Das Gegenpressing – Wie trainiere ich den besten Spielmacher der Welt?

Ein Zweikampf an der Seitenauslinie, der portugiesische Linksverteidiger Fábio Coentrão erobert den Ball. Nach einem schnellen Pass auf Luka Modrić leitet dieser den Ball zu Cristiano Ronaldo weiter. Nur wenige Augenblicke nach der Ballannahme wird der Angreifer von zwei Spielern in Gelb attackiert und Real Madrid verliert den Ball nur wenige Sekunden nach dessen Eroberung, durch das Gegenpressing der Borussia, wieder. Man möchte an diesem Abend im April 2013 nicht gerne mit den Spielern aus der spanischen Hauptstadt tauschen.

Die 4:1 Niederlage gegen Borussia Dortmund markierte eine der schmerzhaftesten Niederlagen in der jüngeren Vereinsgeschichte der Madrilenen. Auf der anderen Seite stellte dieses Spiel einen der Höhepunkte in der Amtszeit von Jürgen Klopp beim BVB dar. Vor allem das Gegenpressing der Borussen war zu dieser Zeit herausragend, in einem Interview bezeichnete Klopp es gar als „besten Spielmacher der Welt“.

Der folgende Artikel soll sich aus taktik- und trainingstheoretischer Perspektive mit dem Gegenpressing auseinandersetzen. Dazu soll zunächst der Begriff „Gegenpressing“ genauer erläutert und Vorteile eben dieses herausgearbeitet werden. Darauf aufbauend sollen Konsequenzen für die Trainingspraxis verdeutlicht und an Beispielen veranschaulicht werden.

Gegenpressing Vorüberlegungen

„Wir wollen eine Spielweise aufbauen den Ball dort zurück zu gewinnen, wo wir ihn verloren haben. Wir wollen uns nicht mehr fallen lassen und uns neu ordnen.“ –  Jürgen Klinsmann

Egal in welcher Altersklasse und auf welchem Niveau Fußball gespielt wird, immer wieder hört man bei Spielen Trainer, welche ihre Spieler auffordern nach einem Ballverlust nachzusetzen. Zwar ist dieses individuelle und sofortige „Nachsetzen“  ein wichtiger Aspekt eines effektiven Gegenpressings, reicht aber noch nicht aus, um das volle Potential des Gegenpressings auszunutzen. Hierfür ist ein kollektives und systematisches Vorgehen notwendig. Im Folgenden soll sich zunächst dem Begriff „Gegenpressing“ angenähert und die Vorteile eines effektiven Gegenpressings grob umrissen werden. Verschiedene theoretische Aspekte wie z.B. unterschiedliche Deckungsarten sollen anschließend nur kurz thematisiert werden, für ausführlichere taktiktheoretische Informationen sei auf die im Literaturverzeichnis genannten Texte verwiesen.

Schon die Frage, was sich hinter dem Begriff „Gegenpressing“ verbirgt sorgt teilweise für Verwirrung. Während eines Trainerlehrgangs beim SBFV wurde hierzu die Frage aufgeworfen „gegen“ was denn beim Gegenpressing  überhaupt gepresst werde? Am plausibelsten erscheint hier die Antwort, dass der Gegenangriff des Gegners attackiert werden soll. Aus diesem Grund wird das Gegenpressing in vielen anderen Ländern als Konterpressing (engl. counterpressing) bezeichnet, was weniger Spielraum für Fehlinterpretationen des Begriffs lässt. Außerdem wird so der Kern des Gegenpressings als Pressing im Umschaltmoment  sehr gut abgebildet.

Die für diesen Artikel maßgebliche Definition des Gegenpressings von Marić und Henseling beschreibt das Gegenpressing als sofortiges Erzeugen von Druck gegen den Ballführer und etwaige Gegenspieler in Ballnähe nach Ballverlust. Das Ziel soll hierbei die direkte Ballrückeroberung sein. Wie das genannte Zitat von Jürgen Klinsmann verdeutlicht, verbirgt sich hinter dem Gegenpressing eine bewusste Strategie. Anstelle des Zurückziehens in die eigene Defensivformation soll der Ball bereits im offensiven Umschaltmoment des Gegners zurückgewonnen werden.

