Eduardo Coudets Racing Club

Mit Racing Club befindet sich derzeit ein Verein an der Spitze der argentinischen Superliga, den man vor Saisonbeginn nicht unbedingt auf Tabellenplatz 1 erwartet hätte. Einer der Hauptverantwortlichen für diese bislang erfolgreiche Geschichte ist Trainer und Ex-Profi Eduardo Coudet. Im Dezember 2017 übernahm er die damals auf dem 14. Tabellenplatz befindliche Mannschaft und schaffte es noch innerhalb derselben Saison, sie auf Platz 7 zu bringen. In der aktuellen Spielzeit setzt sich die Erfolgsgeschichte fort.

Um der Ursache dieser Erfolgsgeschichte näher zu kommen, muss man auf die Herangehensweise dieser Mannschaft blicken. Racing ist eine Mannschaft, die meistens aus einer 4-1-3-2-Grundordnung heraus agiert. Dies ist insofern spannend, als dass man zumindest in den europäischen Topligen nicht allzu oft auf diese Formation stößt, vor allem nicht in der Form und mit all den Variationen, die Coudet „installiert“ hat.

In diesem Artikel werden wir mithilfe von einigen Spielszenen aus verschiedenen Spielen dieser Saison etwas genauer auf die Spielweise der Mannschaft aus Avellaneda blicken.

Gegen den Ball

Coudets Mannschaft pflegt einen intensiven Stil im Spiel gegen den Ball. Der Gegner wird in der Regel schon früh unter Druck gesetzt. Die erste Pressinglinie wird geführt von den beiden Stürmern, welche die gegnerischen Innenverteidiger anlaufen. Sie versuchen Pässe ins Zentrum zu verhindern und leiten den gegnerischen Aufbau nach außen zu den Außenverteidigern. Der gegnerische Sechser, wenn es einen gibt, wird in diesen Situationen vom eigenen Zehner gedeckt.

Die beiden äußeren Zehner hingegen stehen ein wenig tiefer als der Zentrale, wodurch die Formation gegen den Ball oftmals zu einem 4-Raute-2 wird. Durch ihre Positionierung versuchen sie gleichzeitig bei einem Pass nach außen schnell den Ballempfänger unter Druck zu setzen, jedoch auch nicht die Verbindung zur Mitte zu verlieren. Wurde der Aufbau erfolgreich zu einem Außenverteidiger geleitet, gilt es diesen zu isolieren und die Passwege ins Zentrum zu schließen.

An diesem Beispiel vom Ligaspiel gegen Talleres Cordoba wurden die beschriebenen Sachen optimal umgesetzt. Der äußere Zehner (Fernandez) greift den ballführenden Außenverteidiger an, die restlichen Spieler kontrollieren Raum und Gegenspieler in Ballnähe. Sehr wichtig sind dabei die Positionierungen von Lopez, Cristaldo und Zaracho, die die Anspielstationen für den Gegner kontrollieren, über welche der Gegner auf die unterbesetzte Seite verlagern könnte. Der vertikale Pass wird dem Gegner zwar offen gehalten, jedoch wird der potenzielle Ballempfänger von Mena eng gedeckt. Zudem wird der Raum vor der Viererkette vom Sechser (Dominguez) abgesichert.

Theoretische Schwächen des 4-1-3-2

Wie jede andere Grundordnung bietet auch das 4-1-3-2 zumindest in der Theorie Räume, welche weniger stark besetzt sind. Beim 4-1-3-2 hat man in den beiden vorderen Reihen viele Spieler, doch vor der Abwehr sind auf dem Papier links und rechts vom Sechser große Lücken, welche vom Gegner ausgenutzt werden könnten.

Wie Coudet diese Schwächen aufzufangen versucht, haben wir bereits angeschnitten. Gegen den Ball lassen sich die äußeren Zehner ein wenig tiefer fallen und haben somit besseren Zugriff auf die Räume. Durch das Anlaufverhalten soll zudem der gegnerische Aufbau nach außen geleitet werden. Interessant ist in diesen Fällen das Verhalten des ballfernen Zehners. Da der Sechser den ballnahen Halbraum schließen muss, entstehen im Zentrum und im ballfernen Halbraum normalerweise große Lücken. Um diese zu schließen, lässt sich der ballferne Zehner tief fallen und kompensiert diese Räume.

