BVB Wahnsinn

Am Samstagnachmittag gastierte der FC Augsburg beim Tabellenführer aus Dortmund. Das Team von Trainer Manuel Baum konnte nach dem Unentschieden in München und dem klaren Sieg gegen Freiburg sich stabilisieren. Mit einer mutigen Vorstellung wollte Baum auch im ehemaligen Westfalenstadion antreten. Das passte zu einer von ihm getätigten Aussage, die er in einem Trainerseminar zum Thema Pressing äußerte. Er wolle einen technisch, variableren flachaufbauenden Gegner gar nicht erst in seine Muster kommen lassen und vorne jagen.

Genauso ein Team ist der BVB. Lucien Favre legt viel Wert auf eine flachen Aufbau und einen sauberen Übergang vom ersten ins zweite Drittel. Doch gerade dort haperte es in den letzten Spielen immer mal wieder. Dennoch ist das aktuell klagen auf hohem Niveau. Die Borussia überzeugte national und international mit einer Vielzahl von Toren und starken Angriffen. Dabei zeigte Favre gerade in den zweiten Halbzeiten ein gutes InGame Coaching.

Mutige Augsburger und Favre’s Plan mit Jule Weigl

Favre blieb bei seinem 4-2-3-1, indem er aber seine Doppelsechs änderte und mit Julian Weigl für Delaney einem weiteren starken Aufbauspieler ins Team nahm. Sein Gegenüber nutzte eine extrem mannorientierte 4-2-2-2 Formation und sorgte für viele 1v1 Duelle auf dem Platz. Getreu oben erwähnten Zitat, ließ er die Dortmunder bereits im Aufbau jagen und ständig hohen Druck auf den Ballführenden herstellen. Dies sollte die Hausherren zu langen Bällen zwingen.

Gerade in der Anfangsphase kamen die Augsburger so zu vielen Ballgewinnen und schafften es, dass der BVB kaum Ballbesitz und Ruhe bekam. Die angekündigte mutige Spielweise brachten die Augsburger aber nicht nur gegen den Ball auf den Platz. Auch im Aufbau wurde der Ball oft von den Innenverteidigern durch die beiden Spitzen auf die 6er gepasst. Philipp und Reus konnten diesen Ball oft nicht verhindern, da beide keine passende Tiefenstaffelung hatten. Khedira und Baier verlagerten das Spiel dann auf die Außen. Gerade in der Anfangsphase erhielt Max auf der linken Seite so viele Bälle und konnte mit Halbfeldflanken für Gefahr sorgen. 3 Ecke nach 5 Minuten spiegelten das Auftreten der Augsburger wieder. Bei den Flanken wurde der Raum beim entfernten Pfosten als Schwachpunkt ausgemacht.

Der BVB konnte diese zwar alle klären, verlor die zweiten Bälle aber alle wieder. Erst nach etwa 10 Minuten verschaffte sich der Tabellenführer etwas Ruhe und konnte den Ball länger in Ihren Reihen halten. Hier war ein Linksfokus im ersten und zweiten Drittel zu erkennen mit der anschließenden Verlagerung auf die rechte Seite, wo mit  Sancho der passende Spieler in 1v1 Situation geschickt werden sollte.

Hier zeigte sich die Aufstellung von Julian Weigl als sinnvoll. Während sein Partner Axel Witsel seine Rolle weiträumiger interpretierte, wurde Weigl zum Anker und Löser für die engen Situationen. Er war verantwortlich für die Spielverlagerungen. Diese Rolle zeichnete ihn bereits unter Thomas Tuchel Zeiten aus. Durch den Linksfokus konnten die Augsburger den Ball auf dem Flügel isolieren. Hier war es Weigl’s Positionierung die den Ausweg ermöglichte und den Spielfluss aufrecht hielt. Es brauchte der Ball nicht zu den Innenverteidigern zurückgespielt werden und der Angriff komplett abgebrochen werden, sondern konnte Weigl meist nach 1 bis 2 Kontakten einen Druckpass auf die rechte Seite spielen.

