Juan Bernat – die Chronologie eines Missverstandenen

Die Medienschelte der Führungsriege des FC Bayern war in Fußballdeutschland am Freitag wohl das bestimmende Thema. Der Inhalt beschränkte sich auf Vorwürfe gegenüber den Medien, die Berichterstattung und die Spielerbewertungen seien zu unwürdig und respektlos. Die größte Respektlosigkeit ereignete sich allerdings auf der PK selbst als Uli Hoeneß den in der abgelaufenen Transferperiode zu PSG abgewanderten Juan Bernat, der vier Jahre lang für den FC Bayern gespielt hat, öffentlich diffamierte und seinen Abgang als notwendige Konsequenz aus einem einzigen Spiel, dem Champions League-Viertelfinalhinspiel beim FC Sevilla, darstellte.
Doch dass Uli Hoeneß sich damit zu einem nicht nur aus moralischer, sondern auch aus sportlicher Sicht unfairen Fehltritt hinreißen ließ, soll in diesem Artikel begründet werden.

Wer war/ist Juan Bernat?

Als Pep Guardiola sich in seiner letzten Bayernsaison dazu entschloss Alaba wieder als etatmäßigen, klassischen Linksverteidiger spielen zu lassen, wurde Juan Bernat beim FC Bayern automatisch ins „zweite Glied“ übergeben und war fortan bis zum Transfer zu Paris Saint-Germain als ergänzender Kaderspieler und Ersatz für den Österreicher eingeplant. Das ist wohl auch das Bild, das sein Dasein beim deutschen Rekordmeister in der öffentlichen Wahrnehmung am nachhaltigsten geprägt hat.

Keine 12 Monate zuvor wurde der Transfer des jungen Valencianers zum großen FC Bayern realisiert. In der deutschen Presselandschaft kannte ihn niemand. Dass Guardiola in Alaba einen Halbverteidiger gesehen hat, der maximal von einem linken Wingback assistiert werden soll, konnte er mit Diego Contento auf der linken Außenbahn nicht realisieren. Bernat hingegen schien perfekt und brachte dies von Beginn an auf das Parkett.

Die Dreierkettenrevolution mit dem Rekordmeister als Vorreiter

Dass die Dreierkette Anfang 2013 mit Sampaolis Chile und mit vielen Nachahmern bei der folgenden WM in Brasilien eine kleine Renaissance erlebte, setzte sich auch in der Bundesliga fort. Die Rollen der Wingbacks sind unterschiedlich zu interpretieren. Pep wollte für die linke Seite einen Spieler, der Alabas Ausflüge durch den Halbraum balancieren und unterstützen soll. Direkt von Beginn an wurde Juan Bernat in dieser Rolle zur Stammkraft beim FC Bayern. Zum Ende der Hinrunde wurde er von vielen Stimmen als bester Sommerneuzugang bejubelt (in einer Transferperiode, in der Xabi Alonso und Robert Lewandowski an die Isar gewechselt waren). Der Grund liegt wohl vorrangig darin, dass der Spanier überhaupt keine Anlaufzeit gebraucht hat. Defensiv stabil und mit einer hohen Arbeitsrate sowie sehr überlegten aber spritzigen Ballaktionen spielte er sich fest.
Taktisch war er von sehr wichtiger und entscheidender Bedeutung für Peps Plan.

Der stille Assistent


Es folgen kurze Erläuterungen von Bernats Spielaktionen.

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Bernat besitzt eine unfassbar schnelle taktische Auffassungsgabe. Bevor Sven Bender den Ball überhaupt erhält, realisiert Bernat, dass das Halten seiner Position wenig sinn macht und macht sich auf dem Weg in Richtung Halbraum.
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Mit seinem Deckungsschatten stellt er Aubameyang zu und lässt Götze Bender auf den Flügel leiten. Das Zentrum ist erfolgreich verteidigt. Von einem Linksverteidiger.
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Der Ball kommt vom rechten Flügel und beinahe alle Spieler sind aufgerückt. Das Spielgeschehen spielte sich beinahe zwei komplette Minuten auf der rechten Seite ab (was Alabas Positionierung zudem erklärt). Bernat löst sich und innerhalb von Millisekunden lässt er sich fallen, um den Passweg für Alaba zu eröffnen aber nicht zu stark, um den Angriff zu unterbrechen und den Rhythmus hoch zu behalten. In dieser Kürze eine geniale Initialentscheidung.
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Der HSV stellt die Mitte mannorientiert zu. Alaba rückt vor und geht nach Außen, um sich Freiraum zu verschaffen. Gleichzeitig lässt sich Juan Bernat in einer Pendelbewegung in den Halbraum fallen. Müller darf nun nicht zu weit vorrücken. Weil Diekmeier nicht zu weit auf Alaba aufrücken darf, steht Müller 1 gegen 2.
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Olkowski bekommt den Ball doch wird von Müller nach vorne geleitet. In der Sekunde, in der er sich nach vorne dreht, sieht er sich Bernat engegen. Der muss nun keinen Zweikampf führen, sondern positioniert sich früh genug so, dass Olkowski ihm den Ball in der Folgeszene übergibt (leider hat die Kamera dies in der Nahaufnahme gezeigt, sodass man nur erkennt, wie Olkowski in Bernat läuft).
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Nach Müllers Lauf deutet Bernat an ihn zu hinterlaufen, bremst jedoch früh ab. Müller spielt den Ball mülleresque per Hacke auf Bernat, der sich Raum verschafft hat und den Ball mit dem ersten Kontakt auf Xabi Alonso weiterleitet als sei nichts anderes der Plan gewesen. Köln hebt das Abseits völlig auf und Alonso hat das Spiel vor sich.

