Die Essenz des Ballbesitzes

David Alaba hat den Ball im linken Halbraum. Müller und Götze bewegen sich zeitgleich nach vorne, Lewandowski lässt sich fallen und erhält den Ball vom Österreicher zwischen den Römer Linien. Nach einem kurzen Dribbling in die Mitte kommt die finale Spielverlagerung auf die halbrechte Seite. Arjen Robben sprintet heran und vollendet den Pass hinter die Abwehr mit dem ersten Kontakt.

Wechsel auf Robben

Ein Tor so einfach und doch so schön. Die Bayern spielten in dieser Nacht wie im Rausch. Robbens Tor war nur eines von sieben, dass sie dem AS Rom einschenkten. Alle Bewegungen sahen so einfach und plötzlich aus. Gleichzeitig wirkten die Bayern wie eine gut geölte Maschine. Es sollte der zwischenzeitliche Höhepunkt der spielerischen Kunst des FC Bayerns in Pep Guardiolas Amtszeit sein. Dabei zeigten sie gegen die Roma eine der wichtigsten Mittel im Positionsspiel fast in Perfektion, die Spielverlagerung.

Was ist eine Verlagerung eigentlich genau?

Gut ob ich diese Frage wirklich ausführlich beantworten muss sei mal dahingestellt. Jeder der sich nur ein kleines bisschen mit Fußball beschäftigt hat, ist sicherlich schon auf diesen Begriff gestoßen. Wie so oft im Fußball gibt es keine exakte Definition. Ich persönlich habe meine eigene, die sich aber wahrscheinlich mit der Definition der meisten Taktikinteressierten deckt.

Bevor wir genau auf eine Verlagerung blicken, müssen wir vorab die Aufteilung des Spielfeldes klären. Grundsätzlich kann man das Spielfeld in verschiedene Zonen einteilen. Dies erleichtert zum einen die Beschreibung der einzelnen Spielerpositionen und die ungefähre Orientierung der Spieler. Zum anderen ergibt sich die vertikale Aufteilung des Feldes in fünf Zonen automatisch. Rene Maric erklärte in seinem Artikel inwiefern sich die Halbräume von der Flügelzone und dem Zentrum unterscheiden.

Feldaufteilung

Eine Verlagerung kann man nun wie folgt definieren: Wird der Ball von einer in die andere Zone gespielt und überspringt dabei eine Zone, so spricht man von einer Verlagerung. Das bedeutet, eine Verlagerung wäre ein Wechsel aus dem Zentrum zum Flügel oder Halbraum zu Halbraum.

Allerdings würde ich diese Definition nicht strikt sehen. Bei einer flachen Verlagerung spielt man mit kurzen Pässen und der Ball durchläuft dabei teilweise jede Zone. Letztlich geht es um das Ziel einer Passstaffete und wo sie enden soll. Den Verlagerungen über mehr als eine Zone ergeben mehr Sinn, gerade um den Gegner in Bewegung zu bringen.

„So wechselt der Ball nicht nur eine Zone (von Mitte in den Halbraum oder umgekehrt; vom Halbraum auf den ballnahen Flügel oder umgekehrt), was zu wenig Raumüberbrückung bedeutet, um den gegnerischen Abwehrverbund in Bewegung zu bringen, damit Lücken entstehen; aber auch nicht drei (von Halbraum auf ballfernen Flügel oder umgekehrt) oder mehr (Flügel auf Flügel), was dem Abwehrverbund genug Zeit gibt, um effektiv zu verschieben.“
Rene Maric über Halbraumwechsel, die später noch ein Thema sein werden

Warum eigentlich verlagern?

