Der Saisonstart von Borussia Dortmund

Nach einer schwachen letzten Saison rief der BVB zu Saisonbeginn einen Neustart mit dem neuen Trainer Lucien Favre aus. Nachdem Borussia Dortmund zu Beginn der Saison zwischen 4-4-2 und 4-3-3 wechselte, hat sich das 4-4-2 mittlerweile als Standardsystem herausgestellt.

Kader

In der Viererkette wurde bisher nur auf der Position des Rechtsverteidigers rotiert. Auf den anderen 3 Positionen sind Akanji, Diallo und Schmelzer gesetzt. Nach der Verletzung von Schmelzer rückte Diallo spielte Diallo als Linksverteidiger und Zagadou kam neu ins Team. Im defensiven Mittelfeld ist Witsel gesetzt, um die andere Position konkurrieren mit Delaney, Dahoud und Weigl gleich 3 Spieler. Der Däne konnte bisher die meisten Minuten sammeln. Auf den Außenbahnen stehen Favre 4 junge Spieler zur Verfügung, die alle schon in mindestens 5 Partien zum Einsatz kamen. Für Guerreiro reichte es nur zu 3 Kurzeinsätzen. Im Sturm ist Reus gesetzt, auch deswegen standen Götze und Kagawa bisher erst in jeweils drei Spielen auf dem Platz. Die zweite Stürmerposition wird zunehmend wohl häufiger von Alcácer statt Philipp besetzt.

Spielaufbau

Im Ballbesitz stehen die Feldspieler des BVB sehr weit auseinander. Im 4-4-2 System stehen sowohl die beiden Außenverteidiger, als auch die äußeren Mittelfeldspieler in den Flügelzonen. Diese weit gefächerte Struktur bringt einige Probleme mit sich, die im Laufe des Artikels noch näher beschrieben werden.

Der Spielaufbau läuft dabei zunächst über die beiden Innenverteidiger und Sechser. Diese 4 Spieler finden sich meistens in einer 4-gegen-2-Situation gegen die beiden gegnerischen Stürmer wieder. Die Sechser bieten sich dabei immer als Anspielstation für die Innenverteidiger an und lassen sich auch häufiger mal seitlich neben diese fallen. Das primäre Ziel ist es, einen der Innenverteidiger freizuspielen, damit dieser nach einer Verlagerung über die erste Verteidigungslinie des Gegners hinweg dribbeln kann. Von den Sechsern kommen nur wenige Pässe nach vorne.

Häufig ist es aber so, dass die Innenverteidiger nicht mit dem Ball aufrücken können und auch keine Anspielstationen nach vorne haben und deshalb den Ball auf den Außenverteidiger weiterspielen. Dieser leitet den Ball recht schnell auf den Mittelfeldspieler vor ihm weiter. Im Idealfall hat sich der ballnahe Stürmer dann schon in den Halbraum bewegt, um die schwierige Situation am Flügel aufzulösen. Gerade zu Beginn der Saison war das aber nicht der Fall und Dortmund verlor sehr viele Bälle oder konnte sich nur mit einem Rückpass befreien.

isoliert am Flügel

Viel besser liefen diese Situationen aber auch nicht, wenn der Ball vom Flügel in den Halbraum gespielt werden konnte. Der ballnahe Sechser des Gegners kann einfach mit zum Flügel schieben und ein Aufdrehen verhindern. Für ein besseres Übergangsspiel fehlt in diesen Momenten auch die Anbindung an die Sechser, die das Spiel verlagern könnten.

Es gab allerdings auch wenige Situationen, in denen das Übergangsspiel sehr gut funktionierte.

Übergangsspiel gut 1

Akanji spielt den Ball direkt Wolf, der nach kurzem Andribbeln in Frankfurts Formation den Ball auf Reus spielt, der sich in der letzten Linie gut bewegt hat und den Ball auf den nachgerückten Dahoud klatschen lässt. In der Folge kann das Spiel auf den linken Flügel verlagert werden.

Übergangsspiel gut 2

Im zweiten Beispiel wird der Ball auf Diallo gespielt, der den Ball schnell auf Wolf weiterleitet. Alcácer sorgt für die Anbindung im Halbraum, entscheidend ist aber der Laufweg von Diallo, der direkt nach seinem Pass diagonal in die Mitte zieht. Alcácer lässt den Ball auf ihn klatschen und Diallo kann das Spiel auf den aufrückenden Piszczek verlagern. Wichtig waren auch die Laufwege von Reus und Sancho, die ihre Gegenspieler wegzogen.

