Training á la Christian Streich

„Wie man trainiert, so spielt man auch.“ Wenn selbst ein ausgewiesener Fußballfachmann wie Julian Nagelsmann einen Spruch zitiert, der auch zum festen Phrasen-Repertoire bei Fußball-Stammtischen zählt, dann verbirgt sich hinter diesem wohlmöglich doch ein tieferer Sinn. In erster Linie beschreibt der Spruch die Formel, dass eine schlechte Trainingsleistung auch zu schlechten Leistungen in Spielen führt (und im Umkehrschluss gute Trainingsleistungen zu guten Leistungen im Wettkampf). Darüber hinaus lässt sich an der Gestaltung von Trainingsübungen aber auch oft die Spielphilosophie des Trainers ablesen. Legendär sind die rondos von Pep Guardiola, welche sinnbildlich für dessen Positionsspiel stehen oder das von Roger Schmidt praktizierte 4vs4+3, in dem dessen charakteristisches Gegenpressing zu sehen ist. Im Rahmen von öffentlichen Trainingseinheiten oder Videoaufzeichnungen können so interessante Einblicke in die Trainingsarbeit von Spitzentrainern gewonnen werden. Auch der SC Freiburg veranstaltet regelmäßig solche öffentlichen Trainings. Im folgenden Artikel soll eine Spielform aus einer dieser Trainingseinheiten im Detail analysiert und Bezüge zur Fußballphilosophie von Christian Streich hergestellt werden.

Aufbau

Übung3

Das Spielfeld hat die Form eines Rechtecks, welches in zwei gleich große Vierecke aufgeteilt ist. Zwischen diesen beiden Vierecken befindet sich eine schmalere Mittelzone. Gespielt wird mit drei Teams á 6 Spielern. Prinzipiell lässt sich die Spielform aber auch mit größeren bzw. kleineren Spielerzahlen und ohne Mittelzone durchführen. Neben dem Feld befindet sich ein Ballreservoir. Sobald ein Ball das Spielfeld verlässt bringt Co-Trainer Florian Bruns einen neuen Ball ins Spiel und sorgt so dafür, dass die Intensität während der Spielform hoch bleibt.

Ablauf

In einem der beiden Vierecke spielt Team A (rot) im 6vs3 auf Ballhalten gegen 3 Spieler von Team B (blau). Die 3 verbleibenden Spieler von Team B positionieren sich in der Mittelzone und dürfen diese zunächst nicht verlassen. Nach einer vorgegebenen Anzahl an Pässen kann Team A versuchen das Spiel durch die Mittelzone zu Team C (grau), welches im zweiten Viereck wartet zu verlagern. Gelingt ihnen dies, so erhält das Team einen Punkt und das Spiel setzt sich nun im zweiten Viereck fort (nun mit Team C in Ballbesitz, mit dem Ziel nach der vorgegebenen Passanzahl wieder zurück zu Team A zu verlagern). Die Spieler in der Mittelzone können jedoch versuchen die Verlagerung abzufangen.

Erobert Team B den Ball (im 6vs3 oder durch Abfangen des Passes durch die Mittelzone), so versuchen die Spieler den Ball zu Team C in das gegenüberliegende Viereck zu spielen. Gelingt ihnen dies, so wird Team A zum Defensivteam und Team C zum Ballbesitzteam. Team C spielt nun im 6vs3 gegen 3 Verteidiger von Team A, die 3 verbleibenden Spieler von Team A verteidigen die Verlagerungen durch die Mittelzone. Team B besetzt das verbleibende Viereck und bietet sich für die Spielverlagerung an. Das Ballbesitzteam wird ebenfalls augenblicklich zum Defensivteam im gegenüberliegenden Viereck, wenn es im 6vs3 einen Pass ins Aus spielt. In diesem Fall spielt der Trainer sofort einen Ball aus dem Reservoir zum neuen Ballbesitzteam. Es ergibt sich in der Folge eine intensive Spielform nach dem Schleifenprinzip, wobei die 3 Teams immer wieder wechselnde Rollen einnehmen.

