Duell der Spielsysteme

Am 13. Spieltag der Bundesliga kam es zum Topspiel zwischen RB Leipzig und Borussia M’gladbach. Beide Teams spielen bisher eine sehr gute Saison. Die Sachsen hatten vergangene Woche in Wolfsburg erst die zweite Saisonniederlage verkraften müssen und stellen mit 10 Gegentoren die beste Defensive. Bei den Gästen sticht die Offensive in dieser Saison heraus. Mit 30 Toren haben sie die zweitbeste Offensive der Liga. Beeindruckend ist, dass das neue 4-3-3-System in sechs der zwölf Spieler drei oder vier Tore produzierte.

Das Duell von Leipzig und Gladbach könnte am Ende der Saison einen großen Einfluss darauf haben, wer von beiden in der nächsten Saison in der Champions League starten darf.

Wie zu erwarten entwickelte sich ein hochklassiges Spiel, bei dem beide Trainier ihrer Mannschaft eine gute Idee für das Ballbesitzspiel mitgaben, die den Gegner jeweils vor Probleme in der Defensive stellte.

Die Grundformationen

Ralf Rangnick scheint Startelf und Formation im Wochentakt zu ändern. Nach der Dreierkette gegen Salzburg versteckte sich hinter dem zweiten Adventstürchen eine Raute. Die Innenverteidigung bildeten Konate und Upamecano, Halstenberg startete hinten links und Klostermann lief den rechten Flügel hoch und runter. Diego Demme startete als Sechser mit Kampl und Sabitzer als Achter neben bzw. vor ihm. Auf der Zehn begann Bruma hinter den beiden Spitzen Werner und Poulsen.

Dieter Hecking vertraute seiner Stammelf, die Gladbach auf den zweiten Tabellenplatz brachte. Die verletzten Ginter und Hofmann wurden durch Jantschke und Zakaria ersetzt. Elvedi rückte dafür auf die rechte Innenverteidigerposition.

Aufstellung

Leipzig dominiert

Leipzig startete gleich zu Beginn mit aggressivem Pressing und viel Ballbesitz. Dabei wurde im Aufbauspiel die linke Seite fokussiert. Der in der Raute eigentlich freie linke Flügel wurde abwechselnd von Kampl oder Werner besetzt, Halstenberg spielte tiefer und sorgte für eine gute Absicherung. Auch Bruma kam auf die Seite, um Überzahlsituationen zu schaffen. Kampl war in diesen Situationen sehr dominant. Wenn er am Flügel angespielt wurde, dribbelte er in den tiefen Halbraum und nutzte die Zugriffsprobleme von Gladbachs 4-5-1-System. Von dort konnte er dann entweder Poulsen mit Chipbällen bedienen oder das Spiel auf Konate verlagern. Poulsen bewegte sich in der letzten Linie als Anspielstation für hohe Bälle, die er auf die nachrückenden Spieler ablegen sollte. Sabitzer rückte im rechten Halbraum nach vorne und zeigte auch vereinzelt Läufe in die Tiefe. Bereits nach 3 Minuten führte eine solche Aktion zum Führungstor.

Szene 1

Anschließend war aber häufiger zu sehen, dass die Überladung der linken Seite einen vorbereitenden Charakter für das weitere Ballbesitzspiel haben sollte. Gladbach wurde mit kurzen Passstafetten angelockt, nur um anschließend das Spiel auf Konate zu verlagern. Der zeigte in den ersten 20 Minuten eine starke Dominanz im Spielaufbau. Durch ständiges Andribbeln konnte er Zakaria aus seiner Position locken. Das machte entweder den Raum hinter dem Schweizer bespielbar, der von Sabitzer besetzt wurde. Alternativ spielte Konate hohe Diagonalbälle auf den linken Flügel, um entweder Kampl oder Werner in eine 1 gegen 1 Situation am Strafraumeck zu bringen. Da Gladbachs Mittelfeld – allen voran Neuhaus – durch die Überladung der linken Seite nach vorne gelockt wurden, öffnete sich auch häufig ein großer Raum zwischen den Verteidigungslinien. Den konnte Konate für Chipbälle auf Poulsen nutzen.

