Wie schlägt sich Titz System in Liga 2?

Wie verlief der Saisonstart beim Hamburger SV? Dieses Jahr ist ein historisches Jahr. Das erste Mal überhaupt findet eine Bundesligasaison ohne den Hamburger Sportverein statt. Nach einer schwachen Saison war es so weit. Die Jahre davor schaffte es der HSV sich immer wieder über die Relegation zu retten, letzte Saison ging es mit Platz 17 direkt in Liga zwei. Dieser Abstieg war das Ende einer Ära, die Ära des Bundesliga-Dino.

Gleichzeitig war es aber auch ein Neuanfang. Mit jungen Spielern und einem taktisch mutigen Trainer Christian Titz wollen die Rothosen den Wiederaufstieg packen. Nebenbei haben sie sich bereits zum Ende der letzten Saison zu einer der interessantesten Bundesligamannschaften gemausert.

Viele Neue

Klar war auch, mit dem Abstieg wird sich einiges in Hamburg ändern, vor allem personell. 17 Spieler verließen den HSV. Der ein oder andere war ausgeliehen und kehrt nun eben nicht zum HSV zurück oder spielte schon lange keine Rolle mehr. Denn Fakt ist auch, der neue Trainer hat mit seiner Art Fußball spielen zu lassen viele Stammspieler überzeugt. Aaron Hunt, Gotoku Sakai, Lewis Holtby oder Kyriakos Papadopoulos bleiben dem Verein erhalten. Sie alle möchten am Projekt Wiederaufstieg mithelfen.

Dazu kamen noch 8 externe Neuzugänge, für nur 2,7 Millionen Euro. Der teuerste Neuzugang ist dabei Khaled Narey. Der Offensivakteur von Greuther Fürth kostete 1,7 Millionen Euro und weiß bisher auch am meisten von allen Neuzugängen zu überzeugen. Am letzten Tag der Transferperiode liehen die Hamburger noch Hee-Chan Hwang von RB Salzburg aus (Leihgebühr 1 Millionen Euro), außerdem sicherte man sich die Dienste von Orel Mangala und Léo Lacroix für jeweils ein Jahr.

Neben den vielen Leihgaben verstärkte man den Kader mit den jungen David Bates und Manuel Wintzheimer und sicherte sich die Dienste der erfahrenen Jairo Sampeiro und Christoph Moritz. Die Neuzugänge verstärken bisher die Hamburger Mannschaft bzw. fühlen die Löcher, die die Abgänge hinterlassen haben. Der Kern der Mannschaft besteht aber aus Akteuren, die letzte Saison bereits dabei waren.

Der Kern des Teams

In den bisherigen Spielen veränderte Christian Titz nur auf wenigen Positionen seine Aufstellung. Im Tor ist der spielstarke Julian Pollersbeck gesetzt, während der 19-jährige Rick van Drongelen der neue Abwehrchef ist. Auch Ex-Kapitän Sakai und Linksverteidiger Douglas Santos sind aktuell gesetzt. David Bates lief bisher auch in allen Spielen auf, ist aber längst noch nicht gesetzt.

Im Mittelfeld ist bisher die einzige Konstante Lewis Holtby. Der ehemalige Schalker spielte bereits mit den verschiedensten Akteuren zusammen im Dreiermittelfeld. Aaron Hunt, Orel Mangala, Matti Steinmann und Vasilije Janjicic bekamen bereits alle ihre Einsätze. Aktuell scheint sich Mangala als stabilisierender Sechser durchgesetzt zu haben. Auch Aaron Hunt wird wahrscheinlich regelmäßig von Beginn an Auflaufen, als neuer Kapitän wäre alles andere auch verwunderlich.

In der Offensive ist der bisher alles überragende Khaled Narey nicht mehr wegzudenken. Der Neuzugang spielt mit sehr viel Energie, arbeitet auch in der Defensive immer mit vollen Einsatz mit. Außerdem bringt er mit seinen Dribblings, Laufwegen und Distanzschüssen dem HSV Spiel die nötige Durchschlagskraft. Auf der anderen Seite agierte bisher der junge Ito und der nun schwer verletzte Jairo Sampeiro. Gut vorstellbar, dass Neuzugang Hwang nun auch über den linken Flügel kommen könnte. Die Leihgabe von RB Salzburg fühlt sich grundsätzlich auf der Außenbahn und im Sturmzentrum wohl.

