Sampdoria bei eigenem Ballbesitz

Zur Saison 2016/2017 hatte Marco Giampaolo Sampdoria übernommen. Nach einer souveränen ersten Saison und dem 10. Platz folgte ein 9. Platz im letzten Jahr. Lange sah es so aus, als könnte sich die Mannschaft für die Europa League qualifizieren, ein Einbruch zum Ende der Saison verhinderte dies aber. Den Punkteschnitt konnte Giampaolo in den bisher 2,5 Jahren kontinuierlich steigern, und so steht Sampdoria derzeit auf dem 7. Tabellenplatz (Stand nach dem 19. Spieltag).

Mit einem 4-Raute-2 und einem auf Kurzpassspiel ausgelegten System konnte Sampdoria in den letzten Jahren begeistern. Das machte die größeren Vereine des Kontinents aufmerksam und so musste Giampaolo in den letzten Jahren immer wieder wichtige Spieler ersetzen. Niklas Moisander, Patrick Schick, Bruno Fernandes, Luis Muriel, Milan Skriniar und Lucas Torreira sind die bekanntesten Namen auf dieser Liste. Das es trotz der Abgänge keinen großen Abfall in der Punkteausbeute gegeben hat spricht für den Trainer und eine gute Transferpolitik.

Aufbauspiel

Im Aufbauspiel stehen die Außenverteidiger auf einer Höhe mit den Innenverteidigern, die drei zentralen Mittelfeldspieler davor besetzen die beiden Halbräume sowie das Zentrum. Aus dieser Struktur soll es gelingen, den Ball auf die drei Offensivspieler zu spielen. Dafür wendet Sampdoria mehrere Varianten an. Zu unterscheiden ist der Aufbau über die Außenverteidiger und der Aufbau über die Innenverteidiger.

Ein Elementarer Bestandteil des Aufbauspiels über die Außenverteidiger ist die Bewegung des ballnahen Achters. Dieser kann entweder – was er häufiger tut – diagonal in Richtung Flügel nach vorne stoßen oder sich gelegentlich im Halbraum fallen lassen. Das Ziel dabei ist nicht, dass der Achter den Ball erhält, sondern dass der Raum für einen Pass in den Zwischenlinienraum geöffnet wird. Die unterschiedlichen Varianten dabei werden in den folgenden Abbildungen beschrieben.

Aufbauvariante 1a

Praet ist ursprünglich im Halbraum positioniert gewesen. Viele Vereine schieben die Anspielstationen am Flügel mannorientiert zu, so wie es auch Genoa hier gemacht hat. Praet weicht zum Flügel aus und zieht so seinen Gegenspieler mit, wodurch der Passweg durch den Halbraum von Bereszynski auf Caprari geöffnet wird. Caprari kann den Ball direkt auf Praet weiterleiten.

Variante 1c

In dieser Szene hat Murru den Ball. Candreva (weißer Kreis) läuft ihn hat, versucht dabei aber Linetty (blauer Kreis) in seinem Deckungsschatten zu behalten. Weil der linke Achter von Sampdoria auf den Flügel ausweicht und Candreva sein Anlaufen dementsprechend anpasst, öffnet sich der Passweg auf Quagliarella, der auf Ramirez weiterleiten kann.

Variante 1d

In dieser Szene dribbelt Tonelli (rechter Innenverteidiger) an und passt dann raus zu Bereszynski. Aufgrund der kurzen Passdistanz zwischen Tonelli und Bereszynski schafft es Praet nicht mehr, auf den Flügel auszuweichen. Stattdessen lässt er sich fallen und zieht Kessie so aus seiner Position. Dadurch wird der Passweg auf Saponara geöffnet.

Auch wenn das Aufbauspiel über die Außenverteidiger die bevorzugte Variante von Sampdoria ist, gibt es auch Szenen, in denen die Innenverteidiger den öffnenden Pass spielen. Das Muster ist dabei recht ähnlich. Die Achter sollen aus ihrer ursprünglichen Position ausweichende Bewegung starten, um die Passwege der Innenverteidiger in höher Zonen zu öffnen.

Variante 2a

In dieser Szene weicht Jankto nach links aus, um den Passweg von Andersen auf Quagliarella zu öffnen. Da Genoa im Mittelfeld sehr mannorientiert spielte ist der Zwischenlinienraum groß. Quagliarella kann auf Saponara ablegen.

Variante 2b

Wieder gegen Genoa. Praet weicht zur Seite aus und zieht seinen Gegenspieler mit. Der Passweg von Tonelli auf Defrel ist offen. Anschließend kann der Stürmer auf Ekdal klatschen lassen.

