Leverkusen vs. Dortmund – Wie dem BVB die Aufholjagd gelang

Am Samstagabend war Borussia Dortmund bei Bayer Leverkusen zu Gast. Die Werkself hat sich nach einem schwachen Saisonstart gefangen. Sie konnten zuletzt dreimal in Folge gewinnen. Der bisher ungeschlagene BVB zeigte sich zuletzt auch stark formverbessert. Trainer Lucien Favre, der sehr großen Wert auf Stabilität legt, implementierte beim BVB seit seinem Amtsantritt eine sehr starke Defensive. Im letzten Ligaspiel gegen den 1. FC Nürnberg zeigte die Borussia erstmals ihr volles Offensivpotential. Nürnberg verteidigte sehr tief. Dadurch konnte die Viererkette des BVB das Spiel in Ruhe aufbauen. Durch gutes Positionsspiel, hohe individuelle Klasse und unglaubliche Effizienz im Abschluss gelang es den Dortmundern, das Spiel über 90 Minuten zu kontrollieren. Sie dominierten den FCN und gewannen beeindruckend mit 7-0.

Leverkusens forscher Start

Beide Trainer schickten ihre Teams in einem 4-2-3-1 aufs Feld. Da der BVB im letzten Spiel mit der tiefen Verteidigungsweise der Nürnberger sehr gut zurecht kam, entschied sich der Leverkusener Trainer Heiko Herrlich für eine andere Herangehensweise. Die Werkself kam sehr aggressiv aus der Kabine.  Sie versuchten die Borussen früh anzulaufen und hohen Druck auf den Ballführenden auszuüben. Meist pressten die Mannen von Herrlich bis zum Dortmunder Torhüter Roman Bürki durch, um den BVB zu langen Bällen zu zwingen. Diese Bälle konnten sie aufgrund der physischen Überlegenheit ihrer Innenverteidiger, gegenüber den Dortmunder Angreifern, größtenteils gewinnen.

Gegen den Ball formierten sich die Leverkusener in einem 4-2-2-2. Die beiden vordersten Spieler, Lucas Alario und Kai Havertz, orientierten sich an den Innenverteidigern des Gegners. Dahinter positionierten sich die beiden nominellen Flügelspieler, Kevin Volland und Julian Brandt. Sie versuchten Kontakt zu den seehr tiefen und breiten Außenverteidigern des BVB zu halten, dadurch war der Abstand zwischen den Beiden relativ groß.

Um dieses Loch zu schließen, rückte einer der Leverkusener Sechser, meist Dominik Kohr, sehr weiträumig nach vorne. Er positionierte sich Phasenweise zwischen Brandt und Volland, wodurch teilweise eine Art 4-1-3-2 entstand. Kohr übte meist Druck auf den Ballnahen Sechser der Dortmunder aus. Die Leverkusener Sechser hatten ein beeindruckend gutes Timing im Herausrücken, dadurch entstanden kaum Lücken im Pressing. Der ballferne Sechser des BVB wurde durch den ballfernen Flügelspieler der Leverkusener übernommen, welcher extrem weit einrückte, sobald die Dortmunder sich auf einer Seite festspielten. Auch die Außenverteidiger Leverkusens rückten im Pressing sehr mutig nach vorne. Sobald sich ein Angreifer der Borussia etwas tiefer positionierte, rückten die Außenverteidiger der Werkself konsequent nach, um den Druck auf den Ball aufrecht zu halten.

Diese Szene aus der 6. Spielminute ist exemplarisch für das Leverkusener Pressing in den ersten zehn Minuten. Der BVB spielt den Ball vom Innenverteidiger auf den entgegenkommenden Pulisic. Da Wendell sofort Druck auf Pulisic ausübt, kann dieser den Ball nur zu seinem Außenverteidiger klatschen lassen. Der wird von Brandt und Alario angelaufen. Der einzig mögliche Passweg ist der zum entgegenkommenden Sechser, welcher aber den herausgerückten Kohr im Rücken hat und somit kaum eine Möglichkeit auf Raumgewinn hat.