Nichtsdestotrotz muss man anmerken, dass diese Räume nicht immer rechtzeitig geschlossen werden. Gerade bei Centurion, der meistens den rechten Zehner gibt, sieht man oft, dass er diese Läufe gelegentlich vernachlässigt. Dennoch ist es für den Gegner schwierig in diese Räume so schnell zu kommen, da einerseits diagonale Passwege ins Zentrum gut geschlossen werden und andererseits der Weg in den ballfernen Halbraum relativ weit ist.

Probleme bekommt man eher, wenn der Gegner nicht erfolgreich nach außen geleitet wurde und zentral die erste Pressingwelle überspielt. Oftmals spekulieren die äußeren Zehner auf ein Zuspiel auf den Außenverteidiger und sind dementsprechend etwas breiter positioniert, was zu großen Abständen zum Sechser führt.

In dieser Situation aus dem Spiel gegen Huracan ließ sich der zentrale Mittelfeldspieler in die letzte Reihe fallen und durchbrach mit einem Dribbling Racings erste Pressinglinie. Daraufhin spielte er den freien Mitspieler an, der viel Platz und Zeit im Halbraum hatte. Folglich machte Sigali den Schritt zum freien Gegenspieler und riss eine Lücke in der letzten Linie auf. Ein paar Sekunden später fehlte er in der Abwehrkette, was zu einem Gegentor führte.

Defensives Umschalten

Die intensivste Phase im Spiel von Coudets Mannschaft ist definitiv das Umschalten nach Ballverlust. Wie die Mannschaft in dieser Spielphase reagiert hängt vom Ort des Ballverlustes und der Körperstellung des neuen ballbesitzenden Spielers ab.

In zentraleren Zonen des Spielfelds ist das Gegenpressing weitaus aggressiver und mehr am Ball bzw. am Ballführenden ausgerichtet, zudem greifen mehrere Spieler den Ballführenden gleichzeitig an. Daher ist es kein ungewöhnliches Bild, dass ein Gegner in zentralen Zonen teilweise von drei oder vier Spielern umringt wird. Ein Grund dafür ist sicherlich die Tatsache, dass der Gegner eine größere Auswahl an möglichen Handlungen hat als in äußeren Zonen des Feldes, wo sein Handlungsspielraum durch die Spielfeldbegrenzung stärker eingeschränkt ist.

Besonders wichtig ist es die kürzesten Wege zum eigenen Tor so schnell wie möglich zu schließen, was durch Dominguez in dem oberen Fall sichergestellt wird. Das Ziel ist es, dem Ballführenden so wenig Zeit wie möglich am Ball zu geben und ihn unter höchstmöglichen Druck zu setzen, um den Ball sofort zurückzuerobern.

In Zonen nahe der Spielfeldbegrenzung verändert sich die Vorgehensweise insofern, als dass man nicht sofort den Ball zurückerobern muss/möchte, sondern den Gegner immer weiter zur (Tor-)Aus-Linie leitet und die Spielfortsetzung hin zum eigenen Tor verhindert. Hierbei greift in der Regel nur ein Spieler den Ballführenden direkt an, die Mitspieler verengen nur weiter den Raum und schließen die Passwege bzw. decken mögliche Passempfänger in der Nähe, insbesondere diejenigen in höheren Positionen.

In dieser Situation presst Lopez den Ballführenden in Richtung gegnerisches Tor und hat zudem einen weiteren Gegenspieler im Deckungsschatten. Fernandez, Zaracho und Cristaldo schließen die umliegenden Anspielmöglichkeiten für den Gegner. Auf diese Weise werden enorm viele Ballverluste und lange Bälle erzwungen.

Racing im Spielaufbau

In Ballbesitz gestaltet sich die Raumbesetzung der Mannschaft variabel und hängt ein Stück weit von der Herangehensweise des Gegners ab. Gegen ein Mittelfeldpressing sieht man meistens eine weit bekannte Bewegung: der Sechser lässt sich in die letzte Linie fallen, bildet einen Dreieraufbau, die Außenverteidiger schieben hoch. Interessanter ist jedoch die Wirkung der drei Zehner auf das Verhalten bzw. den Reaktionsspielraum der gegnerischen Mittelfeldkette. Der zentrale Zehner lässt sich auf die ursprüngliche Position des Sechsers fallen, die beiden äußeren behalten ihre hohe Position bei. Dies stellt oftmals in einem klassischen 4-4-2 verteidigende Konkurrenten vor Probleme.