Es ist aber nicht so, dass die Achter nie den Ball bekommen und nur Gegner wegziehen sollen. Durch ihre tiefe Positionierung im Halbraum haben sie auch immer die Möglichkeit, angespielt zu werden, um die zentralen Mittelfeldspieler des Gegners aus ihrer Position zu locken, was den Raum dahinter öffnet.

Variante 3

Milan verteidigte – im Gegensatz zu Genoa – eher raumorientiert und rückte von dort auf die Gegenspieler heraus. In dieser Szene hat Tonelli den Ball und spielt ihn auf Praet, der sich tief im rechten Halbraum positioniert. Kessie rückt heraus und setzt ihn unter Druck, Praet kann aber den Ball zu Ekdal weiterspielen, der direkt den Ball auf Defrel hinter das Mittelfeld spielt. Durch die guten Positionierungen von Praet und Ekdal kann Sampdoria die beiden aktiven Spieler von Milan (Cutrone und Kessie) in zwei Dreiecken umspielen.

Variante 4

Eine ähnliche Szene mit unterschiedlicher Ausführung gab es im Spiel gegen Bologna zu sehen. Tonelli (nicht im Bild) spielt den Ball auf Praet, der sich zwischen den beiden Gegenspielern im Halbraum angeboten hatte. Der linke Mittelfeldspieler orientierte sich an Praet, was mehr Platz für Bereszynski auf dem Flügel zur Folge hatte. Der Rechtsverteidiger hat anschließend einen großen Raum vor sich, der von drei Spielern besetzt werden kann.

Angriffsspiel

Auch wenn Sampdoria den Ball im Aufbauspiel in den hinteren Linien zirkulieren lässt und das Spiel mit Flachpässen zu eröffnen versucht, agieren sie nicht wie eine klassische Ballbesitzmannschaft. Sie legen wenig Wert darauf, den Gegner mit Ballbesitz zu dominieren, sondern versuchen direkt aus den hinteren Linien den Ball zu den Offensivspielern zu bekommen, die sofort Zug zum Tor entwickeln sollen.

Beispiel 1

In dieser Situation spielt sich Sampdoria mit einer Steil-Klatsch Kombination, bei der Defrel auf Saponara ablegt, hinter Milan’s Mittelfeld. Quagliarella hat sich als linker Stürmer zur Seite abgesetzt und kann von dort einen Lauf in die Tiefe starten.

Beispiel 2

Hier startete Linetty einen Lauf in die Tiefe und veriwrrte so den rechten Innenverteidiger von Bologna’s Dreierkette, der das Zurückfallen von Caprari deshalb nicht eng genug verfolgen kann. Caprari kann nach Zuspiel von Andersen im Halbraum aufdrehen. Das ist das Zeichen für Ramirez und Quagliarella, Laufwege in die Tiefe zu starten. Da Linetty durch seinen Laufweg auch noch den zentralen Innenverteidiger aus seiner Position ziehen konnte, wird aus der 3-gegen-2 Überzahl in der letzten Linie sogar eine 2-gegen-1 Überzahl gegen den linken Innenverteidiger.

Beispiel 3

In der letzten Szene konnte ein Angriffspressing von Inter überspielt werden. Ramirez dreht im Rücken des gegnerischen Mittelfelds auf und hat die beiden Stürmer als Anspielstationen vor sich. Sowohl Quagliarella als auch Defrel setzten sich zuvor seitlich der Außenverteidiger ab und starten aus diesen Positionen in die Tiefe.

Alle 3 Szenen entstanden aus unterschiedlichen Situationen, das Muster ist aber dasselbe. Einer oder zwei Spieler werden benötigt, um die Verbindung aus den ersten Aufbaulinien in die offensiven Zonen herzustellen. Der bzw. die anderen Spieler starten ihre Läufe in die Tiefe, sobald ein Mitspieler im Zwischenlinienraum aufdrehen kann oder in offener Stellung angespielt wird. Die Stürmer setzen sich dabei frühzeitig nach außen ab.

Probleme

Sampdoria hat bei eigenem Ballbesitz allerdings auch größere Probleme. Gegen aggressiv anlaufende Gegner – egal ob aus dem Angriffs- oder Mittelfeldpressing – tuen sie sich sehr schwer und können die Ballzirkulation in den ersten Linien nicht aufrechterhalten. Unter Druck neigen die Spieler dazu, viele lange Bälle zu spielen, diese gehen dann sehr schnell verloren.