Szene 2

Das Spiel von Leipzig war geprägt von einer sehr guten Klarheit der Aktionen. Auf der linken Seite verstrickten sie sich nicht in zu riskante Kombinationen, die zu Ballverlusten führen könnten. Auch Sabitzer agierte nach Anspielen von Konate sehr klar. Er nutzte den Raum in Gladbachs Formation, um aufzudrehen und anschließend den aufrücken Klostermann in ein oft ungleiches Laufduell gegen Wendt zu schicken. Auf der linken Seite konnten Werner und Kampl nach Anspielen von Konate entweder das Dribbing gegen Lang suchen oder die Flanke in die Mitte bringen. Diese Klarheit im Spiel und die Tatsache, dass Leipzig die Angriffe bis in den gegnerischen Strafraum bringen konnte führte dazu, dass Gladbach nur schwer kontern konnte. Nach Ballgewinnen im eigenen Strafraum ist es häufig schwer zu kontern. Leipzig hatte eine gute Konterabsicherung, was zwar eine geringe Anzahl an Spielern im Strafraum und demnach zu wenigen Torchancen führte, Gladbach aber auch nicht kontern konnte. Klärungsaktionen landeten entweder direkt bei einem Leipziger oder wurden durch Gegenpressing zurückerobert. Das Gladbach keinen Zugriff auf das Aufbauspiel der Leipziger hatte, lag allerdings am 4-5-1-System. Gar nicht so sehr an der Umsetzung der Gladbacher, sondern vielmehr an den Eigenschaften des Systems.

Probleme des 4-5-1 gegen den Ball

Im 4-5-1 gibt es offensichtlich nur einen Stürmer. Mit einem Spieler ist es unmöglich, Passwege zuzustellen oder das Aufbauspiel des Gegners zu leiten. Ein seitliches Anlaufen des Stürmers gegen einen Innenverteidiger kann beispielsweise sehr leicht überspielt werden.

Bild 3

Um Zugriff auf den Spielaufbau des Gegners zu bekommen, muss daher ein Spieler aus dem Mittelfeld nach vorne rücken. Möglich wäre, dass der Flügelstürmer den Innenverteidiger seitlich anläuft, während der Achter verhindert, dass der Flügelstürmer in einem Dreieck zwischen Innenverteidiger, Achter und Außenverteidiger landet, welches sein Anlaufen überspielen kann. Häufiger kommt es allerdings vor, dass ein Achter auf den Innenverteidiger herausrückt. Dafür ist aber die horizontale Kompaktheit des Mittelfelds und der Abstand zwischen Mittelfeld und Abwehr sehr wichtig (siehe Tor von Hannover gegen Gladbach). Wenn der Gegner das Spiel häufig verlagert, muss aber auch der ballferne Achter herausrücken. Das ist sehr riskant, weil der rechte Achter oft noch nicht zurückgelaufen ist, damit der Sechser das Herausrücken des linken Achters absichern kann. Um zu verhindern, dass der Raum zu groß wird, ist das richtige Timing beim Herausrücken wichtig.

Gladbach deckt die Probleme der Raute auf

Was beim 4-5-1 der Zugriff auf die Innenverteidiger ist, ist beim 4-Raute-2 der Zugriff auf die Außenverteidiger. Viele Vereine spielen gegen die Raute über die Außenverteidiger, oft weil sie dazu gezwungen sind. Gladbach deckte aber auf, wie man darüber hinaus das System vor Probleme stellen kann.

Nach 20 Minuten zogen sich die Leipziger zurück. Mit dem 1:0 im Rücken und der Tatsache, dass ein dauerhaftes Anlaufen nicht über das ganze Spiel möglich ist, überließen sie den Gästen den Ball. Zunächst wirkten die Staffelungen im Spielaufbau der Gladbacher unscheinbar, die Lösung lag aber im Detail. Genauer gesagt in den Bewegungen der einzelnen Spieler.

Wichtig für die folgenden Abläufe ist Gladbachs gutes Positionsspiel. Durch die Positionierung der Achter im Halbraum müssen Leipzigs Stürmer darauf achten, den Raum hinter sich nicht zu groß werden zu lassen. Kampl und Sabitzer müssen mit dem Anlaufen der Außenverteidiger erst warten, bis der Pass gespielt wird, weil sie sonst den Halbraum öffnen würden. In einer Situation spekulierte Kampl eigentlich geschickt auf einen Pass auf Lang, Elvedi spielte aber den Ball in den Halbraum und brachte Neuhaus und Hazard so in eine Überzahlsituation gegen Halstenberg.

