Die Krux mit den Spurs

Die Tottenham Hotspurs sind in dieser Saison eine merkwürdige Mannschaft. Ein Blick auf die Tabelle der Premier League lässt ein absolutes Spitzenteam vermuten – 20 Siege bei 6 Niederlagen und keinem Unentschieden, ein Punkteschnitt 2,31 (Das wäre Platz 2 in der Bundesliga). Mit 5 Punkten Rückstand auf Manchester City und Liverpool werden sie gelegentlich mit in das Titelrennen einbezogen. Die Chancen liegen dabei aber eher im theoretischen Bereich, was zum einen an der starken Konkurrenz liegt und zum anderen an den Spurs selber.

Unkreatives Ballbesitzspiel

Häufig lässt Pocchetino seine Mannschaft in einem 5-3-2 oder 4-Raute-2 spielen, selten auch mal im 3-4-3 oder 4-2-3-1. Große Auswirkungen auf das Aufbauspiel hat eine Systemänderung jedoch nicht, es ändert sich nur die Anzahl der Innenverteidiger und die Anzahl der Spieler hinter dem gegnerischen Mittelfeld. Die grundsätzlichen Muster sehen dabei wie folgt aus: Trippier schiebt auf der rechten Seite bis auf die letzte Linie vor und spielt quasi als rechter Flügel, in den freien Raum lässt sich Sissoko fallen, der je nach System als rechter Achter oder rechter Sechser aufläuft. Winks ist dann der alleinige Sechser vor den Innenverteidigern, wird aber durch Eriksen im linken Halbraum unterstützt. Der Däne pendelt dabei zwischen einer offensiven Zehnerposition und einer tieferen Achterposition – je nach Grundordnung. Rose oder Davies – je nachdem wer auf der linken Seite spielt – positionieren sich im Aufbauspiel nicht ganz so hoch wie Trippier auf der anderen Seite, rücken aber im Verlauf des Angriffes nach.

Ballbesitz Grundordnung

Die übrigen zwei bis drei Spieler sind im Zwischenlinienraum oder der letzten Linie positioniert. Im Zusammenspiel der Stürmer zeigt sich eins der wenigen Muster im Aufbauspiel der Spurs. Ein Spieler (häufig Son) läuft in die Tiefe für einen hohen Pass der Innenverteidiger hinter die Abwehr. Der andere (häufig Kane) lässt sich zentral fallen. Der Stürmer kommt aus dem Rücken der Mittelfeldspieler und kann den Ball entweder auf die Mitspieler ablegen oder das Spiel selbst verlagern. Diese Rolle kann aber nur Kane ausfüllen – Son mach häufiger die Läufe in die Tiefe, auch Llorente konnte den englischen Nationalstürmer nicht annähernd ersetzen.

Es ist deshalb auch keine Überraschung, dass Tottenham sich ohne Kane sehr schwertut, das Spiel durch das Zentrum aufzubauen. Die Bälle landen in der Folge schnell auf dem Flügel, von wo Tottenham dann nicht mehr in die gefährlichen Zonen kommt. Das Spiel läuft dann im bekannten U um die gegnerische Formation herum und es fehlen die Verbindungen in den Zwischenlinienraum. Durch ihre Formationen ist es aber sehr schwer, die Spurs am Flügel zu isolieren. Erhält der Außenverteidiger am Flügel den Ball, ist der ballnahe Halbraum oft mit drei Spieler besetzt – der IV als sichere Rückpassoption, der Sechser/Achter als Option für einen Querpass, der Zehner als Anspielstation im Zwischenlinienraum. Der Zehner wird in der Regel vom gegnerischen Mittelfeld in den Deckungsschatten genommen, damit muss der Stürmer entweder den Pass auf den Sechser oder den Innenverteidiger verhindern. Beides ist unmöglich und Tottenham kann das Spiel verlagern. Die Ballzirkulation von Tottenham ist aber leicht zu verteidigen.

Haben die Spurs den Ball im Zentrum, wollen sie sich schnell durch den Zwischenlinienraum kombinieren. Der Raum ist aber sehr eng und die Kombinationen überhastet – die meisten Kombinationen werden spätestens von der Verteidigung unterbunden.

Die meisten Angriffe enden daher in Flanken. In den letzten Spielen war häufig Llorente der einzige Spieler im Strafraum. Sturmpartner Son versuchte viel in tieferen Zonen oder am Flügel zu unterstützen und fehlte dann in der Box. Die Flanken auf Llorente brachten daher keine Gefahr. Im Spiel gegen Newcastle spielte statt dem Spanier Lucas im Sturmzentrum. Dadurch gab es keinen Spieler, der den Großteil des Spiels zwischen den Innenverteidigern steht, sondern mit Son, Lamela und eben Lucas drei bewegliche Stürmer. Bei Flanken liefen sie die verschiedenen Zonen dynamisch an, wodurch mehr Chancen entstanden.