Erklärung

Der große Wert der Spielform liegt darin, dass das Verhalten in vielen verschiedenen Situationen geschult werden kann. Während andere Übungs- und auch Spielformen lediglich eine einzige bestimmte Anforderung an die Spieler stellen (was per se nicht negativ sein muss), werden die Spieler durch die Ausgestaltung der Übungsform gezwungen permanent ihr Verhalten an die ihnen zugewiesene Rolle anpassen, wobei diese Rollen sehr schnell wechseln können. Auch im realen Spiel müssen dauerhaft andere Aufgabenstellungen gelöst werden (keine Mannschaft verteidigt durchgehend oder hat ausschließlich den Ball), womit die Übung eine sehr gute Vorbereitung auf den Wettkampf darstellt. Die Frequenz der Rollenwechsel ist sogar deutlich höher als im tatsächlichen Spiel.

Ausgehend von Louis van Gaals 4 Phasen eines Fußballspiels (Ballbesitz, Umschalten Ballbesitz Gegner, Ballbesitz Gegner, Umschalten eigener Ballbesitz) sollen diese verschiedenen Anforderungen in der Folge analysiert werden. Dabei sollte jedoch bedacht werden, dass van Gaals Spielphasen lediglich ein Modell darstellen, welches die Komplexität eines Fußballspiels nur in reduzierter Art und Weise wiedergibt. Die Betrachtung möglicher Kritikpunkte des Modells würde wahrscheinlich einen eigenen Artikel erfordern, im Folgenden soll es deshalb auch nur eine Strukturierungshilfe darstellen, um die verschiedenen Trainingsziele zu systematisieren und die Unterschiedlichkeit, der an die Spieler gestellten Aufgaben zu verdeutlichen.

Ballbesitz: Das Team, welches den Ball besitzt, trainiert in der Spielform neben technischen Aspekten wie der Ballan- und Mitnahme oder des Passspiels auch individual- und gruppentaktische Aspekte des Ballbesitzspiels. Zwar agiert das Ballbesitzteam in einer komfortablen 6vs3 Überzahlsituation, durch die geringe Spielfeldgröße wird es jedoch einem hohen Raum-, Zeit- und Gegnerdruck ausgesetzt. Die 3 Verteidiger können immer wieder schnell Zugriff erzeugen, von den Spielern in Ballbesitz wird so eine rasche Entscheidungsfindung gefordert. Hierbei sollen die Grundprinzipien eines strukturierten Ballbesitzspiels, wie eine stimmige Raumbesetzung in Breite und Tiefe, Dreiecksbildungen und passende Körperorientierungen beachtet werden. Außerdem wird bei den Verlagerungen das linienüberwindende Passspiel trainiert.

Umschalten Ballbesitz Gegner: Verliert das Ballbesitzteam den Ball, so lautet das Ziel eine Verlagerung in das gegenüberliegende Viereck zu verhindern. Das relativ kleine Feld und die kurzzeitige lokale Überzahl im 6vs3 begünstigen ein effektives Gegenpressing. Oberste Priorität hat die Verhinderung eines gegnerischen Passes in die Tiefe (in das gegenüberliegende Viereck). Sollte dieser trotzdem gelingen, muss abermals schnell reagiert werden und mit hoher Intensität nachgesetzt werden. Bei zu zögerlichem Nachsetzen kann das freie Team, welches den Ball erhalten hat mit Leichtigkeit die erforderliche Passanzahl sammeln und ohne großen Druck wieder zurück in das andere Viereck verlagern und so einen Punkt erzielen.