Allgemein hatten die Dortmunder sehr große Probleme, sich aus dem aggressiven Leverkusener Pressing zu befreien. Sie waren in den ersten zehn Minuten nicht in der Lage eine längere Ballbesitzphase zu kreiieren oder die ersten Pressinglinien der Werkself zu überspielen, um eine Überzahl oder Gleichzahl im eigenen Angriffsdrittel zu erzeugen. Der mutige Start von Herrlichs Team erinnerte etwas an Leverkusens Spielweise unter Roger Schmidt. Es zahlte sich aus und sie erzielten in der neunten Spielminute folgerichtig das 1-0.

BVB: Viel Ballbesitz, wenig Ertrag

Nach dem Führungstreffer zogen die Leverkusener sich etwas zurück. Gegen den Ball wurde es ein klares 4-4-2, man presste die Dortmunder nur noch situativ bis zum Torhüter durch. Man überlies dem BVB größtenteils den Ball (65% Ballbesitz zwischen der 10. und 43. Spielminute) und formierte sich als kompakte Einheit. Aus dem anfänglichen extremen Angriffspressing der Leverkusener wurde ein strukturiertes Mittelfeldpressing.

Trotz des hohen Ballbesitzanteils hatte die Mannschaft von Lucien Favre große Probleme dabei, klare Chancen herauszuspielen. Da man aufgrund der numerischen Unterzahl im Zentrum keine Durchschlagskraft durch die Mitte entwickeln konnte, versuchte der BVB sein Spiel größtenteils über die Flügel aufzubauen. Besonders auf der linken Seite haperte es aber an der Abstimmung. Bruun Larsen versuchte sich ab und zu in den ballnahen Halbraum zu bewegen, um die Spieler im Zentrum zu unterstützen oder Leverkusen rechten Verteidiger Mitchell Weiser zu binden, und somit einen Raum für den aufrückenden Abdou Diallo zu kreieren. Dieser verpasste aber oftmals den richtigen Moment für einen Vorstoß.

Im Laufe der ersten Halbzeit positionierten die Borussen sich Phasenweise etwas anders. Thomas Delaney ließ sich zwischen die beiden Innenverteidiger fallen um die erste Aufbaulinie der Schwarz-gelben zu verstärken. Die Außenverteidiger schoben dann etwas höher, dies erlaubte Pulisic und Larsen in die Halbräume zu schieben und sich etwas zentraler zu positionieren. Aber auch diese Aufbauvariante war nicht sehr erfolgreich, da die Dortmunder weiterhin große Probleme hatten, Räume in Leverkusens kompaktem 4-4-2 zu finden. Die Borussen hatten eine schlechte Anbindung der ersten Aufbaulinie zu ihren Angreifern. Ihnen gelang es kaum, den Ball zwischen Abwehr und Mittelfeld der Leverkusener zu bringen, um dort ihre Individualisten ins Dribbling zu schicken und für Gefahr zu sorgen.

Zweite Halbzeit: Kleine Anpassungen von Favre

In Hälfte zwei reagierte BVB-Trainer Favre mit kleinen Anpassungen. Für Delaney kam Mo Dahoud ins Spiel. Dahoud ist ein sehr dribbelstarker Spieler, was dabei helfen kann, die Anbindung des Aufbaublocks zu den Angreifern zu verbessern. Somit kann der BVB die große Distanz nicht nur durch Pässe, sondern auch durch Dribblings überwinden, um Unordnung in den Defensivblock der Leverkusener zu bringen.

Außerdem positionierten sich die Außenverteidiger, im Besonderen der rechte Verteidiger Hakimi, höher als in der ersten Hälfte. Dadurch konnten die beiden Flügelangreifer, Pulisic (später Sancho) und Larsen, die Halbräume attackieren um sich somit einen strategischen und numerischen Vorteil zu verschaffen. Im Gegensatz zur ersten Halbzeit gelang den beiden Außenverteidigern das Aufrücken deutlich besser, man konnte regelmäßig Überzahlsituationen erzwingen.