Witzigerweise wurde mir die Frage bereits ein paar Mal gestellt. Ich kritisierte häufig die vertikalen Flügelangriffe. In unserem Kreisligateam wurde der Ball meist früh auf den Außenverteidiger gespielt und dann die Linie entlang gedroschen. Meist gesellte sich noch ein Stürmer dazu, jedoch erlebte ich selten, dass wir den Ball auf unseren Sechser spielten und dann versuchten auf die andere Seite zu gelangen. Interessanterweise waren unsere besten Angriffe, die, die mit einer Verlagerung auf die andere Seite starteten. Wie sich nun einfach aus dem Kontext erschließen lässt, waren wir nicht sonderlich gefährlich in der Offensive.

Aber wieso sollte man den eigentlich versuchen zu verlagern? Gefühlt passt zu jedem Aspekt des Spiels ein Zitat von Pep Guardiola. Dieses Mal mein absolutes Lieblingszitat des Katalanen.

“Move the opponent, not the ball. Invite the opponent to press. You have the ball on one side, to finish on the other.”

Pep Guardiola

Ein fundamentaler Gedanke. Das Zitat meint nicht, dass man den Ball gar nicht laufen lassen soll. Vielmehr sollte das übergeordnete Ziel lauten, den Gegner in Bewegung zu bringen. Egal wie. Allerdings bieten sich Verlagerungen diesbezüglich an.

Pep Guardiolas Zitat drückt den Gedankengang hinter den geplanten Spielverlagerungen in seinem Positionsspiel aus. Der Gegner soll durch das Ball-Movement in Bewegung gebracht werden, damit sich Lücken ergeben. Ballorientiertes Verschieben ist in der heutigen Zeit der absolute Standard. Meist wird ein bestimmter Raum offengelassen, um in der Nähe des Balles das Spielfeld noch enger zu machen.

Nicht nur im Fußball, auch im Basketball geht es darum, den Gegner zu Fehlern zu zwingen, indem man ihn in Bewegung bringt.

“The main goal, is to just make the defense make as many decisions as you can so that they’re going to mess up at some point with all that ball movement and body movement and whatnot”

Steph Curry

Verlagerung über Stürmer

Die Citizens lassen den Ball in der Dreierkette laufen und ziehen so Arsenals Angreifer heraus. Laporte findet aufgrund der guten Freilaufbewegungen seiner Mannschaftskollegen Agüero zwischen den Linien.

Der Argentinier hat sofort verschiedene Optionen. Zum einen kann er sich mit dem Ball drehen, da Arsenals Verteidiger ihn nicht verfolgt, aus Angst Benjamin Mendy könnte frei gelassen werden. Zum anderen wäre eine Kombination mit Bernardo Silva möglich. Oder Option drei, eine Verlagerung über Gündogan auf die rechte Seite zum völlig freien Riyad Mahrez.

Die Key Facts warum man Verlagern sollte sind also die Folgenden. Man bringt zuerst einmal den Gegner in Bewegung. Dies kostet Kraft und kann im Laufe einer Partie zum Vorteil werden. Außerdem können dem Gegner bei häufigem Verschieben Fehler unterlaufen. Er verschiebt zu langsam, rückt zu schnell heraus oder schafft es nicht Druck auf den Ballführenden auszuüben.

Dadurch, dass man den Gegner in Bewegung bringt öffnet man irgendwo auf dem Feld Räume, die für die finale Angriffsaktion genutzt werden können. Speziell bei diagonalen Verlagerungen ist es möglich seine besten Angreifer in einer aussichtsreichen Position mit Blickfeld zum gegnerischen Tor anzuspielen.

In diesem sehr bekannten Video erklärt Pep Guardiola die Idee auf dem Trainingsplatz

Aufgrund der immer besseren Defensivkonzepte müssen auch Angriffe mittlerweile besser geplant sein. Es kommt auf Mechanismen und Staffelungen an, um eine erfolgreiche Verlagerung durchführen zu können.

