Ralf Rangnick RB Leipzig Hertha BSC Analyse

Leipzigs Raute überrollt die alte Dame

Die Bundesliga ist endlich wieder spannend. Während es im Tabellenkeller ums nackte Überleben geht, kämpfen Borussia Dortmund und die Bayern an der Tabellenspitze um wichtige Punkte. Die Saison bietet darüber hinaus noch andere tolle Geschichten: Frankfurts Auftritt in Europa und der Bundesliga, der Amtsantritt von Peter Bosz bei Leverkusen oder die starke Saison des VfL Wolfsburg. Eine Mannschaft fliegt (zu Unrecht) unter dem Radar und das ist RB Leipzig.

Nach einem schwachen Beginn, inklusiver einer schmerzhaften Niederlage im RB-Duell gegen Salzburg, berappelte sich die Mannschaft von Ralf Rangnick und ist auf bestem Kurs Richtung Champions League. Mit der Hertha war am Samstag eine Mannschaft zu Gast, die bereits anderen Topteams in dieser Saison das Leben schwer machte. Nicht aber Leipzig. Die Bullen brannten ein Feuerwerk ab und gewannen letztlich verdient mit 5:0.

Die alte Dame fand nie ins Spiel und wurde von dynamischen Leipzigern erdrückt. Wie die Leipziger Hertha kaltstellten und wieso RB mit ihrer Spielweise alte Trainerdenkmuster aufbricht, erfahrt ihr im weiteren Verlauf des Artikels.

RB Leipzig spielt wie RB Salzburg

In den letzten Jahren agierten die Leipziger sehr oft im klassischen 4-4-2 im RB-Stil. Hier sind die Flügelspieler eher Zehner und es ergibt sich so ein 4-2-2-2. Roger Schmidt konnte so große Erfolge in Salzburg und Leverkusen feiern und auch bei RB Leipzig wurde diese Formation adaptiert.

Mittlerweile nutzt Ralf Rangnick aber eine Formation, die stark an die Herangehensweise von Marco Rose bei RB Salzburg erinnert. Zwar setzt man in Leipziger auf weniger Elemente des Positionsspiels und agiert eher chaotischer. Nichts desto trotz halfen ihnen im Spiel gegen die Hertha die Vorteile des 4-Raute-2s.

Gegen Pal Dardais Team setzte der Trainer auf die Innenverteidigung aus Orban und Konaté, die vor Peter Gulasci zusammen mit Neuzugang Mukiele und Nationalspieler Halstenberg verteidigten.

Ein weiterer interessanter Mann besetzte den Raum vor der Abwehr. Der erst 20-jährige Tyler Adams machte als tiefster Akteur der Raute eine starke Partie. Zusammen mit dem anderen Neuzugang Amadou Haidara und Kevin Kampl, hielt der Amerikaner das Mittelfeld zusammen und leitete das vierte Leipziger Tor mit einem spektakulären Pass ein.

Bei einem 5:0 Heimerfolg spielt die Offensive natürlich eine große Rolle. Nationalspieler Timo Werner, der immer wieder mit den Bayern in Verbindung gebracht wird, fiel neben den überragenden Leistungen von Yussuf Poulsen und Emil Forsberg etwas ab, machte aber trotzdem ein gutes Spiel.

Das kann man leider von keinem Herthaner behaupten. Denn Pal Dardais Plan mit einer Dreierkette, bestehend aus Rekik, Lustenberger und Stark, das Pressing der Bullen überspielen zu können und gegen den Ball durch das Zurückfallen von Mittelstädt und Lazaro sicher zu stehen, ging nicht auf.

Darüber hinaus hing das Mittelfeld mit Grujic, Maier und Duda komplett in der Luft, bekam keine Zeit zu atmen und war nie in der Lage Kalou und Selke zielsicher einzusetzen. Neben den strukturellen Problemen der Hertha im Aufbauspiel, war vor allem das intensive und gut organisierte Pressing der Leipziger verantwortlich für die Probleme der Mannen aus der Hauptstadt

Wenn aus 11vs11 eine Überzahl für Leipzig wird

Grundsätzlich bauten die Herthaner in einem 3-4-1-2 mit breiten Flügelverteidiger auf. Meistens versuchten sie mit einer flachen Dreierkette den Ball in Bewegung zu bringen, jedoch schob der Schweizer Lustenberger einige Mal etwas höher, um diagonale Passwege herzustellen.

Allerdings schaffte es die Hertha nur über lange Bälle das Pressing der Leipziger zu überspielen. Der Grund: bei der Hertha passte die Raumaufteilung nicht. Die Abstände waren zu groß, die Mittelfeldspieler zu oft auf einer Linie und raumöffnende Bewegungen sah man selten. So schaffte es weder Maier noch Grujic spielerische Akzente zu setzen. Letztlich sahen sie sich meist zwei Gegenspieler von Leipzig gegenüber.

