Das Teaching Games for Understanding-Modell

Im Rahmen meines Studiums kam ich mit einem Konzept in Kontakt, was beim ersten Hören direkt mein Interesse weckte: Das Teaching Games for Understanding Modell, 1982 von David Bunker und Rod Thorpe veröffentlicht. Bunker und Thorpe entwarfen das Modell als Alternative zum traditionellen, technikorientierten Ansatz für das Lernen von Sportspielen.

Bei allem, was ich mir an Wissen aneigne, frage ich mich: Wie kann ich das auf Fußball und meine Trainertätigkeit übertragen? Bei diesem Modell kamen mir einige Ideen in den Sinn, wie ich die Prinzipien anwenden kann. Aus meiner Sicht kann das Konzept für Trainer/Lehrer von Fortgeschrittenen genauso interessant sein wie für Trainer/Lehrer von Novizen.

Der Text soll nun einen allgemeinen Einblick in das TGfU-Modell geben und ein paar praktische Ideen von mir vorstellen. Die natürlich vorhandenen Defizite des Konzepts werden daher in diesem Text nicht behandelt.

Idee des Modells

TGfU ist ein spielerisch-orientiertes Konzept zur Vermittlung von Sportspielen. Die Besonderheit des Modells ist, dass die Spielenden selbst die Spielreihe zum Erlernen einer Sportart mitgestalten können.

Am Anfang wird das „Zielspiel“ – der Einfachheit halber nehmen wir mal Fußball – in einer Rohform gespielt. Bedeutet: Die Spieler werden ohne Vorkenntnisse in das große Spiel geworfen und sollen so bewusst überfordert werden. Im Spiel werden taktische Probleme auftreten. Durch Nachfragen des „Lehrers“ soll ein taktisches Bewusstsein bei den Spielern geschaffen werden.

Mögliche Fragen sind: Was läuft falsch? Wo tritt das Problem auf? Wann tritt das Problem auf? Warum tritt das Problem auf? Wen betrifft das Problem? Wie kann ich das Problem beheben?

Die Spieler sollen nun modifizierte Spielformen entwerfen, in denen die taktischen Probleme verdeutlicht werden. So soll es den Spielenden gelingen, Lösungen für das Problem zu finden.

„Tell Students what they are going to learn and why it is important. Teach them what you told them they would learn, and assess them on what you taught them and what they´ve been practicing…“ ( Seite 126 aus dem Buch Teaching Games for Understanding, Zitat von Judith L.Oslin)

Stellen wir uns dazu nun vor: Eine Gruppe von Kindern mit wenig bis keiner Ballsport- und Mannschaftsspielerfahrung wird mit dem „großen“ Fußballspiel konfrontiert. Jedem Lehrer bzw. Trainer werden bei dieser Vorstellung eine Vielzahl von auftretenden Problemen in den Sinn zu kommen: Das Feld ist zu groß, die Tore sind zu groß, der Ball ist zu hart usw.

Die Zeit, die in Anspruch genommen werden müsste, um für jedes dieser Probleme nach und nach eine modifizierte Spielform zu entwerfen, wäre – mir persönlich – zu viel Zeit. Daher schlage ich vor, mit einer weitestgehend alters- und spielgerechten Modifikation des Fußballs zu beginnen. Also: Kleines Feld, kleine Tore (2-3 pro Team), „Originalball“ der Altersklasse.

Aus Erfahrung kann ich sagen: Es werden trotzdem genügend Probleme auftreten. Haben die Spieler beispielsweise Probleme mit dem Passspiel, weil sie

  • Anspielstationen übersehen
  • Die Freilaufbewegungen unpassend oder inexistent sind
  • Der Pass technisch zu anspruchsvoll ist

TGfU

kann ein simples 2 gegen 1 Abhilfe schaffen. Der ballführende Spieler hat immer nur eine Anspielstation, die er im Blick behalten muss. Außerdem verbringen alle Spieler so mehr Zeit mit dem Ball am Fuß.

