4 Trainer – 4 Fragen

Wie schafft man es seinen Spielern “schüchternes” Abwehrverhalten abzutrainieren?

Niklas: Immer wieder ein ganz interessanter Aspekt. Ich gehe hier häufig den recht simplen Weg des expliziten und emotionalen Coachings. Zudem fordere ich Kompaktheit und Verschieben in der Abwehrkette, aber auch Rückwärtspressing der Offensivspieler, um Überzahlen herzustellen. Verteidigen zwei Abwehrspieler eine Spitze, kann das individuelle Abwehrverhalten zwar verhältnismäßig “schüchtern” sein, aber es kann trotzdem ein Ballgewinn erzielt werden. Durch engere Felder können natürlich auch mehr Zweikämpfe gefördert werden. Interessant ist auch mal ohne Torhüter zu spielen und mit der Zusatzregel “Torabschluss nur mit dem ersten Kontakt im Strafraum”. So müssen die Spieler in der Strafraumverteidigung deutlich aktiver zupacken.

Robin: “Schüchternes” Abwehrverhalten ist sicherlich eine sehr interessante Beschreibung einer Variante des Verteidigens, wobei ich dies klar abgrenzen würde zu der Bezeichnung passives Abwehrverhalten. Laut Definition wird es ja als scheu, zurückhaltend bzw. gehemmt beschrieben, welches typische Verhaltensweisen von einigen (nicht allen!) Kindern im jüngeren Altersbereich sind.

Ich persönlich kann selbst davon berichten, dass meine Jungs in der U13 zu Beginn selbst sehr “schüchtern” auftraten und gar Angst hatten einen Mitspieler zu verletzen. Ich versuche den Jungs verbal aufzuzeigen, dass das elementarste Ziel im Fußball Torerzielung ist und gleichzeitig auch bedeutet, dass der Gegner dieses Ziel ebenfalls erreichen möchte, hierzu allerdings Raum und vor allem den Ball benötigt. Umgekehrt heißt das natürlich, dass das primäre Ziel nach Ballverlust bzw. in der Phase Defensive bedeutet, den Ball zurückzuerobern.

Notwendig ist gerade im Angriffspressing oder Gegenpressing eine aggressive mentale Grundhaltung in gewissen Situationen, welche durch verschiedene Methoden schon im Aufwärmen herbeigeführt werden z.B. Rondo mit der Regel, dass die Spieler in der Mitte nur herauskommen, wenn sie eine Linie überdribbeln, welches zu einem forschen Entgegensetzen der äußeren Spieler zur Folge hat. Generell sind enge Spielformen mit gewissen Anreiz (Sonderaufgaben für Verliererteam) dafür prädestiniert, sicherlich auch Spielformen mit dem Ziel der sofortigen Ballrückeroberung in einer gewissen Zeit oder einem gewissen Raum.

Zusätzlich dazu hatte ich ganz zu Beginn auch mal Handball bzw. Footballspiele gemacht, wo es relativ wenige bis gar keine Regeln gab, um der Hemmung des Körpereinsatzes entgegenzuwirken. Dazu auch ruhig Kräftigungsübungen vor einem Training wählen, welche zu zweit in Konkurrenz angegangen werden wie z.B. Ringen (Gegner auf die Schulter legen), einbeiniges Anspringen und versuchen den Gegner auf beide Beine zu bringen etc. Generell gilt auch schon im jüngeren Altersbereich die Kinder körperlich auf die anstehenden Herausforderungen vorzubereiten, d.h. durch altersgerechtes Kräftigungstraining, auch um die Angst vor Verletzungen zu mindern.

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Pascal: Zunächst sollte man „schüchtern“ definieren und mit dem betreffenden Spielern das Gespräch suchen. Handelt es sich um einen introvertierten, ängstlichen Spieler oder hat er vorher nur gelernt passiv zu reagieren? Ist das geklärt, gilt es in Spielformen das nötige Wissen zu vermitteln.

Lösungsansätze können in der Art vermittelt werden:

Möchte ich das ein Spieler vorwärtsverteidigt und/oder auch einfach durchläuft ?