JW

Diese Szene ist exemplarisch für die Positionierung von Weigl. Er bot im Halbraum einen Ausweg und war gleichzeitig Angriffsauslöser. So hätte der BVB in der 10 Spielminute bereits in Führung gehen können. Der Ball wurde auf die rechte Seite verlagert und nach einer Sancho Rückgabe in den 16er verzog Marco Reus übers Tor.

Aufbauprobleme und das 0:1

Durch das gallige Anlaufen der Augsburger war der BVB immer wieder zu langen Bällen gezwungen, welche vornehmlich Roman Bürki spielte. Dies hatte auch einen Grund. Die Passwinkel im Aufbauspiel waren oft nicht passend. Gerade der ansonsten starke Manuel Akanji blieb beim Ballbesitz von Bürki oft zu hoch und eng. Hier musste der Dortmunder Keeper oft das Spiel schon direkt auf die Außen richten oder den angesprochenen langen Ball suchen.

Schließlich führte ein Freistoß zum Tor für die Gäste. Ein von links geschlagener Ball konnte nicht zwingend genug geklärt werden und Finnbogason nutze dies eiskalt aus.

RB

Kurz vor dem 1:0. Bürki kann Akanji nicht anspielen. Besser wäre ein Lauf von Akanji in den gelben Bereich gewesen, dort hätte er den Ball in offener Spielstellung erhalten können und somit einen diagonalen Passwinkel in den rechten Halbraum (blauer Bereich) gehabt. Wäre er verfolgt worden, zieht er dadurch die Augsburger weiter auseinander und ermöglicht Bürki einen Pass in den Halbraum. Dieser hätte dann von Sancho oder Reus besetzt werden können. So spielte Bürki jedoch Hakimi an, der Longline auf Sancho weiter spielte. Der Ball wurde verloren und es folgte das Foulspiel, welches zum Freistoß führte, der das 0:1 voranging. 

 

Offensivpower  und Favre’s Händchen

Das sich die Westfalen nicht von Rückständen aus der Bahn werfen lassen, zeigten sie jüngst erst gegen Bayer Leverkusen. Die spiel- und dribbelstarken Innenverteidiger konnte immer wieder per Andribbeln den Ball weiter nach vorne bringen.

Gerade der rechte Halbraum wurde von Augsburg sträflich offen gelassen und Witsel und Weigl konnten Reus und Sancho dort erreichen. Bei der brutalen Qualität keine sonderliche gute Ausgangssituation. Dass Lucien Favre diese Saison eine gutes Gespür für Einwechselungen besitzt ist in Deutschland mittlerweile bekannt und so war es auch diese Mal wieder der eingewechselte Paco Alcacer der für den Ausgleich sorgte.

Einen langen Ball konnte Gouweleeuw per Kopf klären. Den zweiten Ball holte Witsel im Luftduell, um einen überragend Schnittstellenpass auf Sancho zu spielen, der diesen direkt quer auf Alcacer legte. Für den spanischen Torjäger dann reine Formsache. Übrigens eine der typischsten Trainingsformen im deutschen Fußball. Die sogenannte Y-Form.

Es entwickelte sich ein sehr offenes Spiel, indem die Dortmunder auf die Führung drängten und ihr Ballbesitzspiel sehr vertikal und sehr temporeich nach vorne auslegten. Es wurde mit wenigen Kontakten sehr zielstrebig nach vorne gespielt. Dies führte zu Konterräumen für die bayerischen Gästen.

Hier zeigte sich das aktuelle Staffelungsproblem der Dortmunder Defensive erneut. Wie schon bei den Ecken, wurde der Raum auf der ballfernen Seite unpassend besetzt. Ein langer Schlag auf die rechte Seite konnte Finnbogason ins Zentrum bringen, von brachte Andre Hahn mit einem verunglückten Schuss den Ball auf den 2 Pfosten, wo der einlaufende Max den Ball zum 1:2 einschieben konnte. Bereits beim langen Ball auf die rechte Seite, war die Rückwärtsbewegung der Dortmunder nicht passend.

