Sébastien Haller – der Alpha-Büffel

Nach einem guten ersten Jahr bei der Eintracht aus Frankfurt hat sich Sébastien Haller diese Saison zu einem der besten Stürmer der Bundesliga entwickelt – gejagt von halb Europa.

Was unterscheidet den Franzosen von anderen Stürmern seines Typus und was macht ihn diese Saison so stark?

Der Fluch der Eredivisie

Luuk de Jong und Bas Dost sind zwei Beispiele von bulligen Stürmern, die die holländische Liga jeweils zerschossen haben – in der Bundesliga diese Leistungen aber nur bedingt bestätigen konnten.

Zu groß erscheint der qualitative Unterschied zur Bundesliga – zu eindimensional das Spiel dieses aussterbend zu scheinenden Stürmertypus.
Haller hat diesen “Fluch“ jedoch endgültig gebrochen!
Und das, obwohl er die niederländische Liga im Vorfeld nichtmal zerschossen hat – 17/4 und 13/6 lautete seine Tor/Vorlagen-Statistik in den letzten beiden Saisons beim FC Utrecht.
Da kamen die beiden oben genannten mit ganz anderen Vorschusslorbeeren nach Deutschland.
Dennoch war man im Sommer 2017 am Main bereit, stolze 7 Millionen Euro für Haller (der sämtliche U-Nationalmannschaften Frankreichs durchlaufen hat) zu überweisen.
Diese Summe hat sich bereits jetzt vervielfacht.

Zweikampfmaschine

Haller, der erst 2015 aus der Jugend vom AJ Auxerre nach Utrecht wechselte, weiß seine 1,90 m perfekt einzusetzen. Sowohl im Boden- als auch im Luftzweikampf.
Er ist eine Zweikampfmaschine.
Ich erinnere mich da gerne an den Italiener Graziano Pèlle zurück – sein Spiel gegen Deutschland bei der EM 2016 war für mich nahe der Perfektion, wenn es um Luftzweikämpfe und um die Verarbeitung/das Festmachen von hohen Bällen geht….
….und Sébastien Haller liefert diese Spiele gefühlt jede Woche.

Um konkret zu werden:
Er hat in dieser Saison mit Abstand die meisten Zweikämpfe geführt (866) und die meisten Zweikämpfe gewonnen (442) – das macht eine Quote von 51,04 % – das ist bei der hohen Anzahl an Duellen unfassbar stark. Da verwundert es kaum, dass die Eintracht die langen, gezielten Bälle auf Haller als effektives und erfolgreiches Stilmittel diese Saison verfestigt hat.

Hier eine typische Szene aus dem letzten Heimspiel gegen Nürnberg. Eine eigentlich ungefährliche Freistoßsituation in der eigenen Hälfte wird lang auf Haller gespielt – der bindet 2 Gegenspieler – dadurch wird im Rücken der Raum frei. Haller verlängert intelligent per Kopf auf den in den Raum startenden Rebic und es entsteht eine gute Torchance für Frankfurt.

Prellbock 2.0

Doch Haller ist mehr als nur ein Zielspieler.
Er hat bereits jetzt nach 26 Spielen in der Bundesliga 14 Tore auf dem Konto – deutlich mehr als letztes Jahr nach 31 Spielen (9). Dabei erzielt er seine Tore auf unterschiedlichste Art und Weise.
Per Kopf, per Elfmeter, per Abstauber – aber eben auch per Fallrückziehen-Traumtor wie letzte Saison gegen den VFB Stuttgart oder per Fjorthoft-Imitation wie erst vor kurzem gegen Shakhtar Donezk.
Diese Vielseitigkeit ist es auch, die den Franzosen von vielen anderen großgewachsenen Mittelstürmern unterscheidet. Er ist nicht nur Abnehmer von Flanken oder Cutbacks, sondern kann sich auch selber seine Chancen kreieren.