Soll strikt nach dem Schema ASTLB (Anlaufen-Stellen-Tempo aufnehmen, Lenken, Balleroberung) verfahren werden ?

Dann wird die Aktion schon „schüchterner“ sein, alleine aufgrund der Art.

Ist der Körperkontakt das Problem, dann muss man hier ansetzen.

Auch hier gilt es das Wie ? zu klären.  Bei jüngeren Spielern ist oft zu beobachten, dass zwar in den Zweikampf gegangen wird, der Körperkontakt aber falsch genutzt wird. Dem Spieler muss klar sein, dass er seine Arme mitbenutzen darf, den passenden Abstand wählt und es schafft den Körper zwischen Gegner und Ball zu bekommen.

Dieses kann in Spielformen trainiert werden. Ich nutze hierfür gerne 1g1 bis 3g3 Formen mit Zielen. Ebenso können im Aufwärmprogramm Kontaktspiele (u.a. Handball mit Kontakt, Abwandlungen vom Rugby) eingebaut werden.

Das ganze wird durch ein explizites Coaching ergänzt. Hier sorge ich durch eine lautere Ansprache für weitere Unterstützung.

Julius: Grundsätzlich lässt sich diese Frage durch viele differenzierte Provokationsregeln beantworten. Der Fokus muss dann vor allem darauf gelegt werden, viele enge Situationen zu schaffen, in denen es erforderlich ist ein 1vs1 zu suchen. Generell lässt sich dieser Aspekt aber auch durch viele und gezielte Einzelgespräche vertiefen, in denen man die klaren mannschaftlichen Nachteile ,durch zu “schüchternes” Abwehrverhalten, anspricht. Die Wiederholung der defensiv Zweikämpfe führt zu einem höheren Selbstbewusstsein und zu einer eigenen Sicherheit in den Abläufen. Verknüpft man dies mit einem emotionalen Coaching, ist in dieser Hinsicht eine langfristige und positive Entwicklung absehbar.

Welche Leitlinien würdet ihr euren Spielern für das Aufbauspiel unter Druck mitgeben?

Niklas: Der auslösende Pass soll immer flach geschehen, außer der Gegner stellt mannorientiert zu, dann ist ein Flugball in eine 1vs1-Situation hinein auch legitim. Die Spieler sollen versuchen, den Ball so lange wie möglich in der Zentrale oder in den Halbräumen zu halten und nur im äußersten Notfall die breiten Spieler zu involvieren, da dies das Pressing des Gegners auslöst und erleichtert. Dann gegen die Verschieberichtung des Gegners wieder diagonale Lösungen ins strategisch wichtige Zentrum zu finden.

Abhängig von den taktischen Ideen und Vorlieben eines jeweiligen Trainers sollten Mittel und Wege gefunden werden, um die gegnerischen Reihen zentral zu überspielen. Ziel muss es immer sein, Raumgewinn zu erzielen und den Ball flach zu halten, um stets sämtliche Optionen zur Fortführung des eigenen Angriffes zu haben. Wichtig sind hierbei Ablagenspiel auf Laufwege eines dritten Spielers und die individuelle Positionierung zugunsten des Blickfelds.

Julius:  Eine äußerst interessante Frage, welche natürlich gerade in der Tiefe der Beantwortung sämtlichen Rahmen sprengen würde, jedoch gibt es einige Prinzipien, welche unumgänglich sind für ein erfolgreiches Spiel mit dem Ball. Stellen wir uns einmal eine typische Abstoßsituation als Grundszenario vor. Es beginnt mit der Positionierung aller Spieler auf dem Feld. Die richtige Positionierung der Innenverteidiger kann bereits eine frühzeitige Pressingresistenz hervorbringen, gleichzeitig ist die Postionierung des Balls nicht zu unterschätzen, der Torwart sollte den Ball immer mittig legen, um gleich lange Passwege zu genieren. Die Innenverteidiger sollten sich auf einer Ebene mit dem Fünfmeterraum staffeln, um längere Anlaufwege der gegnerischen Stürmer zu erzeugen, und um sich dem Druck des Pressings zu entziehen.

