Spielaufbau gegen ein Angriffspressing im Jugendfußball

„Everything is much easier when the first progression of the ball is clean.”

sagte einst Juan Manuel Lillo und ich gebe ihm Recht.

Auf Sportplätzen sehe ich jedoch häufig Teams, die den Ball lang wegschlagen, sobald das andere Team etwas höher presst.
Dies wird zusätzlich durch die Rufe der Trainer befeuert.
Aus diesem Grund habe ich bewusst die Überschrift um den Passus „im Jugendfußball“ ergänzt.
Denn ich bin kein Fan vom langen Wegschlagen der Bälle.
Mein Credo besteht darin, selbst mit der 1:0 Führung in der 80. Spielminute, sauber hinten herauszuspielen (U19 Spiel = 90 Minuten).

Viele werden entgegen, dass ein Spielaufbau von hinten viel zu viel Risiko beinhaltet.
Bei einem Ballverlust, steht die eigene Mannschaft zu weit auseinander und der Gegner hat einen sehr kurzen Weg zum Tor, nachdem er den Ball erobert hat.
Die Gefahr eins Gegentors ist groß.  Das ist zwar richtig, aber wenn ich den Ball einfach planlos nach vorne schlage,
dann bekommt nicht nur der Gegner den Ball, sondern er bekommt ihn auch in einer Dynamik, die ich verteidigen muss.

Was passiert beim langen Ball nach vorne?

Der Torhüter/Verteidiger schlägt den Ball hoch und weit nach vorne und verschafft eine trügerische Sicherheit.
Denn der Ball ist sehr einfach zu verteidigen.
Gehen Sie dazu mal auf einen Sportplatz und schauen sich das ein oder andere Spiel an.
Der lange Ball wird geschlagen, die Mannschaft rückt langsam heraus (Stichwort trügerische Sicherheit).
Währenddessen können die gegnerischen Abwehrspieler in den Ball gehen und köpfen diesen nach vorne.
Durch das „Heraustraben“ der Abwehrspieler sind die Abstände zum Mittelfeld groß.
Ebenso die Abstände zwischen dem Mittelfeld und dem Sturm. Das liegt am natürlichen Impuls der Stürmer.
Zeitgleich mit dem langen Ball, rennen diese nämlich in die Tiefe.

Bei großen Abständen ist es oft problematisch den zweiten Ball sauber zu verteidigen.
So bekommt der Gegner den Ball und kann aus der Dynamik seinen Angriff starten.
Wir schaffen durch die eigene Unordnung, eine super Ordnung für den Gegner.

Mein Lieblingszitat von Pep Guardiola ist

„Wir müssen die Organisationsstruktur des Gegners durcheinanderbringen. Immer. Das ist unser Ziel.“

So schaffen wir genau das Gegenteil, wir bringen uns durcheinander.
Lillo sagte im zweiten Marti Perarnau Buch ( The Evolution) sinngemäß:

„Je schneller ich den Ball nach vorne spiele, desto schneller kommt er zurück.“

Spiele ich aber von Anfang an mit dem Credo: Wir bauen flach hinten heraus auf,
dann habe ich im Notfall, wenn ich doch mal den Ball nach vorne schlage eine passende Struktur.
Ich stehe besser abgesichert und habe mehr Erfolgsaussicht auf den zweiten Ball.

Wie man diesen Spielaufbau trainieren kann, möchte ich anhand einer Spielform aufzeigen.
Ich habe bewusst eine sehr freie Form gewählt, die

  1. a) sehr spielnah ist
  2. b) für jede 11er Mannschaft angewendet werden kann, unabhängig Leistungsklasse. *
  3. c) an kein System gebunden ist, da es ausschließlich um Räume geht, welche passend besetzt werden müssen.

*bei weniger Spieler, muss die Aufteilung entsprechend angepasst werden.
Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass der Gegner in der letzten Linie mit +1 Überzahl agiert
Im folgenden Beispiel binden unsere 3 Offensivspieler die 4er Kette vom Gegner und nehmen in diese Spielform nicht teil.

Zur Vereinfachung schreibe ich jedoch ausfolgenden Positionen:

Das Offensivteam = Coachingteam:
TW, IV,AV,ZM (das kann 6er, 8er,10er sein)
Im Defensivteam spiegeln wir dies mit den Positionen LM,RM,ST,10er und 6er.

Organisation

Material: ausreichend Bälle, Leibchen,4 Stangen und 4 flache Markierscheiben oder flache Hütchen
Spieleranzahl: 13+TW
Feldgröße: ½ Platz mit Linien markiert und jeweils an der Mittellinie 2 Stangentore aufbauen.
Im Zentrum ein ca. 20×20 Meter großes Quadrat mit den flachen Markierungen einrichten.
Sollten mehr Spieler wie die 14 vorhanden sein, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten.
Entweder lassen Sie die zusätzlichen Spieler ein Positionsspiel durchführen und wechseln nach einer bestimmten Zeit.
Des Weiteren können Sie das Feld vergrößern und noch um 7 weitere Spieler erhöhen (4er Kette plus 3 bindende Spieler).

Spielaufbau gegen Angriffspressing

Ausgangslage

Das Coachingteam (Offensivteam) bekommt folgende Information:
Das Spiel steht 1:0 für Sie und sie sollen einen flachen Spielaufbau durchführen.
Sollte der Ball verloren gehen, muss natürlich schnellstmöglich Verteidigt werden.
Punkte kann das Team erzielen, wenn es durch die Stangentore dribbelt.
Das Defensivteam bekommt folgende Information:
Sie liegen 1:0 zurück und es sind noch X Minuten (hier gewünschte Spiellänge einsetzen) zu spielen.
Das Spiel muss gewonnen werden und sie sollen im Angriffspressing aus einem 2-3-1 / 1-2-3 agieren.
Nach Ballgewinn soll ein Tor erzielt werden. Jedoch wird nach 15-30 Sekunden abgepfiffen.
Ziel der Einheit ist klar, der Spielaufbau.