Zudem scheint es, als hätten viele Vereine der Serie A das Spiel von Sampdoria mittlerweile durchschaut. Im Mittelfeld gibt es viele Mannorientierungen – vor allem gegen die Achter – wodurch das Spiel auf die Außenverteidiger geleitet wird. Diese werden dann diagonal angelaufen und der Zwischenlinienraum ist mit Pässen nicht zu erreichen. Die gezeigten raumöffnenden Bewegungen der Achter können gegen Mannorientierungen zwar besser durchgeführt werden, allerdings ist die Staffelung von Sampdoria für das Übergangsspiel problematisch. Durch die tiefen Außenverteidiger und die Achter, die sich vor dem gegnerischen Mittelfeld positionieren, gibt es mit dem Zehner und den beiden Stürmern nur zwei Spieler hinter dem gegnerischen Mittelfeld.

Nur im Optimalfall kann ein Spieler im Zwischenlinienraum aufdrehen oder durch eine Steil-Klatsch-Kombination in eine offene Stellung gebracht werden. Häufiger ist es aber der Fall, dass der Stürmer nach einem Zuspiel keine Anspielstation mehr hat und zusätzlich mit einem Innenverteidiger im Rücken fertig werden muss. Die drei Stürmer mit den meisten Einsatzminuten – Quagliarella, Defrel und Caprari – sind alles keine Stürmer, die den Ball in isolierten Situationen mal halten und abschirmen können. Dementsprechend kommt es zu vielen Ballverlusten.

Kann der Stürmer den Ball behaupten oder auf einen Mittelfeldspieler ablegen, Sampdoria jedoch nicht den Angriffsball hinter die gegnerische Abwehrreihe spielen, zeigt sich ein weiteres Problem im Übergangsspiel. Das System ist nicht auf ein dominantes Ballbesitzspiel ausgelegt und die Spieler agieren zu vertikal in diesen Situationen, anstatt das Spiel zu verlagern. Durch die Raute bleibt der ballferne Halbraum beim Aufbau über die eine Seite durch einen Achter besetzt. Spielverlagerungen in dieser Phase des Spiels werden bisher aber noch zu selten benutzt.

Kommt Sampdoria nicht durch schnelle Kombinationen ins Angriffsdrittel, sondern muss sich gegen ein Abwehrpressing Torchancen erspielen, lassen sie sich sehr leicht am Flügel isolieren. Der Außenverteidiger rückt auf und wird vom Achter unterstützt. Das hat zur Folge, dass der Halbraum oft unbesetzt bleibt, da sich der ballnahe Stürmer in Richtung Strafraum orientiert und der Sechser eher absichert, anstatt auf dem Flügel bzw. im Halbraum zu unterstützen. Es folgen häufig Flanken, die keine Gefahr einbringen.

Die Probleme in allen Phasen des Ballbesitzspiels werden verstärkt durch die fehlende individuelle Klasse der Spieler. In den letzten Jahren gab es immer wieder namhafte Abgänge. Mit Lucas Torreira wurde einer der Schlüsselspieler der letzten Saison durch Albin Ekdal und Ronaldo Vieira ersetzt. Beide kamen im Sommer und konnten die Lücke noch nicht füllen. Ekdal – der die bevorzugte Option ist – fällt nur selten wirklich negativ auf und ist in seinem Passspiel sicher. Allerdings fehlt es ihm gerade unter Druck an technischen Qualitäten. Er spielt lieber den langen Ball ins nichts, anstatt den anlaufenden Gegenspieler zu umdribbeln. Das soll allerdings keine Kritik an ihm sein, sondern mehr zeigen, wieso der Abgang von Torreira für Sampdoria nur schwer zu verschmerzen ist. Auch die anderen Spieler sind technisch nicht auf dem allerhöchsten Niveau. Bei den vielen Passkombinationen reicht ein unsauberes Zuspiel, um den Mitspieler vor Probleme zu stellen. Zu derartigen Situationen kommt es recht häufig, wodurch viele eigentlich vielversprechende Angriffe schon früh beendet werden. Über die fehlenden ballhaltenden Fähigkeiten der Stürmer wurde schon gesprochen.

Dass Marco Giampaolo trotz der Abgänge in den letzten Jahren und keiner überdurchschnittlich guten Spielerqualität seinen Punkteschnitt in dieser Saison noch einmal steigern konnte verdeutlicht, dass Sampdoria weniger von der individuellen Qualität lebt, sondern die gruppen- und mannschaftstaktischen Abläufe das Team auf ihr derzeitiges Niveau heben. Dabei sollte allerdings darauf hingewiesen werden, dass Sampdoria in dieser Saison deutlich über den expected Goals-Werten performt. Mit 32 Toren liegen sie deutlich über den prognostizierten 22,64 xG. Da sie bisher auch ca. 6 Gegentore weniger kassiert haben, als es die xG-Werte vermuten lassen, ist davon auszugehen, dass der aktuelle siebte Platz nur eine Momentaufnahme ist und es die nächsten Monate noch ein paar Plätze weiter nach unten gehen könnte.

 

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