Gute Umschaltsituationen kaschieren schlechtes Aufbauspiel

Am Mittwochabend begann für die erste deutsche Mannschaft das Achtelfinale der UEFA Champions League. Der Tabellenführer der Bundesliga Dortmund war zu Gast beim Tabellendritten der Premier League Tottenham.

Es wurde zu einem Spiel, in dem beide Mannschaften große Probleme im Spielaufbau hatten und nur Umschaltsituationen zu Chancen führten.

Aufstellung

Beide Mannschaften haben große Verletzungsprobleme und mussten auf Schlüsselspieler verzichten. Bei Dortmund fehlten Julian Weigl, Lukasz Piszczek, Paco Alcacer und Kapitän Marco Reus. Die Briten mussten auf Harry Kane, Dele Alli und Ben Davies verzichten.

Der BVB spielte anstatt im gewöhnlichen 4231 im 433. Zagadou und Toprak spielten als Innenverteidiger, neben ihnen agierten Hakimi und Diallo. Witsel spielte auf der zentralen defensiven Mittelfeldposition, in den Halbräumen befanden sich Delaney und Dahoud. Pulisic bekam seine Chance auf dem linken Flügel, Sancho spielte auf der rechten Seite. Als Stürmer wurde Götze aufgestellt.

Die Gastgeber spielten im 5212/ 3412. Sanchez spielte als zentraler Innenverteidiger, Foyth und Alderweireld als Halbverteidiger. Als Außenverteidiger spielten rechts Aurier und links Vertonghen. Vor der Fünferkette befanden sich Sissoko und Winks. Eriksen war der Spielmacher auf der Zehnerposition, der die beiden Stürmer Lucas und Son mit Bällen versorgen sollte.

Pressingopfer Foyth

Die Dortmunder machten aus ihrem 433 ein 451/ 4141 in der Defensive, indem die beiden Flügelspieler nach hinten rückten. Dabei positionierten sie sich oft trichterförmig: In der Zentrale befand sich Witsel, etwas weiter davor die beiden Achter und am offensivsten in der Fünferreihe die Außenspieler.

Anlaufverhalten BVB und schlechte Positionierung von Tottenham: Sanchez spielt den Ball auf Foyth, sofort attackieren Pulisic und Götze den Halbverteidiger. Bei Tottenham steht entweder Sissoko zu hoch oder Winks auf der falschen Seite, um Foyth zu helfen (dazu unten mehr).

Insbesondere Pulisic agierte ziemlich weit vorne und etwas zentraler als Sancho auf der anderen Seite, denn Pulisic lauerte auf einen Pass zu Foyth. Dieser wurde offensichtlich als Schwachstelle im Aufbauspiel ausgemacht und ein Pass auf ihn diente als Pressingauslöser. Bekam Foyth den Ball, attackierte der US-amerikanische Nationalspieler den Halbverteidiger. Zusammen mit Götze doppelten die Dortmunder den jungen Argentinier. Das Problem war aber nicht eine vorhandene Schwäche am Ball von Foyth, sondern der Mangel an Anspielstationen (im Zentrum). Deshalb ging er immer wieder ins Dribbling gegen ein oder zwei Gegenspieler. Nach so einem Pressingmoment entstand auch eine der besten Chancen der Borussia.

Durch die hohe, zentrale Positionierung von Pulisic entstand manchmal ein 442. Das gleiche passierte auch manchmal durch einen der Achter. Vor allem Dahoud rückte immer wieder nach vorne um den tiefstehenden Winks oder Sanchez zu attackieren.

Tottenham mit variablem Pressing und aggressiven Außenverteidigern

Die Londoner blieben in der Defensive meistens in ihrem 5212. In der ersten Viertelstunde und in den meisten Phasen der zweiten Hälfte pressten sie hoch und versuchten bereits die Innenverteidiger zu stören. Sie bildeten dabei viele Mannorientierungen und suchten die 1vs1-Duelle. Die beiden Stürmer liefen die Innenverteidiger an, Eriksen verfolgte Witsel. Dahinter befanden sich die zwei defensiven Mittelfeldspieler in den Räumen, in denen Dahoud und Delaney die meiste Zeit standen.