Dort agiert bisher Pierre-Michel Lasogga, nachdem Titz Experiment ohne echten Stürmer am ersten Spieltag gegen Kiel noch nicht funktioniert hatte. Der sehr talentierte Fiete Arp bekam bisher hingegen noch keine Spielzeit in der zweiten Liga, genauso wenig wie Neuzugang Wintzheimer.

Verkorkster Start

Nach vielversprechenden Testspielen war zum Auftakt Holstein Kiel zu Gast. Die Kieler, letztes Jahr überraschend dritter, möchten auch diese Saison mit ihrem neuen Coach Tim Walter wieder angreifen. Für der HSV war das wohl der unpassendste Gegner zum Start. Zwar begann man dominant, doch Kiel verstand es sehr gut das Pressing des HSVs auszuspielen und die Schwächen der Norddeutschen zu nutzen. Letztlich ging der Auftakt mit 0:3 ganz schön daneben.

Eine ausführliche Analyse zum Spiel gegen Kiel gibt es bei Spielverlagerung.de. Dort geht Eduard Schmidt genauer auf die Wechselwirkungen der beiden Systeme ein und erklärt die Probleme des HSVs gegen die Mannschaft von Tim Walter.

Das Spiel des HSVs nach der Kiel-Pleite

Nun möchte ich nicht immer nur von Spiel zu Spiel auf den HSV blicken, sondern kurz die Spielweise des HSVs gegen Sandhausen und Bielefeld darlegen. Zwar sind letztlich noch nicht sehr viele Spiele gespielt, ursprünglich hätte das Spiel gegen Dresden natürlich auch noch in die Bewertung einfließen sollen. Trotz der kleinen Stichprobe lassen sich bereits erste Muster erkennen.

Herzstück des Hamburger Spiels ist das Aufbauspiel. Hier hatte Titz bereits zu seinem Amtsantritt viel verändert. Als einer der ersten Trainer in Deutschland nutzt er eine hohe Torwartkette und bindet so Julian Pollersbecks Fähigkeiten mit dem Ball bestens ein. Dadurch, dass beim HSV kein Sechser zwischen die Innenverteidiger abkippen muss, um das Spiel von hinten aufzubauen, haben die Hanseaten eine Überzahl, da der Gegner eben nur mit 10 Feldspielern verteidigen kann.

Ito im Halbraum

Bereits letzte Saison nutze man Julian Pollersbeck im Aufbauspiel, hier in der Partie gegen Wolfsburg

Im Aufbauspiel gibt es unterschiedliche Varianten. Bei allen spielt Julian Pollersbeck zwischen den recht spielstarken Innenverteidigern Bates und van Drongelen. Einzig ist es hin und wieder verwunderlich, wie sehr man sich auf Pollersbeck verlässt. Gegen Kiel war er regelmäßig der Spieler, der das Pressing der Kieler hätte überspielen müssen. Bekanntlich gelang dies nicht so gut.

Kaum ein Gegner hat bisher Pollersbeck dauerhaft angelaufen. Vereinzelt mal die Kieler. Die meisten Gegner stellen die direkten Anspielstationen zu (Sandhausen, Kiel) oder warteten etwas tiefer ab (Bielefeld).

Die Innenverteidiger fächern meist weit auf, und die Außenverteidiger schieben nach vorne. Nun gibt es unterschiedliche Möglichkeiten wie sich die zentralen Mittelfeldspieler positionieren.

Solosechser

Die übliche Variante ist die Folgende: Mangala bewegt sich als einziger Sechser hinter der ersten Pressinglinie des Gegners. Die beiden Achter positionieren sich hingegen höher und zwar hinter dem Mittelfeld des Gegners, wie hier Hunt und Holtby.

Spielaufbau ein Sechser

Durch Pollersbeck haben die Hamburger eine gute Struktur, um den Ball in der ersten Linie schnell zirkulieren zu lassen. Dies öffnet Raum für die Innenverteidiger, die dann mit dem Ball nach vorne dribbeln und Pässe zwischen die Linien spielen können. Gerade bei David Bates liegen hier die Stärken, obwohl der Schotte aktuell noch sehr mit der Anpassung zu kämpfen hat und seine Aktionen oft unsauber wirken.

