Das neue, alte DFB-Team. Löws Probleme vor dem Spiel gegen die Niederlande

Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels alle weg. Die Entscheidung von Joachim Löw auf die drei Weltmeister zu verzichten stoß auf viel Kritik. Besonders die Art und Weise stieß den drei Akteuren, dem FC Bayern und auch vielen Fans sauer auf. Nun startete der „die Mannschaft“ die Mission Umbruch offiziell, nachdem in der Nations League davon noch nicht viel zu sehen war.

Beim 1:1 gegen Serbien in Wolfsburg, das von den rassistischen Beleidigungen gegen Leroy Sané und Ilkay Gündogan überschattet wurde, bekleckerte sich das DFB-Team noch nicht mit Ruhm. Die Partie beinhaltete trotzdem ein paar interessante Aspekte. Mit Blick auf das erste Quali-Spiel in Amsterdam gegen die Niederlande, analysieren wir das Positive und Negative der Partie gegen Serbien.

Wenig Neues in Ballbesitz

Nach der verkorksten WM und dem Abstieg in der Nations League versprach Joachim Löw eine Rückkehr zum dynamischeren, vertikaleren Angriffsspiel und weg von der totalen Ballbesitzdominanz. Gegen die abwartenden Serben war davon noch nicht so viel zu erkennen. Dies lag aber auch an der abwartenden Spielweise des Gegners.

Die Struktur im Aufbauspiel ähnelte dabei der Vorgehensweise aus den letzten Jahren. Dies sollte aber positiv hervorgehoben werden. Denn das DFB-Team baute geschickt mit vier Spielern auf und hatte dabei selten mit den anlaufenden Serben zu kämpfen.

Joshua Kimmich, der als Sechser hinter/neben Gündogan im 4-2-3-1 auflief, kippte immer wieder zwischen oder neben die Innenverteidiger ab. Des Öfteren konnte man den Bayernakteur im rechten Halbraum beobachten. Zusammen mit Tah und Süle bildete er dann eine Dreierkette im Spielaufbau. Diese wurde durch Ilkay Gündogan ergänzt, der somit eine saubere Aufbauraute herstellte. So ergaben sich diagonale Passwege und das Team von Joachim Löw konnte den Ball einfach zirkulieren lassen.

Deutschland im Aufbauspiel. Löw setzt auf Aufbauraute
Deutschland mit Raute im Aufbau

Allerdings tat sich die Mannschaft schwer aus der tiefen Ballzirkulation effektiv ins letzte Drittel vorzustoßen. Die Außenverteidiger hielten oft die Breite und schoben weiter nach vorne, hatten aber nach der Ballannahme nur selten eine Anspielstation. Auch die Offensivspieler Sané, Havertz und Brandt, die sich zwischen den Linien bewegten, waren selten anspielbar. Die Passwinkel waren suboptimal und die Abstimmung fehlte noch komplett. So gelang es dem DFB-Team selten die Serben in Bewegung zu bringen und zwischen den Linien oder über die Flügel für Gefahr zu sorgen.

In der zweiten Hälfte wurde dies jedoch durch ein erhöhtes Risiko im Passspiel und die Einwechslungen von Goretzka und Reus besser. Die Mannschaft fand häufiger den Weg hinter die letzte Linie und konnte sich vereinzelt ansehnlich vor das Tor kombinieren.

Löw findet nicht die passende Rolle für Sané

Mit Leroy Sané, Kai Havertz und Julian Brandt bot Joachim Löw die drei talentiertesten Offensivspieler von Beginn an auf. Allerdings kam keiner so richtig in die Partie. Zwar hatte Sané in der zweiten Halbzeit, als die Serben vereinzelt Lücken ließen, ein paar spektakuläre Aktionen. Jedoch überzeugte auch er nicht restlos.

Ein Grund waren die unpassenden Rollen der drei Akteure. Während Havertz zwar aus dem rechten Halbraum heraus agierte, hatte er Probleme in der Positionsfindung. Die Abstimmung mit Gündogan war nicht klar genug, denn der Leverkusener besetzte des Öfteren die falsche Position. Aufgrund der passiveren Rolle von Werner musste sich Havertz ständig zwischen den Linien anbieten, konnte allerdings nicht überall präsent sein.

Die eigentliche Idee von Löw war es wohl, mit Sané und Brandt im Halbraum für mehr Präsenz zu sorgen. Jedoch fühlten sich beide sichtlich unwohl in diesen Rollen. Während Brandt in Leverkusen unter Bosz vermehrt aus dem linken Halbraum seine Dribblings startet, agiert Sané am liebsten aus einer breiten Position am linken Flügel. Bei Manchester City kann er aus diesen Situationen heraus seine Stärken am besten ausspielen.

