Das Dribbling – ein vernachlässigtes Instrument

Nach dem überraschenden Vorrunden-Aus der Fußballnationalmannschaft bei der WM 2018 in Russland gab es zahlreiche Themenfelder, welche ausgiebig von Medien und Experten debattiert worden. Von der Auswahl des Quartiers in Watutinki bis hin zur Causa Mesut Özils, gab es vielerlei Zündstoff zur Debattenführung. Joti Chatzialexiou, der sportliche Leiter des DFB prognostizierte, dass sich der Deutsche Fußball am „Scheideweg“ befinde und ging mit dieser Aussage auf strukturelle Defizite des Verbandes ein, welche allerdings auch Auswirkungen auf das Fußballspiel in Gänze haben. Wesentlich interessanter ist jedoch, dass die Weltmeisterschaft einen langanhaltenden fußballspezifischen Trend des Deutschen Fußball offenbarte, dem augenscheinlich nur schwer entgegenzuwirken ist: die fehlende Qualität für das Dribbling bzw. des offensive 1 gegen 1.

Der folgende Text soll eine Einführung zu dieser Thematik geben und durch einzelne Trainingsübungen aufzeigen, welches Potenzial im offensiven 1vs1 liegt. Außerdem möchte ich auch beleuchten, weshalb die Mentalität eines Spielers bedeutsam für sein Dribblingverhalten ist.

Verbesserte Abwehrstrategien

Die Fußballweltmeisterschaft in Russland zeigte, dass die Unterschiede zwischen vermeidlich kleineren und größeren Fußballnationen nicht mehr in solchem Umfang sichtbar sind wie in der Vergangenheit, was vor allem enormer defensiver Disziplin geschuldet ist. Doppeln und trippeln in bestimmten Bereichen des Feldes, sind wahrlich keine Seltenheit mehr. Jede Mannschaft ist mittlerweile in der Lage, durch kompakte defensiv Staffelungen, effektiv über einen längeren Zeitraum zu verteidigen. Diese Erscheinung lässt sich nicht nur bei Topspielen auf internationaler Ebene feststellen, sondern auch in unteren Amateurbereichen. Gelingt es dann ballbesitzorientierten Mannschaften nicht, durch beispielsweise schnelle Verlagerungen notwendige Räume zu kreieren, braucht es Alternativen, um erfolgsversprechende Angriffssituationen einzuleiten. Um diese Durchschlagskraft zu erhöhen griffen die Mannschaften bei der WM häufig auf Standardsituationen zurück. 45 Prozent (!) aller Turniertore fielen nach ruhenden Bällen.

Die Standards nahmen einen wesentlichen Teil der Offensivkonzepte in Anspruch, was folglich auch immer voraussetzt, diese im Laufe eines Spiels auch zu erhalten. Ein Instrument, welches vernachlässigt erscheint, allerdings für viele Betrachter die gleiche Effektivität besitzt, ist das Dribbling.

Kategorisierung des Dribblings

Das Dribbling als einfache Erscheinungsform der Ballführung abzustufen ist sicherlich eine mögliche Betrachtungsweise. Allerdings würde dies einige Faktoren, wie der bespielte Raum, die Anzahl der Gegner im jeweiligen Umfeld und das spezifische Ziel der Dribblingaktion außer Acht lassen, welche jedoch essenziell sind, da man das Dribbling in unterschiedliche Komponenten teilen kann.

Die klassische Form des Dribblings, die ebenfalls auch gleichzusetzen ist mit einer typischen 1vs1 Situation, ist das gegnerüberwindene Dribbling. Dabei soll der Gegner mit Hilfe einer Fintierbewegung überwunden werden (ausgespielt werden), anknüpfend daran folgt zumeist ein Tempodribbling, um den entstandenen Raum im Rücken des Gegners schnellstmöglich überbrücken zu können.

Bei Kontersituationen wird häufig von der Art des Tempodribblings Gebrauch gemacht, weshalb dies auch als raumüberbrückendes Dribbling betitelt werden kann, da damit das Ziel verfolgt wird, den bestehenden freien Raum anzudribbeln und diesen schnellstmöglich zu überwinden. Ein häufiges Fehlerbild dabei sind eine zu hohe Anzahl an Ballkontakten, die eine Beschleunigung verhindern, weil zumeist nicht der Vollspann für diese Aktion genutzt wird. Den Spann des Fußes zu nutzen hat den Vorteil, dass der Ball permanent in eine vorwärtsgerichtete Bewegung gestoßen wird und somit nicht seitlich gespielt wird. Meiner Meinung nach ist der Bewegungsablauf von Arjen Robben bei dessen Tempodribblings als einer der Idealbilder zu sehen.

