Wie gut ist Mexiko wirklich?

Mexiko ist der Gruppengegner Deutschlands und wird gleich am 17. Juni das erste Spiel gegen Deutschland bestreiten. Trainer Osorio ist sich sicher, dass sein Team „auf Augenhöhe“ mit Deutschland sein wird. Ob Mexiko tatsächlich Chancen gegen Deutschland hat und welche Chancen sich Mexiko ausrechnen kann, lest ihr hier.

Trainer

Juan Carlos Osorio ist seit 2015 Trainer der mexikanischen Nationalmannschaft, wird aber nach dieser WM damit aufhören. Davor war er vor allem in Südamerika Trainer, aber auch schon Co-Trainer bei Manchester City.

Er präferiert das Offensivspiel und geht dementsprechend auch an ein Spiel ran. Seine Mannschaft ist durchgehend sehr offensiv eingestellt.

So spielt er oft mit einer 3er-Kette mit sehr offensiven Flügelspielern und einer Raute im Mittelfeld. Seine Formation wechselt er sehr oft. So kommen öfter auch ein 442, 423, 4141 oder ein offensives 433 zum Einsatz. Diese passt er immer wieder an dem Gegner an. Das Gleiche gilt für seine Spieler, denn eine gesetzte Startelf hat er bei Mexiko nicht. Seine Startaufstellung ändert er jedes Spiel. Er testet nicht nur immer wieder neue Spieler, sondern lässt die Spieler auch auf verschiedenen Positionen spielen. Laut Osorio kann jeder Feldspieler Mexikos auf mindestens zwei verschiedenen Positionen spielen. Durch seine Formationsänderungen ist Flexibilität auch dringend notwendig.

Seiner Mannschaft hat er das Positionsspiel beigebracht. Mexiko ist im Ballbesitz immer in Bewegung.

Kader

Der Kader Mexikos ist insgesamt sehr ausgeglichen. Auch wenn man den Marktwert des Kaders anschaut, sieht man dass sich die Marktwerte der Spieler zwischen 800 000 und 22 Millionen befinden. Jedoch ist der billigste Spieler kein geringerer als Rafael Marquez. Dessen geringer Marktwert begründet sich durch sein Alter von 39 Jahren. Zu seinen besten Zeiten in Barcelona hatte er immerhin einen Marktwert von 16 Millionen. Wertvollster Spieler ist Hirving Lozano, der seinen Marktwert erst diesen Januar auf 22 Millionen erhöhen konnte.

Selbst auf der Torwartposition hat man drei Torhüter auf relativ ähnlichem Niveau. Hier wird aber wohl Guilermo Ochao im Tor stehen. Dieser ist ein guter Reaktionskeeper, hat aber Schwächen mit Ball am Fuß und wirkt manchmal etwas unsicher, da seine Torwarttechnik etwas unsauber und unkonventionell ist. Dafür sehen Paraden umso beeindruckender aus und hält auch mal Bälle die andere nicht halten. Als Ersatztorspieler wurden Alfredo Talavera und Jesus Corona nominiert.

Auf der Innenverteidigerposition werden Diego Reyes, Hugo Ayala, Hector Moreno, Edson Alvarez oder der Frankfurter Carlos Salcedo spielen. Alle besitzen ein sauberes Passspiel. Vor allem Moreno hat hier seine Stärken und ist für den Spielaufbau enorm wichtig. Jeder dieser Spieler kann zusätzlich als defensiver Mittelfeldspieler oder als Außenverteidiger agieren.

Reyes und Moreno sind meiner Meinung nach die Stärksten der Innenverteidiger. Reyes spielt aber manchmal auf der Sechser-Position, so könnte neben Moreno noch ein Platz frei sein.

Der interessanteste Außenverteidiger ist Miguel Layun. Dieser fällt vor allem durch seine offensive Interpretation der Außenverteidigerposition auf. Nicht selten sieht man ihn auf der Höhe der Stürmer, manchmal sogar auf der gegenüberliegenden Seite. Außerdem dient er nicht nur als Breitengeber, sondern zieht gerne in den Halbraum. Nicht umsonst spielt er unter Osorio manchmal auch auf dem Flügel oder sogar als offensiver Achter. Als Außenverteidiger ist sein Einsatz auch nicht ganz unriskant, da er in der Defensive sehr spekulierend agiert und oft zu stark vor- oder einrückt.

Im zentralen Mitteldfeld hat man mit Hector Herrera, Andres Guardado und den Dos Santos Brüdern (jetzt beide LA Galaxy) bekannte Gesichter aus der spanischen und portugiesischen Liga.