Ballbesitz Gegner: Die Aufgaben des verteidigenden Teams richten sich danach, welche der beiden möglichen Rollen bekleidet werden. Die 3 Verteidiger im 6vs3 müssen ähnliche Verteidigungsaufgaben wie in rondos oder anderen Positionsspielen erfüllen. Durch geschicktes Leiten kann trotz der deutlichen Unterzahl Druck auf den Ballführer ausgeübt werden. Diverse individual- und gruppentaktische Verhaltensweisen können sowohl implizit, als auch explizit geschult werden. Zentrale Aspekte sind hierbei die Nutzung des eigenen Deckungsschattens, sowie das Antizipieren von möglichen Zugriffssituationen, um gemeinsam den Ball zu erobern. Die 3 Verteidiger, welche in der Mittelzone als „Passverteidiger“ agieren, müssen andere Defensivaufgaben verrichten als ihre Mitspieler. Zum einen müssen sie innerhalb der Zone ballorientiert verschieben, um die Schnittstellen zwischeneinander möglichst klein zu halten und so versuchte Verlagerungen abfangen zu können. Zum anderen müssen sie sich immer wieder die Position der hinter ihnen postierten Spieler des freien Teams bewusst werden, um diese im Deckungsschatten zu halten und potentielle Zuspiele auf diese verhindern zu können. Neben der Verwendung von Schulterblicken kann hierbei auch das Lesen gegnerischer Pässe trainiert werden. Oftmals kann aus der Blickrichtung und Körperhaltung des Passgebers der angestrebte Pass bereits vorausgeahnt werden.

Umschalten Ballbesitz: Gewinnt die verteidigende Mannschaft den Ball wird von ihr in der Spielform ein schnelles Umschalten gefordert. Während in anderen Trainingsübungen das bloße Berühren des Balles ausreicht, um einen Rollenwechsel zu erzielen, wird hier von den Verteidigern eine Anschlussaktion an die Balleroberung gefordert, was prinzipiell zu bevorzugen ist.

Fazit – Training a la Christian Streich

Beobachtet man das Training von Spitzentrainern, so kann man viel lernen. Neben Inspirationen für das eigene Training (eventuell muss hierfür die Komplexität der Übungen reduziert werden, um die Übungen dem Niveau der eigenen Spieler anzupassen), lässt sich immer wieder auch die Spielphilosophie der verantwortlichen Trainer erkennen. Der SC Freiburg unter Christian Streich ist für seine extrem intensive Spielweise bekannt. Gegen den Ball agieren die Breisgauer überaus kompakt und verrichten enorme Laufarbeit. Mit dem Ball werden vor allem Umschaltsituationen nach Ballgewinnen genutzt, um zu Torchancen zu kommen. Aber auch im Positionsangriff aus einem geordneten Spielaufbau zeigt die Mannschaft von Christian Streich immer wieder mutige und sehenswerte Ansätze. In der vorgestellten Spielform lassen sich viele Merkmale des streichschen Fußballs wiedererkennen und trainieren. Das Training des Umschaltverhaltens ist ein zentraler Aspekt der Übung, aber auch das Verhalten in anderen Spielphasen wird geschult. Auch die charakteristische Intensität im Spiel gegen den Ball ist sofort wiederzukennen. Die zu Beginn zitierte Fußballweisheit kann also durchaus auch so interpretiert werden, dass im Training die spielphilosophischen Ideen eines Trainers offensichtlich werden. Die Umsetzung der eigenen theoretischen Spielidee in die Praxis auf dem Platz stellt eine der größten Herausforderungen für Trainer egal auf welchem Niveau dar. Spitzentrainer wie Guardiola oder auch Christian Streich beherrschen dies in außergewöhnlicher Art und Weise.

Kategorie Allgemein

Christoph Becker trainiert seit zwei Jahren Jugendmannschaften bei der Alemannia Zähringen in Freiburg, wo er seit dem Beginn seines Lehramtstudiums lebt. Neben taktischen Fragen interessieren ihn vor allem pädagogische und psychologische Aspekte der Trainertätigkeit. Auf Twitter findet ihr ihn unter @chribecke.

1 Kommentare

  1. „Die Betrachtung möglicher Kritikpunkte des Modells würde wahrscheinlich einen eigenen Artikel erfordern“

    Dieser würde mich interessieren! 😉

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