Szene 6

Die Innenverteidiger warteten, bis sie von Werner oder Poulsen angelaufen wurden und spielten dann den Pass auf den Außenverteidiger. Da Gladbach häufiger über die rechte Seite aufgebaut hat, werden die Namen der jeweiligen Spieler auf der Seite genommen. Auf der linken Seite gab es aber die gleichen Mechanismen. Lang hat nun den Ball und wird von Kampl angelaufen. Wichtig ist zunächst die Positionierung der Flügelstürmer. Hazard steht im Halbraum in der letzten Linie und bindet Halstenberg, der nicht rausrücken kann. Neuhaus läuft von der rechten Achterposition in den Rücken von Kampl, und hat dort Zeit und Raum, weil er nicht von Halstenberg angelaufen werden kann. Gladbach versuchte dann, den Ball in den Halbraum zu bekommen. Dafür hatten sie verschiedene Möglichkeiten. Lang konnte mit Neuhaus einen Doppelpass spielen und dabei diagonal laufen oder selbst diagonal in die Mitte dribbeln, wenn Kampl den Passweg abdeckte. Außerdem konnte Stindl sich in den von Neuhaus geöffneten Raum fallen lassen, um von Lang angespielt zu werden.

Szene 8

Da sich die Gladbacher in den Lücken zwischen zwei Leipziger Gegenspieler aufhielten, konnte auch ein Herausrücken eines Leipziger Spielers überspielt werden.

Szene 9

Bei Gladbach ergab sich in diesen Situationen aber ein strategisches Problem, welches zu fehlender Durchschlagskraft führte. Auf der rechten Seite waren die Kombinationen insgesamt sehr vertikal mit dem Ziel, einen Spieler hinter die Leipziger Abwehr zu schicken. Dies gelang in manchen Situationen gut, wenn aber Passoption in die Tiefe fehlte, verpasste Gladbach den Moment, das Spiel auf die freie linke Seite zu verlagern.

Die besten Chancen entstanden nachdem Gladbach das Spiel im Mittelfeld verlagern konnte. Einmal von der linken auf die rechte Seite und einmal von der rechten auf die linke Seite. Beide Male kam Stindl im Strafraum zu guten Abschlüssen, scheiterte aber an Gulacsi.

Weil Leipzig große Probleme mit dem Gladbacher Spiel hatte, stellte Rangnick in der 40. Minute auf ein flaches 4-4-2 um. Damit sollte der Zugriff auf die Außenverteidiger von Gladbach verbessert werden. In der Nachspielzeit eroberte man den Ball am Flügel in einer 3 gegen 2 Situation. Weil Gladbach im Gegenpressing der Zugriff fehlte und Werner eine überragende Ablage auf Poulsen spielte, ging Leipzig mit einer 2:0 Führung in die Pause.

Die zweite Halbzeit – Gladbach dominiert

Zur zweiten Halbzeit blieben beide Mannschaften unverändert. Leipzig hatte in den ersten Minuten wieder viel Ballbesitz, konzentrierte sich aber nicht mehr so stark auf die linke Seite. Kampl organisierte mit Konate und Upamecano den Spielaufbau, Demme rückte früh ins offensive Mittelfeld vor. Leipzig kam dann mit vielen Spielern auf eine Seite, wartete auf das Herausrücken eines Mittelfeldspielers und versuchte dann, mit schnellen vertikalen Kombinationen hinter die Abwehr zu kommen.

Nach den ersten fünf Minuten dominierte Gladbach anschließend über die gesamte Halbzeit den Ballbesitz. Dabei spielten sie die strukturellen Vorteile des 4-3-3 gegen ein 4-4-2 gut aus. Elvedi, Jantschke und Strobl befanden sich in einer 3 gegen 2 Situation gegen Werner und Poulsen. Der zu verteidigende Raum war für die Leipziger Stürmer sehr groß, deshalb konnte Gladbach nach wenigen Pässen beide Stürmer auf eine Seite locken, um dann über Jantschke den Ball nach vorne zu spielen. Durch das Fallenlassen von Stindl entstand auch hier eine 3 gegen 2 Situation gegen Kampl und Demme. Die Leipziger Sechser orientierten sich an den Passwegen zu Zakaria und Neuhaus, wodurch Stindl im Zentrum angespielt werden konnte. Wichtig dafür waren die Positionierungen von Plea und Hazard, die in den Schnittstellen zwischen Außenverteidiger und Innenverteidiger positioniert waren und so ein Herausrücken eines Innenverteidigers auf Stindl verhinderten.