Je nach der Philosophie des jeweiligen Trainer wird vor dem Strafraum ein 6er gestellt. Sicherlich vervollständigt dieser im Verbund mit Innenverteidiger und Torwart das Bild einer Raute, jedoch verbirgt sich dort auch ein gewisses Risiko. Zumeist wird der 6er mit dem Rücken zum Spielfeld stehen und somit eine geschlossene Stellung einnehmen, was einem Angriffspressing zumeist entgegenkommt, außerdem ist bei einem möglichen Ballverlust der Ball im Zentrum und der Weg zum Tor sehr gering. Die anderen Spieler versuchen eine gute Ebenenstruktur zu erstellen. Es soll damit vermieden werden, dass die Spieler sich auf der identischen Höhe bewegen und somit es zu keiner Überspielung der Linien kommt.

Weiterhin ist wichtig, dass im Zentrum des Spielfeldes kurze Verbindungen herrschen, um schnelle Kombination zu haben und im Gegenpressing eine lokale Kompaktheit zu besitzen. Desweiteren ist es von großer Priorität eine optimale Breite im Spiel zu haben, häufig führt eine zu breit angelegte Spielanlage dazu, dass man nicht mit dem ersten Ballkontakt in den Rücken der Abwehr kommt.

Robin: Ganz grundsätzlich sind es die gängigen Leitideen des Schaffens von Dreiecken bzw. vorrangig Rauten. Auch wir wollen am liebsten flach eröffnen, allerdings lasse ich auch schon dem Torhüter die Möglichkeiten eines Chip Balls offen, weil dieser relativ schnell viele gegnerischen Spieler aus dem Spiel nehmen kann, hierbei werden unsere Außen und unser Stürmer gezielt auf solche Situationen aufmerksam gemacht, gerade auch wenn sie sich in 1 vs. 1 Situationen befinden sollten. In solchen Situation ist allerdings auch das Unterstützungsverhalten von entscheidender Bedeutung.

Weiterführend ist es grundsätzlich das Herstellen von Überzahlen im Spielfeldzentrum, sobald man in Gleichzahl oder Unterzahlsituationen kommen sollte. Hierbei sollten gerade die hinteren Spieler im Hinterkopf behalten, dass der weitest entfernte Spieler immer das Blickausgangsziel ist und danach abgewogen wird, ob erreichbar oder nicht. Wenn nein, gibt es eine sogenannte Blickfortführung welche im Endeffekt in der Ausweichzone Außen endet bzw. im Rückpass zum Torwart, welcher immer als Überzahlspieler im Aufbau mitgenutzt werden sollte. Dabei nutzen wir gezielt auch die Möglichkeit des Rückpasses als Pressingauslöser für die gegnerische Mannschaft, womit wir Lücken im Verbund des Gegners gezielt erzeugen möchten und in Folge dessen bespielen wollen. Dies kann auch wieder durch einen Vertikal/Diagonalpass geschehen, Spiel über den Dritten oder auch hier durch einen Chip Ball, wobei beim letzteren immer bedacht werden sollte, dass dieser relativ einfach zu verteidigen sein kann und mehr Zeit benötigt.

Generell gilt immer wieder auch unter diesen Bedingungen zu trainieren, um die Spieler möglichst unbeeindruckt zu lassen, wenn sie auf solche Situationen im Spiel treffen sollten.

Pascal: Ein guter Beginn im Aufbauspiel ist essentiell. Daher möchte ich, dass der erste Pass einen Spieler erreicht, der das komplette Spielfeld im Blick hat. Zudem soll der Spieler ausreichend Raum haben, um den Ball sauber kontrollieren zu können. Somit sind gedeckte Spieler keine Anspielstation.

Generell gilt es den Ball immer Richtung Zentrum zu bringen. Ein Beispiel:

Ein Innnenverteidiger steht mehr wie Strafraumbreit und erhält vom Torhüter den ersten Ball.