Neben diesen Arten, welche darauf abzielen beschleunigte und raumgreifende Bewegungen durchzuführen, gibt es ebenfalls Manöver, bei denen durch verhältnismäßig langanhaltende Ballführungen, der Ball gehalten werden soll, um dadurch Gegenspieler zu binden. Gleichzeitig soll damit eine potenzielle Unterzahlsituation überbrückt werden, um diese durch nachrückende Spieler auszugleichen. Spielertypen wie Frenkie de Jong dribbeln bewusst Bereiche an, in denen ein erhöhter Gegnerdruck vorherrscht, um durch die eigene Ballsicherung die Spieler zu locken und Aktionsräume für die Mitspieler zu kreieren.

Die Kategorisierung soll aufzeigen, dass es neben technischen Schwerpunkten auch taktische Elemente gibt, welche beim Trainieren des Dribblings aufgezeigt werden sollten, um effizient auf die gegebene Spielsituationen einwirken zu können.

Mentalität als Schlüsselkomponente für ein erfolgreiches Dribbling

Um 1vs1 Duelle dauerhaft erfolgreich bestreiten zu können müssen die Spieler neben den technischen Fertigkeiten auch einen gefestigten Charakter innehaben. Eine erfolgreiche Dribblingaktion kann für die eigene Mannschaft spielentscheide Vorteile, wie eine situative Überzahlsituation, ermöglichen.

Als Trainer ist man dahingehend verpflichtet wesentlich gezielter die Chancen eines Dribblings aufzuzeigen, als dessen Risiken. Es ist wahrlich keine neue Angelegenheit, dass sich viele Spieler vor einer solchen offensiven Spielsituation „fürchten“, da sie innerlich die Angst besitzen durch einen möglichen Fehler, Kritik vom Trainer zu erhalten. Die Folgen einer derartigen Spielweise sind Spielertypen deren fehlendes Selbstvertrauen und Kreativität nachgesagt wird.

Förderlich sind daher Aussagen, die den Spieler immer wieder dazu animieren bewusst in diese Aktion zu gehen, ohne dabei Angst vor einem möglichen Ballverlust zu haben. Ein logischer Prozess ist, dass bei wiederholten erfolgreichen Handlungen auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten steigt. Einen großen Lerneffekt kann diese Erscheinung besonders im Juniorenbereich erzeugen, da man dort verstärkt die Bestätigung der eigenen Umwelt sucht. Treffend fasste der Sportpsychologe Renѐ Paasch diese Ansätze zusammen. Besonders im Ausbildungsprozess liegt daher das Augenmerk auch auf ein grundlegendes Selbstvertrauen.

„Das Selbstvertrauen ist im Leistungssport Fußball die zentrale Größe, die dazu beiträgt, dass Trainer und Athleten ihre Leistung zum geforderten Zeitpunkt abrufen können. Das Konzept des Selbstvertrauens oder auch die „Selbstwirksamkeit“ stammt aus der sozial-kognitiven Lerntheorie von Albert Bandura (1986). Selbstvertrauen bedeutet, dass jemand die Überzeugung besitzt, dass seine eigenen Fähigkeiten ausreichen, um eine Handlung zielgerichtet und erfolgreich durchführen zu können.“    

Sportpsychologe Renѐ Paasch zum Thema Selbstvertrauen im Fußball (2017)

Einen weiterführenden Gedankengang verfolgt Michael Beale, ehemaliger U23 Trainer beim FC Liverpool und jetziger Co-Trainer von Steven Gerrard. Dabei stellt er komplexe Aufgabenstrukturen an das Trainerdasein.

„Coaches must take on the role of life coacht o their players and become a strong guide in order to develop their full potential. They should promote ´you vs. yourself´ as a model for development and understand that the game is made much easier by having players who are able to demonstrate 1vs1 domination“

Michael Beales einleitende Worte im Buch: „The Philosophy of Football: In Shadows of Marcelo Bielsa“ (2016)

Das Zitat soll vor allem verdeutlichen, dass man als Trainer eine enorme Reputation besitzt und daher maßgeblich an Persönlichkeitsentwicklungen involviert ist. Zurückzuführen auf das 1vs1 bedeutet dies, dass das solche Charaktere eine enorme Ausstrahlungskraft besitzen und sich dies auf das gesamte Team exportieren lässt. Gerade im Weltfußball lässt sich dieses Phänomen durch herausragende Individualisten wie Cristiano Ronaldo und Lionel Messi bestätigen.

