Blitzanalyse: Positionsspiel führt zu Tor

Dieser Artikel wird der erste Test für ein neues Format, dass wir Blitzanalyse nennen. Ziel dieses Format soll es sein, eine bestimmte Situation zu analysieren und gewisse Prinzipien aufzuzeigen. Angefangen mit einer Toranalyse des Tores von Kevin de Bruyne gegen Chelsea in der letzten Hinrunde.

Pep Guardiola ist bekannt für sein Positionsspiel. Verschiedene Facetten prägen diese Art zu spielen. Von Mannschafts- über Gruppentaktik bis hin zu Individualtaktik ist alles genau durchgeplant. Es lassen sich stets wiederkehrende Verhaltensweisen beobachten. Die Kunst des ganzen Systems ist es aber, die volle Kreativität der einzelnen Spieler in einem abgesteckten Rahmen zum Tragen zu bringen.

Bei Kevin De Bruynes Tor gegen Chelsea in der letzten Saison konnte man viele Grundelemente des Positionsspiels wiederentdecken.

Toranalyse – Andribbeln, um Druck zu erzeugen

Nicolas Otamendi erhält zu Beginn der Szene den Ball halblinks. Chelseas passives Pressing ermöglicht es dem Argentinier einige Meter mit dem Ball zu gehen. Er dribbelt also den gegnerischen Verteidigungsblock an. Das Andribbeln ist zentraler Bestandteil des Positionsspiels und wird dazu genutzt einen freien Spieler zu finden. Viele Verteidiger würden ab einer gewissen Höhe ohne Anspielstation abdrehen, nicht so bei City. Otamendi bewegt sich, verstärkt durch die Bewegungen seiner Mitspieler, bis auf die Höhe der Mittellinie.

Andribbeln Otamendi

Chelseas passives Mittelfeld gibt Otamendi sehr viel Zeit am Ball. Einer der Gründe für die Passivität könnte die Gefahr, die von Kevin De Bruyne und David Silva ausgeht, sein. Die beiden zentralen Mittelfeldspieler bewegen sich zwischen den Linien Chelseas im Halbraum. Im Laufe der Situation lässt sich feststellen, dass die Mittelfeldakteure Chelseas auf das Verschließen der Passwege ins Zentrum bedacht sind.

Weglaufen, um zu helfen

Typischerweise bewegen sich viele Spieler, auch in der Bundesliga, dem Ballführenden entgegen, um ihn zu unterstützen. Nicht so in dieser Situation. David Silva bewegt sich weg von Otamendi und fordert jenen durch ein Handzeichen auf noch weiter mit dem Ball nach vorne zu gehen. Im Positionsspiel gibt es einen Grundsatz, dass der Ball nur abgegeben werden soll, wenn dadurch ein Vorteil entsteht. Das Zurückweichen von David Silva ist in zweierlei Hinsicht das konsequente Umsetzen dieses Grundsatzes.

Zum einen ist Nicolas Otamendi in einer idealen Situation, da er bereits sehr viel Raum hat. Ein Entgegenkommen würde dem Argentinier nicht weiterhelfen, ähnlich zu einem Pass zu David Silva nachdem sich City dann in einer schlechteren Ausgangsposition für einen Angriff befinden würde.

Außerdem schafft David Silva durch seine Bewegung noch mehr Raum für seinen Teamkollegen. Erinnern wir uns zurück an Chelseas Mittelfeldspieler. Jene waren auf das Verschließen der Passwege ins Zentrum fokussiert. Folglich lassen sich Willian und Kanté ein Stück fallen und schieben näher zu David Silva, um ein Anspiel in den Zwischenlinienraum zu verhindern.

Silva Raum öffnen

Entscheidend ist die Position von Gabriel Jesus. Den verbleibenden Raum im Zentrum muss Cesc Fabregas nun schließen, damit ein Pass auf Gabriel Jesus verhindert werden kann. Silvas „weglaufen“ vom Ballführenden hat weitreichende Auswirkungen auf den Verteidigungsbund der Londoner.

Suche die diagonale Anspielstation

Wer sich bereits näher mit der Philosophie von Pep Guardiola beschäftigte, wird wohl häufiger auf einen bestimmten Leitsatz gestoßen sein.

“Move the opponent, not the ball. Invite the opponent to press. You have the ball on one side, to finish on the other.”

Pep Guardiola

Die Umsetzung des zweiten Satzes konnte man auch in dieser Situation beobachten. Während viele Teams versucht hätten sich über die linke Seite durchzuspielen, wählte Otamendi den diagonalen Halbraumwechsel. Entscheidend dafür ist die Positionierung von Kevin De Bruyne. Die Besetzung des rechten Halbraums ermöglicht Otamendi den Pass zwischen die Linien.

Neben der grundsätzlichen Verteilung der Spieler, zahlt sich nun auch die Bewegung von David Silva zuvor aus. Durch dessen raumöffnende Bewegung und der Position von Gabriel Jesus ergibt sich Raum zwischen Cesc und Bakayoko. Der Franzose schiebt das entstehende Loch nicht schnell genug zu und City kann den Raum nutzen.

Line breaking

Auch ein schnelles Verschieben von Bakayoko hätte die Gefahr noch längst nicht gebannt, denn über den Sechser und Halbverteidiger Walker wäre es City möglich gewesen die gegenüberliegende Seite zu attackieren und Sterling in eine 1v1 Situation zu bringen.

Der wahrscheinlich größte Vorteil des geordneten Positionsspiels ist der Variantenreichtum im Angriffsspiel. Richtig ausgeführt, ist es für den Gegner sehr schwer alle Angriffsmöglichkeiten zu schließen. Wird eine Angriffsroute gut verteidigt findet City eine andere Möglichkeit, um sich einen Vorteil in der gegnerischen Hälfte zu verschaffen.

Tempoverschärfung und Bewegung ohne Ball

Das Besondere an Pep Guardiolas Manchester City sind die plötzlichen Tempoverschärfungen im Angriff. Nach der ruhigen Ballzirkulation erhöhen sie merklich das Tempo, nachdem Otamendi Kevin De Bruyne zwischen den Linien finden konnte.

Entscheidend für den erfolgreichen Angriff zwischen den Linien sind die sofortigen Bewegungen in die Tiefe seiner Mitspieler. David Silva genauso wie Gabriel Jesus ziehen durch ihre diagonalen Sprints die Abwehr in die Tiefe und öffnen gleichzeitig Raum für Kevin De Bruyne. Perfekt abgestimmt stürmen Jesus und Silva nach halbrechts, während De Bruyne von halbrechts in die Mitte zieht. Der kurze Doppelpass mit Jesus nimmt den herausrückenden Innenverteidiger Tim Cahill aus dem Spiel. Der Routinier ist nicht in der Lage die Richtung schnell genug zu wechseln und kann so Kevin De Bruyne nicht stoppen.

Fazit Toranalyse

Das Tor steht sinnbildlich für einen Angriff von Manchester City. Freier Raum wird attackiert (Otamendi Andribbeln), der Gegner in einen Raum gelockt (Silvas Bewegung) und letztlich versucht man die Seite zu wechseln (Halbraumverlagerung auf De Bruyne). Wenn der Ball zwischen den Linien angekommen ist, entscheidet die Qualität der Spieler über den Outcome des Angriffs. Hier zeigte Kevin De Bruyne wieso der wohl zu den besten Spielern Europas zählt.

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Kategorie Allgemein, Aspektanalyse, International, Spielanalysen

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