Da sich zu diesen 14 Toren aktuell auch noch 9 Assists gesellen, kann man endgültig von einen kompletten Stürmer sprechen.
Er hat trotz seiner Größe ein hervorragendes Ballgefühl und ein sehr gutes Auge für den freien Raum.
So bestehen seine Torvorlagen nicht nur aus Ablegern auf seine Mitspieler, sondern aus einigen ansehnlichen Pässen. Immer wieder wird er aus der Tiefe angespielt, verschafft sich mit der Ballannahme bereits Platz, um aufzudrehen und steckt die Bälle dann auf die einlaufenden Mitspieler durch. Das ist oftmals kaum zu verteidigen, weil seine Gegenspieler so viele Optionen abdecken müssen.

Hier eine Szene aus dem Auswärtspiel in Augsburg. Hasebe spielt einen präzisen Flugball auf Haller, der dem Ball leicht entgegen kommt, ihn mit der Brust annimmt und im nächsten Kontakt butterweich in den freien Raum auf den tief startenden
De Guzman chipt, der den Ball letztlich im Tor unterbringt. Ein Assist, der sowohl Hallers Technik als auch sein Spielverständnis zeigt.

Zahlen lügen nicht

Neben den oberflächlichen Zahlen, die ihn auf Platz 3 der Scorerliste zeigen, bestätigen auch diverse andere Daten seine hervorragende Saison und seinen enormen Einfluss auf das Spiel der Eintracht.

Seine “shot conversion rate“ (Schüsse geteilt durch Tore) liegt bei 29,8 % – nur Paco Alcacer ist besser auf seiner Position.

Er führt 14 (!!) Luftzweikämpfe pro 90 Minuten – keiner ist dort besser in der Bundesliga bei vergleichbarer Spielzeit – und dennoch gewinnt er davon auch noch knapp 50 %!
Trotzdem spielt er immer außerordentlich fair – erst 2 gelbe Karten sind bei der Menge an harten Zweikämpfen mit diversen Innenverteidigern ein beachtlicher Wert.
Ebenso ist seine Elfmeterbilanz einwandfrei: 6 von 6 Elfmetern hat er diese Saison verwandelt.
Seine Wichtigkeit spiegelt sich auch in den Spielminuten wieder. So hat er mit knapp 2000 die mit Abstand meisten Minuten in der Offensive der Eintracht gesehen – weit mehr als Jovic oder Rebic.
Trotz Doppelbelastung spielt Haller fast immer.

Luft nach oben

So komplett wie Sébastien Haller auch scheint – es gibt auch bei ihm noch Bereiche, in denen er sich verbessern kann und muss.
Auch wenn ich sein gutes Auge für den freien Mitspieler und sein Passgefühl gelobt habe, ist Haller (noch) kein Mann für schnelles Kurzpassspiel auf engem Raum. Hierfür fehlt ihm gelegentlich noch etwas die Handlungsschnelligkeit und Vororientierung.
Dennoch zeigt er sich diese Saison auch hier deutlich verbessert.
Sein Antritt ist natürlich auch ausbaufähig – aber das ist bei einem 1,90 m Hünen auch kein Wunder.

Ansonsten wirkt er phasenweise leicht lethargisch, was zwar seine Art sein mag, ihn aber aktuell davon abhält, auch neben seinen fußballerischen Qualitäten eine echte Führungsrolle auf und neben dem Platz einzunehmen.

Fazit

Generell kann man festhalten, dass Sébastien Haller diese Saison einen so großen Schritt nach vorne gemacht hat, wie es ihm die meisten so wohl nicht zugetraut hätten.
Auch viele Eintracht-Fans waren mit seiner Leistung letzte Saison zufrieden und hätten sich wohl nicht beschwert, wenn er einfach nur so weiter gemacht hätte.
Stattdessen ist er der vielleicht kompletteste Stürmer in der Bundesliga geworden, hat die drittmeisten Scorerpunkte gesammelt und strotzt nur so vor Selbstvertrauen.
Auch deshalb sollte man den Hype allerdings noch etwas relativieren – eine weitere Saison bei der Eintracht würde ihm auf jeden Fall gut tun – auch um zu sehen, wie er in schwächeren Mannschaftsphasen spielt und auftritt.
Spätestens mit einer ersten Berufung in die A-Nationalmannschaft der Franzosen (hier sollte er gute Chancen haben, den alternden Giroud zu beerben) wird sein ohnehin schon hoher Marktwert noch weiter steigen und der Eintracht dann wohl einen großen Deal mit einem europäischen Topklub bringen.

Please follow and like us:
error0

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.