Interview mit Eduard Schmidt

Eduard Schmidt ist mittlerweile nicht nur in Deutschland für sein fußballerisches Fachwissen bekannt. 2 Jahre lang trainierte er Jugendmannschaften des FC London in Kanada und konnte dort im vergangenen Oktober den Titel der Ontario Academy Soccer League gewinnen. Zur Freude vieler taktikbegeisterter Leser aus Deutschland führte er seine Autorentätigkeit für Konzeptfussball und Spielverlagerung  im kanadischen Exil fort. Thefalsefullback hat den 24-Jährigen zum Interview getroffen und mit ihm über seinen persönlichen Werdegang, Trainingsinhalte und aktuelle Entwicklungen im Profifußball gesprochen.

Thefalsefullback: Viele Jungen und Mädchen träumen davon später einmal Fußballprofi zu werden, wie war es bei dir?

Schmidt: Ich wollte wahrscheinlich auch Fußballprofi werden. Wenn man mich mit 10 Jahren gefragt hätte, dann wäre das ganz weit oben gewesen in der Liste – und Trainer eher nicht. Wenn man in Deutschland aufwächst, als bewegungsbegeistertes Kind, ist Fußball häufig die erste Option. Dementsprechend war ich dann auch schon früh mit dem Ball unterwegs, aber eher als Torhüter. Die Position habe ich mir selbst ausgesucht. Warum weiß ich nicht. Ich war dann auf einem ganz guten regionalen Level, habe gegen den HSV oder St.Pauli gespielt, aber auch schon bald gemerkt, dass es für mehr nicht reichen wird.

Thefalsefullback: Wie kam es, dass deine Faszination für Fußball trotzdem erhalten geblieben ist?

Schmidt: Auch als ich nicht mehr so viel gespielt habe, habe ich immer noch viel Fußball geschaut mit meinen Schulfreunden. Wir haben uns jeden Samstag bei mir getroffen, um Bundesliga zu gucken. Die Ersten kamen um 12:30 zur 2. Liga und blieben dann bis das letzte Spiel vorbei war, manchmal auch noch länger, bis das letzte Spiel in Spanien vorbei war. Fußball an sich hat mich also so begeistert, dass ich nicht loslassen konnte.

Thefalsefullback: Viele Trainer haben Vorbilder, deren Ideen Sie weiterverfolgen. Das bekannteste Beispiel ist wohl Pep Guardiola, der die Ansätze von Johan Cruyff weiterentwickelte. Wer hat deine Idee von Fußball am meisten beeinflusst?

Schmidt: Klopp ganz klar, aber auch Nagelsmann und Trainer die immer mal wieder aufkommen, wie jetzt Tim Walter. Guardiola muss man ja fast nicht mehr erwähnen. Von dem haben die gelernt, von denen ich jetzt lerne. Und bei mir ganz persönlich Menschen wie René [Marić]und Martin [Rafelt] von Spielverlagerung. Ohne sie wäre ich bestimmt nicht der Trainer, der ich jetzt bin. Oder überhaupt kein Trainer. Selbiges gilt übrigens auch für meinen Vater, der damals eigenhändig Torwarttraining für mich entwickelte und, obwohl er nie gespielt hatte, Fachliteratur verschlang, um mir weiterzuhelfen. Solche Erinnerungen sind sicher prägend, auch wenn sie mit einem genauen Stil nichts zu tun haben.

Thefalsefullback: Du hast die B-Lizenz für Fußballtrainer. Wie hast du die Lehrgänge der Trainerausbildung in Erinnerung?