Tritt nun weiterhin das Problem auf, dass das Passspiel technisch zu anspruchsvoll ist, berät man sich wieder mit den Spielern, um die Spielform weiter zu modifizieren. Eine Fixierung auf einzelne Leistungsfaktoren (Passpräzision, Ballkontrolle) soll nämlich verhindert werden. Stattdessen geht der Lehrer lieber einen „Schritt zurück“ und verringert die technischen Anforderungen an die Spieler. Das „richtige“ taktische Verhalten soll in den Vordergrund gerückt werden.

Eine mögliche Lösung für das Problem wäre die Erweiterung des ballbesitzenden Teams zu einem 3 gegen 1. Dort kann die Dreiecksbildung nochmal besonders herausgestellt werden.

Die Spieler haben, wenn sie sich passend bewegen, eine Anspielstation mehr und können sich zwischen zwei Mitspielern entscheiden. Nachdem die Probleme explizit benannt wurden, wird die Dreiecksbildung und die Wichtigkeit davon implizit vermittelt.

Diese Spielform lässt sich nun immer komplexer gestalten, während das Niveau der Spieler ansteigt. Die Spieler bekommen ein Gefühl dafür, welche Spielformen sie taktisch und technisch erfolgsstabil bewältigen können und welche nicht.

Ergänzende pädagogische Prinzipien

Game sampling: Spielvielfalt; Gemeinsamkeiten explorieren

Representation: Kleine Spiele mit taktischen Strukturen der großen Spiele

Exaggeration: Übertreiben taktischer Probleme (z.B. Spielfeldbreite stark übertreiben)

Tactical Complexity: Komplexität der taktischen Entscheidungen an das Level der Lernenden anpassen

Am Beispiel der Exaggeration zeigt sich der Unterschied zwischen Novizen und Experten. Dazu gibt es ein schönes Zitat von Roger Schmidt: „Unser Training besteht aus Spielformen, die unser Spiel in oft übertriebener Form abbilden. Zeit- und Raumdruck in extremer Form, sodass sich das eigentliche große Spiel fast leicht anfühlt.“ (Seite 130 aus dem Buch „Fußball durch Fußball“ von Rene Maric und Marco Henseling

Ist dieser Vorschlag für das TGfU-Modell geeignet? Nein, weil die taktische Komplexität und technischen Anforderungen im Vergleich zum „richtigen“ Spiel noch größer sind. Das TGfU-Modell hingegen möchte mit aufeinander aufbauenden Spielformen zum großen Spiel hinführen, indem die taktische Komplexität und die technischen Anforderungen vorher reduziert werden.

Techniktraining im „klassischen“ Stil (Trainieren einer Technik, bis diese ohne Fehler ausgeführt wird) soll vermieden werden. Das Problem des „Einschleifens“ ist der Transfer in reele Spielsituationen: Der Spieler kann die Technik benutzen, doch ihm wird nicht vermittelt, wann und warum er sie verwenden soll. Die Entscheidungsfindung des Spielers bleibt somit in der Entwicklung zurück.

Dazu ein simples Beispiel: Der Spieler kann einen präzisen Flugball über 40 Meter Entfernung spielen. Doch kann er diesen Pass immer noch spielen, wenn er unter Druck steht? Und bedient er sich dem Flugball in sinnvollen Situationen? Ein technisch guter Pass ist nicht zwangsläufig ein guter Pass, wenn der Ballempfänger bspw. unter großem Druck steht.

Beim TGfU-Konzept sollen Techniken als funktionale Lösungen zum erfolgreichen Bewältigen von Spielsituationen verstanden werden. Das Bewusstmachen der Wichtigkeit einer sauberen technischen Ausführung soll bei den Spielern jedoch nicht zu kurz kommen; stattdessen verstehen die Spieler, dass sie für ihre angestrebten Lösungen technische Fertigkeiten benötigen. Techniktraining wird im Dienste der Taktikumsetzung erfahren.

Wo besteht nun der Vorteil des Teaching Games for Understanding Modells im Vergleich zu anderen Vermittlungskonzepten?

Der Lehrer/Trainer gibt den Spielern Verantwortung. Sie sind selbst dafür zuständig, wie sie sich in die Aufgabe einbringen und wie sie die Probleme des Spiels lösen können. Jedes Gruppenmitglied kann im Dienste des Teams etwas zur Lösung beisteuern.

