Tiefes Pressing, hohes Pressing

Mit Dortmund und Leipzig trafen sich gleich am ersten Spieltag zwei Mannschaften mit Champions League-Ambitionen. Beide Mannschaften wechselten in der Sommerpause ihren Trainer. Die Borussia soll mit Lucien Favre endlich wieder attraktiven, erfolgreichen Fußball spielen. Auf der Seite der Leipziger ist Ralf Rangnick zum zweiten Mal der Übergangstrainer für ein Jahr.

Beide Trainer haben sehr konkrete Ideen, wie ihre Mannschaft Fußball spielen soll. Dies kann man gut erkennen, wenn man auf das Pressing der beiden Mannschaften schaut. Ralf Rangnick steht für aggressives Pressing und schnellen (Konter-)Fußball. Lucien Favre präferiert dagegen ein defensiveres, aber dafür kompakteres Pressing.

Das Hauptaugenmerk dieses Artikels soll deswegen auf das unterschiedliche Pressing der beiden Mannschaften gelegt werden und soll zeigen, wie weit die beiden Trainer damit schon sind,  warum die gegnerische Mannschaft im Spielaufbau damit Probleme hatte und, was sie noch verbessern müssen.

Grundaufstellung

Dortmund spielte in einem 433. Auf den Halbpositionen spielten Thomas Delaney und Mahmoud Dahoud. Delaney positionierte sich tendenziell etwas höher als Dahoud. Ab und an ließ sich einer der Achter zwischen die Innenverteidiger fallen. Im Normalfall ließ sich aber der dahinter agierende Axel Witsel zurückfallen. Die beiden Außenstürmer Marco Reus und Christian Pulisic waren selten ganz auf dem Flügel, sondern zogen meistens etwas in die Mitte. Die Breitengeber waren dann die aufrückenden Außenverteidiger.

Leipzig spielte in einem 41212, also einem 442 mit einer Raute im Mittelfeld. Als Sechser spielte Diego Demme, auf den Achterpositionen Kevin Kampl links und Marcel Sabitzer rechts. Auf der Zehnerposition befand sich Emil Forsberg. Jean-Kevin Augustin und Yussuf Poulsen bildeten die Doppelspitze.

BVB mit Problemen bei Angriffspressing der Leipziger

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RB Leipzig wollte mit aggressivem Angriffspressing den Dortmundern keine Chance lassen, kontrolliert nach vorne zu spielen. Die Formation der Leipziger hatte den Zweck, dass sie beim Pressing überall sehr nah an den Gegenspielern waren, denn mit ihrem 41212 besetzten die Leipziger genau die Zonen, wo sich Dortmunds Mittelfeldspieler befanden. Trotzdem wäre es falsch, von Mannorientierungen zu sprechen, da die Leipziger unabhängig von der Positionierung des Gegners in der Zone verteidigten und sehr stark in die Richtung des Balles schoben. Die Ausnahme war Forsberg, der sich stark an Witsel orientierte und ihn beim Zurückfallen verfolgte.

Wenn Dortmund das Spiel von hinten aufbauen wollte, attackierten die beiden Stürmer sofort die Innenverteidiger. Forsberg blieb mannorientiert bei dem zurückfallenden Witsel. In den Halbräumen, wo meistens Dortmunds Achter zu finden waren, standen Sabitzer und Kampl. Diego Demme stand als Absicherung im Sechserraum und war der einzige Leipziger Mittelfeldspieler ohne Gegenspieler vor sich. Die beiden Außenverteidiger rückten beim Pressing sehr aggressiv nach vorne.

Der Spielaufbau wird nach außen gelenkt

Dortmunds Außenverteidiger blieben meistens frei. So wurde das Zuspiel nach außen provoziert. Sobald der Ball von den Dortmundern zu einem der Außenverteidiger gespielt wurde, rückten die Gäste sehr stark auf diese Seite.

Der ballnahe Stürmer und Achter griffen den Ballführenden an. Forsberg blieb meistens bei Witsel. Der andere Stürmer rückte stark in die Mitte und versperrte ein Zuspiel in die Mitte. Diego Demme rückte ebenfalls sehr stark ein. Der ballentfernte Achter ließ sich meistens etwas Zurückfallen und besetzte das Zentrum. Der Außenverteidiger rückte weit nach vorne und attackierte den ballnahen Achter oder Außenstürmer der Dortmunder. Die restlichen Verteidiger schoben ebenfalls stark zur Seite, sodass durch das Aufrücken des Außenverteidigers keine Lücke entstand.

Solche Aktionen auf dem Flügel waren oft leichte Balleroberungen für die „roten Bullen“, denn Favres Mannschaft positionierte sich dabei unpassend. Der ballnahe Achter- vor allem Delaney- und Witsel standen deutlich zu weit auf dem Flügel und zu nah am Ball. Delaney versperrte mit seiner Positionierung den Passweg zu Reus, sodass der deutsche Nationalspieler nur noch mit einem langen Ball anspielbar war. Die Leipziger konnten dadurch zu einfach die Passwege zustellen und die Zonen in der Nähe des Balles stark verdichten.