Schmidt: Ich habe zu der Zeit eine Mannschaft in Berlin trainiert und habe dort dann auch den Grundlehrgang gemacht. Ich hatte jedoch mit einer Person dort etwas Probleme. Damals konnte mich nicht immer zurückhalten, meine Meinung zu sagen und was dort vermittelt wurde, konnte ich damit einfach nicht in Einklang bringen. Die gleiche Person war dann natürlich unter anderem für die Zulassung zur B-Lizenz zuständig und so habe ich es dort einfach nicht geschafft, in den Kurs reinzukommen. Daraufhin habe ich einfach die Eignungsprüfung in Westfalen gemacht, wo ich sie auch bestanden habe. Die Lehrgänge habe ich dann in Sachsen-Anhalt absolviert. Verglichen mit meinen Erfahrungen in Berlin war es eine positive Lernumgebung und die Leiter zeigten sich offen gegenüber bestimmten Inhalten. Manche Themen wurden aber so behandelt, wie ich es nicht machen würde, zum Beispiel viel isoliertes Techniktraining oder ein viel zu großer Fokus auf das 1 gegen 1. Das musste ich aber auch nicht jeden wissen lassen, sondern mich einfach damit abfinden. Derlei Kurse haben ehrlicherweise vor allem den Sinn, am Ende einen Schein zu bekommen. Alles andere ist Bonus.

Thefalsefullback: Auf welchen Wegen bildest du dich heute fort?

Schmidt: Durch das Lesen von Blogs wie diesem und anderen Texten, die sich mit Training befassen und dem Austausch mit anderen Trainern. Und sonst einfach Spiele gucken. Ich schaue immer was aktuell so gemacht wird, was es für gute Ideen gibt. Es ist mir wichtig immer auf dem aktuellsten Stand des Spiels zu bleiben. Und ab und zu ergibt sich auch die Möglichkeit irgendwo ein Training anzugucken.

Thefalsefullback: Wie gehst du vor wenn du ein Spiel analysierst für deine Artikel?

Schmidt: Ganz grob teile ich es im Kopf nach Spielphasen ein, weil das eine Hilfe ist, um eine gewisse Ordnung reinzubringen. Wenn man dann ein Spiel sieht, sind die Formationen der Mannschaften recht schnell zu erkennen oder man kennt sie schon vorher. Und daraus ergibt sich eine gewisse Erwartungshaltung – zum Beispiel, wie eine Mannschaft im 4-2-3-1 üblicherweise verschiebt. Ich achte dann darauf, was eine Mannschaft eventuell anders macht, Dinge, die man vielleicht nicht erwarten würde. Und wie das mit dem zusammenhängt, was die andere Mannschaft macht. Häufig mache ich mir zu dem Spiel dann kleine Videoschnipsel und Screenshots, die ich mir noch einmal anschauen kann. Beim Schreiben ist es bei mir meistens so, dass der Artikel von den Grafiken ausgeht. Ich weiß vorher zwar schon, was ich inhaltlich schreiben will, aber ich erstelle zuerst die Grafiken und schreibe dann um dieses Gerüst den Artikel.

Thefalsefullback: Der bereits angesprochene  René Marić hat letztes Jahr im Konzeptfussball-Adventskalender einen bemerkenswerten Artikel geschrieben, in dem er sich selbst auch kritisch hinterfragt. Hast du auch manchmal Zweifel an deinem Wissen?

Schmidt: Immer.

Thefalsefullback: Wie gehst du mit diesen Zweifeln um?

Schmidt: Die Gewissheit, dass man gar nicht alles wissen kann und dass man immer noch etwas Neues dazulernen kann. Der Zweifel ist auch ein Antrieb, um zu lernen.

Thefalsefullback: Wie gelingt es dir die teilweise sehr komplexen, theoretischen, taktischen Inhalte so zu vermitteln, dass deine Spieler sie in der Praxis auf dem Platz umsetzen können?