Trainingsmöglichkeiten Dribbling

Das Zusammenspiel der Komponenten Mentalität und fußballerische Ausbildung zeichnen zweifelsohne einen guten Offensivspieler aus. Gerade beim fußballerischen Schwerpunkt sollte nochmals unterstrichen werden, dass dieser von unterschiedlichsten Inhaltsfelder aufgebaut wird. Eine entsprechende Wiederholungszahl bildet bei diesem technischen Thema ein Fundament, allerdings sollten im weiteren Trainingsverlauf ebenso Kondition und Taktik miteinbezogen werden, um die spielnähe zu erzeugen.

Bei einleitenden Übungen zu dieser Thematik erscheint es essenziell, dass jeder Spieler in Besitz eines Spielgerätes ist, um grundlegende Bewegungsabläufe schneller verinnerlichen zu können. Methodisch darauf aufbauend sollte dann vermehrt der Gegnerdruck erhöht werden, verknüpft mit den Optionen der Anschlusshandlung. Zu Beginn empfiehlt es sich in Zusammenarbeit mit den Spielern ein gewisses Fintenrepertoire zu erstellen. Dies erhöht die Flexibilität in 1vs1 Situationen, was zu einer möglichen Steigerung eines erfolgreichen 1vs1 führt, da sich der Verteidiger stetig auf neue Finten einstellen muss.

Eine der populärsten Varianten für derartige Übungsmuster bietet sicherlich die Methode von Wiel Coerver, die bereits in den 70er und 80er entworfen und in den folgenden Jahrzehnten vermehrt modifiziert wurde. Die Coerver-Methode beinhaltet ein umfassendes Spektrum an variablen Möglichkeiten der Ballkontrolle. Der Fokus dieses Konzepts liegt dabei vor allem auf die offensive Zweikampfführung. Spannend dabei sind die Ideen, dass die Basis des Fußballspiels das 1vs1 ist, resultierend daraus kann auch nur die Mannschaft erfolgreich sein, welche über derartige Spielercharaktere verfügt.

 „Vor mehr als zehn Jahren lud ich als Technischer Direktor des Französischen Fußballverbandes Alfred Galustian ein, um mit unseren National- und Regionalauswahltrainern zu arbeiten. Ich bat ihn, sich in seinen Einheiten besonders auf Elemente des „1 gegen 1“ zu beziehen, wie sie im Coerver Coaching Programm beschrieben werden. Bis heute hat Coerver Coaching großen Einfluss auf den französischen Fußball und hat meiner Meinung nach viel dazu beigetragen, die heutigen Jungstars des französischen Fußballs auszubilden und herauszubringen.“   

Gerard Houllier, über die Bedeutung des Coerver-Coachings 
 (Technischer Direktor des Weltmeisterteams Frankreichs von 1998)

Die Methoden Wiel Coervers bieten einen Ansatzpunkt, an welchen ich mich orientiert habe, um ein kleines Portfolio an potenziellen Übungs- und Spielformen zu generieren, um das Dribbling trainieren zu können. Diese verfolgen den Primärschwerpunkt verschiedene Kategorien des Dribblings zu erproben. Dabei sollen mehrere Steuerungsgrößen zum Einsatz kommen, um die Spieler vielseitig zu schulen. Sekundär finden sich einige andere Basistechniken wieder, die als Anschlussaktion nach einem erfolgreichen Dribbling integriert werden.

Dribbling trainieren

Aufbau:

Es wird je nach der vorhandenen Spieleranzahl ein rechteckiges Spielfeld erstellt. Jeder Spieler dribbelt mit einem Ball. Es wird ein Spieler als „Jäger“ bestimmt, der das Ziel verfolgt mit dem Ball am Fuß einen Spieler abzuschlagen. Danach wechselt der Aufgabentyp und der berührte Spieler ist nun der Jäger.

