Julian Brandt – Vom Super-Sub zur Super-Acht?

Trotz seiner erst 22 Jahren geht Julian Brandt bereits in seine fünfte Saison mit Bayer Leverkusen – und zunächst eher entäuschend und unspektakulär verlaufen, könnte dieses fünfte Jahr nun für den engültigen Durchbruch des gebürtigen Bremers sorgen.
Einen großen Anteil daran hat Bayers neuer Trainer Peter Bosz. Er formte ihn vom Flügelspieler zum zentralen Achter um und hat dafür gesorgt, dass Brandt nun endlich sein komplettes Talent frei entfalten kann.

Doch (warum) war dieser Schritt überhaupt nötig?
Lief es vorher für Julian Brandt auf dem Flügel so schlecht?

Auf diese Fragen und seine neue Rolle unter Bosz will ich im Folgenden nun eingehen.

Der Senkrechtstarter

Ausgebildet beim SC Borgfeld und dem FC Oberneuland, wechselte Julian Brandt im Winter 2013 vom Nachswuchsleistungszentrum des VFL Wolfsburg zu den Senioren von Bayer Leverkusen. Mit damals erst 17(!) Jahren konnte er bereits in seiner ersten Halbserie auf sich aufmerksam machen und am 04.04.2014 sein erstes Profi-Tor gegen den Hamburger SV erzielen.

Von da an ging es für ihn stetig bergauf: Während er in seinen ersten beiden vollen Saisons noch vorrangig von der Bank kam, bestritt er seit 2016 die meisten Spiele von Anfang an.

Doch genau bei dem Wort “meisten“ liegt so ein wenig die Krux der bisherigen Karriere von Julian Brandt. Trotz seines riesigen Talents gab es bis zuletzt (siehe das Hinspiel gegen den FC Bayern in der aktuellen Saison) immer wieder auch wichtige Spiele, in denen er bei Bayer Leverkusen nur als Einwechselspieler fungierte. Ein Grund war die fehlende Konstanz.

In der Nationalmannschaft blieb ihm bisher ohnehin nur die Reservistenrolle. Bei der letzten Weltmeisterschaft kam er auf nur 19 Spielminuten in 3 Spielen.

Diese Zeit könnte nun endgültig vorbei sein.

Mehr Ballkontakte = mehr Spaß

Auf der horizontalen Ebene hat sich bei seiner neuen Rolle als 8er nicht so viel getan. Auch als Flügelspieler hat er ohne Ball regelmäßig den Halbraum besetzt und mit Ball häufig in die Mitte gezogen.

Die große Veränderung spielt sich auf der vertikalen Ebene ab – hier agiert Brandt nun deutlich tiefer und hat dementsprechend mehr Ballkontakte.

Während es in der Vergangenheit immer mal wieder Spiele gab, wo er eher blass blieb und wenig am Spiel teilnahm, ist er nun eine zentrale Rolle in jedem Angriff der Leverkusener.

Ein Szene aus dem 5:1 Auswärtssieg in Mainz und ein gutes Beispiel für Julian Brandts neue Rolle. Aranguiz spielt einen Schnittstellenpass auf Havertz – Brandt erkennt, dass sein Gegenspieler sich zu Havertz orientiert und setzt sich clever nach hinten ab, um den Ball kurz vor der Mittelinie zu erhalten und von dort aus mit viel Raum nach vorne das Spiel schnell zu eröffnen.

Aus dieser tieferen Position heraus kann er seine Stärken noch besser einsetzen. Sein erster Kontakt ist fantastisch – er schafft es permanent, sich bereits bei der Ballannahme Raum zu verschaffen und sich von seinen Gegenspielern zu lösen.

Dabei helfen ihm seine sehr gute Vororientierung und sein hoher Fußball-IQ. Dadurch findet er immer wieder freie Räume vor sich, in die er mit seinen schnellen Tempodribblings vorstoßen kann.

Hier agiert er in den ersten Spielen unter Bosz allerdings positiv dosierter.
Er geht nicht mehr dauerhaft ins Dribbling, sondern spielt geduldig viele kurze Pässe zum Nebenmann, bis sich dann eine Lücke anbietet um das Tempo zu forcieren. Man merkt jedoch, wie Brandt sichtlich gefallen daran hat, den Ball jetzt öfters am Fuß zu haben und noch intensiver in das Kurzpassspiel involviert zu sein als früher.