Beispielhafte Pressingszene: Zagadou bekommt den Ball. Der Querpass auf Toprak ist durch Lucas verdeckt. Aurier rückt vor. Sobald der Pass auf Diallo kommt, attackiert Aurier seinen Gegenmann und gewinnt den Ball.

Sobald einer der Dortmunder Außenverteidiger angespielt werden könnte, rückten die Außenverteidiger der Spurs vor und attackierten den gegnerischen Außenverteidiger. Dabei standen sie so hoch, dass sie auf der Höhe der Stürmer standen. So entstand aus dem 5212 situativ ein asymmetrisches 4213. Der vorrückende Außenverteidiger fehlte dabei nicht in der letzten Linie, da die restlichen vier Verteidiger gut auf die entsprechende Seite verschoben. Aus der ursprünglichen Fünferkette entstand eine gewöhnliche Viererkette.

Wenn die Dortmunder die erste Pressinglinie überspielten oder Tottenham etwas tiefer presste, ließ sich Eriksen ins Mittelfeld zurückfallen und die Londoner verteidigten im 532.

Das Pressing in der ersten Linie, sowie das Verschieben der Abwehrkette funktionierte sehr gut, zwischen diesen Ketten jedoch nicht. Die Mittelfeldkette verschob oft zu spät, zu wenig, nicht gemeinsam auf die Seite oder Winks und Sissoko ließen zwischen sich eine zu große Lücke im Zentrum, sodass immer wieder große, freie Räume vor der Abwehr entstanden.

Das Problem der Dortmunder war, dass sie diese Zone häufig unbesetzt ließen. Hin und wieder besetzte einer der Achter oder Götze diesen Raum. Götze, der Dortmund als Kapitän anführte, war selten auf der konventionellen Stürmerposition zu finden. Stattdessen ließ er sich in die Halbräume oder auf den Flügel fallen. Das Zentrum im letzten Drittel blieb deshalb oft ganz frei und von Dortmund unbesetzt. Dadurch wurde das Fehlen eines Zehners, der in dieser Zone durchgehend stehen würde und damit die Lücken ausnutzen könnte, deutlich. Schade, denn genau dort ließ Tottenham Lücken.

Tottenhams Mannorienterungen und das Fallenlassen von Dahoud. Dieser wird nicht verfolgt und kann angespielt werden.

Der BVB tat sich gegen das aggressive Pressing sehr schwer. Sie fanden durch Tottenhams hohe, aggressiv pressenden Außenverteidiger keine Wege über Außen. Aber auch in der Mitte war Witsel nicht anspielbar. So spielte Dortmund viele Pässe und verlor den Ball zu schnell. Eine der wenigen Lösungen gegen das hohe Pressing war das Zurückfallen eines Achters, wie auf der Grafik oben. Diese wurden dabei meistens nicht verfolgt und konnten angespielt werden.

Tottenham ohne Verbindung nach vorne

Tottenahms Außenverteidiger standen in Ballbesitz sehr hoch und agierten meistens auf der Hohe von Sissoko oder Eriksen. Winks spielte anfangs und am Schluss auf der linken Seite. Zwischendurch wechselte er die Seite mit Sissoko. Winks spielte aber durchgehend tiefer und sollte als Anspielstation für die Abwehr dienen. Doch Winks bildete zu selten Dreiecke, stattdessen blieb er fast schon stur im linken Halbraum. Zusätzlich stand er zu tief, dass ein Zuspiel auf ihn keinen Raumgewinn brachte. Sissoko spielte höher, war dort aber durch Delaney und Witsel fast durchgehend unanspielbar.