All diese Szenen haben gemeinsam, dass Bernat nie der Hauptprotagonist ist, der in Marcelo-Manier den Ball im Defensivhalbraum gewinnt und nach vorne dribbelt, sondern, dass er es immer schafft die Bewegungen seiner Mitspieler sehr schnell zu deuten und Hilfestellung zu leisten. Dabei verfährt er nicht einmal nach einem festen Muster sondern trifft Situation für Situation immer die richtige Entscheidung. In einem System, das auf Positionsspiel und Ballbesitz ausgelegt ist von unfassbarer Wichtigkeit.

Guardiolas Abgang und damit eigentlich auch Bernats

Ancelotti und Heynckes haben beide ein Dreierkettensystem kategorisch ausgeschlossen, wodurch Bernat  als klassischer Linksverteidiger hinter Alaba festgesetzt war. Hier hatte er weniger gewichtige Aktionen ohne als mit Ball. Dabei kann er sehr gut Tempo aufnehmen ohne dabei die Ballkontrolle komplett zu vernachlässigen, wodurch die Option für schnelle Richtungswechsel immer offen bleibt. Das Manko bei ihm war möglicherweise, dass diese Art der Ballführung sehr sicher ist allerdings bei mangelnder Unterstützung keine große Durchschlagskraft mit sich bringt. So wurde ihm Alaba über zwei Saisons immer vorgezogen und Bernat wurde maximal in äußersten Notfallsituationen eingesetzt. Im Zweifel hat Alaba immer mal eine Flanke geschlagen oder einen Distanzschuss versucht. Trotz geringer Erfolgsaussichten wurde ihm das in der Vergangenheit immer positiv ausgelegt. Gleiches gilt für sein Hinterlaufen von Ribéry – nichts ist vorhersehbarer als die Tatsache, dass Alaba Ribéry hinterläuft. Bernat ist diese Wege (möglicherweise gar aus diesem Kalkül) nicht einmal angetreten.

Daher hat das Anforderungsprofil beider Trainer nicht optimal auf Bernats Fähigkeiten gepasst. Man kann dies natürlich als Mismatch deklarieren, möglicherweise war aber auch beiden Trainern mangels ihrer Experimentierfreudigkeit nicht bewusst, was für ein Potential ihnen entgeht.
Umso aussichtsreicher ist die Tatsache, dass gerade Thomas Tuchel ihn nach Paris gelotst hat.

Fazit

Um die Chronologie mit einer kleinen sozialen bzw. psychologischen Komponente abzurunden, sei angebracht, dass Juan Bernat in sämtlichen Interviews des vereinseigenen Senders immer einen schüchternen und sensiblen Eindruck hinterlassen hat. Und dann macht er ein schlechtes Spiel in Sevilla. Und dann haut der Uli drauf. Ohne diese Pressekonferernz in ihren Einzelheiten moralisch abwägen zu wollen muss jedoch gesagt werden, dass die größte Ungerechtigkeit komplett grund- und ansatzlos Juan Bernat angetan wurde. Uli Hoeneß ignoriert, was für einen intelligenten, variablen, angenehmen und vor allem verdienten Spieler und Menschen man mit Bernat hatte. Wenn die Geschichte mit dem Beschluss des Verkaufs von Bernat nach dem Viertelfinale tatsächlich stimmt, ist ein Mismanagement des Vereins nicht mehr zu leugnen. Übrig bleibt ein Spieler, der sehr früh und sehr schnell alles verstanden hat, er selbst jedoch blieb unverstanden.

von Shahin Bazani

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