Niederlande vs Deutschland Nico Schulz

Déjà-vu bis zur 90. Minute

Am vergangenen Sonntagabend dürfte sich der ein oder andere gefühlt haben, als wäre er in vergangene Zeiten zurückversetzt worden. Dann kam Nico Schulz…

Gutes Spiel der deutschen Mannschaft, 2:0-Führung zur Halbzeit. Anschließend deutlich stärkere Niederländer, die zum 2:2 ausgleichen können. Um welchen Tag handelt es sich jetzt? Ist es der 19. November des vergangenen Jahres? Oder doch der 24.März diesen Jahres? Eigentlich egal! Beide Spiele liefen sehr identisch ab. Nicht nur, was den Spielverlauf und die Torfolge betrifft. Auch die Herangehensweisen der beiden Teams waren ähnlich. Doch dann kam am vergangenen Sonntag Nico Schulz in der 90. Minute und holte mit dem 3:2-Siegtreffer für die „neue deutsche Nationalmannschaft“ alle wieder aus dieser kleinen Zeitreise zurück.

In der Anfangsformation starteten in der Dreierkette vor Manuel Neuer Niklas Süle zentral und Matthias Ginter und Antonio Rüdiger auf den Halbpositionen. Flankiert wurden diese von Nico Schulz auf dem linken Flügel und Thilo Kehrer auf der rechten Seite. Die Doppelsechs bildeten Joshua Kimmich und Toni Kroos. Davor spielte Leon Goretzka hinter dem Stürmerpärchen bestehend aus Serge Gnabry und Leroy Sane.

Grundformationen zu Beginn des Spiels

Ronald Koeman schickte im Tor Jasper Cillesen ins Feld, der ironischerweise beim FC Barcelona nur die Nummer zwei hinter der Nummer zwei der deutschen Mannschaft, Marc-Andre Ter Stegen, bildet. Die zentralen Positionen der Viererkette besetzten Virgil van Dijk und Matthijs de Ligt, flankiert von Denzel Dumfries und Daley Blind. Die Sechserposition bekleidete Frenkie de Jong, unterstützt auf den Achterpositionen von Marten De Roon und Georginio Wijnaldum. Vorne stürmten über die Flügel Ryan Babel und Quincy Promes neben Memphis Depay in der Zentralen.

Deutschland bespielt niederländische Mannorientierungen

Die deutsche Mannschaft begann die Partie in einer 3-4-1-2-haften Formation in Ballbesitz. In den ersten Minuten bereitete dies den Niederländern einige Probleme. Auf die jeweils einfach besetzten Außenbahnen durch die Flügelläufer reagierten die Gastgeber asymmetrisch. Auf der rechten Seite orientierte sich Denzel Dumfries an Nico Schulz, während auf der linken Seite Quincy Promes Thilo Kehrer bis an die letzte Linie verfolgte und somit phasenweise eine Fünferkette herstellte. Im Zentrum orientierten sich die beiden holländischen Achter an Kimmich und Kroos.

Dahinter sollte Frenkie De Jong die Räume abdecken beziehungsweise einzelne Spieler aufnehmen oder Leon Goretzka verfolgen. Dies gestaltete sich allerdings äußerst schwierig. Die zurückfallenden Bewegungen, vorwiegend von Serge Gnabry und Leroy Sane, konnte er oft nur unzureichend verfolgen und passend aufnehmen. Dementsprechend war es ein Leichtes, Anspiele hinter den niederländischen Achtern anzubringen und dynamisch auf die letzte Linie der Gastgeber zuzulaufen. Unter Anderem diese Umstände begünstigten eine recht offensive und dominante Anfangsphase der deutschen Mannschaft.

Später formierten sich die Mannen von Ronald Koeman passender, indem sich Ryan Babel und Quincy Promes gegen den Ball zwischen dem deutschen Flügelspieler und dem Halbverteidiger positionierten und somit losen Zugriff auf jeweils zwei Spieler hatten. Dementsprechend gestaltete sich der Spielaufbau für die deutsche Mannschaft nun schwieriger.