Seine neue Rolle spiegelt sich natürlich auch in den nackten Zahlen wieder:
Hier sein letztes Heimspiel unter Bosz (Fortuna Düsseldorf; 80min Spielzeit) im Vergleich mit seinem letzten Heimspiel unter Heiko Herrlich als rechter Außenspieler (Hertha BSC Berlin; 76min Spielzeit):

Ballkontakte: 78 <-> 59
Pässe: 70 <-> 47
Passquote: 94% <-> 87%
“key passes“: 2 <-> 1

Aus diesen Werten kann man bereits einiges über Bosz‘ implementierten Spielstil und Brandts dortige Rolle ablesen.
https://thefalsefullback.de/2019/02/24/bayer-leverkusen-analyse-bosz/

Das Monster aus der Tiefe

Eine weitere Waffe, die sich aus Brandts neuer Rolle heraus entwickelt hat, sind seine tiefen Läufe hinter die Ketten. Die Mischung aus seinem hervorragenden Raumgefühl und seinem riesen Tempo macht es für den Gegner fast unmöglich, diese zu verteidigen.
Hier eine Szene ebenfalls aus dem 5:1 Erfolg in Mainz.

Man beachte die zunächst “ungefährliche“ Position von Brandt. Plötzlich erkennt er den Raum zwischen Mittelfeld und Abwehrreihe der Mainzer und sprintet blitzschnell hinein. Der dann folgende Doppelpass mit Volland ist in diesem Tempo dann fast nicht mehr zu verteidigen und endet letztlich mit dem Tor.

Das unterscheidet ihn stark von seiner bisherigen Spielweise als Flügelspieler.
Dort befand er sich oftmals bereits im letzten Drittel und wurde dort in den Fuß angespielt und hat den Gegenspieler dann zumeist im Tempodribbling angelaufen oder ist mit Ball in die Mitte gezogen, um dort seinerseits auf einen tief startenden Spieler durchzustecken. Das war keineswegs schlecht oder ineffektiv – oftmals aber schlichtweg zu eindimensional und tagesformabhängig.

Im Zentrum ist er nun permanent am Spiel beteiligt und deutlich flexibler.
Die eigenen tiefen Läufe sind kein ERsatz für etwas, sondern ein reiner ZUsatz!
Denn: Brandts große Dribblingstärke ist immer noch omnipräsent. Zwar muss er sie im Zentrum nun dosierter und noch intelligenter einsetzen als auf dem Flügel – aber seine Begabung, sich auf engem Raum durch kleine Körpertäuschungen und Finten zu behaupten und so auch gerne mal 2-3 Gegenspieler aufeinmal zu überspielen, wird auch als 8er gefordert und gefördert. Seine Ballsicherheit und Pressingsresistenz lassen Bosz und Leverkusen erst diesen risikoreichen Fußball praktizieren.

Pressing Hui – Verteidigen Pfui

Generell kann man sagen, dass Brandt das System von Bosz auch gegen den Ball liegt. Durch seine Schnelligkeit und durchaus auch gute körperliche Voraussetzungen (1,84m bei 84kg) passt er gut ins Leverkusener Pressing. Nichtsdestotrotz ist Brandt einfach (noch) kein defensiv-denkender Spieler.
Zu häufig verliert er seinen Gegenspieler im Rücken aus den Augen oder geht den Laufweg einfach nicht mit. So wurde Brandt vor dem 3:1 von Götze in der jüngsten Niederlage gegen den BVB von Witsel mit einem einfachen Doppelpass überspielt, weil er ihn zu frontal und unüberlegt anlief. Aus der daraus resultierenden Überzahl entstand dann letztendlich das Tor.
Das ist für einen jungen Spieler mit solchen offensiven Anlagen allerdings normal und es ist nun vorallem Boszs Aufgabe, diese defensiven Schwächen im Kollektiv aufzufangen und somit bestmöglich zu kaschieren.

Fazit

Dennoch ist Julian Brandt aktuell auf bestem Wege, in den nächsten Jahren einer der prägenden Spieler im deutschen Fußball zu werden.
Der aktuell durch Peter Bosz enstandende Hype um Leverkusen hat auch Julian Brandts Standing gut getan. Er wird nicht mehr nur als talentierter, aber unkonstanter Unterschied-Spieler wahrgenommen, sondern ist DIE Schlüsselfigur in Leverkusens Spiel und eventuell auch bald in der Nationalmannschaft.

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