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Außerdem verschob der ballenfernte Achter zu nah auf die ballnahe Seite. Das Zentrum von Dortmund war deswegen zu oft unbesetzt (markierte Zone) und Dortmund hatte keine Option das Spiel durch das Mittelfeld zu verlagern. Durch das starke Verschieben der Leipziger wäre im Zentrum viel Platz und die Dortmunder könnten bei besserer Zonenbesetzung das Pressing leicht überspielen.

Die einzigen Möglichkeiten aus dem Pressing zu gelangen waren entweder lange Bälle nach vorne auf Reus, beziehungsweise Pulisic oder der Pass auf Bürki. Der schweizer Torwart hatte dann aber meistens auch keine andere Möglichkeit als den Ball wegzuschlagen, da der eingerückte Stürmer Bürki gut anlief und damit den Passweg auf die andere Seite verhinderte.

Dortmund mit typischem Favre Pressing 

Wer Favre kennt, weiß, wie er gegen den Ball spielen will: tiefes Mittelfeldpressing, dafür sehr kompakt und kaum Lücken zwischen den Reihen. Dies erläuterte er auch bereits in seiner ersten Pressekonferenz für Borussia Dortmund.

Lucien Favre ließ die Dortmunder in einem 451 verteidigen. Hier ließen sich die beiden Flügelstürmer Reus und Pulisic auf die Höhe der Mittelfeldkette fallen. Der BVB ließ die Leipziger Verteidiger in Ruhe aufbauen und konzentrierte sich auf das Zustellen in der eigenen Hälfte. Wenn die Dortmunder tiefer standen, schafften sie es in den meisten Fällen, kompakt zu bleiben und boten RB Leipzig, wie auf dieser Abbildung, kaum Räume an.

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Selten pressten sie den Gegner früher und griffen die Leipziger Verteidiger an. Passierte dies doch, entstand ein 442 mit Reus und Philipp vorne oder ein 433. Dann bildete sich jedoch eine Lücke zwischen Dortmunds Stürmer und Mittelfeld, weil Delaney und Dahoud zu wenig nachrückten und zu passiv blieben. Durch die Überzahl der Leipziger Abwehrspieler war es kein Problem, die erste Pressinglinie Dortmunds zu überspielen.

Doch die Leipziger konnten mit dem offenen Raum wenig anfangen. Die Besetzung im Spielaufbau war meistens nicht gut. Demme ließ sich teilweise unnötig in den Halbraum fallen und Forsberg war zu oft auf dem Flügel. Die Leipziger hatten zu oft das gleiche Problem wie die Dortmunder: das Zentrum war unterbesetzt. Doch anders als bei den Dortmundern musste man die Leipziger dafür nicht erst auf den Flügel locken.

Außerdem fehlt den Leipzigern ein Spieler der das Spiel beruhigen kann. Der Ball wurde viel zu schnell ohne passende Anspielstation nach vorne gespielt. Leipzig verlor dadurch den Ball zu schnell und unnötig.

In der zweiten Hälfte zogen sich die Dortmunder noch weiter zurück. Durch den eingewechselten Wolf bildeten sie manchmal sogar eine Fünferkette. Dass dies von Favre so gewollt war, ist aber zu bezweifeln. Die Borussia überließ den Gästen den Ball und fokussierte sich auf das Kontern. Dies klappte auch schon relativ gut.

Die Dortmunder standen für die Leipziger zu tief und zu kompakt und gaben ihnen nicht den Raum, den sie benötigten, um gefährlich zu werden.

Fazit

Der Dormunder Sieg und vor allem die Höhe war eher glücklich als verdient. Die Borussia hatte große Probleme mit dem Angriffspressing der „roten Bullen“. Das Leipziger Pressing wirkte schon weiter, ist aber keine große Überraschung, da Leipzig schon deutlich mehr Pflichtspiele bestritten hat.

Dortmund muss durchgehend kompakt verteidigen, um wirklich erfolgreich zu werden. Viel wichtiger ist allerdings, dass sie schnell Fortschritte im Aufbauspiel erreichen, da hier große Schwächen zu erkennen waren. Ob die Mitttelfeldbesetzung mit Witsel, Delaney und Dahoud die Richtige ist, bleibt abzuwarten. Ich habe daran eher Zweifel.

Leipzig muss schauen, dass sie nicht nur in Umschaltmomenten gefährlich werden können. Auch bei ihnen ist das Aufbauspiel noch verbesserungswürdig. Weil sich Sebastian Rudy nicht für Leipzig entschieden hat, müssen sie woanders nach einem Spieler schauen, der das Mittelfeld stabilisiert und das Spiel beruhigen kann.

 

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