Coachingpunkte:

Bei dieser Übung sollte darauf geachtet werden, dass neben Dribbeltechniken nun einige koordinative Fähigkeiten verstärkt trainiert werden. Nach Möglichkeit sollen alle Spieler einen peripheren Blick entwickeln, da nicht nur die eigene Ballführung, sondern auch die Spielumgebung wichtig ist. Beide Füße sollten bei derartigen Übungen immer bewusst eingefordert werden. Durch Fintierbewegungen soll es gelingen dem „Jäger“ zu entkommen.

Dribbling

Aufbau:

Betitelt wird diese Trainingsform meistens als el chaos, da man gegen einen festen Verteidiger agiert, jedoch auch teils passive Gegenspieler überwinden muss, da diese sich ebenfalls im gleichen Raum befinden. Nach einem gegnerüberwindenen Dribbling kann beispielsweise ein Torabschluss erfolgen. Die Ausgangssituation des ballführenden Spielers sollte nach jeder Durchführung geändert werden.

Coachingpunkte:

Phasenweise ist es möglich, dass in einer Einheit alle Kategorien des Dribblings stattfinden. Beginnend damit, dass der Gegner mit einer Finte überspielt wird und es zu einem zielgerichteten Tempodribbling kommt. Bis zu einer längeren Ballsicherungssituation, bei der sich der Angreifer mit dem Rücken zum Tor befindet. Die Grundintention ist aber ein zielgerichtetes Dribbling durchzuführen. Weiterhin fließen vereinzelt die Aspekte der Sinneswahrnehmung mit ein, weil stetig die Bewegungen der passiven Gegenspieler als Information aufgenommen werden.

Dribbling trainieren
(Spielform in der Aufbauphase. Blauer Spieler wechselt durch Tempodribbling die Zone)

Aufbau:

Das Spielfeld wird in zwei Zonen geteilt. In beiden Bereichen findet sich jeweils eine 2vs4 Situation. Begonnen wird immer bei dem jeweiligen Torwart, welcher das Spiel eröffnet. Es soll gelingen die Überzahlsituation so auszuspielen, dass ein Spieler frei kombiniert wird und dieser dann durch ein Tempodribbling die Zone verlässt.

Je nach Leistungsstand können die Über- und Unterzahlsituation auch variiert werden. Also weiterer methodischer Schritt könnte beispielsweise eine Kontaktprovokation in das Aufbauspiel miteinfließen.

Coachingpunkte:

In dieser Spielform werden wesentliche Schwerpunkte des Fußballspiels dargestellt. Begonnen mit einer sauberen Staffelung in Ballbesitzphasen, welche dazu dient, dass die Überzahl schnellstmöglich ausgespielt wird. Dies setzt zugleich eine präzise technische Anwendung des Passspiels voraus. Um dann die Zonen verlassen zu können ist es wichtig, dass der Spieler eine seitliche Körperstellung einnimmt, um bereits die Positionierungen seiner Mitspieler im gegenüberliegenden Feld wahrzunehmen. Außerdem dient dies einer besseren Ballverarbeitung.

In der zweiten Zone wird durch die Unterzahlsituation provoziert, dass sich die Spieler bewusst in Dribblingsituationen begeben, um dieses Zahlenverhältnis auszugleichen. Auch dort sind wieder alle Aspekte des Dribblings gefordert.

Fazit

Das Dribbling offenbart, wie komplex gewisse Themenschwerpunkte in der fußballerischen Ausbildung sind. Neben gezielten technischen Inhalten, die häufig in jeder Trainerzeitung zu finden sind, ist man auch besonders als Pädagoge gefragt. Wie werden gewisse Erlebnisse verarbeitet? Findet man die richtigen Ansätze, um den Dribbler eine permanente Motivation zukommen zu lassen? Wie reagiert der Spieler und man selbst auf Ballverluste? Jeder Trainer muss für sich und sein vorhandenes Spielermaterial den richtigen Weg finden. Mut zur Kreativität hat jedoch noch niemanden in seiner Entwicklung geschadet.

Kategorie Spielformen, Training

Julius Riemann ist seit jeher absolut fußballaffin und hat vor vier Jahren mit dem Trainerdasein begonnen. Die Trainertätigkeiten von Bielsa, Sampaoli oder Guardiola verfolgt er äußerst interessiert. Er trainiert aktuell die U15 als Co-Trainer im NLZ des 1.FC Magdeburgs. Zusätzlich ist er als Videoanalyst beim Fußballverband Sachsen-Anhalt tätig. Ihr findet ihn auf Twitter unter @julius_riemann

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