Grundvoraussetzung für eine Verlagerung

Um ein effektives Ballbesitzspiel an den Tag zu legen, ist es notwendig, dass die Spieler einer Mannschaft gewisse Regeln befolgen. Ziel ist es ein Passnetz aufzubauen, dass es dem Gegner schwer macht den Ball zu erobern. Die grundsätzliche Struktur in Ballbesitz und das erfolgreiche Durchführen einer Verlagerung gehen Hand in Hand.

Eine Mannschaft sollte sich in Ballbesitz durch Dreiecke und diagonale Passwinkel organisieren. Des Weiteren spielt die Verteilung der Spieler auf dem Feld eine fundamentale Rolle. Es sollten alle Räume auf dem Feld besetzt oder für einen Spieler der Mannschaft erreichbar sein. So können Lücken genutzt werden, die der Gegner durch das ballorientierte Verschieben offenbart.

Das Ziel ist es, den freien Spieler in einem Raum zu finden, indem er dem Gegner weh tun kann.

“The goal is to find the free or unmarked man by moving the ball, positioning, or player movement.”

Adin Osmanbasic

Um eine passende Struktur in Ballbesitz herstellen zu können beispielsweise Regeln oder Prinzipien des Positionsspiels genutzt werden, um zu verhindern, dass einzelne Räume doppelt und andere gar nicht besetzt sind. Laut Positionsspiel sollen sich maximal drei Spieler auf der gleichen horizontalen Linie und maximal zwei Spieler auf der vertikalen Linie.

“The free man must always be supported in order to take advantage of their value. To provide this support, Guardiola’s teams usually underload the farthest point away from the ball, i.e. they leave the furthest diagonal point roughly unoccupied while the team supports areas around the ball aggressively.”

Adin Osmanbasic

Die Unterstützung des Ballführenden ist der erste entscheidende Punkt. Betrachten wir die beiden Beispiele im Folgenden. Bei welcher Raumaufteilung ist eine Spielverlagerung besser möglich?

gute Strukturschlechte Struktur
Gute StrukturSchlechte Struktur

Es wird relativ schnell deutlich, dass eine Spielverlagerung bei der linken Staffelung einfacher möglich ist. Der Ballführende wird gut durch drei Spieler unterstützt (rote Raute) auch die weiteren Verbindungsstationen sind vorhanden (blaue Dreiecke). Letztlich gibt es des Weiteren viele Verbindungen zum ballfernen Halbraum und dem ballfernen Flügel (lila Dreiecke).

Die Staffelung auf der rechten Seite hingegen, ermöglicht keine einfache Spielverlagerung. Dazu wird der Ballführende zu schlecht unterstützt. Zwar schieben wieder drei Spieler in die Nähe, jedoch gibt es kaum diagonale Passlinien. Außerdem stellt der abgekippte Sechser den Passweg zum Innenverteidiger zu und der Außenverteidiger mit dem Ball hat keine Möglichkeit einen Pass ins Zentrum zu spielen.

Auch die Verbindungsstationen im Zentrum sind weniger und schlechter positioniert. Letztlich kann die rote Mannschaft hier wahrscheinlich nur über die Innenverteidiger verlagern. Spielt sich dabei den Ball aber nur außerhalb des Defensivblocks zu und übt keinen Druck aus.

Es kommt allerdings nicht nur auf die Staffelung in Ballbesitz an. Auch die Aktionen der Spieler sind entscheidend. Das Ziel muss lauten den Gegner anzulocken, um Raum zu öffnen. Prinzipien wie das Spiel über den Dritten oder das Anlocken des Gegners durch kurze Pässe sind essenziell.

(Interessant ab 4:00)

In diesem Interview erklärt Kyle Walker sehr treffend die Idee hinter den drei Meter Pässen zwischen zwei Akteuren. Es geht darum den Gegner anzulocken, um ihn aus seiner Position zu ziehen und Räume zu öffnen.

