Trainingseinheit zum Gegenpressing

Endlich war es soweit: Nach umzugs- und studiumsbedingter einjähriger Pause als Coach stand in dieser Woche die erste Schnupper-Trainingseinheit mit der Mannschaft an, die ich ab dem Sommer trainieren darf. Zusammen mit einem sehr kompetenten Trainerkollegen werden wir uns die Traineraufgaben in der A-Jugend aufteilen. Für die erste Einheit hatten wir  angedacht, dass das Gegenpressing trainieren sowie die Intensität und die Orientierung in den Vordergrund gerückt werden sollen.

Die tollen Texte von Robin und Chris hier auf der Seite besaßen daran großen Anteil!

Im folgenden werde ich den gesamten Aufbau aller von uns verwendeten Übungs- und Spielformen beschreiben. Ebenfalls eingehen werde ich auf die Coachingpunkte für ballbesitzendes und balljagendes Team, die implizit trainiert und vereinzelt explizit in kleinen Pausen angesprochen wurden.

Der Einfachheit halber werden die Spieler in Ballbesitz als ANG bezeichnet und die Spieler ohne Ball als DEF.

Gegenpressing trainieren – Rondo Variation 1

Nach kurzer Vorstellungsrunde und einem 15-minütigen Aufwärmen ohne Ball ging es direkt in eine Rondo-Variation: Es wurde ein 4 gegen 2 mit maximal zwei Ballkontakten für die ANG auf ein 10x10m großes Feld gespielt. Die DEF sollten nach Ballgewinn über eine Linie dribbeln oder ihren Mitspieler hinter der Linie anspielen.

Gegenpressing trainieren

Ziel ANG: 15 Pässe in Folge, dann Bonus (Doppelrunde)

Ziel DEF: nach Ballgewinn über die Linie dribbeln oder ihrem Mitspieler über die Linie zuspielen

Coachingpunkte ANG:

  • Linienbrechende Pässe durch Anlocken des Gegners vorbereiten
  • Passwinkel für ballbesitzenden Spieler mit kleinen Bewegungen erleichtern
  • Gegenpressing! Nach Ballverlust Zugriff zum nächsten Gegenspieler suchen

CP DEF:

  • Gegner lenken, um riskante Zuspiele zu erzwingen
  • Defensivfinten nutzen
  • Lücken nach Balleroberung erkennen und attackieren

Dauer der Spielform: 6 Minuten

Meine Idee war erst, nicht wie üblich den Spieler, der den Fehlpass oder den Ballverlust direkt verursacht hat, zum Verteidiger zu beordern; stattdessen sollten die beiden ANG, deren Linie überquert wurde, zu den beiden DEFS zu werden. Nach kurzem Überlegen entschieden wir uns dagegen, dies in der ersten Einheit einzuführen.

Für die nächsten Einheiten bleibt dies allerdings eine Option: Zuerst bestand nämlich das Problem, dass alle ANG (außer dem ballverlierenden ANG) nicht ins Gegenpressing gingen. Ein möglicher Grund ist der fehlende Mehrwert für die ANG: Da sie nicht zum Verteidiger werden, sahen sie keinen Grund dazu, gegenzupressen.

Rondo Variation 2

Nach einer kurzen Pause ging es dann in die nächste Spielform. Der Aufbau blieb gleich, jedoch wurden die Regeln und die Zielsetzung für die ANG etwas verändert. In Ballbesitz hatten sie nur noch einen Kontakt, durften jedoch zwei Kontakte benutzen, wenn sie dafür den linken und den rechten Fuß benutzten.

Da die neue Regel das Spiel für die ANG erschwerte, wurde die Zielvorgabe auf 12 Pässe gesenkt.

Für uns war es spannend zu sehen, welche Spieler sich gut vororientieren und welche Spieler damit Probleme haben.

CP ANG:

  • Vororientierung: Nutze ich zwei Kontakte, wohin nehme ich den Ball mit?
  • „Notsituationen“ anderer erkennen und sich passend bewegen (Raumöffnend oder raumbesetzend)

CP DEF:

  • Trigger erkennen und für aggressives Pressing nutzen (Ball wurde bereits angenommen und muss mit dem anderen Fuß weitergespielt werden)

Die ANG lernen hier implizit, wann sie ihren schwachen Fuß benutzen können und wie sie sich den Ball optimal für die Spielfortsetzung mitnehmen.

Dauer: 6 Minuten

Hauptteil – Gegenpressing trainieren

Dann ging es schließlich in die erste größere Spielform.

Aufbau: 6 vs. 6+3 neutrale Spieler, ca. 30×20 Meter, 4 Mini/Hütchentore (2 Meter Abstand), Tore befinden sich 3 Meter hinter dem Spielfeld und in der Mitte zwischen zwei spielfeldbegrenzenden Hütchen.

trainingsform

Ziel ANG: 12 Pässe ohne Unterbrechung vom Gegner spielen

Ziel DEF: Eroberung des Balles und Erzielen eines Tores

Nach erfolgreichem Erreichen der Zielvorgabe fand ein Aufgabenwechsel statt, heißt: Erzielte das DEF-Team ein Tor, sollte es nun 12 Pässe ohne Unterbrechung vom Gegner spielen.

CP ANG:

  • Gegenpressing
  • Mögliche Ballverluste antizipieren und sich frühzeitig am nächstmöglichen Gegenspieler orientieren

CP DEF:

  • Pressingfallen nahe der Endzone aufstellen (kürzerer Weg zum Tor)
  • kollektive Arbeit gegen den Ball
  • Einsatz von Deckungsschatten gegen neutrale Spieler (Egalisierung der Überzahl)

CP Überzahlspieler:

  • Pendelbewegungen (Tiefenstaffelung für ballbesitzende Mannschaft)
  • Positionierung an die Position des anderen Überzahlspielers anpassen

Dauer: 6-8 Minuten

Je nachdem, welche Mannschaft sich bei der Form schwer tut, lassen sich kleine Anpassungen vornehmen.

