Mannschaftsportrait: FC Liverpool

Der aktuelle Gegner des FC Bayern in der UEFA Champions League wird derzeit viel gelobt und das nicht zu Unrecht, denn Jürgen Klopps FC Liverpool spielt bislang eine außerordentlich starke Saison und hat in der heimischen Premier League gute Chancen im Titelrennen. Dennoch wird in der öffentlichen Wahrnehmung viel auf das Offensivtrio und dessen Tagesform reduziert. Dass dies, angesichts der Vielseitigkeit und Flexibilität der jungen Truppe von der Merseyside, der Mannschaft als taktisch fein ausgetüfteltem Komplex manchmal nicht ganz gerecht wird, soll diese kurze Analyse darlegen.

aufstellung

Die Reds im Ballbesitz

Im Vergleich zum Vorjahr, in dem Liverpool das CL-Finale erreichen konnte, geht die Mannschaft leicht angepasst in die Spiele. Der möglicherweise prominenteste Akteur Mohamed Salah ist viel zentraler in einer Art Stürmerrolle unterwegs, bleibt jedoch sehr beweglich und weicht sehr häufig in den rechten Halbraum oder auf den Flügel aus. Die Krux dahinter ist, dass der Ägypter so zentral Gegner binden kann und das Doppelpass- und Ablagenspiel mit Firmino, das gerade im Vorjahr bei den Reds ein stark gefragtes offensives Mittel war, zu fokussieren.
Letzterer hängt bei tieferem Ballbesitz in einer Zehnerposition, um Innenverteidiger herauszuziehen und bei höherer Ballzirkulation findet er sich mit Salah und Mané variabel entweder im Zentrum oder Halbraum wieder, um zentral die gegnerische Abwehrkette zu binden und auf den Außen Räume zu öffnen.

An dieser Stelle kommt der Schotte Andrew Robertson ins Spiel: sein Einfluss im Offensivspiel von Liverpool wird wohl am stärksten unterschätzt. Der Linksverteidiger geht physisch enorm explosiv bis in die letzte Linie vor und sucht per Flanken oder Cutbacks das Zentrum.
Auch mit dem Ball sorgt er mit kontrollierten Halbraumdribblings für Gefahr und zieht Gegner auf sich. Seine Grundpositionierung ist extrem hoch, meist wird er von Fabinho oder van Dijk, die dementsprechend ihre Position anpassen, abgesichert. Relativ häufig sucht Salah Robertson mit Verlagerungen, um mit Robertsons Explosivität das Verschiebeverhalten des Gegners auszunutzen.
Obwohl Liverpool kein Positionsspiel in klassischem Sinne betreibt, sind sie schwer zu isolieren. Die Spieler trennen sich meist sehr schnell vom Ball, lediglich Robertson und Salah versuchen überdurchschnittlich oft Dribblings.

robertsonvorstoß

Auch im Zentrum ist Liverpool bei Ballbesitz sehr gut bestückt. Georginio Wijnaldum besitzt einen riesigen Aktionsradius und kann, über seine physische Stabilität, die ihm beim Ballabschirmen enorm weiterhilft, hinausgehend, mit einer stabilen Pressingresistenz glänzen und Liverpool längere Ballbesitzzeiten ermöglichen.

Auch positiv hervorzuheben ist Alisson, der als Prototyp des Mitspielenden Torwarts im abgelaufenen Sommer den Weg an die Merseyside gemacht hat und seitdem für die Reds unabdinglich ist. Er hat eine neue Facette im Spiel eröffnet, da die Innenverteidiger nun sorgenfrei höher stehen können, da der brasilianische Keeper häufig Bälle abläuft.
Gerade Offensiv sichert er mit seiner Pressingresistenz im ersten Spielfelddrittel bei hohem gegnerischen Pressing den Ballbesitz und verfügt bei der Ballverteilung über eine variable und hohe Reichweite. Auffällig ist, dass er sich bei langen Pässen auf die Flügel fokussiert und so zum Beispiel im offensiven Umschaltmoment Salah sucht. Dabei geht er sehr ambitioniert vor und spielt die Bälle nicht typisch auf den Mann sondern flach und scharf in den Lauf. Arsenal ist einem solchen Konter, wie hier beschrieben, zum Opfer gefallen.