Mehr Variabilität nach ein paar Spielen

Wie bereits erwähnt sind die Pässe den Flügel hinunter nicht die bevorzugte Variante im Spielaufbau. In den letzten Spielen kam immer mehr zum Vorschein, dass Favre im Spielaufbau lieber ein Aufrücken der Innenverteidiger sehen möchte. Gerade Zagadou – der in den letzten Spielen für Schmelzer in der Startelf stand – war hier sehr aktiv und auch erfolgsstabil. Die Innennverteidiger suchten dabei die Offensivspieler, die sich im Zwischenlinienraum anboten. Vor allem Reus übernahm oft die Rolle des Verbindungsspielers, während sein Sturmpartner – Alcacer oder Philipp – in die letzte Linie vorstießen. Auch die äußeren Mittelfeldspieler rückten in diesen Situationen in die letzte Linie vor. Gerade das Zusammenspiel von Reus und Alcácer war in den letzten Spielen sehr vielversprechend.

Zagadou Alcacer Reus 2

In diesem Beispiel dribbelt Zagadou neben Monacos Stürmer nach vorne, Reus kommt zunächst im Halbraum entgegen, bleibt aber leicht hinter seinem Gegenspieler. Reus und Alcácer erkennen den freien Raum, in den sich der Spanier fallen lässt und den Ball versucht weiterzuleiten. Auch wenn der Ball in dieser Szene beim Gegenspieler landet, ist das Schema klar.

Zagadou Alcacer Reus 1

Wieder dribbelt Zagadou durch den Halbraum nach vorne. Der Passweg auf Reus ist zugestellt, durch die mannorientierte Spielweise der Monegassen öffnet sich aber der Passweg auf Alcácer, der den Raum erkennt und sich wieder fallen lässt. Reus bewegt sich derweil im Rücken seines Gegenspielers weg und wird in eine 1-gegen-1-Situation gegen Monacos letzten Verteidiger geschickt.

Die Umsetzung dieser Spielzüge ist bisher aber noch sehr unkonstant. Im Spiel gegen Nürnberg – Dortmunds beste Saisonleistung bisher – gab es viele vielversprechende Aktionen. Der BVB konnte das Spiel mit langen Ballbesitzphasen dominieren, drückte Nürnberg tief in die eigene Hälfte und bespielte die sich öffnenden Räume konsequent. Dabei besetzten die Dortmunder Offensivspieler auch konsequent die letzte Linie, was wichtig für den Spieler im Zwischenlinienraum ist. Zum einen wird so verhindert, dass die gegnerischen Abwehrspieler mannorientiert aus der Kette herausrücken. Zum anderen hat der Spieler mehrere Optionen für Pässe in die Tiefe.

Angriffsspiel gut

Im Spiel gegen Leverkusen war die Staffelung der Offensivspieler aber nicht so gut. Oft standen Bruun Larsen, Reus, Philipp und Pulisic auf einer horizontalen Linie, nach Pässen in den Zwischenlinienraum gingen dem ballführenden Spieler die Optionen aus und es folgten Ballverluste. Einzig Reus und Philipp zeigten in der ersten Halbzeit gute Ansätze, durch die zu tiefe Positionierungen von Bruun Larsen und Pulisic fehlten aber die Anspieloptionen für Pässe in die Tiefe.

Angriffsspiel schlecht

Nach einem Pass von Zagadou in den Zwischenlinienraum kann Philipp nach einer Kombination mit Reus auf Leverkusen Abwehr zulaufen, hat aber keine Anspieloptionen in die Tiefe.

Problemzone Übergangsspiel – hilft Dahoud?

Wie bereits erwähnt ist die Staffelung der Offensivspieler noch sehr unkonstant. Im Spiel gegen Leverkusen konnte Zagadou einige Bälle in den Zwischenlinienraum spielen, durch unpassende Positionierungen und Bewegungen verlor Dortmund aber viele Bälle. In diesen Situationen wäre es hilfreich, wenn die Anbindung an die Sechser besser passen würde, so könnte der Pass in den Zwischenlinienraum auf die nachrückenden Spieler klatschen gelassen werden.

Die meisten Minuten auf dieser Position konnten bisher Witsl und Delaney sammeln. Gerade die vielen Einsätze des Dänen kommen überraschend, da er dem BVB-Spiel in dieser Saison erst wenig beitragen konnte. Im Spielaufbau ist er passiver als der Belgier, fällt aber trotzdem häufig mit unpassenden Bewegungen auf. Auch nach vorne konnte er noch keine Akzente setzen. Wünschenswert wären daher noch mehr Einsatzminuten für Dahoud. Der U21-Nationalspieler ist sowohl im Spielaufbau als auch im Übergangsspiel die bessere Alternative. Auch Weigl hatte in seinen wenigen Einsätzen bereits ein paar gute Aktionen.