Hauptteil Variation 1

Für die ANG gibt es einen Extrapunkt für das Spiel über den dritten Mann, bedeutet: Spielt ein ANG einen anderen ANG an und dieser lässt mit einem Kontakt auf einen nochmal anderen ANG klatschen, zählt das als 4 anstatt von 3 Pässen. Die Zielvorgabe von 12 Pässen bleibt jedoch gleich.

Für die DEF lassen sich nochmal andere Schwerpunkte setzen, wenn man die Minitore durch Hütchentore ersetzt, durch die gedribbelt werden soll.

Ziel ANG: 12 Pässe erreichen, Pässe über dritten Mann zählen als Extrapass

Ziel DEF: Dribbling durch ein Hütchentor

CP ANG:

  • Dreiecksbildung

CP DEF:

  • Andribbeln von freien Räumen
  • Andribbeln in eigene Überzahl

Dauer: 6-8 Minuten

Hauptteil Variation 2

Für die DEF lässt sich die Form dann wieder etwas erleichtern, indem man eine weitere Möglichkeit hinzufügt, um Punkte zu erzielen: Dribbling durch ein Tor gibt weiterhin einen Punkt, jedoch kann ebenso ein Pass durch eins der Hütchentore zu einem Mitspieler gespielt werden. Ein erfolgreicher Pass durch das Hütchentor zu einem Mitspieler wird mit 2 Punkten gewertet.

Ziel DEF: Dribbling durch ein Hütchentor oder Pass zum Mitspieler

CP DEF:

  • Tiefensprints nach Balleroberung

Endteil

Da es das erste Training mit der Mannschaft war, war es für uns sehr wichtig, die Spieler im freien Spiel zu beobachten. Daher wurden die letzten 30 Minuten mit einem Abschlussspiel ohne Einschränkungen verbracht, in der von den jeweiligen Teams auf die angesprochenen Coachingpunkte eingegangen werden sollte.

Jedoch hätten wir noch Ideen für ein paar Variationen gehabt (oder geklaut), mit denen wir das Gegenpressing nochmal verstärkt behandelt hätten.

Die erste Variante hätte vorgesehen, das Spiel in Drittel zu unterteilen. Vor einem Torabschluss muss jedes Drittel bespielt worden sein. Heißt: Selbst wenn der Ball im vordersten Drittel erobert wurde, ist die ballbesitzende Mannschaft dazu gezwungen, bis ins eigene Drittel zu spielen.

So entstehen ungewohnte Staffelungen, in denen die Spieler kreative Lösungen auf engem Raum finden müssen. Beispielsweise muss nach einem Ballverlust im Spielaufbau nicht das eigene Tor verteidigt werden, sondern der Passweg nach hinten zugestellt werden. (Aus dem Buch „Fußball durch Fußball“ von Rene Maric und Marco Henseling)

„Trainerball“

In der zweiten Variante bleiben die Drittel zur Orientierung für die Spieler bestehen. Die vorherige Regel, alle Drittel bespielen zu müssen, wird jedoch aufgehoben.

Gegenpressing trainieren

Diese von Markus Gisdol benutzte Variante bezeichnete Eduard Schmidt als „Trainerball“. Jedes Mal, wenn der Ball ins Aus geht, bekommt die Mannschaft, die nun im regulären Spiel fortsetzen würde, einen Ball vom Trainer zugespielt.

Dem Trainer ist dabei freigestellt, welchen Spieler der ballbesitzenden Mannschaft er anspielt. Umso mehr Spieler auf dem Platz stehen, umso schwerer ist es auszurechnen, welcher Spieler nun den Ball bekommt.

Daher ist ist ständige Aufmerksamkeit gefordert sowie eine schnelle und passende Reaktion auf neue Situationen.

Resümee – Gegenpressing trainieren

Wir sahen den Verlauf der Trainingseinheit als ordentlich an. Nachdem wir beide ungefähr ein Jahr pausiert hatten, fehlte es in einigen Ansprachen eindeutig noch an Souveränität. Außerdem sollten die (expliziten) Coachingpunkte pro Spielform reduziert werden, damit sich die Aufmerksamkeit der Spieler auf das Wesentliche richten kann: Das Fußballspielen.

Niveautechnisch zeigten sich die Spieler besonders technisch und in der allgemeinen Orientierung mit Ball stark. Das Kombinationsspiel zeigte sich teilweise sehr ansehnlich, wobei einzelne Spieler herausragten.

Verbesserungsbedarf bestand im Hauptthema des Trainings: Die Intensität im Gegenpressing war in jedem Fall ausbaufähig. Es wurde kaum im Kollektiv gepresst. Bei guter Chance auf eine direkten Ballgewinn rückte der ballnächste Gegenspieler aggressiv heraus, die Unterstützung durch seine Mitspieler fiel allerdings eher mager aus.

Zur neuen Saison wird die allgemeine Orientierung im Pressing sowie die Intensität vermutlich noch öfter trainiert werden. In den nächsten Einheiten vor Beginn der Saison gilt es, die Bedeutung des Kollektivs – im Pressing sowie in Ballbesitz – herauszuheben und jedem bewusst zu machen.

Der vorangegangene Text sollte eine beispielhafte zeigen, wie man das Gegenpressing trainieren kann. Die Spielformen sollten den Spielern einen allgemeinen Einblick in die Thematik des Gegenpressings liefern.

Über Fragen, Feedback und neue Ideen würde ich mich sehr freuen!

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