Nun soll er diagonal Richtung Zentrum andribbeln, anstatt den Ball nach außen zu bringen.

Viele Pressingsysteme (gerade im Jugendbereich) sind auf das lenken nach Außen ausgelegt.

Würde der IV nun enger stehen und nach Außen dribbeln, so isoliert er sich schnell. Seine Körperposition wird automatisch geschlossener.

Daher präferieren wir das Spiel ins Zentrum. Ziel ist es immer wieder die 1. Pressinglinie des Gegners zu überspielen und den Ball im Zentrum mit einer offenen Körperposition zu erhalten. Dafür benötigen wir eine gute Bewegung und ständige Anpassung der Spielerpositionen. Diese müssen ständige Ihre Position überprüfen, und die Ihrer Mit- und Gegenspieler.

Ist ein Spieler im Deckungsschatten, dann muss er sich aus diesem bewegen. Hierfür nutzen wir Bewegungen gegen die Verschiebebewegung des Gegners oder aber auch den einfachen Merksatz : „Tief auf Lücke“.  Mit dem ist gemeint, das die Spieler sich ständig im Rücken der Gegner und im offenen Passweg positionieren sollen.

Ein weiterer Aspekt ist das Binden der Kette des Gegners. Die meisten Teams wollen in der letzten Linie eine +1 Überzahl. Somit können 3 hohe Angreifer 4 Verteidiger binden und sorgen im Aufbauspiel für eine +2 Überzahl ( Torhüter plus der freie Spieler aus der 3g4 Unterzahl im Angriff). Hier gilt es den freien Mann zu finden. Neben dem Andribbeln ist das Spiel über den Dritten eine gute Möglichkeit um ins Übergangsspiel zu gelangen.

Wie trainiert ihr individuelles Defensivverhalten (bspw. Körperstellung im 1v1, Lenken, richtiges Timing beim Herausrücken)?

Niklas: Wenig bis gar nicht. Ab und an bringen wir klassische Übungen zu 1vs1-Situationen ins Training ein, aber das ist eher die Ausnahme. Dann wird natürlich auf die genannten Basics eingegangen, aber de facto sehe ich das im Spiel nicht so häufig vorhanden, als dass man es dermaßen häufig trainieren müsste. Die DFB-Stützpunkte trainieren das ja so gut wie jede Woche, daher haben meine Spieler diese Grundlagen sowieso schon seit Langem verinnerlicht.

Das richtige Timing beim Herausrücken kann man nur im ganzheitlichen Kontext trainieren, daher greife ich das eigentlich nie explizit im Training auf, sondern unterbreche lediglich, wenn mir dieser Aspekt positiv oder negativ in einer bestimmten Situation ins Auge sticht. Ein Konzept, welches ich meinen Spielern jedoch an die Hand gebe, ist nicht aus der Defensivordnung herauszurücken, solange ein Mitspieler sich noch im unmittelbaren Zugriffsradius des Gegners befindet.

Robin: Auch bei uns nimmt das 1vs1 im Trainingsalltag nicht allzu viel Platz ein, allerdings biete ich seit Saisonbeginn eine extra Trainingseinheit für meine Spieler an, welche nicht im Stützpunkt aktiv sind. Hierbei haben wir immer wieder verschiedenste Varianten des 1vs1 behandelt, sowohl Offensiv als auch Defensiv. Allerdings haben wir dies auch immer wieder versucht im Spielkontext zu behandeln, d.h. nicht losgelöst von der Entstehung solcher Situationen z.b. durch verschiedene Kontervarianten oder nach Spielverlagerungen und Isolationen am Flügel.

Zuvor haben wir aber dennoch immer auch Grundfähigkeiten im Ablauf des individuellen Verteidigens eines einzelnen Spielers thematisiert und auch hervorgehoben, weil ich es doch als sehr wichtig empfinde, dass jeder Spieler weiß, wie man einen Gegenspieler auf Außen spezifisch lenken kann oder wie meine zentralen Spieler im Zentrum oder Halbraum attackieren sollen. Im spezifischen haben wir  in unseren Extraeinheit immer mit Rondos begonnen, welche nach einer bestimmten Anzahl von Pässen oder nach einer bestimmten Aktion in einem Pass resultierte, welcher dann eine 1vs1 Situation hervorbrachte, allerdings ist dies auch nicht immer im Spielkontext zu sehen, sondern sehr künstlich hervorgebracht.