Die Verbessrung im Spiel nach vorne resultierte auch daraus, dass die Innenverteidiger risikofreudiger im Passspiel agierten. Besonders Zagadou konnte mit seinen Pässen oftmals die ersten beiden Verteidigungslinien des Gegners überspielen und freie Mitspieler in einem der beiden Halbräume finden.

Eine weiter interessante Rolle nahm Marco Reus in der zweiten Halbzeit an. Um die fehlende Verbindung zwischen dem Spielaufbau und dem Angriff des BVB aus Hälfte eins zu beheben, agierte Reus als eine Art freier Mann. Der Nationalspieler bewegte sich vom Zentrum in die beiden Halbräume und tauchte ab und zu auch auf dem Flügel auf. Situativ ließ er sich sogar auf Höhe der Sechser fallen, um von dort aus das Spiel aufzubauen. Dadurch hatten die Leverkusener große Probleme, die richtige Zuordnung zu ihren Gegenspielern zu finden.

Diese Szene aus der 72. Spielminute steht Beispielhaft für die Angriffsbemühungen des BVB in Hälfte zwei. Die Außenverteidiger positionieren sich hoch, die Flügelangreifer rücken in die Mitte und positionieren sich in den Halbräumen. Reus erkennt als freier Mann die Lücke in der Leverkusener Abwehr und wird von Zagadou angespielt. Der Franzose überspielt dabei sechs Spieler der Gegner. Mit einer guten Ballmitnahme dreht sich Reus auf und kreiert dadurch eine Überzahlsituation (3 vs. 2) für den BVB.

Leverkusen geht die Luft aus

Zu Beginn der zweiten Halbzeit versuchten die Leverkusener, den BVB wie am Anfang der Partie unter Druck zu setzten. Durch Favres Anpassung hatte die Werkself Unterzahl im Zentrum. Besonders die Sechser, Kohr und Bender, mussten einen großen Raum abdecken und hatten Probleme, die Zuordnung zu den Gegenspielern zu finden. Die am Anfang so gut getimten Herausrückbewegungen der beiden defensiven Mittelfeldspieler verloren mehr und mehr an Präzision und die Sechser kamen oftmals zu spät. Den Leverkusenern fehlte der Zugriff und dem BVB gelang es oftmals, das Pressing von Herrlichs Team zu überspielen.

Als Reaktion darauf zogen sich die Leverkusener wieder  zurück und formierten sich in einem 4-4-2. Größtenteils noch tiefer als in Hälfte eins. Der BVB besetzte den Flügel nun aber meistens mit nur jeweils einem Spieler und hatte somit mehr Spieler im Zentrum als in der ersten Halbzeit. Besonders zwischen der Abwehr- und Mittelfeldkette der Leverkusener, positionierten sich drei oder vier Spieler der Schwarz-gelben. Bis zum Schluss gelang es der Werkself nicht, diese Räume zu schließen.

Fazit

Leverkusen überraschte zu Beginn mit sehr aggressivem Pressing, bei dem die Nachrückbewegungen der hinteren Reihen sehr gut funktionierten. Aufgrund ihrer sehr flachen Ordnung im Aufbau, konnte sich der BVB kaum daraus befreien, der BVB spielte sich im ersten Durchgang keine klaren Torchancen heraus. Mit den Anpassung in Hälfte zwei opferte Favre etwas von seiner Stabilität, konnte dadurch aber viele Überzahlsituationen im eigenen Angriff erzeugen und einen sehr dominanten Auftritt seiner Mannschaft beobachten. Dadurch leidet natürlich auch die Konterabsicherung (siehe Pfostenschuss von Volland in der 54. Minute und die Großchance von Havertz in der 57. Minute), eigentlich eine große Stärke des BVB in dieser Saison. Wie viel Risiko der BVB in Zukunft in Kauf nehmen  wird, bleibt abzuwarten. Bei Favre wird der Fokus aber wahrscheinlich weiterhin auf Stabilität liegen.

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