Wie gut sind eigentlich die Three Lions?

 

Alle Jahre wieder ist eines der Themen vor der WM, wie stark ist eigentlich England? Zwar gelten sie stets als große Fußballnation, jedoch traute ihnen bei den letzten großen Turnieren niemand den Sieg zu. Nach dem schmachvollen Aus bei der letzten Europameisterschaft gegen Island übernahm Gareth Southgate das Amt des Nationaltrainers. Er entwickelte die Mannschaft über die letzten beiden Jahre kontinuierlich weiter. Gerade im Spiel mit dem Ball ist England stark verbessert. Darüber hinaus haben sie eine junge und individuell starke Mannschaft mit nur wenigen Schwächen. Warum sie trotzdem nicht zu den Favoriten zählen, die Entwicklung aber in die richtige Richtung geht, versuche ich in diesem Artikel zu erklären.

 

Southgates 3-5-2

Während die Engländer in der Qualifikation noch ein 4-2-3-1 nutzen, stellte Southgate in den letzten Testspielen auf ein 3-5-2, das defensiv zu einem 5-3-2 wird, um. Die neue Formation passt gut zum vorhandenen Spielermaterial und hilft den Akteuren, den dominanten Fußball zu spielen, den Southgate fordert.

Unter dem neuen Trainer agieren die Engländer viel mehr mit dem Ball und setzen nicht nur noch auf Konter und Standardsituationen. Im Spielaufbau lassen die Innenverteidiger den Ball längere Zeit zirkulieren und versuchen zusammen mit dem zentralen Sechser einen Weg nach vorne zu finden. Meistens nutzen die Engländer eine Abweichung vom 3-5-2. Zu meist agiert man mit einem Sechser in einem 3-1-4-2. Doch durch unterschiedliche Rollen bestimmter Spielertypen kamen auch schon 3-2-3-2 oder 3-1-5-1 Formationen zu Stande.

Die Position des Torhüters ist dabei wohl die größte Schwäche. Aufgrund der nicht-Nominierung von Hart fehlt ein erfahrener Torhüter. Pickford, Butland und Pope sind allesamt keine schlechten Torhüter, es fehlt ihnen aber die spielerische Klasse. Gerade wenn England hoch angelaufen werden, führt dies zu unkontrollierten langen Bällen.

In der Dreierkette davor gibt es für Gareth Southgate verschiedene Optionen. Mit Cahill und Jones hat man zwei klassische englische Verteidiger, die gegen den Ball ihre Qualitäten haben, es mangelt ihnen aber an spielerischer Klasse. Die spielstärkste Dreierkette würde aus Harry Maguire von Leicester City, John Stones und Kyle Walker von Manchester City bestehen. Stones verfügt über ein starkes Passspiel und fällt besonders durch seine flachen Pässe zwischen die Linien auf. Maguire hingegen kann auch präzise längere Pässe spielen und bringt eine gewisse Dynamik beim Andribbeln mit, die sehr hilfreich ist. Gleiches gilt für Kyle Walker, dessen Passspiel auf einem hohen Niveau ist und der seine athletischen Fähigkeiten für Vorstöße nutzen kann.

Die Flügelverteidiger schieben bereits in Ballbesitz weit nach vorne. Meistens auf die Höhe der Achter, teilweise aber auch noch weiter nach vorne, so dass sie sich auf einer Höhe mit dem Stürmer positionieren. Grundsätzlich sind sie die einzigen Akteure die Breite geben. Mit Trippier und Rose verfügt man dort über zwei dynamische Akteure, die die ganze Linie alleine bespielen können.

Auf der Sechserposition hat Southgate die Wahl zwischen Erik Dier und Jordan Henderson. Beide verfügen über ein gutes Passspiel, sind aber in engen Räumen nicht die besten Akteure. Beide bieten sich meist zu präsent an und kippen nach hinten ab. Dann ist aber die Sechserposition unbesetzt.

Die beiden Achter in Southgates 3-5-2 spielen zwischen den Linien. Sie bieten sich sehr oft zwischen den gegnerischen Sechsern an. Durch die Beiden möchte England ein Übergewicht im Raum zwischen der Abwehr und dem Mittelfeld des Gegners herstellen, um von dort aus hinter die Abwehr zu gelangen. Sollte der Gegner höher pressen, lässt sich zur Unterstützung des Spielaufbaus einer der Achter weiter nach hinten fallen, um als zusätzliche Anspielstation zu fungieren.

Im Sturm wird Harry Kane als Kapitän seinen Stammplatz sicher haben. Der kräftige und gelichzeitig sehr intelligent spielende Kane ist der Schlüsselspieler für die englische Offensive. Er alleine kann für sehr viel Durchschlagskraft sorgen. Bekommen die Three Lions ihn in Szene gesetzt, werde viele Gegner vor großen Problemen stehen.

