Diego Simeone Trainingsanalyse

Heute möchte ich euch eine Spielform vorstellen, die ich im Training von Atlético Madrid gesehen habe. Anhand der Spielform möchte ich ein bisschen über das Defensivverhalten sprechen und zeige, wie Atlético die Prinzipien ihrer Spielweise trainiert.

Diego Simeone Training

Die Übung ist ein simples Spiel auf Ballhalten und zeigt mal wieder, dass man mit Rondos oder Variationen davon so ziemlich alles im Fußball trainieren kann.

Es wird 7vs3 auf Ballhalten gespielt. Ziel der Mannschaft in Ballbesitz ist es, so viele Pässe wie möglich zu spielen. Die Verteidiger müssen versuchen den Ball abzufangen, dann tauschen sie mit einem der Spieler, der Mannschaft in Ballbesitz. Abfangen bedeutet dabei, dass sie den Ball wirklich erobern müssen. Nur den Ball zu berühren oder ihn ins Aus zu befördern reicht dabei nicht aus.

Die Mannschaft, die verteidigen muss, ist natürlich im Nachteil, da sie sich einer massiven Überzahl gegenübersieht. Entsprechend müssen die Verteidiger versuchen den Gegner zu isolieren und die verfügbaren Räume schnell schließen. Dies erfordert Kommunikation und Abstimmung untereinander. Wenn jeder Spieler für sich selbst versucht den Ball zu erobern, hat er ziemlich sicher keine Chance. Denn, wenn zu früh aktiv gepresst wird, kann sich der Gegner befreien und die rote Mannschaft muss hinterherlaufen.

Atlético zeichnet bereits seit Jahren ihre starke Defensive aus. Dabei verteidigt jeder Spieler auf individueller Ebene sehr gut, man sieht selten einen Akteur von Atlético, der zu früh ins Pressing übergeht. Des Weiteren positionieren sich die meisten Akteure so geschickt, dass sie mit ihrem Deckungsschatten jegliche Möglichkeiten nach vorne abschneiden.

Doch nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch als Team verteidigt Atlético Weltklasse. Die Linien stehen stets kompakt und man sichert den pressenden Spieler sehr präzise ab.

Grundsätze der Atletico Defensive

Einige kleinere Details, die das Verteidigen von Atlético ausmachen kann man auch in diesem Video der Trainingseinheit erkennen.

Die Mannschaft von Diego Simeone versucht den Gegner in einen Raum zu lenken und dann zu isolieren, dafür wird der Gegner gerne mal schräg angelaufen, um einen Pass in den gewünschten Raum zu forcieren.

Der Gegner wird stets in einem Dreieck attackiert. Entweder sichert der zentrale Spieler das Dreieck ab, und agiert als tiefster Akteur. Oder er bewegt sich an die Spitze des Dreiecks und setzt den Ballführenden unter Druck.

Dies hängt stark von der Körperposition und Situation des Spielers mit Ball ab. Atlético passt seine Defensive darauf sehr gut an. Wie bereits erwähnt, ist das Ziel den Gegner in einem Raum zu isolieren.

Meistens attackiert sie mit zwei Spielern den Gegner. Dabei versucht man früh zu antizipieren wohin der Ball als nächstes geht. Einzig, wenn der Gegner eine offene Stellung zum Feld hat und einen Pass in alle Richtungen spielen kann, attackiert der zentrale Spieler des Dreiecks den Ballführenden.

Dies hat einen ganz einfachen Grund. Durch das Attackieren des zentralen Spielers wird der Gegner dazu gedrängt den Ball zur Seite zu spielen. Wenn man es auf das reale Spiel überträgt, sorgt man dafür, dass der Gegner nicht in der Lage ist eine Linie zu überspielen, sondern einen Querpass spielen muss.

Pressingoptionen

In diesem Beispiel kann man gut erkennen, wie die rote Mannschaft mangels Zugriffes erstmal versucht alle Passoptionen, die eine Linie überspielen könnten, zuzustellen.

Pep Guardiola spricht stets von drei verschiedenen Passarten. Da wäre der 3rd line pass. Ein Pass, der eine gegnerische Linie überspielt und das ultimative Ziel in Ballbesitz ist. Dann gibt es 2nd line passes. Pässe, die einen Mitspieler auslassen. Dadurch wird schnell verlagert und Tempo in Ballbesitz aufgenommen oder ein Durchbruch vorbereitet. Und dann hätten wir noch die 1st line passes. Pässe, die einfach nur zum nächsten Mitspieler gepasst werden. Ergo ist ein 1st line pass am ungefährlichsten. Es hat den Anschein, dass Atlético dem Gegner einzig einen 1st line pass anbietet. Nur so ist es möglich, den Gegner zu isolieren.

Ein auffallendes Merkmal der Atlético Defensive in den gebildeten Dreiecken, ist die Schnelligkeit mit der die nächste Anspielstation gepresst wird. Die beiden äußeren Spieler des Dreiecks sollen die nächste Passoption pressen. Entsprechend müssen sie stets antizipieren, wie der Gegner das Spiel fortsetzen kann.

Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf einem leicht bogenförmigen Anlaufen. Dem Gegner soll das Aufdrehen nicht ermöglicht werden, den eine Verlagerung würde zu einem Vorteil für die Mannschaft in Ballbesitz sorgen. Durch das bogenförmige Anlaufen ist dies nicht mehr möglich. Der Gegner wird zum Rückpass gezwungen. Ein Pressingauslöser bei Diego Simeone.

