Frankreichs neues Juwel

Nachdem die Französische Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft 2018 trotz einiger schwächerer Momente souverän für sich entscheiden konnte, wurde das vor allem als Resultat der hervorragenden Jugendarbeit der letzten Jahre gesehen. Dass dies durchaus wahr ist, sieht man an ihrem großen Pool an Top-Spielern und Talenten wie Lucas, Mbappe und Pavard. Ein Spieler, der dabei selten erwähnt wird, ist Tanguy Ndombele von Olympique Lyon. Dennoch haben einige Spitzenklubs wie Tottenham und Leipzig den 21-jährigen schon auf dem Zettel und gaben laut einigen Medien sogar schon ein Angebot für ihn ab. Aus diesem Grund habe ich mir den Spieler einmal genauer angeschaut.

Positionen und Allgemeines

Ndombele spielte letztes Jahr für Lyon entweder auf der Doppelsechs neben Lucas Tousart im 4-2-3-1 oder nach der Umstellung Bruno Genesio`s zum 4-Raute-2 die rechte oder linke Achter-Position. Lyon praktizierte dabei meist einen tieferen Block mit Mittelfeldpressing, welches gegen einige Gegner auch weiter vorne gespielt wurde.
Im Spielaufbau nahm Ndombele dabei eine wichtige Rolle ein, da Lucas Tousart im Ballbesitzspiel unter Druck doch immer wieder erhebliche Schwächen zeigte.

Stärken

Das Aufbauspiel offenbart dabei eine große Stärke des Talents. Er ist unglaublich pressingresistent und dank eines guten Umblickverhaltens, gepaart mit Reaktionsschnelligkeit, liest er die Anlaufbewegungen der Gegner sehr gut. Aus diesem Grund kann er nach oder mit der Ballannahme eine sehr gute Folgeaktion in die richtige Richtung ausführen. Ndombele hat ein sehr gut ausgeprägtes Gespür für Dynamiken. Sein starker Antritt, bei dem er stark mit den Armen arbeitet und den Oberkörper nach vorne lehnt, ermöglicht es ihm, leicht am pressenden Gegenspieler vorbei zu kommen.
Aus diesen Aktionen folgen dann seine dynamischen Läufe mit Ball, bei denen sein hervorragendes Dribbling zur Geltung kommt. Sein Dribblingstil ist dabei oft unsauber, da oft enge Ballführung und wegspringen zu scheinende Bälle sich abwechseln.
Dies stellt allerdings kein Problem dar, weil er ähnlich wie Ousmane Dembele die Kontrolle über diese Bälle behält und damit die Gegner herauslockt, um sie dann auszuspielen. Somit überspielt er das gegnerische Pressing mit relativer Leichtigkeit meist im Alleingang.

Er benutzt in statischen Situationen eher den Außenrist, wobei er in dynamischen den Innenrist bevorzugt.
Beim Dribbling selbst verzichtet er mit Ausnahme des Übersteigers auf Tricks mit den Beinen. Er benutzt dagegen häufig Körpertäuschungen, Bewegungsänderungen und Dynamikänderungen, wobei ihm die Beweglichkeit seiner Hüfte sehr hilft. Diese erlaubt ihm auch die sogenannten „Fake-Passes“.
Diese Läufe können sich auf ca. 20 Meter erstrecken und zeigen natürlich auch, dass die Ligue 1 nicht die beste Liga in Europa ist.
Eine weitere Stärke Ndombeles ist auch seine sehr gute Übersicht. Vor allem in unübersichtlichen und engen Situationen unter Druck behält er die Ruhe und zeigt eine gute Passwahl. Seine Pässe in den Lauf sind dabei gut getimed und meist von guter Gewichtung. Manchmal spielt er die Pässe jedoch etwas unsauber und diese springen dann zu sehr.
Er besitzt allerdings ein gutes Arsenal an verschiedenen Pässen, sowohl auf kurze als auch auf lange Distanz, wobei er weite Pässe mit dem Außenrist vermeidet.
Generell sind aber seine Pässe zwischen die Pressinglinien oder hinter die Abwehr sehr stark.

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In dieser Szene gegen Dijon überspielt Ndombele mit einem Fake-/No-Look-Pass die gegnerische Pressinglinie entgegen seines Blickwinkels und zeigt seine Übersicht.

Außerdem zeigt er Stärken, die vor allem Fans des Juego de Posicion gefallen werden. Er hat immer eine offene Körperausrichtung zum Ball hin, was ihm eine stabile Ballsicherung erlaubt.
Dazu spielt er nach Läufen mit dem Ball fast immer den am weitesten entfernten Spieler an, was richtig ist, da sich bei Läufen meist das Pressingnetz um einen stark verengt und damit weit entfernte Räume offen werden (meist auf dem Flügel).
Eine wichtige Regel des JDP ist, nie in den Raum zu laufen, in den man gespielt hat. Dieses Credo hat Ndombele nahezu verinnerlicht, wobei er auch da leichte Schwankungen aufweist.
Auch bezüglich des Spiels ohne Ball beweist er Stärken. Er besitzt ein gutes, aggressives Anlaufverhalten. So vermindert er Geschwindigkeit und Schrittfrequenz, je näher er dem Gegner kommt. Sein Nutzen des Deckungsschattens ist auch gut, wo ihm natürlich auch seine Athletik hilft, da er so vielleicht doch noch den ein oder anderen Pass mehr abfängt.Falls seine Pressinglinie überspielt wurde und er ins Rückwärtspressing gezwungen ist, ist er stark, da er meist die „Blind-Side“ des Gegners angreift und somit für den Gegenspieler nur spät zu sehen ist.