In diesem beispielhaften Fall lässt sich Zaracho auf die Sechserposition fallen und bietet eine Anspielstation, die die erste Linie des Gegners überbrücken würde. Da man im zentralen Mittelfeld eine Überzahlsituation gegenüber den gegnerischen Achtern hat, müssen sie in diesem Fall entscheiden – rückt einer heraus, um Zaracho am Aufdrehen zu verhindern, oder behält er lieber die Position bei, um für Solari und Centurion keine Freiräume zu öffnen. San Lorenzo zeigte im Ligaspiel welche Probleme auftreten können, wenn man sich für Letzteres entscheidet und die folglich entstehenden Freiräume (z.B. durch Einrücken des äußeren Mittelfeldspielers) nicht kompensiert.

Bekommt der Gegner diese Bewegungen nicht verteidigt, stellt man ihn zwangsläufig auf weitere Probleme. Nach dem Aufdrehen dribbelt Zaracho auf die gegnerische Kette zu und provoziert ein Herausrücken eines Mittelfeldspielers, woraufhin weitere Lücken/Probleme folgen. In der oben gezeigten Situation rückte beispielsweise der linke Mittelfeldspieler San Lorenzos aus der Kette, um Zaracho anzugreifen. Die spätere Folge ist eine Überzahlsituation für die Mannschaft aus Avellaneda auf dem Flügel. Der linke Außenverteidiger wird von Saravia aus seiner Position gezogen, Solari erkennt den freiwerdenden Raum und startet hinein. Der ballnahe Innenverteidiger wäre nun der einzige, der Solari am Flanken hindern könnte, jedoch wird er durch Lopez‘ Lauf in den Sechzehner gezwungen innen zu bleiben.

Alternativen im Aufbau

Sicher ist jedoch auch, dass die meisten Mannschaften diese Bewegung des Zehners besser verteidigen, beispielsweise durch ein frühzeitiges Herausrücken des Achters und einem äußeren Mittelfeldspieler, der weniger an Racings Außenverteidiger orientiert ist. Dieser kann dann letztendlich die Lücke besser kompensieren, die durch das Herausrücken des Teamkollegen entsteht.

Wird die Mitte vom Gegner kompakt gehalten, baut Racing viel über die Außenverteidiger auf. Von dort aus versucht man wieder die Sechserposition zu erreichen und das Spiel zu verlagern bzw. nach vorn zu spielen. Wird auch diese Option vom Gegner abgeschnitten, sind unter Druck der ballnahe Zehner und Stürmer die nächsten Möglichkeiten. Da der ballnahe Zehner nahezu immer den Außenverteidiger des Gegners mit sich zieht, öffnet sich auf diese Weise der Raum, in welchen der Stürmer hineinstarten kann, um ein vertikales Zuspiel festzumachen.

Letzten Endes ist Racing jedoch keinesfalls eine Mannschaft, welche um jeden Preis versucht, kurz und kontrolliert aufzubauen. Verteidigt der Gegner in einem kompakten Angriffspressing, sieht man sehr viele lange Bälle und Kampf um zweite Bälle, welche jedoch auffallend oft für sich entschieden werden.

Flügellastigkeit

Angriffe über die Flügel, besonders über den rechten, sind eine sehr auffällige Charakteristik in Coudets System. Dabei versucht man stets den Ball in den Raum hinter dem gegnerischen Außenverteidiger zu bringen und von dort aus Hereingaben zu schlagen. Um die Zielzone freizuspielen erkennt man regelmäßig eine ähnliche Vorgehensweise, bei der den hohen Außenverteidigern eine wichtige Rolle zukommt, welche grundsätzlich ziemlich offensiv ausgerichtet sind und in diesem System auch im letzten Drittel Breite geben sollen.

Durch ihre hohe Position in der gegnerischen Hälfte locken die Außenverteidiger oftmals den gegnerischen Außenverteidiger aus seiner Position, was Räume entstehen lässt. Es ist sehr auffällig, dass dies auf den ballnahen Zehner wie eine Art Auslöser wirkt, der dann schon früh die Situation erkennt und in den entstehenden Raum sprintet. Zwar werden diese Läufe vom Gegner meistens durch einen mitlaufenden Mittelfeldspieler verteidigt, dennoch ist man oftmals den Schritt zu spät, da der Zehner deutlich früher die Situation antizipiert.