Ablauf

Das Spiel wird immer mit Abstoß des TW vom Offensivteam gestartet.
Die 3 ZM des Offensivteam müssen sich im zentralen Quadrat befinden.
Mit ausgeführtem Abstoß geht das Spiel los.

Coachingpunkte

Generelle:
Grundsätzlich sollen die Spieler erstmal ein Gefühl für gute Positionen/Räume finden.
Beispielsweise ist es sinnvoll, dass die IV sich neben den Strafraum anbieten, um so das Spielfeld größer zu machen und ein passendes Sichtfeld zu haben.

Die Rotation der 3 ZM ist enorm wichtig, um immer wieder die Höhe zu variieren und Gegner zu binden oder wegzuziehen.
Hier sollte sich ein Spieler immer zentral an der Strafraumgrenze positionieren und ein Weiterer das Spielfeld tief machen.
Wichtig ist, dass diese Räume jedoch immer wieder verlassen und von einem anderen ZM besetzt werden.

Der TW soll immer die Möglichkeiten eines Passes in die Mitte checken, dieser Ball sollte bevorzugt werden.
Wird der Ball doch nach Außen gespielt, dann muss er sich unbedingt etwas Richtung Passempfänger bewegen und eine offene Körperstellung einnehmen, um auch einen Rückpass unter Gegnerdruck direkt auf die andere Seite oder in die Mitte verlagern zu können.
Hier ist es hilfreich im Training dem TW erstmal Mut zu machen, dass er in die Mitte schauen soll und auch den Ball dahin spielen soll, wenn es möglich ist.

Zu viele Vorgaben sind überfordernd.
Grundsätzlich ist für jeden wichtig zu wissen, dass er 3 Aufgaben innehaben kann.
Entweder wird er vom Gegenspieler gedeckt, dann muss er  diesen wegziehen und binden.
Somit eröffnet er Räume für seine Mitspieler.
Ist er der freie Spieler, dann muss er wissen, dass er den Ball bekommen wird.

Durch Schulterblicke kann die Umgebung und das Bewusstsein für die Situation wahrgenommen werden.
Der Spieler muss sich fragen:

  • Wer könnte mich pressen, wenn ich den Ball erhalten?
  • Wer wird dadurch frei?
  • Kann ich selber in einen freien Raum gehen?  usw.).

Bei der dritten Möglichkeit handelt es sich um den Aufenthalt im Deckungsschatten.
Befindet sich der Spieler darin, dann muss er sich aus diesem entfernen und eine Anspielstation  erzeugen.
Diese Aufgabe ist gerade für die ZM essentiell, besonders für den ballnächsten ZM.

Ein Prinzip, welches bereits in unseren anderen Spielformen (4g4+3 oder Robin’s Artikel beim Gegenpressing) beinhaltet ist, ist der vertikale Lauf, nach einem vertikalen Ball, um eine neue Anspielstation darzustellen. Gerade die IV können dadurch das Pressing lösen.

Weiterhin müssen alle Spieler immer auf Ihre Passschärfe und Kontaktanzahl achten.

Variationen

Da die Form sehr frei ist und es hier viel mehr auf das Coaching ankommt, können  viele Varianten eingebaut werden.
Grundsätzlich ist aber wichtig, dass man den Spielern Vertrauen gibt, damit Sie auch den mutigen Spielaufbau praktizieren. Wir sprechen hier von Jugendspielern.
Eine mögliche Änderung ist der Spielbeginn.
So kann man nicht den Abstoß trainieren, sondern den Aufbau aus dem Spiel heraus.
So muss der TW den ersten Ball auf einen IV spielen und dann beginnt das Spiel.
Möglich ist auch eine Passstafette vorher zu absolvieren.
Beispielsweise: TW spielt auf einen entgegenkommenden ZM, der auf einen IV spielt, der wieder auf den TW spielt.
Mit Pass vom IV auf den TW geht es los.
Weiterhin fand ich die Idee von Kovac im Trainingslager der Bayern ziemlich interessant.
Er ließ ebenfalls den Spielaufbau trainieren, hatte jedoch einen Co-Trainer an der Mittellinie mit Bällen positioniert.
Dieser spielte einen Ball auf einen Spieler des Defensivteams, sobald das Offensivteam über die Linien dribbelte (In unserem Fall die Stangentore).

Fazit

Im Jugendfußball ist die Ausbildung das absolute Ziel. Im Spielaufbau kann man einen großen Schritt machen, um diese Aussage mit Leben zu füllen.

1 Kommentare

  1. Buttersack

    Ich finde die Spielform sehr gut und experimentiere auch gerne mit solchen Varianten. Insbesondere das Szenario des Spielstandes gefällt mir, dass weckt insbesondere im Jugendbereich noch mal so einen besonderen Ehrgeiz.

    Eine Ergänzung würde ich vorschlagen. Analog zu dem festen Viereck für das Mittelfeldtrio würde ich die Angreifer auch aus einer tieferen Zone starten lassen, da sie sonst direkt die IV zustellen bzw. man müsste den ersten Pass des TW zulassen.

    Während ich das schreibe, wird mit bewusst, dass sich das zur neuen Saison sowieso ändert (neue Abstoßregel!).

    VG

    Buttersack

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