Löw wirkt hier oftmals so, als wolle er die Spieler in ein vorgefertigtes System pressen, ohne es an die Charakteristiken der Spieler anzupassen. Sané zog es beispielsweise aus dem Zentrum heraus und er bot sich neben dem Außenverteidiger der Serben an. Gegen das serbische 4-4-2 verschwand Sané dann häufiger im Deckungsschatten und konnte in Hälfte eins selten glänzen. Halblinks fehlte dann außerdem die Anspielstation zwischen den Linien.

Julian Brandt hingegen war bemüht, hatte weniger Probleme mit einer Rolle im Halbraum, scheint aber seine Stärken besser ausspielen zu können, wenn er den Ball mit dem Gesicht zum gegnerischen Tor erhält.

Fehlende Offensivstärke

Die unpassende Einbindung der Offensivspieler und die fehlende Anbindung nach vorne führte dazu, dass das deutsche Offensivspiel über weite Strecken ungefährlich war. Gerade in der ersten Hälfte erspielten sich die Mannen von Joachim Löw nur wenig Chancen.

In der zweiten Hälfte wurde es durch die vertikalere Spielweise von Goretzka und der Einwechslung von Reus besser. Jedoch konnte man wieder ähnliche Probleme wie bei der WM 2018 erkennen. Denn die Mannschaft fokussierte sich wieder enorm auf das Zentrum, das entsprechend fast schon überfüllt war.

Die unpassende Struktur im Mittelfeld und fehlende offensive Stärke auf den Flügeln sorgte dafür, dass sich das DFB-Team auch in der zweiten Halbzeit lange schwertat.

Wie könnte Deutschland spielen?

Das Testspiel gegen die Serben warf letztlich mehr Fragen auf, als es beantworten konnte. Gerade die schlechte Einbindung von Brandt, Sané und Havertz erfordert Anpassungen des Systems, gelten die Drei doch als die Zukunft des Nationalteams.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie Löw Toni Kroos und Marco Reus einbaut, die auf der Bank saßen bzw. nur eingewechselt wurden. Beide sollen gegen die Niederlande aber wieder zur Startelf gehören.

mögliche Aufstellung gegen Niederlande
Eine mögliche Aufstellung, wenn Löw die Rolle von Sané nicht anpasst und Kroos seinen Freiraum halblinks erhält

Ziemlich sicher wird Joshua Kimmich nach der Verletzung von Lukas Klostermann wieder hinten rechts auflaufen. Sollte Löw mit aber weiterhin mit dem Bayernakteur im Mittelfeld planen, könnte Thilo Kehrer von Paris St. Germain hinten rechts auflaufen.

Sollte Löw auf eine spielstarke Doppelsechs setzen, bietet sich Ilkay Gündogan neben Toni Kroos an. Der Akteur von Real Madrid kippt sehr gerne nach halblinks ab. Dies hätte zur Folge, dass sich die Raute im Aufbau nur etwas anders zusammensetzen würde. Alternativ könnte beispielsweise auch Leon Goretzka neben Toni Kroos auflaufen.

Interessant wäre es, wenn Julian Brandt als Zehner auflaufen würde. Der Leverkusener könnte dann über den präferierten linken Halbraum attackieren und seine Dribblings auch aus einer tieferen Position starten. Zusammen mit Sané wäre die linke Seite extrem dynamisch und spielstark. Darüber hinaus könnte Gündogan den rechten Halbraum besetzen, der ihm in der Regel besser liegt.

Marco Reus hingegen wäre eine Option für die rechte Seite. Im Zusammenspiel mit dem offensiven Kimmich könnte der Dortmunder weit einrücken und als zweiter Zehner agieren. Die leicht linksversetzte Position von Brandt könnte Reus dann ausgleichen. Alternativ bietet sich auch Serge Gnabry oder Leon Goretzka als Alternative an. Darüber hinaus könnte Marco Reus auch als Zehner auflaufen und die rechte Seite wird dann anderweitig besetzt.

eine etwas ausgefallenere Variante wäre die Nutzung einer Dreierkette mit Brandt oder Schulz als linkem Flügelverteidiger und Kehrer als rechtem Halbverteidiger
Würde man ganz offensiv vorgehen wollen, könnte man asymmetrisch ohne Linksverteidiger agieren. Die LV-Position bleibt weiterhin die große Baustelle des DFB-Teams

Fazit

Letztlich ergeben sich für Joachim Löw viele interessante Optionen. Allerdings fehlt es auf der Stürmerposition an einem spielstarken Akteur. Timo Werner kann gegen hochstehende Gegner eine Waffe sein, jedoch tut sich der Leipziger gegen tiefe Verteidigungen oft schwer.

Auch hinten links fehlt der Nationalmannschaft ein variabler Spielertyp, der eben nicht nur die Linie besetzen kann. Diese Problematik macht es für Löw etwas schwerer Sané in einer breiten Position einzubinden. Allerdings könnte sich mit Julian Brandt eine passende Ergänzung bieten. Alles in allem, muss es Joachim Löw schaffen seine talentiertesten Offensivspieler besser einzubinden. Darüber hinaus wartet für den Nationalcoach auch gegen den Ball noch viel Arbeit.

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