Llorente eignet sich aber gut für eine weitere Variante gegen das gegnerische Abwehrpressing: Chipbälle auf den Stürmer mit anschließenden Ablagen. Diese Methode war besonders dann gefährlich, wenn der Abstand zwischen Abwehr und Mittelfeld beim Gegner zu groß wurde und mehr Platz für Ablagen entstand. So entstand beispielsweise auch der Siegtreffer gegen Newcastle kurz vor Schluss.

Chipball auf Llorente I

 

Insgesamt ist das Spiel von Tottenham gegen das Abwehrpressing sehr unkreativ. Der Großteil der Angriffe endet in Flanken, überhasteten Kombinationen oder Weitschüssen. Das Spiel über die Flügel wird nicht genutzt, um sich von dort mal in den Strafraum zu spielen – der Außenverteidiger ist oft alleine, im Halbraum gibt es keine Läufe in die Tiefe, um zumindest mal einen gegnerischen Mittelfeldspieler wegzuziehen (auch wenn dort in den letzten Spielen eine leichter Verbesserung zu sehen war).

Die Probleme zusammengefasst: Zu wenig Bewegung ohne Ball, es werden keine Räume geöffnet, keine Überzahlen geschaffen, keine Gegner gelockt. Ohne diese Punkte ist es schwer, ein gutes Ballbesitzspiel zu haben.

Die einzige Stärke: Konterabsicherung und Gegenpressing

Ein Blick auf das Ballbesitzspiel lässt keine Mannschaft vermute, die zumindest noch eine theoretische Chance auf die Meisterschaft in der Premier League hat. Das Tottenham trotzdem die meisten Spiele gewinnt und mehr Chancen hat als der Gegner ist ein einfaches Zahlenspiel: die Konterabsicherung ist gut, die Gegner spielen häufig nur mit einem, manchmal zwei, Stürmer – diese sind gegen die Abwehr nach Ballgewinn in Unterzahl. Die Innenverteidiger können nach Ballverlust die Bewegung des Stürmers verfolgen und sind dabei eng dran. Kommt der Stürmer kurz, können sie den Zweikampf gewinnen oder mindestens ein Aufdrehen verhindern. Geht der Stürmer lang sind die Innenverteidiger schnell genug, um das Laufduell zu gewinnen. Mit Winks spielt ein Sechser vor der Abwehr, der gut im Gegenpressing ist. Dort rückt er teilweise weit aus seiner Position und stopft Löcher hinter herausgerückten Spielern und kann so den Konter verlangsamen.

Da die schwachen Mannschaften aus der Premier League sich gegen Tottenham hinten reinstellen, kommen sie dort auch nicht mehr raus. Siege der Spurs sind dadurch zu erklären, dass sie einfach mehr Angriffe und die besseren Spieler haben als der Gegner. So fällt dann irgendwann ein Tor, auch wenn sie nicht drückend überlegend sind und sich nur wenige Großchancen rausspielen. Diese Spielweise der Gegner ist übrigens der Beweis dafür, dass nicht nur eine auf Angriffspressing ausgelegte Spielweise riskant sein kann. Auch das 90 Minuten lange einigeln vor dem eigenen Strafraum ist gefährlich. Leicester tat das am Wochenende nicht so und kam zu zahlreichen Torchancen. In den Spielen gegen Newcastle, Watford, Crystal Palace und Fulham hatte Tottenham im Durchschnitt 71,3% Ballbesitz – nur gegen Crystal Palace konnten sie nicht gewinnen und schieden sie mit einer B-Elf im FA Cup aus.

Zugriffsloses Defensivverhalten

Egal ob die Spurs im 5-3-2 oder 4-3-1-2 starten, es ergeben sich ähnliche Abläufe im Mittelfeldpressing – zumindest was das Verhalten der 3 Mittelfeldspieler angeht: Der ballnahe Achter soll den Außenverteidiger anlaufen, die Spieler dahinter nachschieben. Dabei zeigen sich bei Tottenham einige Probleme: Entweder ist das Herausrücken des Achters zu früh und die Spieler konnten noch nicht nachschieben. Dann kann der Gegner diesen Spieler leicht überspielen. Es kommt aber auch vor, dass der Achter herausschiebt, die Spieler dahinter aber nicht die Räume schließen und das Herausrücken absichern. Dadurch ergeben sich für den Gegner die gleichen Räume.

Selbst wenn Tottenham Tottenham eigentlich kompakt steht, sind sie in ihrem Zugriffsverhalten sehr mannorientiert, lassen dabei aber jeglichen Druck vermissen. Chelsea konnte beispielsweise das Spiel über einen Flügel aufbauen und Tottenham locken um anschließend das Spiel auf die ballferne Seite zu verlagern.