Szene 10

Stindls Zurückfallen wurde dabei aber so eingesetzt, um das Spiel wieder zu verlagern und über den Flügel anzugreifen. Die Szenen, in denen Stindl aufdrehen wollte, konnte Leipzig mit Fouls stoppen. Im weiteren Angriffsverlauf versuchte Gladbach dann den Ball über die Flügel nach vorne zu bringen. Hazard und Plea attackierten immer wieder die Schnittstellen in Leipzigs Viererkette mit Läufen in die Tiefe. Trotz guter Ansätze gab es aber keine Torchancen.

In der 60. Minute kam Traore für Neuhaus. Das hatte zur Folge, dass Stindl die rechte Achterposition besetzte und Plea ins Sturmzentrum rückte. Hazard spielte auf dem linken, Traore auf dem rechten Flügel. Letztere positionierte sich aber nicht in den Halbraum, sondern hielt die Breite. Gladbachs Aufbauspiel startete ab dann vermehrt im rechten Halbraum über Elvedi, Strobl und Stindl. Sie lockten Poulsen, Werner und Kampl auf die Seite, verlagerten das Spiel dann auf Jantschke und bespielten den großen Abstand zwischen Demme und Kampl. Plea ließ sich fallen und sollte den Ball weiterleiten. In dieser Phase gelang es Gladbach häufiger, aus diesen Räumen den Ball weiter nach vorne zu spielen. Wendt rückte dafür am Flügel auf, Hazard startete aus der Schnittstelle Läufe in die Tiefe.

Trotz einem sehr guten Aufbauspiel und einer guten Struktur im Ballbesitzspiel konnte Gladbach sich keine weiteren Torchancen herausspielen. Dies lag zum einen an der individuell starken Verteidigung von Leipzig – allen voran Konate. Zum anderen spielte Gladbach oft zu unsauber, wodurch viele Angriffe endeten.

In der 75. Minute brachte Hecking mit Cuisance und Raffael zwei neue Spieler für die Außenverteidiger Lang und Wendt. Die Borussia spielte ab dann in einem 3-1-4-2, Strobl rückte in die Innenverteidigung, Zakaria auf die Sechs. Stind und Cuisance waren die Achter, vor ihnen spielten Plea und Raffael. Hazard und Traore spielten auf den Flügen. Gladbach kam so zu einer Großchance, indem Raffael und Plea den Raum um Konate besetzten, dieser sich am falschen Spieler orientierte und Plea eine 1 gegen 1 Situation vergab. Rangnick stellte anschließend auf ein 5-4-1 um und nahm einem letzten Aufbäumen der Gladbacher den Glauben.

Fazit

Die erste Halbzeit wurde zum Duell der Systeme. Sowohl im 4-5-1, als auch im 4-Raute-2 wird das zentrale Mittelfeld dreifach besetzt. Im 4-5-1 werden zusätzlich die Seiten verstärkt, was zu lasten der Spieler in der ersten Verteidigungslinie geht. Die ist bei einer Raute und zwei Stürmern besser besetzt, was hier aber zulasten des Zugriffs am Flügel geht.

Durch die Führung konnte sich Leipzig in der zweiten Halbzeit auf die defensive Stabilität konzentrieren und setzte nur noch gelegentlich Konter. Gladbach dominierte die zweite Halbzeit mit einem sehr guten Aufbauspiel, kam aber nicht an der Leipziger Viererkette vorbei.

Der Tabellenzweite war in diesem Spiel keinesfalls die schlechtere Mannschaft, die frühe Führung und das späte Tor spielten den Leipzigern allerdings in die Karten. Gladbach nutzte die beiden Großchancen durch Stindl und Plea hingegen nicht. Ein hochklassiges Fußballspiel endete mit 2:0 für Leipzig, die sich so auf den dritten Tabellenplatz vorschoben.

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