Guardado ist der Kapitän und Standardschütze des Teams und somit gesetzt. Er ist meist als offensiverer Achter aufgestellt, damit ist er oft der Verbindungsspieler zwischen dem zweiten und dritten Drittel.

Zusätzlich kommt mit Rafael Marquez ein erfahrener defensiver Mittelfeldspieler dazu. Dieser interpretiert seine Rolle defensiver als der Rest seiner Kollegen. Er ist inzwischen zwar ziemlich langsam, hat aber ein hervorragendes Stellungsspiel.

Im offensiven Mittelfeld spielt der zweite Frankfurter Marco Fabian. Dieser war aber diese Saison lang verletzt, somit ist es fraglich, ob er als erste Wahl gilt. Im zentralen offensiven Mittelfeld ist der oben erwähnte Giovani dos Santos seine größte Konkurrenz. Sollte Marco Fabian aber schon in Topform sein, ist er aber der etwas stärkere Zehner.

Auf dem Flügel ist man sehr gut und breit besetzt. Hier hat man mit Javier Aquino, Jesus Gallardo, Jesus Corona (ja davon gibt es tatsächlich zwei), Carlos Vela und Hirving Lozano gleich fünf Spieler. Dazu kommen noch G. Dos Santos, Miguel Layun und Marco Fabian, die dort auch spielen können. Alle sind technisch gut und schnell. Wenn es Mexiko schafft diese Schnelligkeit zu nutzen, schaffen sie es gefährlich zu werden.

Hier muss man eindeutig den 22-jährigen Lozano hervorheben. Dieser spielte eine starke Saison für PSV Eindhoven und erzielte 28 Scorerpunkte bei 29 Spielen. Er wird auf beiden Seiten eingesetzt und interpretiert seine Position auf beiden Seiten sehr unterschiedlich.

Auf dem linken Flügel kann er seinen starken rechten Fuß deutlich besser einsetzen. Hier kann er mit dem Ball am Fuß von außen in die Mitte ziehen und seinen sehr guten Schuss nutzen. Auf beiden Seiten läuft er immer wieder hinter die Abwehr und sorgt mit seiner Explosivität und seinem Tempo ständig für Gefahr. Auf dem linken Flügel macht er dies durch diagonale Läufe zwischen Außen- und Innenverteidiger, auf der rechten Seite meistens zwischen Außenverteidiger und der Außenlinie.

Allgemein ist er auf der rechten Seite deutlich zu flügelorientiert. Dadurch verliert er an Torgefährlichkeit und selbst im Pressing rückt er teilweise zu wenig ein, sodass auf dieser Seite Lücken entstehen. Auch bei Dribblings bleibt er am Flügel und zieht von der rechten Seite viel zu selten in die Mitte. Meistens versucht er dann durch flache, scharfe Hereingaben den Stürmer anzuspielen. Mit seiner krassen Flügelorientierung auf rechts raubt er sich selbst sehr viel Qualität, die er auf der linken Seite besser ausspielen kann.

Im Sturm spielt neben Oribe Peralta und Raul Jimenez der wohl Bekannteste der Mexikaner: Chicharito. Dieser ist unglaublich schwer zu verteidigen, da er neben seiner guten Technik unglaublich flink und beweglich ist. Außerdem ist er immer wieder gut anspielbar, da er sich oft leicht absetzt oder sich ganz fallen lässt. Durch seine Eigenschaften braucht er nur sehr wenig Platz und kann auch mit dem Rücken zum Gegner und Tor sehr viel mit dem Ball anfangen. Immer wieder dreht er sich dabei und sucht den Zweikampf oder hält den Ball, bis eine Anspielstation vorhanden ist. Außerdem kann er das Spiel auch schnell machen, indem er den Ball sofort abprallen lässt oder durch überraschende Pässe, zum Beispiel in seinen Rücken mit der Hacke.

Tempo und viel Geschwindigkeit

Die Stärken Mexikos sind vor allem das Tempo und die Dynamik der Offensivakteure. Gelingt es ihnen das Tempo auszuspielen, schafft es Mexiko gefährlich nach vorne zu kommen. Mexiko schafft es durch verschiedene Varianten dieses dieses Tempo zu erzeugen. Dies sermöglicht ihr gutes Positionsspiel. Bei eigenem Ballbesitz sind fast immer alle Mexikaner in Bewegung. Oft wechseln sie ihre Positionen, bilden Dreiecke oder sogar Rauten mit dem Ballführenden und befinden sich im Zwischenlinienraum.