Neben Harry Kane läuft ein wendiger und schneller Stürmer auf. In den letzten Spielen durfte meist Raheem Sterling neben Harry Kane auflaufen. Der City-Akteur verbesserte seine Positionierung in Ballbesitz die letzten beiden Jahre unter Pep Guardiola enorm. Seine Qualitäten unter Druck zusammen mit seinen athletischen Fähigkeiten ermöglichen es Sterling für Gefahr durch Dribblings zwischen den Linien oder Sprints hinter die Abwehr zu sorgen.

Marcus Rashford ist der andere Kandidat. Das Talent von Manchester United weicht gerne aus und bewegt sich im Allgemeinen sehr viel um am Spiel teilzunehmen. Seine Dribblings und sein Bewegungsspiel sind darüber hinaus auf sehr hohem Niveau. Im Vergleich zu Sterling kann Rashford aufgrund seiner Größe auch bei langen Bällen effektiv sein. Entweder er legt den Ball auf seine Mitspieler ab, oder er nutzt seine Schnelligkeit um ebenfalls hinter die letzte Linie zu gelangen. Jedoch offenbart Rashford hin und wieder Schwächen in der Entscheidungsfindung. Manchmal geht er in Dribblings oder spielt Pässe, die sich als falsche Entscheidung entpuppen. Hier ist Sterling stärker einzuschätzen.

 

Englands fehlendes Positionsspiel

Unter Southgate agieren die Engländer wesentlich dominanter. Es wird versucht durch eine tiefe Ballzirkulation in der Abwehr Lücken in der gegnerischen Formation zu finden. Der Fokus liegt dabei auf dem Bespielen der Mitte. Der Sechser kann entweder als Verbindungsspieler hinter der ersten Linie des Gegners fungieren oder die drei Innenverteidiger unterstützen.

Das Ziel ist es, die Achter und Stürmer zwischen den Linien zu finden. Von dort aus versucht man dann hinter die letzte Linie zu gelangen. Gerade John Stones ist entscheidend für das Aufbauspiel. Seine Qualitäten im Passspiel ermöglichen es England den Ball zu den Achtern zu bekommen.

Die grundsätzlich besetzten Positionen während England in Ballbesitz ist, geben den Three Lions viele Vorteile und erleichtern ein dominantes Spiel. Bereits im Aufbauspiel haben sie einen numerischen Vorteil. Mit drei Innenverteidiger und einem zusätzlichen Sechser lässt sich das gegnerische Pressing meist recht leicht umspielen. Mit Stones, Maguirre und Walker haben sie außerdem Akteure in der Verteidigung, die mit dem Ball am Fuß dynamisch weiter nach vorne stoßen können. Das Andribbeln der Verteidiger ermöglicht es England auch im Zentrum weitere Vorteile zu schaffen.

Vorteile England System

Des Weiteren ist es für den Gegner oft schwer die drei englischen Spieler im Mittelfeld zu verteidigen. Gegen viele Teams kann die Mannschaft von Gareth Southgate so eine Überzahl im Zwischenlinienraum herstellen. Gerade für die andribbelnden Innenverteidiger ergeben sich viele Passmöglichkeiten. Häufig ist ein diagonaler flacher Pass auf den ballfernen Spieler im Halbraum zu beobachten. Durch das ballorientierte Verschieben bleibt der ballferne Akteur häufiger unbewacht. Neben den drei zentralen Mittelfeldspielern kann auch Harry Kane immer wieder eingebunden werden. Dies verschafft England einen weiteren Spieler zwischen den Linien.

Jedoch fehlen den Three Lions Elemente des Positionsspiels, wie die dauerhafte Besetzung der Positionen und das Manipulieren der gegnerischen Defensive aus den Positionen heraus.

„Im Spiel mit Ball verfolgen die Briten prinzipiell einen spielerischen Ansatz, agieren dabei aber nicht im Sinne des Positionsspiels stringent aus den Positionen heraus, sondern leben eher von der situativen Anpassungsfähigkeit der Einzelspieler.“

Tobias Robl

Trotz all der Vorteile, die ich oben genannt habe, schafft es England nicht sich konstant in der gegnerischen Hälfte festzusetzen und den Defensivblock zu knacken. Ein Mitgrund dafür sind fehlerhafte Positionierungen, die verhindern, dass England seine Vorteile nutzen kann.

Positionsspiel Probleme

Zu oft befinden sich beispielsweise drei Spieler auf einer vertikalen Linie. Oder die Akteure stehen zu nah beieinander. Dies sorgt dafür, dass die Passwinkel für die Innenverteidiger oft sehr schwierig sind. Die entstehenden Dreiecke sind so nicht immer effektiv nutzbar.