Eriksen stand auf einer ähnlichen Höhe, hatte aber bessere Bewegungen ohne Ball. Son und Lucas agierten sehr variabel, meistens befand sich einer der beiden Stürmer im Zwischenlinienraum, der andere auf der Höhe der Dortmunder Verteidiger. Manchmal ließen sie sich auch tiefer fallen, dann schob dafür Eriksen hoch. So wurde aus der ursprünglichen 5212-Formation ein 31411 oder ein 3421.

Wenn sich Tottenham durch das Zentrum nach vorne kombinieren konnte, kam das durch das Zurückfallen von Eriksen zustande. Dieser bewegte sich clever und war im Zentrum vorne und hinten anspielbar.

Eriksen pendelt zwsichen Sturm- und Abwehrreihe: Eriksen dient den zwei Stürmern oder den Mittelfeldspielern als dritter Spieler für eine Dreiecksbildung. Hier erkennt Eriksen, dass
Aldeweireld ohne Anspielstationen ist, lässt sich ins Mittelfeld fallen und bildet im Mittelfeld ein Dreieck.

Zusammengefasst muss man über das Aufbauspiel der Spurs sagen: Foyth stand zu tief und verschob zu wenig, um als sinnvolle Anspielstation zu dienen, Sissoko stand zu hoch, hatte keine Verbindung zu den Verteidigern und wurde von Delaney aus dem Spiel genommen. Wenn Tottenham sich durch den Block nach vorne kombinieren konnte, dann wegen Eriksens Bewegungen.

Umschaltsituationen machen den Unterschied

Beide Mannschaften hatten im Aufbauspiel über das gesamte Spiel kaum Ideen, wie man das gegnerische Pressing ausspielen konnte. So waren auf beiden Seiten die einzig gefährlichen Situation Umschaltsituationen. Diese Situationen konnte Tottenham durch ihr Angriffspressing immer öfter kreieren und durch die Umschaltmomente zwei Tore erzielen.

Tottenham hat durch das aggressive (Gegen-)Pressing immer wieder den Ball weit in Dortmunds Hälfte erobern können. Wenn sie es dann geschafft haben, den Ball zu kontrollieren und zu kontern, wurde es auch konstant gefährlich. Denn die Dortmunder waren auf dem Weg nach vorne, um selbst schnell umzuschalten. Insbesondere Hakimi, der bei eigenem Ballgewinn sofort nach vorne sprintete, fehlte dann hinten, wie beispielsweise beim zweiten Gegentreffer.

Auch beim ersten Gegentreffer spielten das Umschalten, das Gegenpressing und Hakimi eine große Rolle. Hakimi wurde mal wieder früh von Vertonghen angegriffen, spielt den Fehlpass und will sofort den Ball wieder zurückerobern und gegenpressen. Er stellt Vertonghen in seinen Deckungsschatten. Doch in seinem Rücken bietet sich auch Lucas an, der frei steht und den Ball zu Vertonghen prallen lässt. Ein Lehrbeispiel wie man über den dritten Mann einen Spieler im Deckungsschatten anspielen kann.

Fazit

Beide Mannschaften waren während des ganzen Spiels im Spielaufbau sehr enttäuschend. Dortmund war von Tottenhams Angriffspressing so überwältigt, dass sie die Lücken im Mittelfeld gar nicht ausspielen konnten. Außerdem fehlte dafür ein Spieler, der sich durchgehend dort aufhielt. Dortmunder verteidigte wie gewöhnlich tief und kompakt. Den Spurs fehlte die Verbindung nach vorne und konnte sich genauso selten durch das Pressing nach vorne kombinieren.

Dass es trotzdem ein ansehnliches Spiel war, lag daran, dass beide Mannschaften gut umschalteten und dadurch die hohen Balleroberungen nutzen konnten. Leider war das beim BVB nur in der ersten Halbzeit der Fall, als sie zum Beispiel nach einem Zuspiel auf Foyth das Pressing auslösten. Tottenham schaffte dies nicht nur am Anfang der Partie, sondern konnte in der zweiten Halbzeit die Intensität sogar noch erhöhen und belohnte sich bei zwei Umschaltsituationen mit einem Tor.

 

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