Aus diesem Grund ist für ein effektives Gegenpressing die Struktur im eigenen Ballbesitz entscheidend. Ein gut strukturiertes Positionsspiel, in dem viele Dreiecke gebildet werden und die strategisch wichtige Spielfeldmitte kontrolliert wird, hilft nicht nur beim kontrollierten Ballbesitzspiel, sondern begünstigt auch ein erfolgreiches Gegenpressing. Die Grundlage hierfür ist die Generierung von Überzahlsituationen in Ballnähe durch offensivkompakte Formationen mit zahlreichen Verbindungen der Spieler untereinander. Außerdem erweist sich eine auf kurze und flache Pässe ausgelegte Spielphilosophie als vorteilhaft, da sich der Passgeber und Passempfänger beim Ballverlust sofort in Ballnähe befinden und so den Gegenspieler, welcher den Ball erobert, sofort gemeinsam attackieren können.

Ein gut ausgeführtes Gegenpressing birgt einige Vorteile. Da der Gegner nach einem Ballgewinn Zeit benötigt, um diesen unter Kontrolle und sich selbst offensiv in Position zu bringen, ist die Chance ihn in den ersten Momenten nach dem Ballverlust zurückzugewinnen besonders hoch. Durch die Verhinderung gegnerischer Konter (vgl. Konterpressing) kann defensive Stabilität erreicht und die eigene Dominanz gefestigt werden, außerdem lässt sich so Raum- und Organisationsverlust vermeiden.

Neben Vorteilen im Defensivspiel bietet das Gegenpressing auch einen offensiven Mehrwert. Wenn Ballverluste durch ein gut funktionierendes Gegenpressing abgesichert sind, werden dem Team riskantere Pässe und Dribblings ermöglicht, da die Folgen eines gescheiterten Versuchs weniger gravierend sind. Außerdem bieten sogenannte Gegenkonter ein enormes Potential, da die gegensätzliche Dynamik und unpassende Sichtfelder des Gegners ausgenutzt werden können. Aufgrund dieser offensiven Vorteile hat Jürgen Klopp wohl seine vielzitierte Aussage vom Gegenpressing als besten Spielmacher der Welt getroffen.

Darüber hinaus ist eine Spielweise mit einem effektiven Gegenpressing kräfteschonend für die eigene Mannschaft. Zwar müssen in einem kurzen Zeitintervall intensive Bewegungen geleistet werden, die klassische Rückzugsbewegung erfordert jedoch deutlich weitere Wege (mit und ohne Ball) und ist demnach insgesamt körperlich anstrengender. Hinzu kommen psychologische Vorteile, insbesondere in der Nähe des gegnerischen Strafraums.

Gegenpressing ist nicht gleich Gegenpressing. Das Gegenpressing, welches Jürgen Klopps Liverpool spielt unterscheidet sich von dem Gegenpressing Pep Guardiolas, auch wenn beide Strategien sehr erfolgreich umgesetzt werden. In der Theorie werden hierbei vier grundlegende Gegenpressing-Typen unterschieden: Das spielraumorientierte, das zugriffsorientierte, das passwegorientierte und das ballorientierte Gegenpressing. Auf die Unterschiede der verschiedenen Deckungsarten soll in diesem Artikel jedoch nicht detailliert eingegangen werden, Interessierten seien die großartigen Artikel von Rene Marić ans Herz gelegt, welche im Literaturverzeichnis aufgeführt sind.