Die Typen von Verlagerungen

Der Diagonalball

Im Zentrum erhält Jerome Boateng den Ball von Xabi Alonso. Was folgt hat man schon unzählige Male gesehen. Boateng schaut kurz hoch und spielt dann einen seiner präzisen und gefühlvollen Diagonalbälle auf Kingsely Coman. Arsenal kann wieder nur hinterherlaufen und zusehen wie der junge Franzose sich in das nächste 1v1 Duell stürzt.

Boateng Diagonalball

Wer sich nur selten mit den Einzelheiten eines Fußballspiels befasst wird eine Verlagerung mit so einem Diagonalball assoziieren. Grundvoraussetzung dafür ist ein offener Raum auf der anderen Seite. Im heutigen Fußballgeschäft verschieben alle Mannschaften ballorientiert, um in der Nähe des Balles den Raum möglichst eng zu machen.

Wie immer gibt es zu jeder Entwicklung eine Gegenentwicklung im Fußball. Um die Schwächen des ballorientierten Verschiebens zu nutzen mussten zuerst Sechser die Fähigkeit besitzen präzise lange Pässe zu schlagen.

Durch das immer weiter verbesserte Pressing hatte der Sechser immer weniger Zeit und so waren Innenverteidiger wie Mats Hummels, Jerome Boateng oder Gerard Piqué gefragt. Alle zeichnen sich durch ihre überragende Passqualität zusammen mit Weltklasse Defensivkompetenzen aus. Die Fähigkeit präzise Diagonalbälle zu schlagen gab ihrer Mannschaft einen Vorteil gegenüber der gegnerischen Verteidigung.

Gerade beim FC Bayern wurden und werden immer noch regelmäßig lange Diagonalbälle genutzt, um die gegnerische Defensive zu knacken. Mit Mats Hummels, Jerome Boateng, Xabi Alonso oder Holger Badstuber hatte man immer Akteure, die diese Pässe perfekt spielen konnten.

Der Holger hat ein brillantes Passspiel. Wenn ich allein zurück denke, wie er den Ball mit links diagonal raus zu Arjen Robben gespielt hat. Der Ball kam wie an der Schnur gezogen. Wer kann so was außer ihm?

Hermann Gerland über Holger Badstuber

Mit Spielern wie Arjen Robben oder Franck Ribery gab es immer Flügelspieler, die sehr stark im 1v1 waren. Diese Diagonalbälle wurden dazu genutzt den Gegner in Bewegung zu bringen, damit er Fehler macht, oder Räume nicht schnell genug schließen kann, die dann die guten Flügelspieler der Bayern nutzen konnten. Unter Pep Guardiola wurden so noch systematisch 1v1 Situationen auf den Außenbahnen provoziert.

Neben dem Ziel die Defensive auf diese Art und Weise zu knacken, gibt es weitere Vorteile solcher Verlagerungen. Die gegnerische Defensive muss schnell verschieben, damit sich keine zu großen Räume ergeben. Das Verschieben kostet Kraft und viele tiefstehende Gegner machen im Laufe der zweiten Hälfte mehr Fehler, die ein Team wie Bayern München bestrafen kann.

Allerdings haben diese Diagonalpässe auch Nachteile. Zum einen sind diese Bälle sehr lange in der Luft unterwegs. Der Gegner bekommt dementsprechend Zeit zu verschieben und die Möglichkeit bereits bei der Ballannahme Druck zu erzeugen. Außerdem muss der Gegner nur einmal seine Position anpassen. Bei Verlagerungen mit mehreren Zwischenstationen ist es notwendig, dass die Defensivspieler häufiger ihre Position anpassen, die Fehleranfälligkeit ist dementsprechend höher.

Der flache Seitenwechsel

Im Vergleich zu den langen Diagonalbällen sind flache Verlagerungen über mehrere Stationen zwar schwieriger durchzuführen, da es mehr freie Anspielstationen benötigt. Allerdings ergeben sich dementsprechend auch mehr Vorteile für das Team in Ballbesitz. Es ist allgemein bekannt, dass flache kurze Pässe schneller sind als lange Bälle. So kann das Team in Ballbesitz das Spiel beschleunigen, den Gegner in Bedrängnis bringen und offene Räume leichter attackieren. Denn auch die Ballverarbeitung eines flachen Passes erfordert weniger technische Fähigkeiten als die eines langen und hohen Passes.

