Wundertüte Olympique Lyon – Was kommt auf den FC Barcelona zu?

Durch den Höhenflug Von Paris Saint-Germain und den damit verbundenen medialen Hype, begünstig durch die aggressive Transferpolitik, fliegt eine hochinteressante Ligue 1-Mannschaft international etwas unter dem Radar: Olympique Lyon.

Einerseits durch den exzellenten Ruf als Ausbildungsverein bzw. Sprungbrett für Top-Talente – was unter anderem die Transfers  von Alexandre Lacazette, Corentin Tolisso oder Samuel Umtiti in jüngerer Vergangenheit belegen. Mit Nabil Fekir, Tanguy Ndombélé, Houssen Aouar und Co kann man aber auch im aktuellen Kader Spieler auf die Füße schauen, für die OL nicht die letzte Karrierestation sein wird.

Andererseits aber auch durch Trainer Bruno Génésio der sich selbst bzw. seine Mannschaft immer wieder neu erfindet und auch diese Saison wieder in die K.O.-Phase der Champions League geführt hat – wo nun mit dem FC Barcelona eine hohe Hürde wartet.

Die Grundformationen

Wechselte Bruno Génésio erst letzte Saison von einer 4-2-3-1 Ausrichtung zu einer 4-Raute-2 Grundordnung um alle sein besten Spieler auf das Feld zu bringen, wechselte er zu Beginn der Saison 18/19 häufig zwischen den Systemen. Ab dem 14. Spieltag schien er (vorläufig) seine neue Grundausrichtung basierend auf einer Dreier-/Fünferkette gefunden zu haben.

Lyon 1.png
Abbildung 1 „Aufstellung im 5-2-3“

Gegen den Ball im 5-2-3

Im vorderen Drittel versucht die erste Pressinglinie – meist bestehend aus Traore, Depay und Fekir – den Gegner früh zu stören und nach gewissen Pressingauslösern durch Dreiecksbildung unter Druck zu setzen. Dann läuft ein Stürmer (Traore oder Deapy) den Innenverteidiger an und nimmt mit seinem Deckungsschatten den ballnahen Außenverteidiger aus dem Spiel, während der zweite Stürmer relativ breit auf derselben Linie steht und die Spielverlagerung über den anderen Innenverteidiger  verhindert. Auch kann dieser bei einem Rückpass auf den Tormann die kurze Strecke schnell zurücklegen und diesen attackieren.

Den relativ großen, breiten Raum zwischen den beiden Stürmer sichert Fekir zurückversetzt clever ab. Versucht der Gegner trotzdem sich über die Mitte zu befreien kann Fekir mit einem kurzen Antritt schnell eingreifen, Druck ausüben und bei gelungenen Pressing in einer sehr guten Position zum Ballgewinn kommen. Oft wird dieses Schema der  ersten Verteidigungslinie von Erfolg gekrönt – wozu natürlich auch die teils überschaubare Qualität der Ligue 1-Gegner bei eigenem Ballbesitz beiträgt.

Lyon 2
Abbildung 2 „Offensivpressing“: Depay läuft den Innenverteidiger an und nimmt mit seinem Deckungsschatten den ballnahen Außenverteidiger aus dem Spiel. Traore verhindert die Spielverlagerung und Fekir spekuliert auf den Pass auf den 6er, den er aggressiv attackieren würde.

Wird diese erste Verteidigungslinie dennoch überspielt sehen sich die Gegner mit einer doch eher statischen 5er-Kette Lyons konfrontiert, die den Gegner kommen lässt und erst relativ spät herausrückt – vor allem auf den Außenverteidiger-Positionen. Daher haben die beiden Sechser Lyons einen großen Raum (ganze horizontale Linie vor der 5er-Kette) abzudecken und müssen situativ sogar bis zur Außenlinie durchrücken, wo erst relativ spät der Außenverteidiger zur Unterstützung herausrückt. Dadurch ist OL anfällig für schnelle Verlagerungen da hier immer wieder ein Spieler im anfangs ballentfernten Halbraum oder der Außenbahn freigespielt werden könnte und so die Lyon’s Doppel-Sechs rasch überspielt wird.

Lyon 3
Abbildung 3 „Probleme bei Spielverlagerung im Mitteldrittel“: Durch eine schnelle Spielverlagerung kann die Doppel-Sechs ausgehebelt werden und der Außenspieler findet Raum vor um mit Tempo Lyon’s Abwehrkette anzudribbeln.

In der französischen Meisterschaft reichte es aber auch in diesen Fällen oft, dass OL’s 5er-Kette schon gut abgestimmt ist und sich gegenseitig gut absichert. Trotzdem ergibt sich so für den Gegner die Möglichkeit mit Ball und Tempo auf die 5er-Kette zuzulaufen. Ob das auch gegen qualitativ bessere Mannschaften wie Barcelona ausreicht um Spieler die aus dem Halbfeld oder von der Außenbahn invers mit dem Ball Tempo aufnehmen zu stoppen darf aber hinterfragt werden.