Auch der theoretische Ablauf des Gegenpressings soll an dieser Stelle nur grob umrissen werden. Bereits vor dem Ballverlust können Gegenpressingsituationen antizipiert werden, worauf später im Artikel noch einmal eingegangen wird. Im weiteren Verlauf kann differenziert werden, welche Aktion das Gegenpressing auslöst. Dies kann beispielsweise ein abgefangener Pass oder ein misslungenes Dribbling sein. Neben den bereits aufgeführten Deckungsarten im Gegenpressing kann auch die erste Gegenpressingaktion selbst variieren. Neben dem klassischen Anlaufen und Stellen (vgl. ASLTB- Modell), kann die erste Aktion auch das Durchlaufen oder Überlaufen des Gegenspielers sein, welches z.B. von Roger Schmidt stark fokussiert wird. Ist das Gegenpressing nicht erfolgreich gibt es verschiedene Modelle dieses aufzulösen und in eine kompakte Defensivformation überzugehen. Das wohl prominenteste Beispiel hierfür ist die 5-Sekunden-Regel, bei der innerhalb der ersten fünf Sekunden des Gegenpressings der Ballgewinn erfolgen soll, anderenfalls soll die einstudierte Defensivformation eingenommen werden.

Implikationen für die Trainingspraxis

„The best moment to win the ball back is immediately after your team has lost it. The opponent is looking for orientation, where to pass the ball, which makes him vulnerable.” – Jürgen Klopp

Im folgenden Abschnitt sollen auf Grundlage der genannten theoretischen Aspekte Folgen für die Trainingspraxis herausgearbeitet werden. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass ein erfolgreiches Gegenpressing auf verschiedenen Komponenten beruht, welche im besten Fall gemeinsam trainiert werden. Spielformen eigenen sich hierbei am besten, um das Gegenpressing adäquat zu trainieren. Zum Abschluss des Artikels sollen exemplarisch zwei solcher Spielformen vorgestellt werden.

Der Ballverlust ist eine Situation, welche sich aus dem Spielkontext ergibt. In Übungsformen ohne Gegenspieler finden keine Ballverluste statt. Das Gegenpressing lässt sich also wie bereits angedeutet am Besten in Spielformen trainieren, welche durch ihre Regeln Ballverluste provozieren (z.B. Zeit- oder Kontaktbegrenzungen). Hinzu kommen die situationalen Aspekte des Gegenpressings. Jede Gegenpressingsituation hat ihre eigenen spezifischen Merkmale. So können die zum Ballverlust führende Aktion, die eigene positionelle Struktur beim Ballverlust und viele weitere Faktoren variieren. Das Einschleifen einer einzigen möglichen Gegenpressingsituation macht folglich wenig Sinn, vielmehr soll das situationsadäquate Verhalten über das differenzielle Wiederholen von unterschiedlichen Gegenpressingsituationen erlernt werden. Am Beispiel der bereits genannten 5 Sekunden Regel, soll die Bedeutung eines situationsabhängigen Gegenpressingtrainings verdeutlicht werden.  Diese kann zwar als grobe Orientierung dienen, sollte aber nicht die einzige Richtlinie bleiben. Kann nach 5 Sekunden immer noch Druck auf den Gegner ausgeübt werden, wäre es fahrlässig sich zurückzuziehen und den Gegner den Ball kontrollieren zu lassen, nur weil ein theoretisches Zeitlimit überschritten wurde. Vielmehr sollte die Mannschaft dahingehend trainiert werden situationsabhängig reagieren zu können und das Gegenpressing erst dann aufzulösen, wenn kein Druck mehr erzeugt werden kann.

Ein erfolgreiches Gegenpressing ist durch mehrere Faktoren bedingt. Hierzu sollen unter den drei Kategorien Kondition, Taktik und Kognition verschiedene Einflussfaktoren subsumiert werden. Wichtig ist hierbei, dass diese Kategorien keinesfalls isoliert voneinander gedacht (und folglich auch trainiert) werden sollen. Vielmehr beeinflussen sie sich wechselseitig und sollten möglichst auch im Verbund trainiert werden, wobei einzelne Faktoren im Training durchaus fokussiert werden können.