Das größte Problem ist die Breite im englischen Spiel. Bereits in der ersten Linie stehen die drei Verteidiger relativ nah zu einander. Dies macht es einfacher für den Gegner kompakt zu stehen. Gleichzeitig schafft England keinen Raum und muss sich so häufiger durch enge Räume spielen. Im Aufbauspiel ist dies noch nicht so schlimm wie im letzten Drittel. Dort schaffen es die Three Lions nicht das Zentrum und die Außenbahn ordentlich zu verbinden. Die gegnerische Defensive wird so nicht auseinandergezogen und England tut sich schwer aus der Überlegenheit im Zentrum klare Torchancen zu erspielen. So kommt es auch, dass die meisten Torchancen aus Umschaltsituationen oder Standards entstehen.

 

5-3-2 gegen den Ball

Gegen den Ball formieren sich die Three Lions in einem 5-3-2. Die Flügelspieler Trippier und Rose fallen in die letzte Linie und sorgen dafür, dass England die letzte Linie mit fünf Spielern verteidigen kann und damit dem Gegner weniger Lücken bieten.

Davor bildet sich eine 3-2 Staffelung, die schwierig zu bespielen ist, da die Schnittstellen durch die Linie davor oder dahinter verschlossen werden. Gerade im Zentrum stehen die Engländer deshalb sehr kompakt. Vereinzelt werden kurze Mannorientierungen genutzt, um den Gegner bereits bei der Ballannahme zu pressen.

Hauptsächlich nutzen aber die Innenverteidiger der Engländer solche Mannorientierungen. Je nach Spielsituation und Staffelung können sie entscheiden, ob sie einen Gegenspieler verfolgen, um bei der Ballannahme sofort Druck zu machen, oder ob sie den verfügbaren Raum sichern.

gegen den Ball

Für die Flügelverteidiger gilt ähnliches. Gegen Teams, die ebenfalls die Außenbahn nur einfach besetzen, rücken sie meist heraus, um Druck auszuüben. Gerade wenn das Team von Southgate den Gegner nach außen lenkt und dort isoliert.

Dies ist nämlich im Spiel gegen den Ball das Hauptziel des Teams. Um den Gegner nach außen zu lenken laufen die Stürmer die gegnerischen Innenverteidiger in einem Bogen an, so wird der Spielaufbau nach außen gelenkt. Eine andere Möglichkeit ist, dass der ballferne Stürmer den Seitenwechsel erschwert/verhindert, indem er weiter nach vorne schiebt. Gegen Teams, die ebenfalls mit einer Dreierkette im Spielaufbau agierten, presste einer der Achter den gegnerischen Halbverteidiger meist nach einer Verlagerung und verhinderte somit einen Pass ins Zentrum.

Positionieren die Three Lions sich etwas tiefer, werden alle Anspielstationen ins Zentrum verschlossen. Der Sechserraum ist für den Gegner kaum erreichbar, da fünf Engländer sehr kompakt die Mitte und die Halbräume sichern. Auf der Suche nach Raum landet der Gegner so recht schnell am Flügel.

Wenn dann der Gegner an der Außenlinie den Ball hat, stellt der Stürmer einen möglichen Rückpass zu, während der Achter den Weg in die Mitte verschließt. Wie bereits erwähnt presst der Flügelverteidiger an der Außenlinie. Der ballnahe Innenverteidiger verfolgt je nach Situation seinen Gegenspieler, der meist versucht seinen Teamkollegen als Anspielstation zu helfen. Der Rest des englischen Teams verschiebt auf die Seite und sichert ab.

 

Ausblick

Unter Gareth Southgate entwickelte sich die englische Mannschaft kontinuierlich weiter. Mit einem jungen Team versuchen sie durch dominanteren Fußball bei dieser WM Erfolge zu feiern. Die Mannschaft ist aber noch in einem Entwicklungsprozess und wird wahrscheinlich bei dieser WM noch keine so große Rolle spielen. Gerade die fehlenden strukturierenden Elemente in Ballbesitz erschweren den Engländern den Spielaufbau. Chancen erspielen sie sich so vermehrt über Umschaltaktionen. Bei aller Skepsis vor diesem Turnier, bei England wächst eine sehr interessante Mannschaft mit guter Spielanlage zusammen, die in den nächsten Jahren wieder eher zu den Favoriten zählen kann.

Weitere Links zum Thema:

https://spielverlagerung.de/2018/06/02/spielverlagerung-wm-vorschau-2018/

https://jmfootball.wordpress.com/2018/05/16/englands-3-5-2/

https://totalfootballanalysis.com/match-analysis/tactical-preview/fifa-world-cup-2018-england

https://www.theringer.com/2018/6/11/17447286/2018-world-cup-england-gareth-southgate-harry-kane-raheem-sterling

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