CL-Quali: Ajax dominiert – Graz verteidigt

Kaum ist die Weltmeisterschaft Geschichte, schon nimmt der Vereinsfußball in Europa wieder an Fahrt auf. In der Champions-League Qualifikation standen sich am Mittwoch Ajax Amsterdam und Sturm Graz im Hinspiel dieser Paarung gegenüber.

Die Aufstellungen

Ajax - Sturm Graz

Ajax dominiert – Graz verteidigt

Ajax agierte in einer 4-2-3-1 Formation und übernahm sofort die Initiative gegen abwarten agierende Gäste. Die beiden Sechser Schöne und Eiting hielten im Spielaufbau enge Bindung an die Innenverteidigung, während die beiden Außenverteidiger die Höhe ihrer Position am Verhalten ihres Vordermanns festmachten. Während der agile Ziyech auf der rechten Seite immer wieder im Zwischenlinienraum herumdriftete, gab Neres auf der anderen Seite des Feldes eher Breite.

So kam es auch, dass der Rechtsverteidiger Mazraoui oft etwas höher Stand als sein Pendant auf der linken Seite, Tagliafico. Auf der Zehn agierte mit van de Beek ein gelernter Sechser. Van de Beek agierte nach links verschoben, so dass durch seine Positionierung und dem herumdriften von Ziyech, dieses führte ihn auch regelmäßig in den linken Halbraum, immer wieder zu Überladungen und kleinräumigen Kombinationen auf der linken Seite kam, während rechts Mazraoui und Ziyech weitestgehend auf sich allein gestellt waren.

Der Aufbau erfolgte in der Regel über einen der tiefen Sechser. Diese versuchten immer wieder Ziyech oder van de Beek im Zwischenlinienraum zu finden, was durch den kompakten 5-4-1 Block der Österreicher jedoch kaum möglich war.

Graz formierte sich in einem ziemlich tiefen Mittelfeldpressing und konzentrierte sich darauf, die Räume im Zentrum möglichst eng zu halten und im und um den Strafraum massiv präsent zu sein, um Ajax den Raum zum Kombinieren zu nehmen. So wurden die Angriffe der niederländischen Heimmannschaft in der Regel auf die Außenbahnen gedrückt. Hier versuchte sich Ajax vor allem auf links mit vielen Kombinationen und Positionswechsel einen Weg durch das österreichische Bollwerk zu bahnen, kam aber im ersten Durchgang nicht zuletzt wegen der tiefen Positionierung der Grazer und meist geschlossenen Stellungen der ballführenden Spieler im Halbraum nie hinter die Abwehr.

Auch der Weg ins Zentrum war entweder durch die massive Präsenz österreichischer Spieler versperrt, oder es fehlte schlicht an einer Anspielstation, da sowohl Ziyech als auch van de Beek weit auf die linke Seite gerückt waren, während sich die beiden Sechser in tieferen Räumen aufhielten um als Absicherung und Rückpassoption zu fungieren.

Über den linken Flügel versuchten es Mazraoui und Ziyech meist mit ziemlich linearen Flügelangriffen und Unterzahldribblings, aber auch hier war der Ertrag überschaubar. Meist musste Ajax den Angriff abbrechen und über die tiefen Sechser und die Innenverteidiger einen neuen Angriff aufbauen. Der ballferne Außenverteidiger schob immer wieder ein und hielt sich zur Absicherung in tieferen Räumen auf. So fehlte auf der ballfernen Seite eine Anspielstation in der Breite, über die man den tiefen, kompakten gegnerischen Block hätte in horizontale Bewegung bringen können um eventuell Lücken aufzureißen.

Da sich die Grazer immer wieder weit zurückfallen ließen um Ajax weder Raum hinter der Abwehr, noch innerhalb der eigenen Formation zu gewähren, waren die Wege für Konterangriffe nach Ballgewinnen enorm weit. Zusätzlich bekam Ajax im Gegenpressing, durch die rein zahlenmäßige Präsenz meistens auf der oft überladenen linken Seite, immer wieder schnellen Zugriff und konnte so viele Konterversuche im Keim ersticken und die eigene Dominanz etablieren.

Auch aus dem geordneten Spielaufbau war Graz im ersten Durchgang harmlos. Ajax lief den gegnerischen Aufbau immer wieder recht früh an um den ballführenden Gegner in der österreichischen Aufbaudreierkette unter Druck zu setzen. In diesen Szenen rückte häufig der 10er van de Beek mit heraus um den Aufbau unter Druck zu setzen. Dies war kein Problem, da Ajax im Zentrum eine 3 vs 2 Überzahl hatte. Da die Wing-Backs recht tief blieben und dadurch ihre Gegenspieler nicht wegzogen, hatten die Halbverteidiger aus Graz auch keine Möglichkeit mit Ball am Fuß anzudribbeln und auf eventuelle Freilaufbewegungen der letzten Linie zu warten.

Die beiden zentralen Mittelfeldspieler Zulj und Lackner wurden von ihren holländischen Pendants aus dem Spiel genommen. So war die logische Konsequenz eine Vielzahl an langen Bällen in Richtung des Stürmers Friday. Diese Bälle zu verteidigen stellte die Ajax-Abwehr jedoch vor keine ernsthaften Probleme, da der Stürmer oft allein auf weiter Flur war, oder maximal von zwei weiteren Mitspielern unterstützt wurde, so dass Ajax die Angriffe immer in personeller Überzahl verteidigen konnte. So blieb Graz im ersten Durchgang ungefährlich.