Konditionelle Aspekte spielen bei der Umsetzung eines erfolgreichen Gegenpressings eine wichtige Rolle. Wie bereits in den Vorüberlegungen ausgeführt, ist ein gut umgesetztes Gegenpressing auf Dauer zwar kräfteschonend, die konditionelle Verfassung bildet allerdings die Grundlage für das Gelingen des Gegenpressings. Kann ein Spieler aus konditionellen Gründen nicht mehr schnell genug ins Gegenpressing gehen, kann dieses möglicherweise leicht überspielt werden. Dies hat zum einen zur Folge, dass die Gefahr ausgekontert zu werden steigt, zum anderen war dann der Kraftaufwand der Mitspieler, die ins Gegenpressing gegangen sind umsonst. Für  das Gegenpressing werden vor allem kurze intensive Bewegungen in unregelmäßigen Abständen und über unterschiedliche Zeitintervalle benötigt. Als Konsequenz sollte eine fußballspezifische Kondition aufgebaut werden, bei welcher der Fokus auf einer azyklischen statt zyklischen Ausdauer liegt. Je nach Spielphilosophie erweist sich auch ein Fokus auf Kraft und Athletik als vorteilhaft, so funktionierte das zugriffsorientierte Gegenpressing des FC Bayern unter Jupp Heynckes vor allem auf Grundlage der physischen Dominanz in Zweikämpfen. Beim passwegorientierten Gegenpressing Pep Guardiolas spielen solche physischen Aspekte hingegen eine weniger dominante Rolle.

Aus taktischer Sicht ist für ein erfolgreiches Gegenpressing wichtig, dass überhaupt eine Taktik existiert. Was trivial klingt, ist auf den zweiten Blick keine Selbstverständlichkeit. Das Gegenpressing umfasst nicht nur das individuelle Nachsetzen, sondern ist vielmehr die Balleroberung im Kollektiv. Während die ballnahen Spieler den Ballführer attackieren verknappen Mitspieler den Raum, stellen Passwege zu und setzen mögliche Anspielstationen unter Druck. Eine klare Strategie hilft den Spielern bei der Entscheidungsfindung und sorgt für ein kohärentes Agieren der Mannschaft. Neben mannschaftstaktischen Aspekten, sollte auch auf gruppen- und individualtaktische Aspekte des Gegenpressings eingegangen werden. Vor allem die Nutzung des eigenen Deckungsschattens ist hierbei ein wichtiger Trainingsgegenstand.

Der Begriff Koginition umfasst Prozesse, die mit dem Wahrnehmen und Erkennen zu tun haben. Diesen kommt beim Training des Gegenpressings eine besondere Rolle zu. Viele Spieler schalten intuitiv ab, wenn sie nicht selbst an einer Ballaktion beteiligt sind, sei es als Ballführer, Verteidiger oder Anspielstation. Wie bereits herausgearbeitet wurde, ist beim Gegenpressing allerdings das Agieren im Kollektiv von zentraler Bedeutung. Das wichtigste Ziel ist folglich zunächst einmal, dass alle Spieler den Ballverlust als Gegenpressingsituation wahrnehmen und angemessen darauf reagieren. Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Antizipation der Gegenpressingsituation ein und zwar durch die gesamte Mannschaft, nicht nur in Ballnähe.


Im Buch von Martin Rafelt geht es sehr viel um die Philosophie von Jürgen Klopp und logischerweise auch um das Gegenpressing. Sicherlich ein guter Startpunkt, um sich mehr mit dem Thema Gegenpressing auseinanderzusetzen.

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Durch das Vorhersehen eines möglichen Ballverlusts kann sich ein wichtiger Vorteil ergeben, da der Faktor Zeit eine wichtige Rolle spielt. Kann der Gegner den Ball nach der Eroberung in Ruhe verarbeiten und sich nach geeigneten Anspielstationen umsehen, sinken die Chancen auf eine erfolgreiche Rückeroberung deutlich. Besonders gute Spieler antizipieren Ballverluste hierbei bereits bevor der Ball tatsächlich verloren geht. Das Ziel des Trainings sollte sein möglichst rasch auf den Ballverlust zu reagieren und auf die neue Spielsituation umzuschalten. Martin Rafelt schreibt in diesem Zusammenhang, dass das Gegenpressing zum Instinkt werden muss, bei dem alle sofort mitziehen ohne nachzudenken.  Manchen Spielern machen dies aufgrund ihres Naturells automatisch, andere müssen dieses instinktive Verhalten durch Training erst erlernen.