Schwächen

Ndombele weist etwas Probleme im Raumgefühl und in der Positionierung auf. Er ist dabei manchmal zu nahe am Gegner/Mitspieler oder etwas unsauber im Halbraum. Doch obwohl sein Raumgefühl ausbaufähig ist, bringt es ihm auch Vorteile, da zu kurze Abstände Gegner anlocken und somit auch Platz für seine Dribblings schaffen.

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Hier positioniert sich Ndombele unsauber im Halbraum und kommt zu nahe an den ballführenden Außenverteidiger.

Zudem besitzt er für seine Größe von 181cm ein schlechtes Kopfballspiel, da er weder über sonderlich gutes Timing, noch eine besondere Sprungkraft verfügt.
Ein weiteres Manko kommt mit einer seiner Stärken. Normalerweise sollte man beim Dribbling immer diagonal auf den Gegenspieler zulaufen. Ndombele macht das meistens, jedoch läuft er bei seinen „Marathons“ mit Ball oft vertikal an, um dann im letzten Moment eine Körpertäuschung einzusetzen. Manchmal bringt er die Körpertäuschung zu spät und/oder der Gegenspieler foult ihn, womit er das Spiel verschleppt.
Dazu braucht er hin und wieder zu viele Ballkontakte im ersten Spielfelddrittel, was auch aus seinem Hang zu Läufen mit Ball erwächst.

Obwohl man es aufgrund seiner Physis erwarten könnte, ist er kein Box to Box-Spieler. Er ist ein kreativer „Pressingüberspieler“. Im gegnerischen Strafraum taucht er recht selten auf und besitzt auch keinen sonderlich guten Abschluss. Er ist eher ein Kreierer, er macht die Läufe in die gefährlichen, tornahen Zonen meist gar nicht, auch wenn sich Möglichkeiten ergeben würden. Ist aber halb so dramatisch, da viele Trainer das von ihren 6ern und 8ern gar nicht wollen.

Schusstechnik

Seine Schusstechnik ist durchaus interessant. Unmittelbar vor dem Schuss neigt er seinen Körper nach links und verlagert sein Gewicht auf das Standbein. Dazu nimmt er mit seinen Armen Schwung. Bis dahin ein ganz normaler Schuss, jedoch lässt er sein Bein nach dem Abschluss übermäßig hoch „durchschlagen“, womit er einen interessanten Effekt erzielt. Der Ball dreht sich in der Luft nicht und kann leicht zu einem „Flatterball“ werden.

Eventuelle Probleme

Ndombele besitzt eine leichte Supination der Füße. Dabei bewegt sich der Fuß beim Laufen nach Außen weg und Stöße werden falsch abgedämpft. Das kann zu Verletzungen führen und könnte vor allem bei Lyons Mittelfeldjuwel problematisch werden, da seine Art des Fußballs aus vielen Dynamik- und Bewegungsänderungen besteht. Bisher ist er von Verletzungen zwar verschont geblieben, es könnte jedoch ein Problem in höherem Alter für ihn werden, auch wenn seine Supination nicht so stark ausgeprägt ist. Von daher sind schwerere Verletzungen trotz allem eher unwahrscheinlich.

Fazit

Liest man nun Stärken und Schwächen, fällt auf, dass er nicht nur ein Manko besitzt, aber dies ist in meinen Augen nicht so problematisch, wie es scheinen mag. Ndombeles Probleme, wie das situativ fehlerhafte Positionsgespür, sind für einen hochklassigen Trainer behebbar. Seine Dribblingfehler, die sich manchmal bei ihm einschleichen, sind nicht so schlimm, da er das Dribbling meistens sehr gut beherrscht und daher bei passendem Training auch dieses Problem gelöst werden kann.
Persöhnlich sehe ich Ndombele über kurz oder lang bei einem Topklub. Vor allem bei einer Mannschaft wie Leipzig könnte sein gutes Pressing und seine Fähigkeiten im Passspiel und Dribbling zur Geltung kommen. Auch bei Tottenham oder Manchester United wäre er vorstellbar. Vor allem letzteres könnte seine Stärken gut betonen. Mannschaften, die einen tiefen Block mit Konterfokus spielen, brauchen Spieler, die bei Ballgewinn sofort umschalten und resistent gegen das Gegnpressing sind. Ein Konterfokus ermöglicht Spielern außerdem eine leichtere Passwahl, da die Optionen weniger und offensichtlicher sind. Aber generell wird er mit seinem Talent wahrscheinlich jeder Topmannschaft in näherer Zukunft gut zu Gesicht stehen.

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