Die Bewegungen der deutschen Angreifer in die Räume hinter Wijnaldum und De Roon wurden auf Seiten der Holländer recht weiträumig auch durch De Ligt und van Dijk verfolgt. Teilweise fanden sich die beiden sogar neben und auch vor Frenkie de Jong wieder. Kurios: Einmal verfolgte der Kapitän Ajax Amsterdams Serge Gnabry so weit, dass der nominelle Innenverteidiger auf der Position des linken Flügelstürmers endete. Dadurch öffneten sich, auch in Verbindung mit den an den deutschen Flügelläufern orientierten Außenverteidigern, größer bespielbare Räume hinter den herausrückenden Verteidigern, die die deutsche Mannschaft versuchte, dynamisch zu bespielen.

Ballbesitz Deutschland. Mannorientierungen bei den Holländern und Räume neben de Jong

Ein Beispiel, wie man diese aus der Viererkette verfolgenden Bewegungen bespielen könnte, zeigte die deutsche Nationalmannschaft beim 2:0-Treffer durch Serge Gnabry: Bei Ballbesitz Antonio Rüdigers verfolgte Dumfries Sané im rechten Halbraum der Niederländer. Somit öffnete sich ein Raum hinter eben jenem, den Gnabry, aus dem Rücken des ballfernen Innenverteidigers van Dijk, anlief und durch Rüdigers Chip angespielt wurde. In Folge dessen ergab sich eine Eins-gegen-Eins-Situation, die der Münchener herausragend abschloss. Auch wenn die Holländer in dieser Szene in der Defensivarbeit recht schwach agierten, ein ansehnlicher Treffer.

Dieser Aspekt des weiträumigen Verfolgens der Verteidiger sollte übrigens dann auch den 3:2-Siegtreffer in der 90. Minute ermöglichen.

Deutsches Pressing legt niederländisches Ballbesitzspiel lahm

Gegen den Ball war das vornehmliche deutsche Ziel, De Jong aus dem Spiel zu nehmen. Hierzu formierte man sich in einer 5-2-3-haften Formation. Leon Goretzka spielte hier zu Beginn (später Gnabry) den zentralen Part der vorderen Drei. Zunächst sollten die Passwege der Niederländer ins Zentrum verschlossen werden. Bei Anspielen auf Blind auf der linken oder Dumfries auf der rechten Seite, sollte der jeweilige Spieler isoliert werden. Die deutschen Flügelläufer stießen dynamisch auf den jeweiligen Ballführenden heraus,

Goretzka rückte etwas nach vorne, um möglichst den Rückpass auf den Innenverteidiger und Cillesen im Tor zu verstellen und der Rest der Mannschaft rückte horizontal kompakt mit auf die jeweilige Seite und versperrte die Wege ins Zentrum und in die Tiefe. Zudem wurden situativ einzelne Manndeckungen aufgenommen, wie beispielsweise auf den holländischen Sechser, wenn sich ein Passkanal auf diesen geöffnet hatte, um Anspiele auf diesen trotzdem zu unterbinden.

Deutschland gegen den Ball. De Jong im Zentrum isoliert

Vereinzelt konnten sich die Niederländer durch die deutsche Formation spielen, wenn es „Die Mannschaft“ nicht schaffte, kleinere Positionsrochaden der Gastgeber hinter dem vorstoßenden Flügelläufer, häufig auf der rechten deutschen Seite, nicht hundertprozentig passend zu verfolgen oder zu übergeben.

Die Niederländer waren im Spielaufbau durch ihre asymmetrische Anordnung ziemlich auf die linke Seite fokussiert. Während Denzel Dumfries auf der rechten Seite typischerweise nach vorne schob, blieb Daley Blind auf einer Linie mit den beiden Innenverteidigern. Somit wurde versucht durch den 29-Jährigen mit meist diagonalen Anspielen hinter die erste Linie der deutschen Elf zu kommen oder den Flügelspieler hinter dem nach vorne stoßenden Kehrer zu erreichen. Dies geschah entweder durch direkte Anspiele oder durch Dreiecksbildungen im Halbraum und auf dem Flügel.