Die Spieler lernen außerdem anderen zuzuhören, Feedback zu geben und mit Feedback umzugehen, Entscheidungen gemeinsam zu treffen und ihre Mitspieler zu motivieren.

Zusätzlich ist das spielerisch-orientierte Lernen eines Sportspiels für die meisten Spieler motivierender als das Einschleifen einer Technik. Die Skills, die die Gruppenmitglieder in den modifizierten Spielformen erwerben, können ebenfalls besser ins große Spiel transferiert werden als der „reine“ Technik-Skill.

Implizit vs. explizit

Der größte Unterschied zu bspw. der Heidelberger Ballschule ist der vom expliziten zum impliziten Lernen. Die Heidelberger Ballschule vertritt den Ansatz, dass die Spieler ausschließlich im Spiel selbst lernen sollen. Das gilt als implizites Lernen: Dem Spieler sind die Lernziele bzw. der Lernablauf nicht bekannt oder bewusst. Der Spieler soll viele unterschiedliche Situationen erfahren und daraus lernen.

An dem Resultat einer ausgeführten Bewegung erlernt der Spieler implizit, was er erfolgsstabil bewältigen kann und was nicht. Die Entscheidungsfindung orientiert sich demnach auch am eigenen spielerischen Können:

Kann ich noch nicht dribbeln wie Lionel Messi, versuche ich nicht, drei Spieler auszutricksen, sondern spiele lieber ab. Kann ich jedoch sensationelle Schnittstellenpässe zuspielen, kann ich mir Pässe zutrauen, die durchaus riskant erscheinen.

Beim TGfU-Modell wird hingegen das explizite Lernen gefördert: Der Lernprozess ist geplant und der Vorgang des Lernens bei den Spielern wird bewusst gemacht dadurch, dass sie selbst die Probleme erkennen und in Spielformen hervorheben sollen. Die Vorteile des expliziten Lernens sind die schnellere Aneignung einer Fertigkeit und die erleichterte Abstimmung von Gruppen- und Mannschaftstaktik.

TGfU bei Fortgeschrittenen

Als ich zum ersten Mal vom TGfU-Modell hörte, saß ich in einem Sportspiele-Seminar (ich studiere Angewandte Sportwissenschaften) und fragte mich die gesamte Zeit über: Dieses Modell finde ich sehr interessant: Kann ich das auf die A-Jugend übertragen, die ich ab nächstem Sommer trainieren werde?

Wenn die Antwort „Nein“ lauten würde, hätte ich den Text nicht geschrieben, also gut: Ja, einige Ideen dazu hatte ich. Zuerst erinnerte ich mich an eine Aktion, die in der NBA große Wellen geschlagen hatte:

https://www.youtube.com/watch?v=c0yHmp8oiXk

Dieses Beispiel veranschaulicht, wie Prinzipien des Teaching Games for Understanding Konzepts bei Experten angewendet werden kann.

Steve Kerr, Coach der Golden State Warriors, überließ im Spiel gegen die Phoenix Suns die Timeouts seinen Spielern. Die Spieler bestimmten selbst die nächsten Spielzüge und motivierten sich gegenseitig. Kerr bekam für diese Maßnahme viel Kritik: Da die Warriors das beste Team der NBA und die Suns – naja, eins der schlechtesten Teams der NBA sind – wurde die Maßnahme des Coaches als respektlos bezeichnet.

In der hochinteressanten Pressekonferenz nach dem Spiel (im verlinkten Video zu finden) erklärte der Coach seine innovative Entscheidung. Einige Aussagen stachen für mich dabei besonders heraus:

  • „It´s not my team, it´s the players team and they have to take ownership of it.“
  • „As a coach our job is to nudge them, to guide them in the right direction, but we don´t control them.“
  • „They´re tired of my voice, i´m tired of my voice.“

Kerr erklärte seine Entscheidung damit, dass er neue Reize für die Spieler setzen wollte. Sie würden den Fokus und die Motivation verlieren und seien genervt von seiner Stimme. Viele Coaches würden auf den Verlust der Motivation der Spieler anders reagieren: Und zwar mit härterem Training, lauteren und aggressiveren Ansprachen und der Hervorhebung der eigenen Autorität.