Schmidt: Hier spielen mehrere Sachen zusammen. Einerseits bemühe ich mich schon darum meinen Spielern theoretisches Wissen zu vermitteln – etwa durch das Zeigen von Videos. So bekommen die Spieler mehr und mehr ein explizites Bewusstsein für gewisse Sachen. Und im Training durch die Gestaltung von Spielformen, in denen die Spieler implizit Dinge umsetzen. Zum Beispiel beim diagonalen Passspiel könnte man eine Spielform machen, in der die Spieler über eine Mittellinie spielen müssen, aber dafür nur diagonale Pässe erlaubt sind. Dann spielen die Spieler automatisch diagonale Pässe. Anschließend kann man eventuell immer noch ins Gespräch darüber kommen, warum wir das so gespielt haben und was es gebracht hat. Zusätzlich kann es noch helfen,  bestimmte Coachingwörter zu haben, die man immer wieder benutzt. Wenn ich dann „ballferner Raum“ coache, sollte damit schon klar sein, was gemeint ist, da wir uns das vorher auf den verschiedenen Wegen erarbeitet haben.

Thefalsefullback: Beim Torschusstraining erzeugt Gegnerdruck zwar einen spielnahen Charakter, schränkt aber die Wiederholungszahl meist ein. Was tust du um sowohl Spielnähe als auch einer hohen Wiederholungszahl als Trainingsziel gerecht zu werden?

Schmidt: Wir spielen zum Beispiel am Tag vor einem Spiel oft ein 2 gegen 2 auf 2 Tore. Durch die geringe Spielerzahl haben alle Spieler viele Aktionen, aber man hat immer einen Gegner dabei. Wenn man es noch etwas vereinfachen und mehr Abschlüsse erzeugen will, kann man auch ein 3 gegen 1 oder 4 gegen 2 daraus machen. Man macht es dann so einfach, dass der Gegner die Aktionen behindert, aber nicht verhindert. Außerdem ist es mir sehr wichtig Tore in den Spielformen zu haben. Wenn man 90 Minuten trainiert und in jeder Spielform gibt es Tore, dann kommen auch schon einige Abschlüsse zusammen, die zudem noch aus realistischen Situationen entstehen. Außerdem hat man so die Konsequenzen für bestimmte Handlungen gleich dabei. Zum Beispiel wenn wir eine Übung zum Gegenpressing machen und es für den Gegner möglich ist nach einem erfolgreichen Brechen des Gegenpressings sofort zum Torabschluss zu kommen, dann ist das ein riesiger Anreiz gut gegenzupressen und andererseits gibt es sofort die Belohnung, falls man das Gegenpressing überspielt, den Abschluss zu machen.

Thefalsefullback: Wo siehst du die größten Unterschiede zwischen Jugend- und Erwachsenenfußball?

Schmidt: Wahrscheinlich müsste man eher differenzieren zwischen Profifußball und Nicht-Profifußball. Profis können einfach schon unfassbar viele Dinge, denen muss ich zum Beispiel nicht beibringen, was Spiel über den Dritten ist. Die wissen das schon oder setzen es einfach um. Profispieler sind zudem deutlich athletischer und häufig auch sehr klar in ihrer Entscheidungsfindung im Vergleich mit Amateurspielern. Amateurspieler sind zwar oft auch sehr kreativ, aber eben nicht so konstant in ihren Entscheidungen.

Thefalsefullback: Du hast 2016 einen sehr umfangreichen Artikel über den deutschen Nachwuchsfußball geschrieben und bist zu einem eher  ernüchternden Ergebnis gekommen. Wie siehst du die Situation dort heute?

Schmidt: Ähnlich. Damals waren wir allerdings noch Weltmeister und alle dachten wir sind überragend und heute sind wir in der Gruppenphase ausgeschieden und alle denken wir haben ein Problem. Aber die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Im internationalen Vergleich haben die anderen Mannschaften individuell stärkere Spieler und taktisch geht es im Jugendfußball sowieso oft nicht besonders kreativ zu. Klar steht es im Vordergrund, die Spieler individuell weiterzuentwickeln. Aber das sollte im Fußball immer über den mannschaftlichen Kontext gehen. Diese Verbindung muss für die Spieler klar sein und man sollte ihnen zutrauen, mehr als bloß Basics auf den Platz zu bringen, sondern ihnen auch selbst einen Spielraum für kreative Lösungen geben.