Mittelfeldpressing - kein Zugriff I

 

Das Mannorientierte Verhalten kann vom Gegner auch leicht genutzt werden, um Räume zu öffnen. Gerade Sissoko erweist sich als defensivtaktisch sehr schwach, sodass ein Fokus auf den rechten Halbraum der Spurs ein gutes Mittel für den BVB sein kann – zu schade, dass Marco Reus im Hinspiel wohl fehlen wird.

Durch dieses zugriffslose Mittelfeldpressing kann der Gegner nach Spielverlagerungen aufrücken und Tottenham muss bis an den eigenen Strafraum zurückweichen. Die Offensivspieler sehen ihre Beteiligung am Defensivverhalten wohl nur als alternativ an, wodurch je nach Formation ein 5-3 oder 4-3 Block entsteht. Auch hier ist das Verschieben des Mittelfelds nicht einheitlich. Leicester zeigte am Wochenende, wie man dieses Abwehrpressing knacken kann.

 

Das Mittelfeld wurde auf eine Seite gelockt, dadurch entstand eine Überzahlsituation gegen den Linksverteidiger. Mit einem Doppelpass konnte dieser ausgespielt werden, Vardy musste nur noch einschieben.

Auch Crystal Palace erzielte das 1:0 nach einem Angriff über den Flügel und einer Spielverlagerung in den ballfernen Halbraum. Dort konnte der Spieler mit Tempo auf die entblößten Innenverteidiger zudribbeln, die im Strafraum keinen Elfmeter verursachen wollten und den Spieler nicht aufhalten konnten.

Tor Palace I

 

Die meisten Gegner konnten sich gegen Tottenham aber keine Chancen rausspielen, weil ihr Ballbesitzspiel auch schwach ist. Freie Räume werden nicht genutzt und die Angriffe der Gegner endeten in Flanken – dort stehen die Spurs mit Alderweireld, Vertonghen und Sanchez aber sicher.

Fazit

Tottenham ist merkwürdig. Das Aufbauspiel ist schwach, im letzten Drittel fehlt jegliche Kreativität. Die Konterabsicherung und das darauf aufbauende Gegenpressing verhindern aber Konter der Gegner und ermöglicht im Gegenzug viele Angriffe der Spurs. Das sie irgendwann zum Torerfolg kommen ist daher nur logisch (viele schlechte Chancen summieren sich irgendwann auch zu einem hohen xG-Wert, die Ergebnisse sind aber einer größeren Varianz ausgesetzt).

Von den 20 Siegen diese Saison waren 10 mit einem Tor Vorsprung, 6 mit zwei Toren. Nur vier-mal konnte man in dieser Saison klar gegen einen Gegner gewinnen. Der Grund für die vielen Siege: Die schwächeren Mannschaften der Premier League sind noch schlechter. Bessere Spieler und mehr Angriffe führen dann halt häufig zu einem Sieg.

Gegen die Big Six der Premier League sieht die Quote der Spurs schon deutlich schlechter aus: Vier der sechs Niederlagen gab es in der Liga gegen diese Gegner – drei Heimniederlagen gegen Liverpool, Manchester City und Manchester United, eine Niederlage bei Arsenal. Auf der anderen Seite gab es aus diesen Spielen bisher nur zwei Siege. Am dritten Spieltag gegen Manchester United und Jose Mourinho und gegen Chelsea.

Mittel für den BVB

Auch wenn die Buchmacher die Spurs favorisieren, hat der BVB gute Chancen, sich schon im Hinspiel eine gute Ausgangsposition zu verschaffen. Dabei müssen die Dortmunder auf folgende Punkte achten:

  • Trippier: in der Premier League haben sie die meisten Gegner bereits auf den Rechtsverteidiger eingestellt. Er kann aus verschiedenen Positionen gefährliche Bälle in den Strafraum bringen.
  • Son: Der Koreaner ist der mit Abstand aktivste Spieler bei den Spurs. Er versucht viele Dribblings und läuft ständig hinter die Abwehr.
  • Llorente: auch wenn der Stürmer Harry Kane nicht annähernd gleichwertig ersetzen kann, könnte er für die Innenverteidiger des BVB ein unangenehmer Stürmer sein. Für die uninspirierte Spielweise der Spurs ist er derzeit nicht ganz unwichtig.
  • Kompaktheit: Kompaktheit ist gegen jeden Gegner wichtig. Gegen Tottenham muss Dortmund aber darauf achten, das die Abstände zwischen den Innenverteidigern und Sechsern nicht zu groß werden, um die Chipbälle auf Llorente und die Kombinationen durchs Zentrum verteidigen zu können.
  • überlegtes Ballbesitzspiel: im Mittelfeld fehlt Tottenham der Zugriff. Im Aufbauspiel können die Spurs auf eine Seite gelockt werden, um über die andere Seite aufzurücken. Im letzten Drittel muss das Mittelfeld in Bewegung gebracht werden und die entstehenden Lücken bespiel werden. Überzahlsituationen gegen die Außenverteidiger können zu Chancen führen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.