Nabil Fekir – OL’s Joker im Ballbesitz

Bei eigenem Ballbesitz baut Lyon geduldig über die 3er Reihe auf, während die Außenverteidiger hochschieben und gemeinsam mit den beiden Sechsern genügend Anspielstationen hinter der ersten Verteidigungslinie des Gegners bilden. Die beiden hochschiebenden Außenverteidiger sind außerdem dafür zuständig die Außenbahn zu besetzen und so dem Spiel die notwendige Breite zu geben. Dort finden sie auch immer wieder größere Räume vor (vor allem gegen AS Monaco entwickelte sich durch die großen Freiräume für Tete eine leichte Rechtslastigkeit im Spiel nach vorne).

Während diese Abläufe über weite Strecken klar, wiederkehrend und relativ starr waren, sorgte das Offensiv-Dreieck – vor allem durch die Rolle von Freigeist Fekir – für die notwendige Flexibilität im Angriffsspiel. Agiert Fekir zentral, besetzt er den Zehnerraum hinter Depay und Traore die relativ weit auseinander standen und nimmt so die Rolle der falschen 9 ein und stellt so die Innenverteidiger immer wieder vor Probleme wie weit sie herausrücken bzw. ab wann auf die oder den Sechser übergeben werden sollen. Durch den großen Abstand der beiden Stürmer ist es aber auch notwendig, dass Fekir in den Offensivaktionen über Außen immer wieder das Zentrum besetzte. Dies tut er allerdings meist verzögernd und ist so immer wieder im Rückraum in guter Schussposition anspielbar – so erzielte er auch das 2:0 gegen Monaco als Tete einen guten Steilpass von Denayer mit dem ersten Kontakt zur Mitte brachte und Fekir im Rücken der Verteidiger direkt abschloss. Auch im Aufbauspiel hilft Fekir immer wieder mit in dem er sich auch zwischen oder neben die beiden 6er fallen lässt um situativ Überzahlsituationen herzustellen.

Stellt sich ein Gegner auf Fekir’s Laufwege im Zentrum ein oder findet er in diesen Raum einen klar ihm zugeteilten Gegenspieler vor, hat er die Freiheiten auf eine der beiden Flügelpositionen auszuweichen. Immer wieder tauscht er dann (vor allem mit Depay) die Plätze. Geschieht dies wechselt Depay in das Sturmzentrum, wo er zentral für die notwendige Tiefe sorgte, während Fekir über links leicht zurückgezogen agierte und das Spiel im linken Halbraum an sich zieht. Seltener aber doch sieht man das gleiche Verhalten auch mit Traore über rechts.

Allerdings beruht fast das ganze Angriffsspiel auf diesen drei offensiven Akteuren, da die beiden Sechser sehr auf Absicherung bedacht sind und sich nur wenig nach vorne miteinschalten. Einzig die beiden Außenverteidiger sorgen ab und zu mit Läufen in die Tiefe für eine gewisse Variabilität, wobei natürlich die Wege auch weit sind und das sich kaum über 90 Minuten aufrechterhalten lässt.

Ausblick – Experiment oder (Dauer-)Lösung

Zwischen dem 14. und dem 20. Spieltag entschied sich Trainer Bruno Génésio für diese neue Variante mit der 3er-/5er-Kette – mit unterschiedlichem Erfolg. Zwar wurde nur eines der sieben Ligaspiele in diesem Zeitraum verloren, 2 Siege sind allerdings für den Anspruch von Olympique Lyon klar zu wenig. Wohl auch deshalb wurde in den letzten Partien wieder auf den Vor-Vorgänger, das 4-2-3-1 als Grundformation, zurückgegriffen. Meist mit dem bulligen und immer besser in Form kommenden Moussa Dembele als Mittelstürmer vor der offensiven Dreierreihe, oder auch mit den variablen Depay, Fekir, Cornet und Traore auf den vier Offensivpositionen.

Ob das viele wechseln der Systeme Fluch oder Segen ist? Auch wenn viele Abläufe gleich bleiben ist es für den Gegner im Moment sehr schwer sich auf Lyon einzustellen. Allerdings scheint Génésio seine beste Formation für den aktuellen Kader noch nicht hundertprozentig gefunden zu haben und sowohl die Auftritte als auch die Ergebnisse sind sehr schwankend. Er scheint aber seiner Philosophie treu zu bleiben und die Grundformation nach seinen besten verfügbaren Spielern auszurichten und nicht die passenden Spieler für ein bestimmtes System auszuwählen. Man darf also gespannt welches Gesicht am 19.02. gegen Barcelona zeigt und welche Taktik und Formation OL für das Duell gegen Messi & Co wählt – in das sie trotz vieler interessanter Spieler, taktischer Flexibilität und dem Erfolg gegen PSG als klarer Außenseiter gehen.

Autor: Thomas Plasser

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.