Der Wahnsinn beginnt

Mit Guerreiro und Götze kamen für Bruun Larsen und Weigl zwei neue Spieler und eine Umstellung auf eine 4-1-4-1 mit Witsel auf der 6 und Reus und Götze auf der 8. Damit verbunden war die viel bessere Besetzung der beiden Halbräume. Gerade Götze zeigte sein unglaubliches Gespür für die richtige Besetzung der Räume. Er brachte die nötige Balance und sorgte für ein flüssiges Ballbesitzspiel.

Der linke Halbraum wurde nun immer mehr einbezogen. Das führte zu mehren kritischen Situationen und veranlasste den gelb-rot gefährdeten Daniel Baier vom Feld zu nehmen. Die Augsburger sahen sich zu immer mehr Foulspielen gezwungen und bei ebenso einem sollte Guerreiro in größerer Erscheinung treten. Er chipte den schnell über die Kette in den 16er, wo erneut Alcacer vollstreckte.

Ist Klopp zurück?

Etwas provokant, aber man muss zugestehen, ab jetzt wurde das Spiel zu einem der magischen Kloppspiele aus den Jahren 2010-2013. Nicht nur, dass das 3:2 passender Weise durch einen starken Mario Götze erzielt wurde, sondern auch die Art des Tores erinnerte stark an frühere Zeiten. Götze lief im richtigen Moment in den Strafraum und wurde sehenswert von Hakimi aus dem Halbraum angespielt.  Letztere hatte im Spiel vom Flügel immer wieder Probleme bei seinen Hereingaben und traf die falschen Entscheidungen. Ganz anders aber in diesem Moment.

Wer nun aber die Story des Mario G. geschrieben sah, den enttäuschte eine willensstarke Augsburger Mannschaft. Nur 3 Minuten später, in der 87. Spielminuten konnte Michael Gregoritsch das zögerliche Zweikampfverhalten von Diallo nutzen und köpfte eine Ecke zum 3:3 ein.

Der zuvor eingewechselte Córdova foulte in der 4 Minute der Nachspielzeit nochmal einen Dortmunder. Den anschließenden Freistoß verwandelte Paco Alcacer zum Siegtreffer. Der Wahnsinn war perfekt.

 

Fazit

Enttäuschte, aber starke Augsburger müssen nach zweimaliger Führung mit 0 Punkten nach Hause fahren. Der BVB sorgt bei den Fans wieder für einen Moment der zwischen „Herzinfarkt“ und „Euphorie“ einzuordnen ist. Erinnert diese Team doch teilweise an die Anfangszeit von Jürgen Klopp, spielt teilweise wie unter Thomas Tuchel, zeigt jedoch auch noch genügend Probleme aus der Bosz/Stöger Zeit. Kurzum der BVB ist auf einem guten Weg und für den Fan oder neutralen Zuschauer macht der BVB aktuell Spaß. Man darf gespannt sein, ob Favre’s Händchen hält, sie die Defensiv- und Aufbauprobleme in den Griff bekommen werden und weiterhin solche geniale Angriffe spielen können. Für die Augsburger ist der BVB nicht der Maßstab, jedoch wenn das Team weiterhin so die Vorgabe Ihres Coaches auf den Rasen bringt, dann werden sie auch dieses Jahr eine gute Saison spielen.

Gewinner dieses Spieles war der Zuschauer.

Kategorie Allgemein, Bundesliga, Spielanalysen
Autor

Interessiert sich für Taktik und Training, Teamführung. Fan von Positionsspiel, Thomas Tuchel, Pep Guardiola, Matthias Sammer. Trainer im Jugendleistungszentrum einer U15 (2.Liga).

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