Mattéo Guendouzi – Zidane mit Locken?

Voller Erwartung und Euphorie gingen die Arsenal Fans in die aktuelle Saison.

Nach dem endgültigen Ende der Ära Wenger erhoffte man sich mit Neu-Trainer Unai Emery und einigen verheißungsvollen Neuzugängen aus der Feder von Sven Mislintat endlich wieder frischen Wind und attraktiven Fußball im Emirates.

Zunächst etwas im Schatten der namhaften Transfers von Sokratis, Bernd Leno und Lucas Torreira, spielte sich ein 19-jähriger Franzose aus der Ligue 2 bereits in der Vorbereitung mehr und mehr ins Rampenlicht – und kommt inzwischen bereits auf 30 Saisoneinsätze.

Doch wie gut ist Mattéo Guendouzi wirklich und wie gut kann er mal werden?

Das erste, was bei Guendouzi auffällt, ist natürlich seine lockige Haarpracht, die irgendwo zwischen Valderrama und Fellaini liegt.

Doch auch fußballerisch hat er in seiner ersten Saisonhälfte bereits deutliche Abdrücke hinterlassen.

Trainer Emery hat bisher noch kein zu 100% funktionierendes System gefunden und wechselt häufig zwischen einem 3-5-2 / 4-3-1-2 / 4-3-3.

Guendouzi nimmt in allen Formationen jeweils einen Platz im zentralen Mittelfeld ein – als Partner von Granit Xhaka oder Lucas Torreira (oder beiden).

Sidewards and backforewards

Im Spielaufbau lässt sich Mattéo Guendouzi meistens in die Abwehrkette fallen, um die aufbauschwachen Sokratis und Shkodran Mustafi zu unterstützen.

Jedoch schiebt er sich hierbei eher selten zwischen die beiden Verteidiger, sondern positioniert sich seitlich von Ihnen, während die eigentlichen Außenverteidiger weit vorschieben.

Guendouzi 1

Vor allem in seinen ersten Spielen hat sich Guendouzi immer wieder im Halbraum neben den Innenverteidigern angeboten. Vielleicht als Vorgabe von Trainer Emery, um ihm mehr Zeit und Raum zu erlauben. Mittlerweile bietet er sich auch vermehrt im Zentrum an, von wo aus er natürlich noch flexibler agieren kann.

Beeindruckend hierbei ist die Selbstverständlichkeit, mit der der 19(!)-Jährige selbst in Drucksituation jeden Ball fordert und permanent offensive Lösungen sucht.

Genau das unterscheidet ihn auch so stark von einem anderen zentralen Aufbauspieler der Gunners, dem oft kritisierten Ägypter Mohamed Elneny. Auch er fordert unermüdlich Bälle und scheint niemals still zu stehen – jedoch fehlt ihm im Spielaufbau zumeist die Vertikalität.

“Sidewards and backwards“ würden die Engländer sagen. So steht Elneny bei vielen Fans sinnbildlich für das träge, risikoarme Ballgeschiebe der Gunners in der jüngsten Vergangenheit.

Mattéo Guendouzi hingegen sucht immer wieder den Vertikalpass und forciert das Dribbling in freie Räume.

Durch seine sehr gute Vororientierung dreht er sich mit dem ersten Kontakt zumeist in den freien Raum und kann daher auch immer wieder geschlossen am eigenen 16er angespielt werden.

Er verfügt über eine sehr gute Passtechnik und streut des Öfteren auch mal einen hohen Diagonalball ein, wodurch sein Spiel sehr variabel wird.

Guendouzi 2

Diese Szene aus dem Pokalspiel gegen Brentford ist sinnbildlich für Guendouzi. Er übernimmt den Ball tief von den Innenvertedigern – dribbelt mit Tempo in den freien Raum – und spielt dann einen präzisen Diagonalball auf den Außenverteidiger.

Lauf Mattéo, lauf….

Mattéo Guendouzi scheint immer in Bewegung zu sein und das stehts mit einer natürlichen Eleganz, die zuweilen ein kleines bisschen an längst vergangenen Zeiten von Zinedine Zidane erinnern. Was ihn jedoch bereits jetzt von vielen anderen jungen kreativen Spielmachern abhebt, ist sein unermüdliches Laufpensum in Kombination mit dem Willen und Kampfgeist, den er permanent an den Tag legt. Damit hat er sich spätestens mit dem jüngsten Auswärtsspiel bei Manchester City endgültig in die Herzen der Arsenal Fans gespielt.

Im mittleren und vorderen Drittel bewegt er sich oft in die Halbräume, um dort mit dem umtriebigen Lacazette oder Aubameyang Überlagerungen und letztlich Durchbrüche zu kreieren.

Nach eigenem Zuspiel verlässt er sofort den Deckungsschatten und ist wieder anspielbar. Diese risikoreiche Art lässt seine aktuelle Passquote von 87,5% nochmal besser erscheinen.

Er ist zur Zeit der jüngste Spieler in den großen fünf Ligen Europas, der sowohl 3 gegnerüberspielende Pässe, als auch 3 Balleroberungen pro Spiel aufweisen kann.

Denn Guendouzi kann auch verteidigen.

Durch seinen schlaksigen Körper und seinen langen Beinen sprintet er immer wieder in Passwege hinein und verhält sich im direkten Zweikampf sehr clever – was ihn zu einem der meist gefoulten Spieler in der Premier League macht.

Dennoch wird ihm gerade gegen robuste und körperliche Gegenspieler seine (noch) fehlende Körpermasse etwas zum Problem.

Nicht perfekt – aber lernfähig

Sein größtes Manko ist aktuell jedoch (auch hier: noch) seine defensive Positionierung. Hier fehlt es ihm einfach noch an der nötigen Erfahrung – zu oft verliert er seinen Gegenspieler im Rücken aus den Augen oder verteidigt zu passiv. Aber das sollte nachvollziehbar sein bei einem 19-jährigen Mittelfeldspieler aus der Ligue 2, der direkt in die beste Liga der Welt geschmissen wird.

Auch muss er sich in einigen Situation deutlich früher vom Ball trennen. Es gab einige Szenen, in denen nur der (wohlgesonnene) Pfiff des Schiedsrichters ihn vor einem fatalen Ballverlust in der eigenen Hälfte gerettet hat. Bei der Fülle an Spielzeit, die Guendouzi bekommt, wird er hier aber von Spiel zu Spiel ein besseres Timing und Gefühl für die Situation entwickeln und aus seinen Fehlern lernen.

Dann könnte Guendouzi sein Spiel nochmal auf ein neues Level heben und das Mittelfeld von Arsenal über Jahre hinweg prägen.

Man kann aktuell nur den Hut ziehen vor der Leistung des jungen Franzosen – allerdings ist nicht immer alles Gold, was glänzt, und auch Guendouzi muss in den nächsten Monaten und vor allem in der traditionell schweren 2. Saison zeigen, dass er zu einem Führungsspieler reifen kann – in (ferner) Zukunft vielleicht auch mit dem Gockel auf der Brust.

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