Atlético Madrid, die beste Defensive der Geschichte?

Hin und wieder bringt dieser Sport die wunderbarsten Geschichten hervor. Von einer Gruppe von Menschen, die sich gefunden haben, gemeinsame Werte teilen, sich bereits eine Familie nennen können und gemeinsam zu neuen Höhen aufbrechen. Als Diego Simeone Atlético 2011 übernahm, konnte sicherlich niemand damit rechnen, dass diese neuen Höhen bedeuten, dass Atlético Madrid die Dominanz der beiden spanischen Top-Teams brechen kann und dabei noch zweimal das Champions League Finale erreicht.

Diego Simeone, der Kämpfer aus Argentinien schaffte es Atlético zu einer der Top-Mannschaften der Welt zu formen und einen ganz eigenen Spielstil zu implementieren. Seine Spieler stehen dabei voll hinter ihm. Das Fundament bilden Spieler wie Koke, Godin, Filipe Luis oder Saúl. Spieler, die für Simeone durchs Feuer gehen würden. Zusammen mit diesen Akteuren schaffte es der argentinische Coach, die wohl beste Defensive der Welt zu formen und es gibt sicherlich gute Argumente dafür, sie als beste Defensive der Geschichte zu bezeichnen.

Es wurde bereits sehr viel über Atlético Madrid und Diego Simeone geschrieben. Wir möchten euch einen tiefen Einblick in die Prinzipien und Abläufe der Atlético Defensive mit unserer Serie geben. Doch bevor wir uns um Details, Spieler und Trainingsformen kümmern, müssen wir zuerst die grundsätzlichen Abläufe des Atlético Blocks verstehen. Denn bereits hier unterscheiden sich die Rojiblancos von den meisten anderen Teams.

Eine Übersicht zu unserer Atlético Serie findet ihr übrigens hier.

Das 4-4-2 als Ausgangsformation

Das 4-4-2 war über Jahre hinweg der Standard im Spiel gegen den Ball. Eigentlich jede Mannschaft nutze es, um die Lücken möglichst klein zu halten aber gleichzeitig die Möglichkeit zu haben, auf möglichst viele Räume Zugriff zu haben. Auch Atlético Madrid nutzt ein 4-4-2 gegen den Ball, wenn sie sich eher abwartender im zweiten Drittel positionieren.

Ihr 4-4-2 zeichnet sich durch ein besonders hohes Maß an horizontaler und vertikaler Kompaktheit aus. Man sieht sehr selten, dass Atlético bereits den Abstoß des Torhüters zustellt. Des Öfteren warten sie in ihrem Defensivblock ab und haben verschiedene Pressing-Triggers. Gegen den Ball halten die drei horizontalen Linien stets engen Kontakt zueinander.

Aus diesem Grund ist es so schwierig Raum zwischen Atléticos Linien zu finden. Außerdem bietet sich die Möglichkeit, dass mehrere Spieler einen Gegenspieler pressen können, wenn er den Ball zwischen den Linien erhält. Die, aufgrund der vertikalen Kompaktheit, kurzen Wege ermöglichen das. Die vertikale wie auch horizontale Kompaktheit des Teams von Simeone ist dabei beeindruckend. Selten findet man Passwege zwischen zwei Spielern einer Linie. Diese Genauigkeit in der Positionierung erfordert jahrelanges Training und gutes Coaching

442 gegen den Ball

Um horizontal kompakt zu stehen, geht Atlético etwas unorthodoxer vor. Die meisten Teams agieren mit breiteren Flügelspielern und engerer Viererkette gegen den Ball. Die Flügelspieler haben die Aufgabe auf dem Flügel zu pressen, während die Außenverteidiger absichern. Dabei wird meistens mannorientiert verteidigt und so der Gegner sofort unter Druck gesetzt. Atlético Madrid hingegen fokussiert sich hauptsächlich auf das Sichern des Zentrums. Entsprechend ist die Mittelfeldkette sehr eng positioniert. Die Flügelspieler positionieren sich im Halbraum und halten engen Kontakt zu den beiden Sechsern. Das macht es dem Gegner recht schwer zwischen Atléticos Linien zu gelangen.

Die Außenverteidiger hingegen stehen etwas breiter und orientieren sich häufiger an einem Gegenspieler. Eine engen Mittelfeldkette und eine breitere Abwehrkette haben den Vorteil, dass die Gefahr nicht so groß ist durch Mannorientierungen am Flügel in ein 6-2-2 oder ähnliche Formationen mit vielen Spielern in der letzten Linie zu geraten.

Sechserkette.PNG

Der Tod für jedes mannorientierte Pressing. Die Flügelspieler werden nach hinten gedrückt und man steht praktisch in einer Sechserkette. Etwas, dass Atlético so gut wie nie passiert.

Um die Gefahr zu minimieren, dass der Gegner den Defensivblock auseinanderzieht, nutzt Atlético Madrid nur wenige kurze Mannorientierungen. Das Halten der Position und Abdecken des eigenen Zuständigkeitsbereichs steht dabei im Vordergrund. Wenn einer der Mittelfeldakteure herausrücken muss, sichern die Mitspieler darüber hinaus perfekt diagonal ab. Dem Gegner werden so keine Passwege ins Zentrum offenbart. Selbst schnelle kurze Verlagerungen kann Atlético so effektiv verteidigen.