Dazu muss aber eben der Trainer seinerseits kreativ und offen sein. Der Erfolgsdruck auf ihn sowie auf das gesamte Team ist allerdings häufig schon in jungen Jahren enorm, sodass auf simple Lösungen zurückgegriffen wird. Das Wort „individuell“ wird dann häufig auch über bloße Vorteile im 1 gegen 1 oder ähnlichem definiert, statt wirklich passende Umgebungen und Rollen für die Spieler zu finden, in denen sie herausgefordert werden und ihren Eigenschaften entsprechend wachsen können. Dafür bräuchte es nämlich häufig Lösungen, die vielleicht noch keiner so wirklich hat.

Thefalsefullback: Welche taktischen Trends hast du diese Saison in der Bundesliga beobachten können?

Schmidt: Was sich schon seit ein paar Jahren beobachten lässt, dass die taktische Flexibilität größer geworden ist. Da muss man die Bundesliga auch mal positiv hervorheben.  Vor einigen Jahren war es auch noch etwas Besonderes, wenn man die Formation des Gegners gespiegelt hat. Heute geht es da schon um viel detailliertere Sachen. Es gibt mehr Mannschaften, die versuchen konstruktiven Ballbesitz zu spielen. Das ist schon fast selbstverständlich und fällt vielleicht erst auf, wenn man sich Spiele von vor 5 Jahren anschaut. Vielleicht war das Pressing damals aber weniger mannorientiert.

Thefalsefullback: Welche Mannschaften haben dir in der Bundesliga in der Hinrunde am meisten Spaß gemacht?

Schmidt: Hoffenheim ist immer interessant anzugucken. Da hat mich absolut beeindruckt, mit welcher Anzahl von Spielern sie attackieren. Das ist auch nochmal deutlich extremer geworden. Zum Beispiel haben sie beim Spiel gegen Wolfsburg in der zweiten Halbzeit mit 5 nominellen Stürmern gespielt – Kramaric und Joelinton als Achter, Reiss Nelson als Flügelverteidiger. Dortmund war unter Favre jetzt auch sehr schön anzuschauen, mit den Überladungen auf der linken Seite. Es hat mir insbesondere Freude bereitet, Götze wieder in einer passenden Rolle spielen zu sehen. Frankfurt war wahrscheinlich am überraschendsten, auch nach der holprigen Vorbereitung. Die spielen einen sehr interessanten Fußball. Für mich spielen sie besser als in der letzten Saison, auch wenn sie vielleicht nicht die Erfolge wiederholen können. Den Pokal holen sie ja ganz sicher schon mal nicht. Aber stattdessen gibt es ja die Europa League. Dann gibt es noch Mannschaften wie Mönchengladbach, Mainz, Wolfsburg. Die Bundesliga ist besser als ihr derzeitiger Ruf.

Thefalsefullback: Zum Schluss wollen wir dir noch ein paar kurze Entweder/oder-Fragen stellen. Erste Frage: Ballbesitzfußball oder Umschaltspiel?

Schmidt: Das hängt ja alles miteinander zusammen. Sollte man eigentlich nicht beantworten, also: Vertikales Positionsspiel.

Thefalsefullback: Kanada oder Deutschland?

Schmidt: Deutschland.

Thefalsefullback: Training leiten oder Videos analysieren?

Schmidt: Training leiten.

Thefalsefullback: Tim Walter oder Marco Rose?

Schmidt: Tim Walter.

Thefalsefullback: Konzeptfussball oder Spielverlagerung?

Schmidt: Konzeptfussball, die machen den besseren Adventskalender (lacht).

Mehr Informationen über Eduard Schmidt und seine Fußballphilosophie, gibt es in diesem Video oder auf seinem Twitter Account.

Kategorie Allgemein

Christoph Becker trainiert seit zwei Jahren Jugendmannschaften bei der Alemannia Zähringen in Freiburg, wo er seit dem Beginn seines Lehramtstudiums lebt. Neben taktischen Fragen interessieren ihn vor allem pädagogische und psychologische Aspekte der Trainertätigkeit. Auf Twitter findet ihr ihn unter @chribecke.

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