Im Aufbauspiel sind die Innenverteidiger stark eingebunden. Durch die passstarken Innenverteidiger schafft es Mexiko immer wieder durch die Mitte aufzubauen. Vor allem Morenos Pässe sind sehr wichtig. Die Pässe des Innenverteidigers überspielen oft ein oder zwei Pressingreihen. Er rückt manchmal etwas nach vorne wenn dort ein freier Raum ist oder dribbelt mit dem Ball am Fuß nach vorne, um Raum zu gewinnen. Der andere Innenverteidiger lässt sich dabei meistens etwas fallen, um als sichere Anspielstation dahinter zu dienen. Dies ist vor allem deshalb notwendig, da Ochoa kein mitspielender Torwart ist und deswegen nur ungern angespielt wird.

Das Überspielen der gegnerischen Mittelfeldkette ist nicht nur durch Hector Moreno eine Waffe der Mexikaner. Auch die anderen Innenverteidiger und der zentrale defensive Mittelfeldspieler (meist Herrera oder Marquez) spielen diese Pässe nicht selten. Dies gelingt so gut, weil das Positioning der anderen Mittelfeldspieler hinter den gegnerischen Mittelfeldspielern sehr stark ist. Es ist wirklich auffällig, dass sich zwischen der Mittelfeld- und Abwehrkette des Gegners immer jemand anspielbereit befindet und diese Zone oft überladen wird. Dafür sorgen nicht nur die zentralen Mittelfeldspieler, sondern auch Chicharito, der sich oft fallen lässt (siehe Bild oben). So passiert es immer wieder, dass der Ball vom Innenverteidiger zum Stürmer flach gespielt wird und bis zu sechs Gegner ausgespielt sind. Gegen Gegner mit viel Raum zwischen Mittelfeld und Abwehr, funktioniert dies besonders gut.

Wenn sie den Ball in den Zwischenraum bekommen, wird Mexiko gefährlich. Jetzt fällt es den Mexikanern leicht, ihr Tempo auszuspielen. Die Flügelspieler sprinten immer wieder hinter die Abwehr und warten auf Schnittstellenpässe hinter die Abwehr. Gelingt es Mexiko diese Pässe zu spielen, nutzen die Mexikaner ihr Tempo und ihre starke Technik. Die Offensivspieler sind technisch hervorragend, egal ob im Zentrum mit Fabian, G. Dos Santos, Stürmer Chicharito oder auf den Außenbahnen zum Beispiel mit Corona und Lozano.

Fehlende Durchschlagskraft

Obwohl Mexiko die Geschwindigkeit meistens gut nutzen kann, haben sie immer mal wieder Probleme mit der Durchschlagskraft. Wenn sie es mal nicht schaffen, den Ball hinter die Abwehr zu spielen oder mit Dynamik die Verteidiger anzudribbeln, bekommen sie Probleme im Spiel nach vorne. Hier fehlt der klassische Spielmacher in Mexikos Reihen. Giovani Dos Santos ist dafür nicht präsent genug, um 90 Minuten diese Aufgabe zu übernehmen. Manchmal bringt seine guten Ideen ein, doch es gibt zu viele Phasen in einer Partie, wo er kaum zu sehen ist.

Nach der Verletzungspause Marco Fabians war zu hoffen, dass er diese Aufgabe übernehmen kann, aber bis jetzt war er noch nicht in der Form, dass er hier wirklich weiterhelfen könnte. Es wäre für Mexiko zu hoffen, dass er schnell wieder in Topform kommt und diese Lücke füllen kann.

Außerdem fehlt Mexiko ohne Lozano und Chicharito der Zug zum Tor. Zum Beispiel Corona besitzt ähnliche technische Fähigkeiten wie Lozano, aber zu selten sind seine Dribblings hilfreich. Wenn es der Gegenspieler schafft Corona nur zu stellen und ihn nicht vorbei zu lassen, dribbelt Corona teilweise wirr durch die Gegend und verliert dadurch Raum und Zeit. Allgemein ist er oft zu lang am Ball und verpasst den richtigen Zeitpunkt für das passende Zuspiel.

Zu hohe Achter im Spielaufbau?

Doch durch das Überladen der Zone hinter der Mittelfeldkette, fehlt manchmal ein Spieler kurz vor den Innenverteidigern Mexikos. Bei Gegnern mit wenig Raum zwischen den Ketten verringern sich die Vorteile der Überladungen hinter der Mittelfeldkette des Gegners. Auch bei aggressivem Angriffspressing haben die Mexikaner Probleme, da die einfache Anspielstation fehlt und der schwierigere Ball hinter die Mittelfeldreihe unter starkem Zeitdruck oft nicht sauber zu spielen ist.