Ansonsten gilt es immer wieder in gruppentaktischen Spielformen die Spieler genau zu beobachten und sie visuell mit solchen Situationen konfrontieren, also durch Freezing etc., damit sie ein genaues Bild des Ablaufes bekommen. Des weiteren gibt es natürlich auch die Möglichkeit per Videosequenz aufzuzeigen was gut war oder was im Ablauf noch verbessert werden müssten, man zeigt Idealtypische Szenen aus dem Profifußball, wo eine solchen Situation sehr gut gelöst wurde etc.

Eine Spielform zu dem Thema könnte z.B. so aussehen, dass verschiedene Zonen eingerichtet werden, wo nur ein Spieler der verteidigenden Mannschaft hinein darf und dann 1vs1 Szenen am Flügel oder im Zentrum entstehen.

Julius: Das offensive 1vs1 Verhalten war eines der zentralen Themen in der Nachbetrachtung vieler WM-Analysen. Die Berichte enthielten zumeists die übereinstimmende Ansicht, dass Deutschland über zu wenige 1vs1 Spieler verfügen würde, welche das offensive Dribbling suchen und zudem auch die Fähigkeiten besäßen, dieses gewinnen zu können.

Tatsächlich aber wird diese Debatte im deutschen Fußball schon länger thematisiert und vor allem diskutiert. Der Deutsche Fußball-Bund änderte über die vergangenen Jahre sukzessive den Ausbildungsleitfaden der Stützpunkte, welcher um 2008 bis 2012 noch beinhaltete “Passmonster” auszubilden ist heute gezielt darauf ausgerichtet mehr 1vs1 Spieler zu kreieren. Auch viele Trainermagazine sind mittlerweile mit den verschiedensten Übungs- und Spielformen gefüllt. Jedoch ist eines beim 1vs1 Training nicht zu vernachlässigen. Es handelt sich hierbei  um Individualtraining, was nach sich zieht, dass man durch die Korrektur und das Demonstrieren sehr viel Zeit für einzelne Spieler aufopfert.

Gerade im Amateurbereich hat man diese “Zeit” aufgrund geringer Trainingszeiten in der Regel nicht, weshalb elementarste Prinzipien für das 1vs1 nicht erlernt werden. Aus meiner eigenen Erfahrung heraus kann ich sagen, dass ich das 1vs1 versuche so spielnah wie möglich zu trainieren, bedeutet, dass wir im Zentrum einen sehr geringen Abstand zum Gegner haben (situativ jedoch auch anders z.B. Kontersituation) hierbei ist es einen gutes Rüstzeug an Fintierbewegungen inne zu haben.

Diese lassen sich in Coerver-Methoden oder anderen Übungsformen vermitteln, wichtig ist eine frühzeitige und ausführliche Korrektur bezüglich der Bewegungsabfolgen bei den einzelnen Finten ( deutliche Oberkörperbewegung, tiefer Körperschwerpunkt -> Abdruckbewegung um Geschwindigkeitsvorteile zu erzielen). Auf dem Flügel wird man dann meistens nach einer Verlagerung in eine 1vs1 gelangen, wobei es vorkommen kann, dass der Verteidiger aufgrund des ballorientierten Verschiebens eine längere Distanz zum Angreifer besitzt, was unterschiedliche Kompetenzen verlangt.

Meiner Ansicht nach sind gute defensive individualtaktische Fähigkeiten eng mit der Erfahrungswelt des jeweiligen Spieler verknüpft, denn gerade das Timing der Isolation, oder der gezielten Lenkung nach außen,  ist eines der komplexesten Trainingsinhalte, dementsprechend anspruchsvoll ist deren Vermittlung. Trotzdem lassen sie sich vermitteln, denn gerade spielnahe Spielformen bieten die Möglichkeit eines Kompetenzgewinn, gemeint ist damit, dass das 1vs1 am Flügel natürlich in den dementsprechenden Räumen trainiert werden muss, gleiches gilt für das Zentrum. Zuspiele aus unterschiedlichen Spielrichtungen und eine Anschlussaktion bilden für mich die Grundlage jener isolierten Übungsform.