Darüber hinaus ergeben sich verschiedene Angriffsmöglichkeiten während einer Spielverlagerung. Es kann leichter auf das Verhalten der Defensive reagiert werden und so Fehler und Schwächen schneller bestraft werden.

Grundvoraussetzungen

Spielaufbau RBL.PNG

Die Grundvoraussetzung für einen flachen Seitenwechsel, also von der einen auf die andere Seite ist eine passende Struktur in Ballbesitz. Wie ich bereits weiter oben vermerkte.

Dreiecke, Rauten und unterschiedliche Linien in Ballbesitz erleichtern einer Mannschaft nicht nur die Ballzirkulation, sondern verbinden alle Akteure auf dem Platz miteinander.

In diesem Beispiel sieht man, dass Leipzigs Diego Demme nicht passend unterstützt wird, es gibt zu wenig Anspielstationen im Zentrum, keine ballnahen Dreiecke oder Freilaufbewegungen. Eine diagonale Spielverlagerung ist dementsprechend nicht möglich. Daraus folgt, dass Leipzig nichts anderes übrigbleibt als über die Innenverteidiger zu Kevin Kampl zu verlagern. Dies dauert recht lange und Leverkusen kann sich in Ruhe neuformieren. Gerade in der Bundesliga sehen wir viele Verlagerungen über die Innenverteidiger.

Es gibt Gegner zum Beispiel, die bauen mit zwei Innenverteidigern auf, die relativ breit stehen. Wenn die Beiden sich den Ball zuspielen, muss der Ball einen relativ langen Weg zurücklegen. Das heißt, der Ball ist relativ lang nicht am Fuß und ohne Bindung. […] Das sind die besten Momente, um Druck zu machen.

Domenico Tedesco (im Spielverlagerung Interview)

Verlagerungen über die Innenverteidiger sind in verschiedener Hinsicht nicht ideal. Zum einen dauert es recht lang bis das Spiel verlagert wurde und der Gegner bekommt so genug Zeit sich auf die neue Situation einzustellen. Gerade wenn die Pässe zwischen den Innenverteidigern lange unterwegs sind.

Darüber hinaus wird kein Druck auf die Defensive erzeugt. Spielt man sich den Ball zum Beispiel hinter der ersten Pressinglinie zu, muss der Gegner nicht nur verschieben, sondern auch intensiver pressen, da Pässe hinter die Abwehrlinie oder zwischen Mittelfeld und Abwehr von dieser Position aus leichter sind.

Spielverlagerung für durchbruch

Allerdings gibt es natürlich Situationen, in denen man den Ball über die Innenverteidiger verlagern muss, um die erste Pressinglinie zu überspielen. Entscheidend ist, wie die Staffelung im Mittelfeld aussieht. Manchester City zeigt dies Woche für Woche. Über die Innenverteidiger wird der Ball in Bewegung gebracht bis sich eine Lücke auftut.

In diesem Beispiel kann man gut sehen, wie die Citizens den Ball schnell in der Dreierkette laufen lassen. Im Vergleich zu einem Aufbauspiel mit zwei Innenverteidigern ist hier der Ball nicht so lange ungesichert unterwegs, dies macht es schwieriger zu pressen.

Arsenal versucht mit drei Angreifern ins Pressing zu gehen. Da sich Citys Mittelfeldspieler dahinter aber geschickt anbieten schafft es Laporte letztlich doch die erste Linie zu überspielen.

diagonal auf Mahrez

Im Vergleich zu vielen Bundesligateams verlagert City nun nicht erneut über die Innenverteidiger auf die andere Seite. Dadurch, dass City im Zentrum ein Übergewicht hat und die Spieler sich sinnvoll in den fünf vertikalen Linien positionieren, können sie den Weg über die Mitte wählen.

