Taktikanalyse: Frankreich verweigert die Favoritenrolle gegen Australien

Die goldene Generation der Franzosen um Superstars wie Pogba, Griezmann und Varane tat sich im ersten Spiel der Gruppe C gegen die Socceroos aus Australien sehr schwer. Die Australier vermochten es den Franzosen zeitweise gar die Spielkontrolle zu entreißen und die auf die Außen zu drängen. Diese Analyse soll sich damit beschäftigen, wie die Mannschaft des Ex-HSV-Coachs Bert van Marwijk es bewrkstelligt hat den Favoriten fast ein Bein zu stellen und wie sich Deschamps doch zum späten Sieg gecoacht hat.

Aufstellungen

Überraschenderweise ließ Didier Deschamps Djibril Sidibé auf der Bank und bot auf der Rechtsverteidigerposition den jungen Stuttgarter Pavard auf, auch auf der Acht war mit Corentin Tolisso ein weiteres aus der Bundesliga bekanntes Gesicht vertreten, ansonsten war die Startelf verhältnismäßig überraschungsarm. Erwähnenswert wäre eventuell noch, dass Griezmann zunächst auf der rechten Seite begann und Mbappé im Sturmzentrum anfing.
Die Australier hielten ohne nennenswerte Überraschung in einer 4-2-3-1-Formation mit einem spielstarken Mittelfeld aus Jedinak, Mooy und Rogic sowie den schnellen Außen Kruse und Leckie dagegen.

Frankreich beginnt furios

Zu Beginn war Frankreichs 2-3-2-3-Aufteilung im Spielaufbau sehr säuberlich ausgearbeitet und breit angelegt. Die Außenverteidiger Pavard und Hernandez waren von Varane, Umtiti und Kanté immer anspielbar, jedoch vorgeschoben genug, um die mannorientierten australischen Außen weit genug in die eigene Hälfte mitzuziehen. Das Dreigestirn im Sturm, bestehend aus Dembélé, Griezmann und Mbappé war sehr präsent im Zwischenlinienraum, wobei die Kette dahinter aus Pogba und Tolisso gut Gegenspieler binden und wegziehen konnten, sodass die Varane und Umtiti mit Diagonalpässen jederzeit problemlos in die letzte Linie kamen. 

So simpel dies zuweilen aussah, so bemerkenswert war dabei auch die Erfolgsstabilität der jungen Innenverteidiger von Real Madrid und Barcelona und stellt nochmal ihre unfassbare Qualität und Ausgereiftheit unter Beweis.

Trotzdem hat Frankreich es nicht darauf angelegt vom Beginn weg den Gegner durch Pressing zu Ballverlusten zu zwingen oder zu zermürben, sondern gestattete den Socceroos durchaus Ballbesitzphasen, in denen sie sich in ein 4-1-4-1-Mittelfeld- oder Abwehrpressing zurückzogen. Diese Struktur ist nebenbei für N’Golo Kanté die günstigste, da er hinter den defensiv soliden Pogba und Tolisso früh genug sich abzeichnende Angriffsdynamiken erkennen kann und genügend Zeit hat, um seine Attacken auf den Ball auszurichten. 

In Verbindung mit dem zähen Spielrhythmus der Anfangsphase, der von vielen Unterbrechungen durch Fouls geprägt war, ist die Annahme berechtigt, dass Frankreich auf Konter und Bälle in die Spitze spekuliert hat, um die wahnsinnige Explosivität und Schnelligkeit seiner Angreifer in Szene zu setzen. Dies verschaffte Mbappé auf diese Weise auch die erste Chance des Spiels.

Australien bekommt einen Fuß in die Tür

Mit zunehmender Spieldauer verschoben die Australier gegen den Ball stärker auf eine Seite und agierten stärker raumorientiert, wodurch die Franzosen, wenn sie mal auf den Flügeln landeten, dort isoliert waren und sich nicht allzu einfach herauskombinieren konnten. Dies birgt allerdings das Risiko, dass ballferne Räume unbesetzt sind und so kam die Équipe Tricolore, wenn sie per Spielverlagerung den Flügel wechseln konnte, zu guten Möglichkeiten (bspw. in der 33. Minute durch Hernandez).