Pascal:Je nach Leistungsstand und Alter der Spieler muss hier mehr oder weniger intensiv gearbeitet werden.

Spielformen vom 1v1, 1v2, 2v1 zum 2v2 usw. bis zum 3v3 mit Zusatzregeln (Angreifer müssen 3 Kontakte) und Zonenfeldern ( nur bestimmte Anzahl an Spielern pro Zone) verwenden wir da gerne.

Ebenso kann man in Passaufwärmformen das reine Anlaufen trainieren (z.B. durch überspielen eines Spielers, der dann den Ball attackiert), wobei ich auch hier die Spielform bevorzuge. Tobias hat eine gute Übung von Diego Simeone auf Twitter geteilt.

Einzelne Korrekturen nehme ich vor, indem in teilweise dann auch Spieler aus den Spielformen rausnehme und diese individuell schule.

Wie vermittelt ihr das richtige Freilaufverhalten?

Niklas: Immer implizit in Spielformen. Wichtig ist es, gegen die gängige Annahme “man müsse dem Ball stets entgegenkommen” anzukämpfen. Das ist kompletter Blödsinn und weit verbreitet in der deutschen Fußballlandschaft. Ich möchte mit dem Ball zum Tor gelangen. Wenn ich immer nur dem Ball entgegenkomme, wie möchte ich dann Raum zum Tor gutmachen?

Die Spieler müssen lernen, sich so weit wie möglich vom ballbesitzenden Spieler entfernt anspielbar zu machen, ohne die Anbindung an diesen zu verlieren. Dann kann möglichst viel Raum per Flachpass überbrückt und der Gegner ins Verschieben gebracht werden. Spieler verwechseln häufig eine “tiefe” Positionierung (z.B. zwischen den Linien) mit Passivität, da sie immer gesagt bekommen haben, sie müssen sich “zum Ball” bewegen. Die richtige Positionierung ist die Basis schlechthin für ein erfolgreiches Positionsspiel und wird von mir in jedem Training in unseren Spielformen vermittelt. Daher ist Freilaufverhalten absolut omnipräsent in jeder einzelnen Trainingseinheit.

Robin: Tatsächlich ist das Freilaufverhalten einer der Coachingpunkte, worauf ich im Trainingsalltag mit am meisten Wert lege. Auch weil die richtige Positionierung der Spieler auf dem Feld einen großen Einfluss auf verschiedenste kleine Details des Spiels haben kann. Sei es das Überbrücken des Feldes, die Unterstützung und Absicherung eines Mitspielers, die Möglichkeit einer Verlagerung oder auch das Gegenpressing. Das Kennen dieser Punkte der richtigen Positionsfindung ist zentraler Bestandteil jeder Trainingseinheit und jedes Spiels.

Zu Beginn hatten meiner Spieler noch enorme Probleme in der richtigen Positionsfindung in freieren Spielformen ohne klare Position, so war das Ziel zu Beginn auch klar gesetzt, dass Spieler ihre Position auch in unübersichtlichen Situationen im Spiel finden können. Dies geschah erst durch Spielformen mit festen Regeln der Positionierung in bestimmten Zonen und vor allem der Verwendung von verschiedensten Rondos. In diesen Rondos sollten die Spieler immer wieder darauf bedacht sein sich aus dem Deckungsschatten zu bewegen, sich spieloffen zu positionieren und gezielt freie Räume zu attackieren.

Im weiteren Verlauf wurden dann auch wieder noch freiere Spielformen genutzt z.B. im Hexagon etc., wo wir darauf bedacht waren, vermehrt in diagonale Optionen für den Ballführenden zu kommen bzw. den Fokus auch im Spiel darauf zu richten, dass man bestenfalls immer diagonal zum Ballführenden anbietet.