Durch die hohen zentralen Mittelfeldspieler entsteht eine mangelhafte Verbindung zwischen Mittelfeld und Abwehr. Somit fehlt es den Verteidigern an einer zentralen Anspielstation und der Spielaufbau kann höchstens noch über außen erfolgen. Dadurch beraubt sich Mexiko seiner eigenen Stärke und die Überzahl im zentralen Mittelfeld wird unnötig. Mexiko wird deutlich einfacher zu verteidigen und kommt nur sehr schwer ins letzte Drittel.

Man hat beim Confed Cup gut sehen können, wie Mexiko Probleme hatte, wenn Deutschland aggressiv die Innenverteidiger attackierte. Den Innenverteidigern fehlte die Zeit den Pass auf die überladene Zone vorzubereiten. So wurden die Pässe zu unsauber gespielt oder Mexiko versuchte sich mit Flachpässen zu befreien. Zu einfach konnte Deutschland den Ball erobern, oft in gefährlichen Zonen.

Defensive Schwächen im Mittelfeld

Diese Lücke zwischen Mittelfeld und Abwehr macht sich nicht nur im Spielaufbau bemerkbar, sondern kann auch bei Kontern sehr gefährlich werden. Wenn Mexiko den Ball im letzten Drittel zirkuliert, rückt das komplette Mittelfeld auf. Wenn sie hier den Ball verlieren, kann der Gegner Mexiko einfach auskontern,denn eine Konterabsicherung gibt es oft nicht. Durch den großen Raum vor der Abwehr, fällt es den Gegnern leicht Gefahr zu erzeugen. Auch diese Schwäche nutzte Deutschland bereits im Confed Cup aus und kam so zum Torerfolg.

Auch bei einem ruhigen Spielaufbau des Gegners hat Mexiko Schwächen. Die zentralen Mittelfeldspieler pressen oft nicht aggressiv genug, sind zu passiv und lassen sich zu einfach nach hinten drücken. So fehlt manchmal die Struktur im Pressing und einzelne Mittelfeldspieler befinden sich teilweise auf der Höhe der Innenverteidiger. Dadurch ist Mexiko im Mittelfeld in Unterzahl oder sogar gar nicht präsent und wichtige Zonen bleiben unterbesetzt.

So haben die Spieler manchmal kaum Zeitdruck und werden von den Mittelfeldspielern nicht richtig attackiert. Außenverteidiger Miguel Layun lässt sich dann bei solchen Situationen zu einfach rausziehen. Er attackiert früh den Ballführenden oder will den Raum zumachen. So entsteht auf den Außen eine Lücke, die leicht zu nutzen ist.

Vielleicht war die fehlende Absicherung auch der Grund warum Marquez vor seinem Karriereende noch nach Russland mitfahren darf. Er ist der einzige Mittelfeldspieler, der konstant tiefer als seine Kollegen spielt und den Raum gut besetzt.

Fazit

Trainer Osorio schaffte es, aus Mexiko eine spielstarke Mannschaft zu formen. Doch sie müssen aufpassen, dass aus ihnen kein zweites Spanien von 2014 wird: schöner Ballbesitzfußball, aber zu wenig Durchschlagskraft.

Hauptsächlich durch die defensiven Probleme wird es schwer werden, wirklich erfolgreich zu werden. Schaffen sie es noch diese Probleme zu beheben und ein kompakteres Pressing zu spielen, könnte Mexiko für den Gegner sehr unangenehm werden.

Ihr Ziel, endlich mal ins Viertelfinale zu kommen, ist eher unwahrscheinlich. Um nicht im Achtelfinale gegen Brasilien zu kommen, müssen sie gegen Deutschland gewinnen. Dies wird schwer möglich sein, auch wenn mit Reyes und Lozano zwei sehr wichtige Spieler dieses Jahr dazu kommen. Zu groß waren die Probleme gegen den Weltmeister vor einem Jahr. Immer noch bietet Mexiko dem Gegner zu viele Möglichkeiten in der Offensive.

Wahrscheinlicher wird mit dem zweiten Gruppenplatz. Um Platz zwei zu erreichen, wird man wohl im letzten Gruppenspiel gegen Schweden gewinnen müssen. Dieses Spiel wird sehr interessant, da hier zwei Mannschaften auf ungefähr gleichem Niveau spielen werden. Mexiko sollte allerdings leicht im Vorteil sein.

Mexiko ist wenige Tage vor Turnierbeginn eine der Mannschaften mit dem größten Überraschungspotential. Positiv, wie negativ. Aber egal wie erfolgreich Mexiko sein wird, wer guten Offensivfußball sehen will, ist bei Mexiko auf jeden Fall richtig.

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