Begünstigt werden diese Aktionen sicher auch dadurch, dass man zwei Stürmer in der letzten Linie hat, welche die Innenverteidiger binden. Im Falle, dass der in die Lücke startende Spieler nicht von einem Mittelfeldspieler mitverfolgt wird, könnte auch der Innenverteidiger nach außen rücken, um eine Hereingabe zu verhindern. Diese Entscheidung trifft er jedoch in der Regel nicht, da er auf diese Weise seinen direkten Gegenspieler aufgeben müsste und somit eine Unterzahlsituation im Sechzehner riskiert.

Spielverlagerungen

Die Positionierungen der Außenverteidiger und Zehner sind auch für Spielverlagerungen von essenzieller Bedeutung, da sie wichtige, ballferne Zonen besetzen.

Da der Gegner zunächst darauf bedacht ist, ballnahe Zonen zu schließen, kommt Racing nach der Verlagerung in Überzahlsituationen, die eben durch die Positionierungen und Läufe der ballfernen Spieler, in diesem Fall Centurion und Pillud, ermöglicht werden. Andererseits sind die Risiken, die hohe Außenverteidiger neben den genannten Vorteilen mitbringen, selbsterklärend. Verliert man in solchen Situationen der Ball und das Gegenpressing greift nicht, öffnen sich dem Gegner weite Räume für schnelle Konter.

Lisandro Lopez

Der Kapitän Lisandro Lopez ist einer der Schlüsselspieler in Coudets Mannschaft. Der 36-jährige Stürmer bringt neben enorm viel Erfahrung, die er unter anderem in Europa bei Porto und Olympique Lyon gesammelt hat, auch eine Menge Torgefahr mit – in 22 Einsätzen erzielte er bereits 17 Treffer. Doch auch ungeachtet seiner Torausbeute hat er einen sehr hohen Wert für die Mannschaft, vor allem in Ballbesitzphasen.

Lopez‘ Rolle unterscheidet sich relativ stark on der seines Sturmpartners, in den meisten Fällen Cristaldo. Lopez genießt in Ballbesitz viele Freiheiten, interpretiert seine Position sehr variabel. Oftmals sieht man ihn, wie er sich von der Abwehrkette des Gegners weit zurückzieht und das Spiel mit ankurbelt, aus dem rechten Halbraum heraus verlagert er den Ball sehr gerne auf die rechte Hälfte des Spielfelds. Auch weniger weiträumiges Fallenlassen nutzt er sehr gerne, um seinen Bewacher aus der Position zu ziehen und Raum für Anspiele hinter die Kette zu schaffen.

Neben dieser typischen Bewegung sieht man ihn jedoch auch oft nach außen abkippen, um aus dem bereits zugestellten Zentrum zu entfliehen und auf dem Flügel Anspielstationen anzubieten. Hierbei öffnet er auch Räume zwischen den Linien für die Zehner, da der Außenverteidiger auf seine Bewegung reagiert und sich ein Stück weit daran orientiert. Hat er den Außenverteidiger gebunden, hat der Zehner mehr Raum und Zeit, um aufzudrehen und auf die Abwehrkette zuzulaufen.

Fazit

Die Ansätze des 44-jährigen Trainers tragen Früchte – der Weg von Racing seit dem Amtsantritt von Eduardo Coudet ist bislang ohne Frage ein sehr erfolgreicher. Auch die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache:

  • 55 Punkte nach 23 Spielen
  • Offensivstärkste Mannschaft mit 41 Torerfolgen
  • Defensivstärkste Mannschaft mit nur 14 Gegentoren
  • Über weite Strecken auch spielerisch dominant – durchschnittlicher Ballbesitzanteil von 56.5%

Mit vier Punkten Vorsprung auf den Tabellenzweiten Defensa y Justicia und acht Punkten Vorsprung auf den argentinischen Riesen und amtierenden Meister Boca Juniors hat man sich zudem ein ordentliches Polster auf die engsten Verfolger erarbeitet. Nicht ganz unwahrscheinlich also, dass es diese Saison in Argentinien einen neuen Meister gibt, nachdem Boca Juniors die letzten zwei Meisterschaften gewann.

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