Auf der anderen Seite gelangen den Australiern mit dem Ball nicht viele Chancenkreationen, da Jedinak und Mooy von Pogba und Tolisso sehr eng verfolgt wurden und auch Kanté ziemlich mannorientiert Rogic bewachte. Der eigentlich sehr aufbaustarke Sainsbury und sein Nebenmann Milligan erhielten mangels französischen Angriffspressings zwar Zeit, allerdings hatten sie keine aussichtsreichen Anspielstationen. 

Zur zweiten Halbzeit wechselten die französischen Stürmer die Positionen: Griezmann zog es von rechts ins Zentrum, Mbappé ging von der Mitte nach links und Dembélé wechselte die Seite. Somit spielten die Außen nun invers und pressten tendenziell früher.

Durch ein ungeschicktes Foul von Risdon, das per VAR aufgedeckt wurde, kamen die Franzosen per Elfmetertor zur Führung, nur wenige Momente später versenkte auf der Gegenseite Jedinak einen Handelfmeter zum Ausgleich, wodurch der Spielrhythmus sich nicht änderte. Es blieb jedoch der Eindruck, dass Australien mit zunehmendem Spielverlauf längere Ballbesitzphasen in der französischen Hälfte gestattet waren. 

Nach dem Ausgleich schien der französische Spielrhythmus immer vertikaler aber auch unkoordinierter zu werden. Es wurden öfter Longline-Pässe auf den Flügeln gespielt. Dadurch, dass Australien nun enger gestaffelt war, ließ man Dembélé und Griezmann in den Zwischenlinienräumen sehr wenig Platz, die tiefer werdende Positionierung von Kanté zwang auch Pogba bzw. Tolisso zum leichten Abkippen und es entstand das berüchtigte Mittelfeldloch. 

Deschamps stellt um und verstärkt das Zentrum

Zur 70. Minute reagierte Deschamps daher und brachte Fekir und Giroud für Griezmann und Dembélé, wodurch sich die Flügelpräsenz deutlich verringerte, da man auf ein 4-1-2-1-2 mit Fekir als Zehner umstellte. Der Wechsel von Matuidi für Tolisso war hingegen positionsgetreu. 

Nach einer guten Kombination durch den Zwischenlinienraum erzielte Pogba den kuriosen Treffer zum 2:1, wodurch sich Deschamps Umstellung bezahlt gemacht hat. Generell schien die Rautenformation den Franzosen viel eher entgegenzukommen, da nun die Vertikalpässe mit Ablagen verbunden wurden und man in den engen Räumen viel direkter spielen konnte. 

Fazit

Als Fazit lässt sich festhalten, dass Frankreich gegen eine gut verteidigende australische Mannschaft stark unter den Erwartungen geblieben ist. Die ersten fünf Minuten ließen einen Sturmlauf erahnen, als die Australier aber kalibrierter verteidigten und die passenden Abstände gefunden und verinnerlicht hatten, wurde das französische Spiel immer zäher, was durch Passivität gegen den Ball unterstrichen wurde. Deschamps möchte die Physis und Abschlussstärke seiner Sturmreihe offensichtlich um jeden Preis durchdrücken und verzichtet dafür gar auf die Spielkontrolle. Bis auf sein Tor war auch Pogba relativ ungefährlich, Mut machten einzig die unerprobten aber solide aufspielenden Außenverteidiger Hernandez und Pavard. Australien hat bewiesen, dass mit starkem Einrücken in der Defensive und Loslösen von strikten Mannorientierungen im Mittelfeld der Équipe Tricolore beizukommen ist. Der starke Mooy ist erneut durch seine Übersicht und Passstärke aufgefallen und die Socceroos haben deutlich mehr mitgespielt als vielleicht zunächst erwartet wurde.

Möchte Frankreich tatsächlich an seinem Direktspiel mit Fokus auf Pässe in die letzte Linie festhalten, sollte man eine Umstellung auf eine Raute ernsthaft in Erwägung ziehen, da auch gegen Australien erst dann eine gewisse Gefahr im letzten Drittel aufkam.

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