Auch Orel Mangala wirkt noch nicht wie die ideale Besetzung. Durch ihn erhofften sich die Hamburger mehr defensive Stabilität. In Umschaltsituationen oder während des normalen Verteidigungsprozesses zeigt Mangala auch seine Stärken, jedoch fehlt es ihm noch an der spielerischen Klasse, um die Hamburger im Aufbauspiel unterstützen zu können.

Um diese Schwäche zu kaschieren nutzte Titz bereits eine andere Staffelung im Aufbauspiel. Einer der Achter ließ sich weiter fallen und bildete eine Doppelsechs. Dies gab es auch schon zu sehen, als Matti Steinmann auf der Sechs agierte. Mangala benötigt hier aber sichtlich mehr Unterstützung als Steinmann.

Die Doppelsechs

Durch die Doppelsechs hat der HSV noch einen Spieler mehr im Übergang von tiefer Zirkulation ins zweite oder letzte Drittel.

Außerdem ergeben sich gute diagonale Passwinkel. Gegen die meisten Teams der zweiten Liga kommt der HSV so recht einfach hinter die erste Pressinglinie, da das übliche 4-4-2 Pressing nicht effektiv alle Anspielstationen für die erste Linie schließen kann.

Spielaufbau Doppelsechs

Aufgrund der weiterhin vielen Offensivspieler zwischen den Linien stehen die Sechser des Gegners vor der Frage, ob sie auf Mangala und Holtby herausrücken sollen, oder doch lieber in Position bleiben, um Pässe in den Raum hinter sich zu vermeiden. So erhielten Mangala und Holtby gegen Bielefeld sehr viel Raum.

Holtbys Abkippen

Die dritte Option, die sich nun hin und wieder beobachten ließ, ist das Abkippen von Lewis Holtby auf die linke Seite.

Holtby abkippen Grafik

Wenn Holtby aus der Formation herauskippt, schiebt Douglas Santos meist in den Halbraum, um die Position weiterhin besetzt zu halten. Holtby kann seine spielerische Qualität dann außerhalb der gegnerischen Defensive zum Tragen kommen lassen. Allerdings wirkten diese vereinzelten Staffelungen bisher eher suboptimal und waren gegen Bielefeld selten effektiv. Einzig wenn der Gegner sehr mannorientiert verteidigt und die Hamburger lange verfolgt, ergeben solche Positionswechsel Sinn, da sie für Übergabemomente und damit potenzielle Fehlerquellen sorgen.

Alles in allem sieht das HSV Aufbauspiel in der Regel gut aus, man kann den Ball meist schnell zirkulieren lassen und findet so die Lücken im gegnerischen Defensivverbund. Gerade Teams, die gegen den HSV im abwartenden Mittelfeldpressing agieren, werden ihre Probleme bekommen. Durch die Einbindung von Pollersbeck hat der HSV stets eine Überzahl und wird im Laufe der Saison sicherlich weitere Fortschritte machen, um diese zu nutzen.

Noch kleinere Probleme

Aktuell tauchen immer noch Probleme bei den Hamburgern im Aufbauspiel auf. Gerade wenn die Positionierungen der Achter nicht perfekt auf den Rest abgestimmt sind. Grundsätzlich agieren die Achter unter Titz recht hoch, dies kann aber dazu führen, dass die Verbindung zu den Innenverteidigern abreißt. Dann ist der HSV ein leichteres Opfer für das gegnerische Pressing und kam so hin und wieder schon unter Druck.

Van Drongelen und Bates haben dann beispielsweise keine Anspielstation im Halbraum mehr. Die Konsequenz ist, dass der Gegner die Passwege auf Mangala und die Außenverteidiger verschließt, oder nach einem Pass den Außenverteidiger schnell anläuft und jenen isoliert.

isolierter AV

Hier überlud der HSV zuerst die linke Seite mit Douglas Santos, Hunt, Mangala und Janjicic, bei der folgenden Verlagerung wird aber Sakai nicht richtig unterstützt und Bielefeld schafft es sehr geschickt den Außenverteidiger zu isolieren.