Rückpass

Denn, Atlético lauert auf diesen Rückpass und die Spitze des Dreiecks geht entsprechend sofort ins Pressing über. Dem Passempfänger wird keine Zeit gegeben und die Mannschaft von Simeone ist so regelmäßig in der Lage für Chaos im gegnerischen Spielaufbau zu sorgen. Wichtig ist hierbei auch die Position des Spielers, der zuerst ins Pressing überging. In unserem Beispiel der linke rote Verteidiger.

Individuelle Defensive    

Beim Anlaufen des zentralen Spielers ist es wichtig, dass das Anlaufen schnell passiert, um dem Gegenspieler keine Zeit am Ball zu geben. Normalerweise stoppen Atléticos Spieler kurz vor dem Ballführenden, um nicht durch eine Finte aus dem Spiel genommen zu werden. Erst dann wird versucht durch ein Tackling den Ball zu gewinnen. Dadurch setzt man den Gegner maximal unter Druck und deckt gleichzeitig mit seinem Deckungsschatten den Raum dahinter ab.

Außerdem antizipieren die anderen Akteure bei Atlético meist sehr früh wie der Gegner das Spiel fortsetzen möchte und positionieren sich entsprechend so, dass sie sofort ins Pressing übergehen können. Allerdings kann man einen Grundsatz erkennen, das aggressive Anlaufen des Gegenspielers wird erst gespielt, wenn der Ball den Fuß des Passspielenden verlassen hat. So bleibt Atlético kompakt, kann den Gegner aber bereits bei der Ballannahme unter Druck setzen.

Die anderen beiden Spieler des Dreiecks sichern den pressenden Akteur diagonal ab. Sie haben die Möglichkeit den nächsten Pass sofort zu pressen aber im Zweifelsfall auch den Spieler, der eigentlich im Deckungsschatten des pressenden Spielers positioniert war unter Druck zu setzen.

Verschiedene Pässe, Körperpositionen oder Ballannahmen können als Pressingauslöser genutzt werden, speziell Rückpässe am Flügel. Dann wird aggressiv angelaufen und oftmals durchgepresst. Dies bedeutet, dass der Defensivspieler nachdem er den ersten Mann presste, den Lauf nicht unterbricht, sondern weiter ins Pressing geht. Der Offensivspieler, der den Ball erhält wird sofort unter Druck gesetzt, während der Passspieler im Deckungsschatten verschwindet.

Diego Simeone Training

In dieser Szene kann man das typische Angriffspressing sehen. Einer der Sechser rückt im Spiel heraus und jagt den gegnerischen Spielaufbau. Der ballnahe Stürmer sichert mannorientiert ab, während der ballferne Stürmer die nächste Passoption antizipiert und sofort anläuft, um einen Seitenwechsel zu verhindern. Selbst in dieser eigentlich simplen Spielform fordert Diego Simeone immer die Einhaltung der Defensivprinzipien.

Wichtige Coachingpunkte

Natürlich hängen die Coachingpunkte immer von der eigenen Sichtweise des Verteidigens ab. Um das Defensivverhalten der eigenen Spieler zu verbessern, sollte ein Coach großen Wert auf die Kommunikation und Zusammenarbeit der drei Verteidiger legen.

Das Dreieck hat den Vorteil, das stets die nächste Passoption gepresst und gleichzeitig abgesichert werden kann. Die drei Spieler sollten dabei so weit voneinader wegstehen wie möglich, um möglichst viel Raum abdecken zu können. Allerdings immer unter der Prämisse, dass der Gegner keinen Pass zwischen zwei Verteidigern hindurchspielen kann.

Auf individueller Ebene sollte der Fokus auf dem richtigen Timing beim Herausrücken, der Geschwindigkeit und Körperposition beim Anlaufen, den Auslösern für ein aggressives Anlaufen und dem Antizipieren der nächsten Anspielstation des Gegners liegen. Besonders wichtig ist vor allem das Anlaufen. Wohin lenke ich den Gegenspieler am besten und wie kann ich ihn isolieren, diese Frage sollte stets präsent sein, muss aber situationsspezifisch beantwortet werden.

Fazit

Einer der elementaren Bestandteile des Erfolgs von Atlético sind die perfekten Abläufe gegen den Ball. Diego Simeone arbeitet im Training mit seinem Team sehr detailliert an den Prinzipien. Viele seiner Spielformen drehen sich um das richtige Anlaufen, Verschieben und Absichern. Auch in dieser Spielform kann man die Prinzipien beobachten. Es ist essentiell für einen Trainer die Abläufe zu verstehen, um sie in diesen Spielformen coachen zu können. Die Kommunikation und Zusammenarbeit der drei Defensivspieler ist von elementarer Bedeutung, genau wie die Intensität in der Spielform. Auch deshalb sollte die Trainingsform in kürzeren Intervallen mit ausreichenden Pausen genutzt werden. Anhand dieses Beispiels kann man wieder sehen, Prinzipien und Abläufe müssen regelmäßig trainiert werden, um sie im Spiel in Perfektion umsetzen zu können.

Kategorie Mannschaftsportrait, Portraits, Spielformen, Training

Interessiert sich für Taktik und Training. Positionsspiel, hohes Pressing und dynamische Positionswechsel. Großer Pep Guardiola Fan. Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, kann du dies für 1€/Monat auf Patreon machen und erhälst exklusive Beiträge dazu (https://www.patreon.com/user?u=33684939&fan_landing=true)

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