​Brasiliens starke Abwehrreihe lässt mutige Serben auflaufen

Nach dem kläglichen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft am Nachmittag trafen bei der dritten Begegnung vom 27.06. im Spartak Stadion in Moskau die favorisierten Brasilianer auf Serbien, das seine letzte Chance auf einen Achtelfinaleinzug gegen den Rekordweltmeister zu nutzen versuchte. Vor der Partie war für die Brasilianer klar, dass bei einem Schweizer Sieg im Parallelspiel nur ein eigener Sieg den ersten Platz in der Gruppe sichern könnte. Dementsprechend seriös nahmen beide Seiten das Spiel.


Brasilien mit Tempo

Brasilien begann furios und erarbeitete sich direkt in den ersten Minuten gute Chancen über schnelle Halbraumkombinationen auf der linken Seite. Auffällig war erneut Marcelos tiefe Positionierung, immer wieder bot er sich den Innenverteidigern als Anspielstation an und sollte tatsächlich von der Linksverteidigerposition aus wieder eine Spielmacherrolle übernehmen, musste verletzungsbedingt allerdings früh für Filipe Luis weichen. Ansonsten war das brasilianische Aufbauspiel von einigen langen Bällen gespickt, die Stumreihe sollte die zweiten Bälle erlaufen. Neymar, der von Rukavina auf Schritt und Tritt verfolgt wurde, ließ sich ungewohnt tief fallen und visierte von dort aus Pässe in die vom serbischen Außenverteidiger verwaisten Räume, die Jesus hinter der hohen serbischen Abwehrkette erlaufen sollte. Ein Missverständnis bei der Übergabe von Jesus zwischen Veljkovic und Milenkovic schuf in der 36. Minute eine riesige Lücke in der serbischen Innenverteidigung, die sich der vorstoßende Paulinho nach gutem Zuspiel Coutinhos zu Nutze machte. Allgemein schienen Überladungen eines Raumes ein größeres Problem für die serbische Abwehrkette darzustellen als das horizontale Abdecken der Räume.


Der serbische Versuch, das Spiel an sich zu reißen

Auf der anderen Seite fokussierten die Serben in ihrem aggressiven 4-4-2 hohes Pressing und gutes Gegenpressing nach Ballverlusten. Gegen den Ball standen die Sechser Matic und Milinkovic-Savic enorm hoch, Ljajic stand Casemiro hierbei auf den Füßen. Waren die Gegenpressingstrukturen situativ nicht akkurat, lief man in schnelle Konter Brasiliens, die von den ebenfalls sehr hoch vorrückenden Innenverteidigern jedoch früh verfolgt werden konnten.  Für Ruhephasen ließ man sich in ein 4-4-2-Mittelfeldpressing zurückfallen, bei dem die Außenstürmer die Halbräume geschickt versperrten, was zuweilen RB Leipzig-esque aussah. Bei hohem Ballbesitz verstand man es geschickt durch Besetzung der Außen die Abwehrkette der Brasilianer zu strecken oder eben eine ballferne Anspielstation zu schaffen. Die Tücke lag eher in der Tatsache, dass man es nicht verstand solche Situationen regelmäßig zu kreieren. 

Gute positionelle Struktur Serbiens, ein langer Ball auf die Flügel war oft möglich, Matic fokussierte diese gelegentlich. 

Meist gelang dies nur nach Ballhalten und Aufrücken bei einem Konterangriff. Aus dem ersten Drittel heraus spielte man bereits früh auf die Außen und war darum bemüht sich dort die Dynamik der Außenverteidiger und –stürmer zu Nutze zu machen. Dies resultierte aber nicht selten in Ballverlusten. Gegen die hoch stehende Abwehrkette Brasiliens versuchte man zudem vereinzelt Bälle hinter die Abwehrlinie zu spielen, doch Alisson zeigte sich beim Abfangen dieser sehr aufmerksam.


Kluge Brasilianer verteidigen die Führung

Von Beginn der zweiten Hälfte an schien Serbien viel besser ins Spiel zu kommen. Der ballnahe Sechser schob nun zusätzlich die Außen zu und man machte über Matic viel mehr aus eigenem Ballbesitz. Den größten Erfolg konnte man in der Regel verbuchen, wenn man früh in die Spitze spielte und Mitrovic oder den startenden Kostic suchte und daraufhin dann Ablagen in den Rückraum spielte. Kolarov stieß nun aggressiver vor und Kostic rückte bei Ballbesitz in den Halbraum und die Europäer erhöhten die Schlagzahl. Umso unglücklicher schien der Zeitpunkt, an dem Thiago Silva zum 2:0-Endstand einköpfte. Dennoch spielten die Serben das Spiel seriös zu Ende.

Ein interessanter Kniff bei Brasilien war Willians tiefe Positionierung, die manchmal zu fünferkettenartigen Gebilden führte. Dank seiner enormen Athletik tat dies seinem Offensivspiel keinen Abbruch, dennoch half er hinten aus und balancierte Serbiens Linksfokus stark aus. Neymar auf der anderen Seite blieb sehr hoch und zockte. Der Spielrhythmus wurde gegen Ende diffus, Brasilien ließ nur den Ball zirkulieren und Serbien lief gegen Brasiliens starke Abwehrreihe an.


Fazit

Die Brasilianer zeigten vielleicht zum ersten Mal in diesem Turnier, warum sie die strategisch wohl kompletteste Mannschaft von allen sind: anders als gegen die Schweiz zerschellten die Angriffsbemühungen des Gegners an der eigenen Abwehrreihe und man verließ sich auf die Athletik und Technik der Außenspieler in brandgefährlichen Kontern. Brasilien muss nicht die Spielkontrolle halten, um gefährliche Torchancen herauszuarbeiten. Auch Gabriel Jesus zeigte sich mit sehr klugen Ausweichbewegungen perfekt eingebunden und harmonierte sehr gut mit Neymar, Willian oder Paulinho, die die Lücken zu bespielen wussten. Auch in längeren eigenen Ballbesitzphasen fokussiert man Neymar und Willian sehr stark und lebt von der stabilen positionellen Struktur, die Tite geschaffen hat.

Während Serbien nach einer spielerisch nicht allzu schlechten WM wohl dennoch enttäuscht die Koffer packen muss, hat Brasilien bewiesen, dass mit ihnen in der KO-Phase definitiv zu rechnen ist, was aus ihrer Sicht Hoffnungen auf den sechsten Titel macht.

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