Auffällig ist, dass vier Spieler die letzte Linie besetzen, aber in der Mitte kaum Anspielstationen vorhanden sind. Nachdem Steinmann aktuell nicht gefragt ist, wurde dessen Wert deutlich. Aktuell landen die Hanseaten zu schnell auf dem Flügel, da das Aufbauspiel über Mangala nicht gut funktioniert. Entsprechend hat es der Gegner teilweise einfacher den HSV am Flügel zu pressen.

Alles in allem sind das aber Details. Denn die Mannschaft hat meistens die höhere individuelle Klasse, zumindest gegen Sandhausen und Bielefeld. Recht oft stimmen die Positionierungen auch und die Mannschaft kann sich durch die Halbräume nach vorne kombinieren.

Interessant wird es aber wenn man auf stärkere Gegner wie etwa Kiel trifft. Zwar sieht das Aufbauspiel aktuell recht stabil aus, allerdings sind immer noch individuelle Fehler und Unsauberkeiten im Passspiel zu erkennen. Des Weiteren werden schlechte Positionierungen des Mittelfelds bei einem höheren Pressing des Gegners öfters bestraft. Bereits gegen Sandhausen hatte der HSV in Halbzeit 1. vereinzelt große Probleme von hinten zu eröffnen.

Lösungen gegen das höhere Pressing

Neben Kiel zeigte auch Sandhausen, wie man den HSV vor Probleme stellen kann. Gegen das Team aus dem Süden Deutschlands hatte Titz Mannschaft arge Probleme gegen das hohe mannorientierte Pressing. Die Folge viele lange Bälle auf Lasogga, der dann als Zielspieler für Pollersbeck, der die meisten langen Bälle schlug, dienen konnte.

Dabei hatten die Hamburger aber stets eine gute Staffelung für den zweiten Ball. Narey konnte für Verlängerungen in die Tiefe sprinten, während Jairo, Holtby oder auch Janjicic von hinten nachstießen und so den zweiten Ball erobern konnten.

Neben den vielen langen Bällen hatte Christian Titz aber auch noch eine interessante Variante gegen das mannorientierte 4-4-2 Pressing. Die Außenverteidiger Sakai und Douglas Santos bieten sich vereinzelt neben dem Sechzehner an, während Bates und van Drongelen eben nicht auffächerten. Dies führte dazu, dass Sandhausen weiter nach vorne gelockt wurde und so mehr Raum im Zentrum offen war. Nur nutzen konnte der HSV das noch zu selten, da Pollersbeck die längeren Bälle fast alle auf Lasogga schlug.

Sehr interessant war auch das kurzfristige einrücken der Außenverteidiger. Sakai und Douglas Santos spielen dabei nicht wie etwa die Außenverteidiger unter Guardiola bei Manchester City, die meist dauerhaft einrücken. Sakai und Santos bewegten sich eher clever aus dem Deckungsschatten heraus in den Halbraum. Sandhausen presste beispielsweise die Innenverteidiger des HSV und hatten dabei die Außenverteidiger im Deckungsschatten. Gerade Sakai bewegte sich dann in den Halbraum und die erste Pressinglinie konnte überspielt werden.

Fazit

Eigentlich wollte ich kurz und knackig auf alle Spielphasen des HSVs eingehen. Allerdings sind das Aufbauspiel bzw. der Übergang ins letzte Drittel bei Hamburgs Spielweise das prägende Element. Hier muss man sagen, dass der HSV bereits viele interessante Varianten zeigt und das Aufbauspiel sehr ambitioniert ist. Mit dieser Spielweise wird man die meisten Spiele dominieren.

Allerdings gibt es auch noch viel Arbeit für Christian Titz. Die Struktur muss konstant gut sein, gerade die Verbindung zwischen Innenverteidigung+Pollersbeck und der Offensive muss dauerhaft gehalten werden. Und im Laufe der Saison muss der HSV Lösungen gegen ein hohes Pressing haben, um sich überall souverän durchsetzen zu können. In meinem nächsten Teil werde ich dann die anderen Spielphasen beleuchten.

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