Im weiteren Verlauf der Partie gestaltete sich, als Reaktion auf die unterschiedlichen Rollenverteilungen der niederländischen Außenverteidiger, auch das Pressing der deutschen Mannschaft asymmetrisch: Während Nico Schulz dynamisch aus der Fünferkette bei Anspielen auf Dumfries diesen attackierte, war es bei Anspielen auf den tiefer positionierten Blind der rechte Spieler der vorderen deutschen Dreierkette, der Druck auf den Spieler Ajax Amsterdams ausübte. Somit hatte Thilo Kehrer nicht derart weite Wege und sah sich eher dem linken Flügelstürmer der Niederländer gegenüber als dem linken Außenverteidiger.

Koemans Anpassungen verändern das Spiel

Ronald Koeman wechselte mit dem Seitenwechsel. Für Ryan Babel kam Steven Bergwijn in die Partie. Drei Minuten nach Wiederanpfiff konnten die Niederländer nach einer Ecke durch de Ligt auf 1:2 verkürzen und verpassten somit dem Spiel für den weiteren Verlauf zusätzliche Brisanz.

Oranje veränderte die Arbeit gegen den Ball. Nun fiel Promes wieder konstant neben Blind zurück und stellte dadurch eine Fünferkette her. Somit war es etwas einfacher, einzelne verfolgende Bewegungen besser abzusichern und entstehende Räume zuzuschieben, als dies noch in der ersten Halbzeit der Fall gewesen war.

In Ballbesitz agierten die Holländer nun in einem 3-1-4-2 und versuchten, den Raum hinter Sane und Goretzka zu überladen und sich so quasi außerhalb der deutschen Formation gegen Nico Schulz und Thilo Kehrer nach vorne spielen zu können. Dazu wichen unter anderen die Achter in diese Räume aus. Ebenso bewegte sich auch Depay sehr umtriebig, meist nach links, in diese Bereiche.

Durch die recht klare Zuteilung Kimmichs und Kroos´auf De Roon und Wijnaldum konnten die beiden Niederländer die deutschen Sechser manchmal etwas weiter auseinanderziehen und dazwischen einen Raum öffnen, in den sich Depay fallen ließ und dementsprechend der Spielvortrag gestaltet werden konnte.

Insgesamt schaffte es die deutsche Mannschaft nicht mehr konstant, genügend Druck auf den Spielaufbau der Gastgeber zu entfachen und fiel etwas weiter zurück als noch im ersten Druchgang. Auch Frenkie de Jong war in dieser Phase besser im Spiel als zuvor.

Joachim Löw reagierte beim Stand von 2:2 und brachte Ilkay Gündogan für Leon Goretzka. Der Deutsch-Türke hielt sich mannorientierter an de Jong als dies zuvor der Fall gewesen war.

Bei eigenem Ballbesitz bewegte sich der Deutsch-Türke in deutlich tieferen Bereichen als es der Münchener zuvor gemacht hatte. Somit schaffte es die Mannschaft von Joachim Löw, wieder etwas ballsicherer gegen das aggressive Anlaufen der Niederländer zu agieren.

Fazit

Über die gesamte Spielzeit gesehen, vielleicht ein etwas glücklicher Sieg. In der ersten Halbzeit zeigte man sich deutlich stärker, im zweiten Durchgang dagegen waren die Niederländer die bessere Mannschaft.

Es bleibt spannend, die weitere Entwicklung dieser „neuen“ Mannschaft zu beobachten. Angst und Bange muss einem hinsichtlich der nach wie vor vorhandenen Qualität der Einzelspieler allerdings keinesfalls werden. Dieser Sieg kann ein erster kleiner Schritt aus der Krise sein.

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3 Kommentare

  1. Hallo, ist es so schwer Ilkay Gündogan einfach als Spieler zu sehen? Müssen Sie seine Identität immer wieder betonen? Sie schreiben auch nicht, der deutsch-Ossi Kroos oder der deutsche Neuer ? Nehmen Sie endlich zur Kenntnis, dass auch Ilkay ein deutscher Spieler ist. Er spielt in einem deutschen Team. Punkt. Sie merken gar nicht, dass Sie mit dem Satz „ deutsch-Türke“ seine Zugehörigkeit relativieren.
    Mit freundlichen Grüßen
    Simo

    1. Danke für den Hinweis!
      Es war keineswegs die Absicht, Ilkay Gündogan in irgendeiner Form eine Zugehörigkeit zum deutschen Team oder Ähnliches abzusprechen.
      Wir werden zukünftig mehr auf derartige (Nicht-)Formulierungen achten!

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