Gegenpressing Praxisbeispiele

„Der Ballverlust ist der perfekte Moment für den Ballgewinn, wenn nicht sogar die einzige Möglichkeit.“ – Jürgen Klopp

Abschließend sollen an Beispielen aus der Trainingspraxis Möglichkeiten eines spielnahen Gegenpressingtrainings aufgezeigt werden. Diese stellen allerdings nur einen kleinen Ausschnitt der Möglichkeiten dar das Gegenpressing zu trainieren, je nach Spielniveau können auch deutlich komplexere Spielformen genutzt werden. In einem früheren Artikel habe ich bereits angedeutet, wie das Gegenpressing in Rondos trainiert werden kann. Müssen die Verteidiger aus dem Feld dribbeln, eine bestimmte Anzahl an Pässen untereinander spielen oder in ein Tor außerhalb des Feldes passen bzw. schießen, kann die Überzahlmannschaft durch ein erfolgreiches Gegenpressing den Ballbesitz wieder sichern. Niklas Bühler hat darüber hinaus in seinem großartigen Artikel über das 4vs4+3 herausgearbeitet, wie mit Hilfe dieses Positionsspiels auch das Gegenpressing fokussiert werden kann.

Praxisbeispiel I

Übung1

Aufbau: Das rechteckige Feld wird in zwei gleich große Bereiche unterteilt. Je nach Variation können hierbei auch andere Feldformen und innerhalb dieser unterschiedliche Bereiche genutzt werden. An den beiden Endseiten können Tore oder Minitore platziert werden. Gespielt wird in zwei Teams, wobei die Spieleranzahl sehr flexibel ist (im Beispiel nutze ich zwei Teams mit jeweils 6 Spielern). Jeder Mannschaft wird in der Folge eine Hälfte des Rechtecks zugeteilt.

Ablauf: In der eigenen Hälfte spielt die Mannschaft, welche sich in Ballbesitz befindet, in Überzahl (im Beispiel 6 vs 3). Die drei verbleibenden Spieler der verteidigenden Mannschaft verbleiben in deren eigener Hälfte. Erreicht die Mannschaft in Ballbesitz eine bestimmte Anzahl an Pässen erhält sie einen Punkt. Gelingt es den Verteidigern den Ball zu erobern können sie entweder versuchen einen Treffer auf das Tor/ die Minitore zu erzielen oder den Ball in die eigene Spielfeldhälfte zu verlagern und dort hin nachzurücken. Die Spieler des Teams, welches zuvor in Ballbesitz war versuchen den Torabschluss oder die Verlagerung zu verhindern, gelingt ihnen das nicht wechseln 3 Spieler in die gegnerische Hälfte in der nun mit gewechselten Aufgaben 6 vs 3 gespielt wird.

Erklärung: Über die Spielform wird implizit das Verhalten nach Ballverlust trainiert. Nur durch ein schnelles Umschalten lassen sich Treffer bzw. die Verlagerung des Balles in die gegnerische Hälfte verhindern. Bei einem ausreichend schnellen Gegenpressing kann die Überzahl in der eigenen Hälfte ausgenutzt und der Ball leichter zurückerobert werden. Durch die Platzierung des Tores kann zudem der Fokus darauf gelegt werden nach Ballverlust zunächst die strategisch wichtige Mitte zu versperren und Rückpässe zu erzwingen. Neben dem Gegenpressing wird zudem das eigene Ballbesitzspiel, sowie das Umschalten nach Ballgewinn trainiert. Die Spieler, welche den Ball erobern, müssen hierbei immer wieder die Entscheidung treffen entweder das gegnerische Tor zu attackieren oder den eigenen Ballbesitz zu sichern.