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Einer der besten, wenn es um das Freilaufverhalten geht

So ging es dann immer Stück für Stück weiter, je nachdem wie weit die Kompetenzen in den verschiedensten Bereichen des Freilaufens bei den Spielern waren. Gruppentaktisch ging dies weiter mit Prinzipien wie “macht den Raum so tief wie möglich” oder “wenn du selbst nicht angespielt werden kannst, dann versuche einen Mitspieler anspielbar zu machen”. Letzteres ist vor allem wichtig gegen mannorientiert spielende Mannschaften, wo man gerade durch freiziehende Bewegungen dem Mitspieler helfen kann.
Laufverhalten nach Vertikalball oder Gegner überspielenden Diagonalbällen und dementsprechende Nachrückbewegungen waren weitere Details, verbunden mit dem Prinzip, dass wir Spieler benötigen, welche dem passierten Pass nachverfolgen, um eine weitere Passoption zu bilden bzw. “wir unterstützen immer den Spieler, der den Ball mit dem Rücken zum Tor bekommt” (Spiel über Dritten). Dies kann man z.B. mit Vertikaloptionen am Ende eines Feldes erreichen, vielleicht auch in Hexagonalfelden.

Weitere Details können wir nennen für die richtige Höhe der Außenverteidiger beim Unterstützen der zentralen Spieler, je nachdem in welchem Feldbereich der ballführende Spieler sich befindet.

Generell gilt für die Vermittlung im Freilaufverhalten, nutzt Kurzanleitungen in Form von Prinzipien, um das Verhalten von Spielern zu unterstützen und die Positionsfindung zu erleichtern. Weitere Möglichkeiten wären noch: “Komme dem Ballführer nur so nah wie nötig, bleib so weit weg wie möglich”, “Erkenne den Raum im Rücken des Gegners und nutze ihn”.
Für die Vermittlung dieser Prinzipien ist es mMn am Besten in verschiedensten Spielformen zu trainieren.

Julius: Das richtige Bewegen aus dem Deckungsschatten heraus, ist eines der zentralen Kernpunkte in jedem Training. Es gilt dabei, dass möglichst viele Spieler in der eigenen Ballbesitzphase, diese Bewegung vornehmen, um den ballführenden Spieler ein Maximum an Folgeaktionen anzubieten, allerdings ohne den Verlust einer guten Positionsstruktur.

Das eigene Freilaufverhalten muss ebenfalls an an die Bewegungsabläufe meiner Mitspieler gekoppelt sein, da es sonst zu einer möglichen Doppelbesetzung eines identischen Raumes führen kann. Die Freilaufbewegung muss stets mit einer Tempo- und Richtungsänderung durchgeführt werden, damit man einen explosiven Bewegungsvorsprung gegenüber seinem Gegner besitzt, welcher außerdem einen Aktions- und Raumvorteil mit sich bringt. Unumgänglich hierfür ist eine stetige Orientierung des Spielers (Schulterblick), um bei  einer eventuellen Raumverknappung des Gegners, eine permanente und effektive Freilaufbewegung als möglichen Lösungsansatz für eine flache Spielfortsetzung bieten zu können.

Neben der eigentlichen Bewegung aus dem Deckungsschatten, ist es existenziell wichtig, dass der Pass in eine richtige Bewegungsfolge stattfindet. Gemeint ist damit, dass der Pass in den ballentferten Fuß gespielt wird (optimaler Fall, situativ allerdings auch in ballnahen Fuß), um damit eine Diagonalität im Passspiel zu provozieren, was eine Überspielung der gegnerischen Linien vereinfacht. Es ist weiterhin bedeutsam den Spieler einzuimpfen, dass nach der Freilaufbewegung und der anschließenden Folgeaktion,dieser Prozess wieder von vorne beginnt, also dem Mitspieler wieder möglichst viele “Angebote” zu bieten.