Mendy kann sofort auf Fernandinho klatschen lassen, der den breit stehenden Mahrez auf der anderen Seite findet.

Peps Team hat letztlich den Angriff im rechten Halbraum begonnen und auf der rechten Seite beendet. Für viele Fans ist der Grund für den Spielzug nicht ganz naheliegend. Auch deshalb wird Guardiolas Spiel häufiger als Ballgeschiebe oder Handball abgetan. Warum spielen es die Citizens nun so kompliziert?

Das Ziel der Citizens ist es, ihren eigenen Akteur im freien Raum anzuspielen. Deshalb wird der Gegner durch die erste Verlagerung auf die linke Seite gelockt und erst dann spielt man Mahrez rechts an. Hätte Walker den Pass direkt auf Mahrez gespielt, hätte jener weniger Platz und mehr Gegenspieler gehabt.

Der Schlüssel für Manchester City sind die Mittelfeldakteure, die sich hinter der ersten Pressinglinie im Halbraum und Zentrum positionieren. Mendy hat sofort eine Anspielstation. Die diagonale Staffelung erschwert es dem Gegner die Passoptionen zu zu stellen. Letztlich üben sie Druck durch den Pass ins Zentrum aus, sind aber gut genug positioniert, um sich aus der Drucksituation zu lösen und den offenen Raum zu attackieren.

Der Wert der diagonalen Staffelung und den daraus entstehenden diagonalen Passwinkeln ist nicht zu unterschätzen, wie Adin Osmanbasic hier sehr treffend erklärt:

“The value of diagonal play can be observed here. Diagonal passes eliminate both vertical and horizontal lines of the opponent defensive shape. This eliminates a large portion of the opponent players while moving towards their goal and attacking through a zone that is usually underloaded by the opponent. Also, when attacking the field from one side diagonally towards the other the players have a connection towards varied zones, like the flank or the center. While attacking from the center means you have the same option on either side”

Adin Osmanbasic

Im Folgenden Beispiel schafft es Liverpool recht einfach das mannorientierte Pressing West Hams zu überspielen. Wichtig ist hierbei wieder, dass der Ballführende sofort unterstützt wird und mit Keita ein Spieler das Zentrum besetzt. Man befreit sich so recht einfach aus der Drucksituation und kann dann die Schwächen der gegnerischen Deckung bespielen.

Lösen unter Druck

Auch hier sieht man wie viele diagonale Anspielstationen James Milner am Ball hat. Dies erleichtert nicht nur das Ballbesitzspiel und das Lösen aus der Drucksituation, sondern auch das Gegenpressing. Liverpool überlädt diese Zone und hat durch die diagonale Staffelung sofort einen perfekten Zugriff, sollte der Ball verloren gehen.

Es zeigt sich, dass die vier Phasen von van Gaal zwar als einfache Einteilung des Spiels genutzt werden können, aber nie unabhängig voneinander betrachtet werden sollten. Die Spielphasen beeinflussen sich stets.

Die Halbraumverlagerung

Eine besondere Art der Verlagerung ist der Wechsel von Halbraum zu Halbraum. Aus diesem Grund möchte ich diesem Aspekt einen eigenen Absatz widmen. Denn die Halbraumverlagerung ist nicht mit einer Verlagerung von Mitte zum Flügel zu vergleichen, obwohl genau gleich viele Zonen bespielt werden.

Allerdings ist der Halbraum strategisch wertvoller, da er mehrere verschiedene Anschlussmöglichkeiten bietet und viele Gegner sich schwer tun Angriffe aus dem Halbraum zu verteidigen. Gerade Viererketten haben grundsätzlich ein Problem Angriffe durch den Halbraum effektiv zu verteidigen. Wer mehr über Halbräume lernen will, dem sei Rene Marics Artikel ans Herz gelegt.