Das Herausrücken und die Pressingauslöser

Interessanterweise rückt bei Atlético regelmäßig einer der zentralen Mittelfeldspieler aus der Kette, um den Ballführenden Spieler im Halbraum zu pressen. Bei vielen Teams übernimmt das eigentlich der Flügelspieler. Rückt der Sechser aus der Kette hat der Gegner allerdings keine Möglichkeit nach einem Pass zur Außenlinie diagonal ins Zentrum zu gelangen. Außerdem ist das Anlaufwinkel aus dem Zentrum heraus passender. Durch das frontale, aggressive Anlaufen ist der effektive Deckungsschatten größer. Natürlich kann gerade nach Verlagerungen auch der ballnahe Flügelspieler herausrücken.

Normalerweise schiebt jener aber nur diagonal aus dem Halbraum, wenn der Außenverteidiger des Gegners den Ball erhält. Zusammen mit dem eigenen Außenverteidiger kann der Gegner dort isoliert werden.

Insbesondere der Flügel ist eine gefährliche Zone für den Gegner. Denn einer der wichtigsten Pressingauslöser bei Atlético beginnt mit einer Aktion des Gegners am Flügel. Gegen Borussia Dortmund konnte man dies sehr gut beobachten. Als Piszczek den Ball am Flügel erhält muss er abdrehen und wird daraufhin von Rodri unter Druck gesetzt. Flügelspieler Saúl sichert ab, damit Dortmund nicht über die Außenbahn diagonal ins Zentrum gelangt. Atlético beginnt nun das aggressive Anlaufen.

Pressing Flügel

Die Stürmer antizipieren stets die nächste Anspielstation und laufen aggressiv an. Dortmund wurde in dieser Szene regelrecht überrascht von der plötzlichen Intensität im Pressing und muss letztlich zum langen Ball greifen.

Atlético zeigt dann ein etwas unorthodoxeres 4-1-2-1-2 Pressing. Der durchpressende Sechser zwingt den Gegner zu einem Rückpass, entweder zum Torwart oder zum ballfernen Innenverteidiger. Interessanterweise läuft der ballnahe Sechser nicht immer an. Wenn Atlético im 4-1-2-1-2 presst, dann übernimmt der ballnahe Stürmer den Sechser mannorientiert. Der ballferne Stürmer antizipiert bereits frühzeitig und läuft entweder den Torwart oder Innenverteidiger des Gegners an, der den Ball erhalten wird. Das oberste Ziel bei Atlético ist das Verhindern eines Seitenwechsels.

asymmetrisches Pressing.PNG

Atléticos Transformation wird hier deutlich. Lemar ging ins Pressing über und der Ball landete bei Betis Torhüter, Griezmann läuft seitlich an, um einen Seitenwechsel zu verhindern. Betis wird ins Zentrum gezwungen und geht dort das Risiko ein, gegen die intelligenten Mittelfeldspieler von Atlético den Ball zu verlieren.

Aus diesem Grund läuft der Stürmer auch ein wenig bogenförmig an. Dadurch verhindert er, dass der Passempfänger auf die ballferne Seite aufdrehen kann. Ziel sollte es sein, dass der Empfänger des Passes den Ball in die Richtung, aus der der Pass kam annimmt. So drängt man ihn ins Zentrum und deckt alle Anspielstationen ab. Das gegnerische Aufbauspiel ist isoliert und häufig ist ein langer Schlag der einzige Ausweg.

Das gleiche Prinzip erkennt man auch, wenn Atlético im 4-4-2 in der gegnerischen Hälfte presst. Das frühzeitige Antizipieren, die hohe Intensität und die enorme Kompaktheit durch das perfekt aufeinander abgestimmte Zusammenspiel der Akteure ist das Geheimnis von Atléticos Erfolg gegen den Ball.

Fazit

Der Artikel bildet sozusagen eine kleine Einleitung in die Thematik. Das Atlético im 4-4-2 sehr kompakt verteidigen kann, war wahrscheinlich vielen Lesern bereits im Voraus klar. Die enge Mittelfeldkette, die hohe vertikale und horizontale Kompaktheit und das gegenseitige Absichern macht Atlético erst so stark gegen den Ball. Die Pressingauslöser werden von jedem Akteur verstanden und erkannt. Im Pressing kommt es auf Details und unterschiedliche Intensitäten an. Das Prinzip, dass ein Seitenwechsel stets verhindert werden sollte, damit man den Gegner isolieren kann. Diesen Grundsatz sollte jeder Trainer beim Trainieren der Pressingabläufe im Kopf haben. In den folgenden Artikeln werden wir etwas mehr auf die individuellen und gruppentaktischen Details der Atlético Defensive eingehen.

Kategorie Allgemein, Mannschaftsportrait, Portraits

Interessiert sich für Taktik und Training. Positionsspiel, hohes Pressing und dynamische Positionswechsel. Großer Pep Guardiola Fan. Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, kann du dies für 1€/Monat auf Patreon machen und erhälst exklusive Beiträge dazu (https://www.patreon.com/user?u=33684939&fan_landing=true)

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