Um diesen Denkansatz besonders effizient vermitteln zu können, nutze ich meist zu Beginn einer solchen Trainingseinheit unterschiedlichste Rondoformen ( 3vs1 etc.), da dort in kleinster Spielform, die Wirkung einer derartigen Freilaufbewegung sichtbar zu erkennen ist. Diese Erfahrungsgewinne lassen sich zumeist sehr schnell in größere Spielformen transferieren.

Pascal: In Spielformen – mit dem Ziel die Räume zu erkennen und in diese zu bewegen oder diese frei zu machen für andere Mitspieler (siehe z.B. unsere Analyse zum City Spielzug mit David Silva)

Grundsätzlich geht es darum, das am Ende die Spielern die Möglichkeiten kennen.

Wieder ein Beispiel:

Zur Vereinfachung 4-4-2 gegen 4-4-2

Wenn unser Innenverteidiger im Halbraum andribbelt, dann ist es nicht sinnvoll, wenn der ballnahe 6er sich dort anbietet und entgegenkommt.

Gleichzeitig rückt der Flügelspieler auch in den Halbraum ein.

Dann habe ich 3 Spieler in einer Linie und auch noch jemanden der Richtung Ball läuft.

Der 6er kann dann nur prallen lassen, bringt aber noch einen Gegenspieler näher an den Ball und macht den Raum enger. Wir haben somit keinen Raumgewinn, sondern einen Raumverlust. Klar könnte der 6er den Ball auf den anderen IV klatschen lassen, dann darf aber der andere 6er nicht entgegenkommen. Sonst sind wir wieder in der Ausgangssituation.

Es ist wichtig, das die Spieler wissen was passiert und den nächsten Pass schon kennen.

Im o.g. Beispiel könnte ein 6er weiter nach vorne gehen und einen Gegner mitziehen/binden oder er positioniert sich zwischen den 2 Spitzen (die müssen dann auch enger stehen).

Der IV könnte dann vielleicht den einrückenden Flügelspieler anspielen, der auf den 6er klatschen lässt (Spiel über den Dritten).

Wird aber der IV vom ST angelaufen, dann muss ich als 6er wissen, dass ich mich aus dem Deckungsschatten löse und diagonal im Zentrum anspielbar mache.

Da kann ich dann aufdrehen oder den Ball weiterspielen.

Hieran erkennt man, das man ständig wissen muss wo man sich befindet, wo die Mit- und Gegenspieler sind. Dazu sind ständige Schulterblicke unerlässlich.

Aber ebenso kann man vorausdenken.

Dribbelt der IV an und die gegnerische Spitze macht weiterhin das Zentrum dicht, dann hat er die Möglichkeit nach vorne zu kommen.

Ich weiß dann ja schon was passiert.

Also laufe ich mich für den o.g. Klatschball im Rücken der Spitzen frei.

Ist aber der Passweg zu und der Stürmer läuft jetzt den IV an, ja dann muss ich mich anders anbieten.

Wie man an dem Beispiel sieht, es gibt verschiedene Lösungswege, die kann ich aber nur in Spielformen trainieren. Also gebe ich meinen Jungs da immer paar Ausgangssituationen:

–          Pressinglinie für das eine Team (ohne Ball)

–          Anzahl der Spitzen (1 Anläufer der teilt, 2 ST etc)

–          Lenken nach Außen/Innen

–          Aufbau beginnt immer beim TW, der spielt einen IV (je nach Trainer und Idee auch anderen Spieler ) an

–          Mit dem 1.Kontakt vom IV geht’s los.

Die Spieler werden Lösungen finden, diese werden besprochen und über Fragen erfragt (was funktionierte sehr gut, was lief gar nicht etc.)

Auch kann hier im Coaching verbal eingegriffen werden und Ideen zu Verbesserung angeboten werden.

Fazit

In unserem regelmäßigen Format vier Trainer – vier Fragen widmen sich vier Trainer euren Fragen. Wenn ihr also demnächst Lösungen für ein Problem sucht, oder einfach die Meinung anderer höhren wollt, dann schickt uns eure Fragen via Facebook oder Twitter.

Kategorie Allgemein, Training

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