon relativ früh erkannte Hecking die Probleme im letzten Drittel. Er stellte schon in der ersten Halbzeit das System auf ein 5212 um. Nun sollte Raffael hinter den beiden Spitzen agieren und vor allem bei gegnerischem Ballbesitz die Lücke zwischen dem Sturm und Mittelfeld schließen. Er orientierte sich in der Defensive sehr stark an Steinmann, um diese Passoption zu schließen. Gladbach stand deutlich besser und bekam etwas mehr Zugriff im Pressing. Vor allem konnte die Angriffsreihe nicht mehr so leicht ausgespielt werden. Doch nach kurzer Zeit spielte die Borussia wieder im 442 und wartete auf die Halbzeit.

In der zweiten Halbzeit spielten sie dann durchgehend das 5212. Doch auch wenn das System jetzt besser an Hamburgs Spiel ausgerichtet war, bekam Gladbach die Hamburger nicht ganz unter Kontrolle. Durch den mitspielenden Pollersbeck konnte Hamburg weiter eine Überzahlsituation im ersten Drittel erzeugen. Nur der Ball in die Mitte war schwerer zu spielen. Der Ball nach außen auf die Außenverteidiger war dafür umso einfacher.

Durch das 5212 waren Gladbachs Flügel nur einfach besetzt. Die Hamburger Flügelstürmer blieben aber ziemlich breit. Meistens zwischen Halb- und Außenverteidiger, sodass es bei den Gladbachern Zuteilungsprobleme gab. Die Halbverteidiger konnten sich nicht so weit raus ziehen lassen, da sonst die große Lücke von Holtby und Hunt genutzt wurde. So waren die Außenverteidiger für die Flügelstürmer zuständig und blieben sehr tief. Dies hatte zur Folge, dass die Hamburger Außenverteidiger fast durchgehend frei waren und viel Platz vor sich hatten.

Wie oben erwähnt übernahmen die Halbverteidiger Ginter und Elvedi die Hamburger Achter, sobald diese auf der Höhe ihrer Stürmer standen oder dort einliefen. Deswegen mussten Kramer und Zakaria nicht mehr so mannorientiert spielen und wurden nicht mehr so tief nach hinten gedrückt. Dies hatte zur Folge, dass sie höher stehen konnten und die große Lücke zwischen Angriff und Mittelfeld entstand nicht mehr. Zusätzlich befand sich Raffael oder Hazard auf der Position des Zehners.

Auch wenn das Spiel ausgeglichener wurde, hatte Hamburg weiterhin leichte Vorteile. Die Angriffe der Hambruger erfolgten alle über den Flügel. Vor allem auf der linken Seite hatte Hofmann starke Probleme gegen den quirligen Ito und den aufgerückten Santos. Dieser wurde dann deswegen auch kurz nach der Pause vom Platz genommen. Dafür kam Traore ins Spiel und nahm diese Position ein.

Doch auch offensiv war es bei den Gladbachern zu wenig. Die Gladbacher opferten durch ihre 5er-Kette die offensive Durchschlagskraft. In den meisten Fällen hatten die Hamburger eine Überzahlsituation und konnten die Gladbacher früh stoppen.

Die meisten Angriffe erfolgten über links. Dort ließ sich Hazard, der in der zweiten Halbzeit meistens als Stürmer neben Drmic spielte, nach links fallen. Dort bekam er zwar viele Bälle, doch es fehlte die Durchschlagskraft. Er hatte kaum Anspielstationen. Wendt rückte oft zu spät oder zu wenig auf. Auch Raffael kam zu selten kurz.

Der Führungstreffer durch Hamburg und Auswirkungen durch den Platzverweis

Beim zweiten Tor der Hamburger verfolgte Raffael im Aufbau Steinmann nicht mehr. Dieser war etwas vorgerückt und hatte durch das nachlässige Abwehrverhalten von Raffael viel Platz und Zeit. Er bekam den Ball von außen, wo viel Platz war. Steinmann spielte erst einen Fehlpass. So hatte das Freilassen von Steinmann zwar nur indirekte Auswirkungen auf das Tor, es war aber dennoch entscheidend, dass Hamburg über Außen wieder in die Mitte fand. Die Hamburger pressten sich den Ball sofort zurück. Traore wollte dann die Zone in der Mitte schließen, rückt undurchdacht raus und lässt dadurch die komplette linke Seite frei. Dieser Fehler wurde eiskalt bestraft und führte zum entscheidenden Treffer.

Nach dem Platzverweis von Wood spielte Hamburg in einem 441. Sie spielten deutlich tiefer und pressten den Gegner erst sehr spät. Auf das Angriffspressing wurde verzichtet. Die Verteidiger Gladbachs durften jetzt das Spiel ruhig aufbauen, konnten aber nur selten passende Pässe nach vorne spielen. Hier hätte ein erneuter Systemwechsel dem Spiel gut getan, da fünf Verteidiger jetzt weder offensiv noch defensiv gebraucht wurden.

In den letzten Minuten versuchte sich Vestergaard im Sturm. Dieser sollte die Anspielstation für lange Bälle sein, aber wirklich funktioniert hat das nicht. Schließlich war es auch nicht mehr besonders wichtig, da sowieso schon fest stand, dass Hamburg absteigt und Gladbach auf dem neunten Tabellenplatz landen wird. Zusätzlich haben die Randale weniger Hamburger Fans das Ergebnis sowieso zweitrangig gemacht.

Fazit – Hamburg und Christian Titz

Hamburg hatte das deutlich bessere System. Sie drückten das Gladbacher Mittelfeld weit nach hinten, sodass jegliche Dominanz der Gladbacher im Mittelfeld verloren ging oder nie da war. Raffael und Drmic waren im Pressing absolut chancenlos. Am Schluss muss man sich fragen, ob sich Hecking und sein Trainerteam überhaupt auf dieses Spiel vorbereitet haben. Denn das System der Gladbacher war von Anfang an sehr fragwürdig. Die freien Zonen blieben in der Offensive unbesetzt und für die Defensive war das System von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die Systemumstellung war richtig, aber die Hamburger fanden die Schwachstelle über die Flügel.

Die Hamburger waren die eindeutig dominantere Mannschaft und der Sieg ist folgerichtig verdient gewesen. Das System und der Fußball von Titz ist das mit Abstand Beste von Hamburg in den letzten Jahren. Doch es kam zu spät, der HSV steigt trotz des Sieges und des guten Fußballs in den letzten Wochen zum ersten Mal in die 2. Bundesliga ab.

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