Umstellungen in der Halbzeit öffnen das Spiel

Da Sturm Graz zur Halbzeit durch einen 18-Meter-Schuss von Ziyech mit 1:0 in Rückstand lag und folgerichtig etwas mehr in Offensivbemühungen investieren musste, stellte Trainer Heiko Vogel in der Kabine um. Graz stellte auf eine 4-1-4-1 Formation um, um dadurch etwas mehr Präsenz im Zentrum bei eigenem Ballbesitz zu bekommen. Gleichzeitig attackierte man den Spielaufbau von Ajax nun auch höher, so dass das Spiel dynamischer wurde.

In Ballbesitz zeigte die Umstellung auch Wirkung. Da der Ajax-Zehner van de Beek auch weiterhin im Spielaufbau immer wieder einen Innenverteidiger anlief, hatte Graz jetzt im Zentrum eine 3 vs 2 Überzahl, also einen potentiell freien Spieler. Fand man diesen, so konnte dieser in der Regel aufdrehen und das Spiel weiter vorantreiben. Hier ergaben sich jedoch zwei Probleme.

Zum einen bewegten sich die drei Spieler im Zentrum oft nicht gut, so stand Zulj teilweise zu hoch, so dass er von Schöne und Eiting einfach in den Deckungsschatten genommen werden oder an die letzte Linie übergeben werden konnte und quasi wieder eine Gleichzahl im Zentrum entstand. Zum anderen wurden die Angriffe im weiteren Verlauf, nachdem der freie Mann im Zentrum gefunden wurde, oft nicht gut ausgespielt. Unpassende oder schlecht getimte Laufwege und falsche Entscheidungen verhinderten meist, dass die im Ansatz vielversprechenden Angriffe richtig gefährlich wurden.

Auf der anderen Seite ergaben sich aber auch Räume für Ajax. Durch das höhere Attackieren der Gäste öffneten sich Räume im Rücken der Abwehr. Dass diese auch sauber, mit flachen Schnittstellenpässen bespielt werden konnten, hatte nicht zuletzt mit der Art und Weise zu tun wie Graz attackierte.

Wollten die Österreicher Druck auf den Ball ausüben rückte ein Achter, in der Regel war das Zulj, aus der Viererkette im Mittelfeld heraus um einen Innenverteidiger zu attackieren. In dessen Rücken entstand aber ein Loch und Graz war im Zentrum mit einer 3 vs 2 Unterzahl konfrontiert, die Ajax sauber bespielte. Rückte der Sechser einige Meter vor um die entstandene Lücke zu stopfen, so fand Ajax immer wieder Zehner van de Beek im Zwischenlinienraum, wo dieser meist ungestört aufdrehen und den Angriff weiterentwickeln konnte. Linksaußen Neres startete in diesen Aktionen immer wieder gut in die Tiefe und wurde vom jungen Niederländer sauber bedient.

Rückte der Grazer-Sechser nicht heraus, sondern blieb etwas tiefer als die Mittelfeldkette, so konnte Ajax den freigewordenen eigenen Sechser aus der letzten Linie heraus bedienen, der dann wiederum aufdrehen und das Spiel weiter nach vorne tragen konnte. Hier agierte dann einer der beiden Sechser auch, im Gegensatz zur ersten Hälfte, offensiver.

Auch die Bewegungen aus der letzten Linie heraus, oft von Ziyech waren gut. So zeigte sich dieser immer wieder neben dem Solosechser der Gäste im Zwischenlinienraum, wurde angespielt und konnte aufdrehen. Auch hier gab es in der Folge immer wieder Schnittstellenpässe in den Rücken der Abwehr. Ajax konnte die Räume die sie im zweiten Durchgang bekamen immer wieder gut nutzen und Torchancen kreieren, konnte daraus aber zu wenig zählbares machen, so dass man im zweiten Durchgang nach einem Elfmeter der aus einem sauber vorgetragenen Angriff resultierte nur noch ein weiteres Tor nachlegen konnte.

Fazit

Insgesamt ist der Sieg für Ajax verdient. Man war über 90 Minuten das dominante Team. Während man sich in der ersten Halbzeit noch mit dem kompakten Abwehrbollwerk aus Graz schwer tat und kaum nennenswerte Torchancen erspielen konnte, wusste man im zweiten Durchgang die sich bietenden Räume zu nutzen und konnte sich auch immer wieder gefährlich vor das gegnerische Tor spielen. Zwar hatte man bei einem Konter nach eigenem Eckball im zweiten Durchgang Glück, hier konterten die Gäste nach einem Missverständnis in der Ajax-Absicherung und kamen auch gefährlich vors Tor, eventuell hätte der Schiedsrichter auch auf Elfmeter entscheiden können, insgesamt war man aber das bessere Team.

Graz muss im Rückspiel die eigenen Angriffe sauberer und konsequenter ausspielen, so dass die ansatzweise gefährliche Angriffe nicht zu früh im Keim ersticken. Gleichzeitig muss man aufpassen, dass man Ajax nicht zu viele Räume in der eigenen Formation bietet. Vor allem der Zwischenlinienraum vor der eigenen Abwehr muss besser kontrolliert werden, hier konnte Ajax in der zweiten Hälfte zu oft aufdrehen und die schnellen Angreifer in die Tiefe schicken.

Autor: Michael Heinle 

Kategorie Allgemein, Champions League, Spielanalysen

Interessiert sich für Taktik und Training. Positionsspiel, hohes Pressing und dynamische Positionswechsel. Großer Pep Guardiola Fan. Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, kann du dies für 1€/Monat auf Patreon machen und erhälst exklusive Beiträge dazu (https://www.patreon.com/user?u=33684939&fan_landing=true)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.