Der Coach der Warriors ging genau den umgekehrten Weg und gewann nicht nur das Spiel gegen die Suns, sondern auch die Championship am Ende der Saison.

Um eine solche Maßnahme erfolgreich durchführen zu können, muss jedoch einiges gewährleistet sein: Das Lernumfeld muss sehr positiv und offen für Neues sein, die Spieler müssen Interesse an der Spieltaktik besitzen und großen Respekt voreinander besitzen. Anders gesagt: Die Coaches müssen überragende Vorarbeit leisten, um die eigene Verantwortung so abgeben zu können.

Was kann ich daraus für mein Team ableiten?

Ähnlich wie es bei Steve Kerr der Fall war, kam mir in den Sinn, einige Prinzipien des Modells in Krisensituationen anzuwenden. Tritt im Spiel immer wieder das selbe taktische Problem auf, und ich bin ratlos, wie das Problem behoben werden kann: Frage ich die Spieler!

Was läuft falsch? Wo tritt das Problem auf? Wann tritt das Problem auf? Warum tritt das Problem auf? Wen betrifft das Problem? Wie kann ich das Problem beheben?

In Gemeinschaftsarbeit lassen sich nun Spielformen entwerfen, die dem Problem entgegensteuern – ganz wie im Teaching Games for Understanding Modell.

Meine zweite Idee ist, die Spieler das Training IMMER mitgestalten zu lassen. Nach dem allgemeinen Aufwärmen nutze ich bevorzugt eine oder zwei Rondo-Variationen. Ich versuche, in jeder Einheit neue Reize zu setzen, indem Regeln hinzugefügt oder aufgehoben werden, das Spielfeld oder die Spieleranzahl verändert wird usw.

Warum also nicht die Spieler als Gruppe Varianten zu Hause entwerfen, die diese im Training vorstellen und anschließend trainieren lassen? Die Spieler sollten vorher im Idealfall selbst entscheiden, wie groß und mit wem sie ihre „Trainer-Gruppe“ gestalten wollen.

Wichtig ist, dass die Spieler Lust dazu haben, am Trainingsaufbau teilzuhaben, diesen aktiv mitzugestalten und sich selbst als Coaches auszuprobieren. Habe ich Spieler, die nur eine Ansprache vom Head-Coach brauchen und möchten, dann würde die Maßnahme die Spieler nur verwirren.

Außerdem ist vorstellbar, einzelne Ansprachen vor, während und nach der Partie die Spieler halten zu lassen. Dafür brauche ich jedoch ein Gefühl dafür, welcher Spieler in der Mannschaft ein solches Standing besitzt (im Idealfall jeder), welcher Spieler sich das zutraut und welcher Spieler ein Verständnis für die Wahl einer „guten“ Ansprache besitzt.

Resümee

Ich bin großer Anhänger des impliziten Lernens: Es ist vergessens- und stressresistenter und fördert die Spielintelligenz und Kreativität der Spieler. Möchte ich jedoch das explizite Lernen im Training hervorheben, ist das TGfU-Modell ein interessantes Konzept.

Die Anzahl an Möglichkeiten, Prinzipien des Teaching Games for Understanding-Modells anzuwenden, ist schier unendlich. Mich persönlich begeisterte die Aussicht – obwohl ich die Klausur zu dem Thema gnadenlos in den Sand gesetzt habe – dass die Spieler die taktischen Probleme selbst erkennen, benennen und beheben können. Die Interviews einiger RB Salzburg Spieler zeigen, wie das dann aussehen kann:

https://twitter.com/UEFAcom_de/status/971864985155588097

Als Trainer freue ich mich über jeden Spieler, der ein solches Interesse und Verständnis am Spiel mitbringt. Doch der Trainer selbst ist auch mitverantwortlich für genau dieses Interesse und Verständnis am Spiel. Habe ich viele Spieler mit einer solch tollen Einstellung im Team, kann ich mich als Trainer glücklich schätzen. Der Trainer kann jedoch gleichermaßen stolz sein, weil er das Umfeld geschaffen hat, in dem Athleten diese Einstellung zum Spiel entwickeln.

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