Spiel gegen den Ball

Gegen den Ball spielt der BVB in einem 4-4-2. Die Stürmer positionieren sich in der Regel etwa 10 Meter vor der Mittellinie. In dieser Spielphase bleiben die Dortmund zunächst eher passiv.

Gegen einen 3er-Ketten-Aufbau orientiert sich Reus am gegnerischen Sechser und verfolgt ihn, rückt aber gelegentlich raus, um gegnerische Innenverteidiger anzulaufen. Philipp (bzw. Alcácer) stehen ein paar Meter weiter vorne. Aktiv werden die Stürmer des BVB erst, wenn einer der gegnerischen Halbverteidiger mit dem Ball nach vorne dribbeln möchte. Philipp läuft diesen Spieler dann bogenförmig an und verhindert einen Rückpass. Die Mittelfeldspieler rücken in diesen Situationen nicht raus, sondern bleiben zunächst passiv in ihren Räumen bzw. orientieren sich an den Gegenspielern in ihrem Rücken. Gegen Viererketten positionieren sich die beiden Stürmer um den gegnerischen Sechser. Viele Gegner spielen aus diesen Situationen den Ball auf die Außenverteidiger. Wenn das passiert, wird das Mittelfeldpressing der Dortmund in ballnähe mannorientiert. Der Flügelspieler läuft den Außenverteidiger an, der ballnahe Sechser rückt auf den nächsten Gegenspieler. Sollte der gegnerische Außenverteidiger isoliert sein, konzentriert er sich auf die Gegenspieler in seinem Rücken.

Sowohl gegen 3er-, als auch gegen 4er-Ketten liegt der Fokus darauf, Pässe nach vorne zu unterbinden und den Gegner zu Rückpässen zu zwingen. Aus diesen Situationen wird das Dortmunder Defensivspiel aktiver. Die Stürmer laufen die Innenverteidiger an und Leiten das Spiel auf den Flügel. Auch hier ist die Zuordnung wieder mannorientiert, diesmal aber darauf ausgelegt, den Ball zu gewinnen.

Angriffspressing

Nach Abstößen oder Rückpässen auf den Torwart geht der BVB ins Angriffspressing über. Gegen Viererketten gibt es die gleichen Abläufe wie im Mittelfeldpressing, nur aktiver und auf Ballgewinn ausgelegt. Auch in dieser Spielphase ist der BVB mannorientiert, sollte ein gegnerischer Spieler frei sein, rückt ein Sechser nach, um wieder Gleichzahl herzustellen. Probleme können sich dann ergeben, wenn das Angriffspressing mit einem langen Ball überspielt wird, weil nur noch ein Sechser im Kampf um den zweiten Ball hinten ist.

Gegen Dreierketten gibt es den Unterschied, dass die Halbverteidiger nicht von Philipp, sondern von den rausrückenden äußeren Mittelfeldspielern angelaufen werden. Während sie sich in der eigenen Hälfte noch an den gegnerischen Wing-Backs orientieren. Dahinter rücken die ballnahen Spieler wieder mannorientiert nach.

Fazit

Mit 23:8 Toren und 17 von 21 möglichen Punkten ist der BVB nach 7 Spieltagen Tabellenführer in der Bundesliga. Dabei hatten sie – abgesehen vom Spiel gegen Nürnberg – gegen jeden Gegner Probleme, sich kontinuierlich Torchancen herauszuspielen. Die individuelle Qualität in der Offensive ermöglicht es aber, auch aus wenigen Offensivaktionen viele Torchancen zu kreieren. Diese Qualität kommt vor allem zum Vorschein, wenn das Spiel offener wird. Ein gutes Beispiel ist hier die Partie gegen Leverkusen. In der Defensive steht der BVB sehr solide, hat laut expected Goals (Quelle: understat.com) aber nur den acht-geringsten Wert.

Wie auch schon nach dem guten Saisonstart in der letzten Saison wird der BVB auch dieses Jahr als Meisterschaftskandidat gehandelt. Da der BVB die zweitbeste Offensive der Liga hat (nach xG) und im Vergleich zum letzten Jahr auf eine stabile Abwehr setzen kann, ist ein Tipp auf Borussia Dortmund als Deutscher Meister 2019 nicht ganz unberechtigt. Zudem kommt ein sehr tiefer Kader, der es dem Favre auch ermöglicht, auf Verletzungen zu reagieren oder zu rotieren. Es hängt aber wohl sehr stark davon ab, wie schnell der FC Bayern seine Probleme in den Griff bekommt.

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