Praxisbeispiel II

Gegenpressing

Aufbau: In einem rechteckigen Feld (die Feldform kann hierbei jedoch auch variiert werden) befinden sich zwei zahlenmäßig gleich starke Mannschaften, um das Feld positioniert sich eine dritte Mannschaft. Für das Beispiel nutze ich drei Teams mit jeweils 4 Spielern, die Spielerzahl ist jedoch grundsätzlich flexibel. In der Mitte des Feldes kann zudem mit Stangen oder Hütchen eine Mittelzone aufgebaut werden.

Ablauf: Die Teams innerhalb des Feldes spielen 4 vs 4 und dürfen dabei die neutralen, äußeren Spieler als Wandspieler nutzen. Es ergibt sich eine 4 vs 4 +4 Spielform. Punkte können über eine bestimmte Anzahl an Pässen oder falls eine Mittelzone existiert über Pässe durch eben diese Mittelzone erzielt werden. Gewinnt die verteidigende Mannschaft den Ball muss eine bestimmte Anzahl an Pässen (ca. 2-4) gespielt werden, um die Wandspieler nutzen zu können. Bis die vorgegebene Anzahl der Pässe erreicht wurde und sich mit Einbezug der Wandspieler ein 8 vs 4 für das Ballbesitzteam ergibt, wird also kurzzeitig 4 vs 4 innerhalb des Feldes gespielt.

Erklärung: Verliert die ballbesitzende Mannschaft den Ball, so muss schnell umgeschaltet werden, um Pässe des gegnerischen Teams und damit verbunden die Entstehung einer Unterzahlsituation zu verhindern. Durch die Nutzung der Mittelzone kann zudem implizit der Fokus darauf gelegt werden die strategisch wichtige Mitte sowohl im Gegenpressing, als auch im Pressing während des geordneten gegnerischen Ballbesitzes zu versperren. Neben dem Gegenpressing werden auch alle weiteren Spielphasen trainiert, so kann der Trainingsschwerpunkt beispielsweise auch auf das Verhalten bei eigenem Ballbesitz gelegt werden.

Fazit zum Gegenpressing

Um das Gegenpressing sinnvoll trainieren zu können, bedarf es der Kenntnis von theoretischen Aspekten des Gegenpressings. Spielformen eigenen sich hierbei, um ein situationsadäquates Vorgehen zu trainieren. Dabei spielen die drei Kategorien Kondition, Taktik und Kognition eine wichtige Rolle, wobei beim Gegenpressingtraining in besonderem Maße Reaktions- und Antizipationsfähigkeiten zum Trainingsschwerpunkt werden. Gelingt die Umsetzung des Gegenpressings in der Praxis ergibt sich eine Vielzahl von Vorteilen. Neben defensiven Vorzügen, wie einer schnellen Ballrückeroberung kann das Gegenpressing auch offensiv Potential entfalten und der Ausgangspunkt für eigene Torchancen werden. Galt es lange Zeit als Aufgabe von herausragenden Einzelspielern diese zu erzeugen, so können diese durch ein kluges mannschaftliches Vorgehen ersetzt bzw. unterstützt werden. In diesem Fall stellt das Gegenpressing wirklich einen sehr guten Spielmacher dar, vielleicht sogar den besten der Welt.

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Einen weiteren sehr detaillierten Artikel zum Gegenpressing findet ihr bei den Kollegen von Spielverlagerung. Schaut am besten mal vorbei.

Kategorie Spielformen, Training, Trainingstheorie

Christoph Becker trainiert seit zwei Jahren Jugendmannschaften bei der Alemannia Zähringen in Freiburg, wo er seit dem Beginn seines Lehramtstudiums lebt. Neben taktischen Fragen interessieren ihn vor allem pädagogische und psychologische Aspekte der Trainertätigkeit. Auf Twitter findet ihr ihn unter @chribecke.

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