„Damit sind die Halbraumwechsel aus strategischer Sicht wohl effektiver, weil von einem Raum mit viel Entscheidungsfreiheit und Verbindungsfunktion in zwei strategisch anders konstruierte Räume in einen weiteren solchen Raum verlagert wird.“

Rene Maric

Im Vergleich zu einem Wechsel von der Mitte zum Flügel befindet man sich im Halbraum immer noch in einer Zone, die einen besseren Angriffswinkel zum Tor hin verspricht. Auf dem Flügel kann die Defensive einfach die wichtigen Räume zu stellen, im Halbraum ist dies nicht möglich. Es gibt weiterhin genauso viele Spielrichtungen im Zentrum.

Ein weiterer Vorteil der Halbraumwechsel ist die Tatsache, dass das Spiel so sehr schnell gemacht werden kann. Wir stellten bereits fest, dass der Gegner durch eine Verlagerung in Bewegung gebracht werden soll, um zu Fehlern gezwungen zu werden. Fehler beim Verschieben können durch vertikale Pässe bei einem Halbraumwechsel schneller bestraft werden. Außerdem bietet sich jederzeit noch die Möglichkeit die Verlagerung bis auf den Flügel durch kurze Pässe durchzuspielen.

Angriffsoptionen nach einer Spielverlagerung

Nach einer Verlagerung durch zwei vertikale Optionen kommt es auf die Anbindung an. Gerade wenn Verlagerungen im letzten Drittel stattfinden. Wie wir bereits zu Beginn gesehen haben, gibt es die Möglichkeit nach einer Verlagerung einen Spieler ins 1v1 zu schicken. Speziell die Münchner haben unter Guardiola systematisch Verlagerungen genutzt, um ihre starken Flügelspieler in ein direktes Duell gegen einen schwächeren Verteidiger zu bringen.

Wie bereits vor einer Verlagerung ist auch am Ende einer Spielverlagerung die Struktur der Mannschaft entscheidend. Spielverlagerungen sind nutzlos, wenn der Empfänger der Verlagerung keine Möglichkeiten hat durch ein Dribbling oder Pass für Gefahr zu sorgen. Oder wenn die Ausgangsituation nach einer Verlagerung schlechter ist als davor und der Gegner eben nicht in Bewegung gebracht wurde. Oder wie in diesem Beispiel sofort ins Pressing über gehen kann.

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Hier erhält der Außenverteidiger nach einer Verlagerung den Ball am rechten Flügel. Die blaue Mannschaft verschob aber schnell genug und die Bewegungen der roten Mannschaft waren alles andere als optimal. Letztlich musste der Außenverteidiger unter Druck einen komplizierten vertikalen Pass die Linie entlang spielen.

Ziel sollte es sein, nach einer Verlagerung genug neue Anspielstationen zu schaffen und den Angriff sofort effektiv fortsetzen zu können. Es gibt verschiedene Elemente, die als Anschlussaktion an eine Verlagerung sehr gerne genutzt werden.

Zum einen sind es neben den bereits angesprochenen 1v1 Duellen natürlich einfache Flanken in den Sechzehner oder Pässe zwischen die Linien. Gerade das Überspielen einer gegnerischen Linie nach vorheriger Spielverlagerung ist oftmals leichter. Viele Defensivblöcke brauchen länger um zu verschieben, da der Ball nun mal schneller läuft als ein Spieler. Entsprechend ergeben sich Lücken für das Team in Ballbesitz.

Andribbeln

Pässe der Innenverteidiger auf die Mittelfeldspieler oder Stürmer nach einer schnellen Verlagerung sieht man wohl am häufigsten. Grundsätzlich ist das Ziel beim Positionsspiel die Linie eines Gegners zu überspielen. Auch dafür werden Spielverlagerungen genutzt.