Ralf Rangnick RB Leipzig Hertha BSC Analyse
Leipzig in der Raute. Die Stürmer nehmen die Flügelverteidiger aus dem Spiel. Herthas Sechser sind im Zentrum gefangen. Leipzig stellt effektiv eine Überzahl her

Die Leipziger pressten nämlich in einem 4-3-1-2, das je nach der Position von Forsberg auch kurzfristig zu einem 4-3-3 werden konnte. Die vertikale Kompaktheit sowie die Positionierung der einzelnen Akteure waren bei Leipzig an diesem Tag herausragend.

Grundsätzlich konnte man gegen das Berliner Mittelfeld recht klare Zuordnungen entstehen lassen. Allerdings erkannten Kampl und Haidara sehr oft, wann sie den Raum statt den Mann decken mussten. Folglich waren sie in der Lage Pässe clever abzufangen oder ballnah zu unterstützen.

Auch die erste Linie mit Forsberg, Poulsen und Werner nutzten kurze Mannorientierungen, um die Herthaner unter Druck zu setzen. Der Schwede wurde von Ralf Rangnick angehalten Lustenberger zu verfolgen, hielt aber größtenteils seine Position. Forsberg zeigte dabei seine Spielintelligenz, indem er durch die Anpassung seiner Position viele Pässe ins Mittelfeld durch seinen Deckungsschatten verhinderte und so gleichzeitig mehrere Optionen für den Herthaner am Ball zustellen konnte.

Ralf Rangnick RB Leipzig Hertha BSC Analyse
Forsberg mit wichtiger Rolle. Schiebt heraus oder hält Position. Zentrum sehr kompakt und die Hertha ohne eine Idee, die erste Linie zu überspielen.

Dahingegen agierten Poulsen und Werner aus einer etwas breiteren Position. Im Grunde genommen deckten sie den Halbraum ab, liefen der Halbverteidiger der Hertha geschickt von außen an und versperrten so die Passwege zu Mittelstädt und Lazaro. Daraus folgte, dass Mukiele und Halstenberg enger an den Innenverteidigern stehen konnten und nur bei Bedarf herausrücken mussten.

Dementsprechend verteidigte Leipzig mit 4 gegen zwei Hertha Stürmer und stellten so faktisch eine Überzahl her. Auch hier zeigte sich mal wieder, dass die Mannschaft, die den Ball hat nicht immer das Spiel kontrolliert. Denn Pal Dardais Team wurde vom Leipziger Pressing in immer wieder enge Situationen gebracht und die Spieler waren mehr am Reagieren als am Agieren.

Letztlich schaffte es das Team von Ralf Rangnick den Raum und die Passwege so gut zuzustellen, dass die zentralen Spieler der Hertha kaum am Spiel teilnahmen. Folglich waren bei den Herthanern vor allem die Innenverteidiger in Ballbesitz. Durch die strukturellen Probleme ergab sich für Leipzig keine Gefahr. Vielmehr verzettelten sich die Berliner häufiger im Pressing der Sachsen, die nach einem Ballgewinn blitzschnell umschalteten.

Leipzig nutzt seine Überzahl

Sonst agierten die Leipziger in Ballbesitz sehr dynamisch und versuchten ihre Überzahl im Mittelfeld zu nutzen. Gegen unkompakte Herhaner schaffte es RB immer wieder die erste Pressinglinie der Berliner zu überspielen.

Pal Dardais Team wechselte im Anlaufen stets zwischen 5-3-2 und 5-2-1-2, je nachdem, ob Duda auf einer Höhe mit Grujic und Maier agierte, oder sich an Adams orientierte. Unabhängig davon, hatten die Leipziger aber stets einen freien Spieler im Zentrum. Gerade Forsberg konnte oft ungehindert agieren. Durch Poulsens und Werners Bewegungen rückte keiner aus der Kette heraus, in der Angst hinten eine 2vs2 Situation entstehen zu lassen. Einzig Timo Werner wurde vereinzelt verfolgt.

Das primäre Ziel des Teams von Ralf Rangnick war es, möglichst schnell vertikal hinter die letzte Linie der Berliner zu gelangen. Entsprechend konnte man viele kurze Ablagen und anschließende Läufe in die Tiefe beobachten. Hierbei konnte das Spiel über den Dritten einfach genutzt werden, da die Leipziger ballnah viele Dreiecke bildeten und kurze Verbindungen schafften.