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Ansonsten werden gelegentlich Angriffe mit langen Bällen hinter die gegnerische Abwehrlinie eröffnet. Gerade gegen höher stehende Gegner ist das ein sehr effektives Mittel zumal er in die Rückwärtsbewegung gebracht wird und meistens ein Loch im Mittelfeld entsteht. Liverpool füllt den Rückraum dann geschickt zwecks Gegenpressing auf und bekommt in fast allen Fällen den zweiten Ball. Im offensiven Umschaltmoment bei Kontern wird vorzugsweise die freie Spielfeldseite des Gegners anvisiert, um auch hier ein Verschiebeverhalten des Gegners zu provozieren, das man mit gegenläufigen Dribblings ausnutzen kann.

Liverpool ohne Ball – typisch Klopp

Das Herzstück von Klopps System ist, selbstverständlich, das Gegenpressing. Die ballnahe Organisation war bereits in Dortmund das entscheidende Detail für das Spiel.
Liverpool scheint diesen Mechanismus vollkommen verinnerlicht zu haben und die Spieler legen hierbei eine bemerkenswerte taktische Disziplin und Intensität an den Tag. Es existieren beispielsweise viele rückwärtsgerichtete Bewegungen, bei denen der Rücken des Spielers attackiert wird. Oft ist das bei Mané zu beobachten, wenn er sich im Umschaltmoment vor dem Ball befindet.
Für den Gegner ist das wegen der Blickfeldbeschränkung in der Kürze der Zeit sehr schwer einzuschätzen und die Pressingresistenz wird auf eine harte Probe gestellt.

Bei gegnerischem Ballbesitz ist Liverpool horizontal sehr eng gestaffelt und versucht den Gegner engmaschig in Bedrängnis zu setzen. Ein Paradebeispiel hierfür ist Firmino, der den Gegner sehr klug und variabel anläuft. Dabei verwendet er Bogenläufe, um den gegnerischen Sechser immer im Deckungsschatten zu behalten und Anspiele in die Mitte tunlichst zu unterbinden.

firminobogenlauf

Liverpools Pressingmoment ist dabei nicht in erster Linie von der Intensität oder Geschwindigkeit abhängig, sondern fokussiert einfach das Abkappen von für den Gegner naheliegenden Optionen. Die Rückpässe, die in der Folge gespielt werden, sind, je nach Situation, dann Trigger für intensiveres, athletischeres Anlaufen.
Auch in der Restverteidigung ist die horizontale Kompaktkeit klar erkennbar, die Außenverteidiger rücken dabei weit ein und besetzen bei gegnerischem Ballbesitz auf dem Flügel das Zentrum, um Überzahl herzustellen.
Extras und Schwächen

Ansonsten sei noch eine interessante Eckenvariante erwähnt, die Liverpool gelegentlich nutzt: dabei besetzen einige (ungefähr drei oder vier) Spieler den Fünferraum nahe des kurzen Pfostens, um ihre Gegenspieler zu binden und ein Spieler steht im Rückraum auf Strafraumhöhe, um eventuelle Abpraller zu erreichen. Einer der Spieler im Fünferraum (der Gegner weiß vorher nie wer) läuft neben den kurzen Pfosten und verlängert die Hereingabe in den freien Raum, den die anderen Spieler bereits bestzt haben. Vereinzelt hat Klopp diese Variante bereits beim BVB aufs Parkett gebracht.

Was Schwächen angeht, so bleibt die systematische Anfälligkeit bei langen Diagonalbällen bestehen. Schon bei Dortmund haben die Gegner das als Achillesferse von Klopps System ausgemacht.
Sollte das Gegenpressing der Liverpooler zudem mal nicht greifen oder überspielt werden, so stehen die Innenverteidiger oft in der letzten Linie alleine da und haben viel Raum im Rücken.
Das sind zudem Dinge, die der FC Bayern mit schnellen, ballsicheren Spielern wie Coman oder Gnabry ausnutzen könnte.

Fazit

Fest steht, dass Liverpool taktisch wie strategisch sehr konsistent agiert. Gruppentaktisch gibt es wohl wenige vergleichbar gute Mannschaften, auch auf europäischem Niveau. Die individuellen Ergänzungen der letzten 12 bis 24 Monate sind perfekt ins System integriert und haben letzte verbliebene, eklatante Schwächen behoben (sh. Van Dijk, Alisson) und auch in der Breite haben die Reds mit Spielern wie Shaqiri, Keïta, Matip, Gomez oder Sturridge interessante Spielertypen, die jederzeit für Gefahr sorgen können. Alles in allem ist der FC Liverpool für den FC Bayern der erwartet schwere Gegner und aktuell eine der komplettesten Mannschaften auf der Welt.

 

von Shahin Bazani

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