Beim Manchester City lässt sich beispielsweise des Öfteren beobachten, dass nach einer Verlagerung mehr Raum entsteht und entsprechend der Ball zwischen die Linien auf Agüero oder Jesus gepasst wird, oder durch Dribblings von Silva oder De Bruyne in die gefährlichen Zonen gebracht wird.

Besonders gefährlich kann eine Offensivmannschaft werden, indem sie gegen die Verschieberichtung der Defensive die Anschlussaktion plant. So wird die Dynamik des Gegners gegen jenen verwendet. Dies können diagonale Pässe zwischen die Linien sein, wie sie beispielsweise Liverpool recht gerne nutzt.

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Oder es sind einfache Rückverlagerungen. Bei den Bayern war es oft so, dass man diagonal von der einen auf die andere Seite verlagert. Der Gegner wurde so meist nach hinten gedrückt, aus Angst vor der Münchner Offensivgewalt. Dies ergab Platz für die Mittelfeldspieler, die sich im ballnahen Halbraum aufhielten. Aus einer nun strategisch vorteilhafteren Position konnten sie den Angriff fortsetzen oder neu aufbauen.

Darüber hinaus können bei Verlagerungen auch Dynamikvorteile genutzt werden. Bestes Beispiel dafür, ist eine Verlagerung auf einen aus der Tiefe startenden Außenverteidiger oder Flügelspieler. Der Passempfänger hat dann einen Vorteil, da er bereits mit Tempo den Ball erhält und der Gegner noch dabei ist horizontal zu verschieben.

Speziell die Dortmunder unter Thomas Tuchel nutzen Verlagerungen auf die Außenverteidiger, die dann mit Tempo aus der Tiefe kamen, um hinter die letzte Linie des Gegners zu gelangen. In diesen Fällen kann das Angriffsspiel blitzartig beschleunigt werden. Die eigene Mannschaft ist auf die neue Situation besser vorbereitet, da diese Verlagerungen und Sprints der Außenverteidiger geplant sind. Der Gegner hingegen muss aus einer eher statischen Position mit horizontalem Verschieben recht schnell umschalten und die Tiefe verteidigen.

Letztlich kommt es wie immer im Fußball auf die Einbindung der Spieler an. Die Aktionen müssen zueinander passen und das Ziel einer Mannschaft sollte es sein, die besten Spieler in die für sie aussichtsreichsten Positionen zu bekommen.

Fazit

Spielverlagerungen spielen eine fundamentale Rolle im Spiel mit dem Ball, deshalb erklären wir euch in diesem Artikel, wie ihr die Spielverlagerungen trainieren könnt. In Zeiten des ballorientierten Verschiebens und der kompakten Defensivblöcke, müssen solche Spielverlagerungen geplant und gut vorbereitet sein. Wenn dies gelingt, kann eine Mannschaft in Ballbesitz ein Spiel dominieren und den Gegner systematisch zu Fehlern zwingen. Warum für mich Spielverlagerungen eine der entscheidenden Aspekte in Ballbesitz sind, ist mit einem Grundsatz einfach zu erklären.

Wenn ein Spieler Zeit und Raum am Ball hat, ist alles einfach. Dann kann selbst der schlechteste Spieler effektiv und gefährlich sein. Denn, jeder kann mit Zeit und ohne Gegnerdruck einen Ballannehmen und in Richtung Tor dribbeln. Die Kunst besteht darin, seine besten Spieler möglichst in solche Situationen zu bringen, damit sie ihre Qualitäten ausspielen können. Um diese Situationen herstellen zu können, muss man zuerst Druck provozieren, um dann schnell zu verlagern. Eigentlich ein recht einfaches und simples Konzept. Doch um es mit den Worten von Johan Cruyff zu beenden:

Playing football is very simple, but playing simple football is the hardest thing there is.

Johan Cruyff

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