Ralf Rangnick RB Leipzig Hertha BSC Analyse
Massive Überladung einer Seite gibt Leipzig viele Anspielstationen in der Nähe des Balles und eine gute Struktur für ein schnelles Gegenpressing

RB verzichtete dabei bewusst auf die absolute Breite im Spiel. Der ballferne Außenverteidiger positionierte sich im Halbraum, während der ballferne Achter weit auf die ballnahe Seite verschob und zumeist das Zentrum besetzte. Entsprechend hatten die Leipziger viele Anspielstationen, kombinierten sehr schnell und waren im Gegenpressing, nach langen Bällen oder Ballverlusten, sofort zur Stelle, da man eben ballnah eine Überzahl hatte.

Das Spiel zeigte auch, das Breite nur relativ ist. Leipzig hatte durch das enge Netz, das sie auch in Ballbesitz bildeten, viele Anspielstationen und konnten ihr schnelles Spiel, das auf Durchbrüche ausgelegt war, ideal umsetzen. Darüber hinaus eignete sich die Staffelung perfekt für ein effektives, schnelles Gegenpressing.

Ralf Rangnick kennt die Schwächen des 5-3-2/5-2-1-2

Wie bereits erwähnt, Hertha versuchte mit einer Fünferkette das Offensivspiel der Leipziger zu stoppen. Allerdings fehlt logischerweise ein Spieler im Mittelfeld. Ralf Rangnick gab seinem Team eine gute Idee mit, wie sie die Lücken neben der Mittelfeldlinie der Herthaner nutzen konnten.

Kevin Kampl war der Schlüssel dafür. Der linke Achter kippte häufiger nach links ab und erhielt dort den Ball. Die Mannschaft von Pal Dardai verschob weit auf diese Seite, um den Slowenen zu pressen. Allerdings ergaben sich dadurch Räume im Zentrum. Gerade wenn Forsberg nach außen auswich, wurde er von Grujic verfolgt.

Nicht vergessen, Ralf Rangnick verzichtete auf die absolute Breite, und Leipzig überlud die ballnahe Seite. Durch das Abkippen von Kampl wurde Hertha aus dem Zentrum gelockt. RB nutzte dies und kombinierte sich durch die Überzahl im Halbraum immer wieder in das geöffnete Zentrum.

Ralf Rangnick RB Leipzig Hertha BSC Analyse
Hertha lässt sich viel zu einfach aus dem Zentrum locken. Leipzig nutzt die Räume neben der Defensive, um Tempo aufzunehmen.

Wenn die Herthaner nicht so weit verschoben, verlagerte Leipzig gerne von links in die Mitte und wieder zurück. Folglich hatte Kampl den Raum, um mit Schwung auf die flache Fünferkette zuzusprinten. Bekanntlich ist eine flache Linie am einfachsten zu überspielen, da ohne die diagonalen Staffelungen nur eine Reihe zu überspielen ist. Leipzig war so immer wieder in der Lage mit klugen Laufwegen, Ablagen und einfachen Doppelpässen hinter die letzte Linie zu kommen.

Dardai reagiert spät

Pal Dardai reagierte sehr spät, indem er Lustenberger durch Lukas Klünter ersetzte. Fortan agierte die alte Dame in einem 4-2-3-1/4-1-4-1. Der Trainer wollte wohl die Überzahl der Leipziger durch einen weiteren Offensivspieler auf dem Flügel matchen. Denn die beiden Flügelspieler rückten weiter ein, während die Außenverteidiger die Breite gaben.

Allerdings vermissten die Berliner klare Abläufe im Aufbauspiel. Zu erkennen an den Problemen in der Spieleröffnung. Mit einem Sechser und zwei Innenverteidigern hatte man keine Überzahl in der ersten Linie und hatte auch danach Probleme mit dem Leipziger Pressing. Beim Stand von 5:0 war dies zwar irrelevant, jedoch wäre es spannend gewesen, wenn Dardai diese Umstellung früher vorgenommen hätte. Eventuell wäre der Kampf im Zentrum enger gewesen.

Fazit

Alles in allem war es eine sehr starke Vorstellung der Leipziger. Im Pressing waren die Abstände eng, die Intensität stimmte und man konnte Berlin unterschiedlich schnell anlaufen. Aber auch mit dem Ball zeigten die Bullen ihr Talent. Gerade Forsberg aber auch Adams oder Haidara stachen heraus. Dies sind alles Spieler, die auch in engen Räumen den Ball kontrollieren und verarbeiten können. Nur so war es möglich die vielen schnellen Kombinationen auszuführen und sich entsprechende Chancen zu erspielen.

Leipzig demonstrierte in dieser Partie auch eindrucksvoll, dass es eben nicht immer notwendig ist, die absolute Breite im Spiel zu haben, sondern das relative Breite viel wichtiger ist. Das Team von Ralf Rangnick hatte eine gute Struktur, viele Verbindungen und ein daraus resultierendes, aggressives Gegenpressing. Man darf wirklich gespannt sein, was Julian Nagelsmann nächste Saison aus dieser talentierten Truppe herausholen kann.

Please follow and like us:
error0

3 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.