Die Konterabsicherung von PSG

Was ist die Konterabsicherung?

„Das Spiel ist eine unteilbare Einheit, es gibt keinen defensiven Moment ohne angreifenden Moment. Beide kreieren eine funktionale Einheit.“ – Juanma Lillo

Weiterführend zu diesem Zitat kann man sagen, dass Mannschaften schon im Ballbesitz an den Ballverlust denken sollen und sich darauf vorbereiten müssen. Die Konterabsicherung zielt genau darauf ab und wird quasi überall auf dem Platz genutzt. Wichtig ist sie aber vor allem für Mannschaften, wenn sie in die gegnerische Hälfte oder ins Angriffsdrittel aufgerückt sind. Ballverluste in diesen Zonen sind über ein ganzes Spiel unvermeidbar. Nur sehr wenige Mannschaften haben in den 20 Metern vorm gegnerischen Tor eine Passgenauigkeit von über 50%. Damit nicht jeder Ballverlust zu einem Konter führt, soll der Ball im Gegenpressing zurückerobert werden. Für ein stabiles und erfolgreiches Gegenpressing ist die Struktur der Mannschaft unmittelbar vor dem Ballverlust essenziell. Sind zu viele Spieler vor dem Ball, hat der Gegner freie Bahn für einen Konter. Verliert ein Spieler in einer isolierten Situation den Ball, kommt die Mannschaft nicht ins Gegenpressing. Sind die Abstände der Spieler zu groß, kann das Gegenpressing leicht ausgespielt werden. Eine gute Konterabsicherung soll genau diese Probleme verhindern und kann daher als Grundlage für ein erfolgreiches Gegenpressing angesehen werden.

Es gibt verschiedene Beispiele für eine gute Konterabsicherung. Klopp sagte einst über den FC Barcelona unter Pep Guardiola, das Gegenpressing sei deren größte Stärke. Dadurch, dass Barcelona den Ball so weit vor dem eigenen Tor zurückerobern konnte, mussten sie sich gar nicht fallen lassen und ließen dem Gegner damit keine Entlastung. Dieser Faktor ist gerade für Mannschaften wichtig, die sehr viel Ballbesitz haben und auf tief verteidigende Gegner treffen. Führt jeder Ballverlust dazu, dass man erst wieder in die eigene Hälfte zurücklaufen muss, um von dort einen neuen Angriff aufzubauen, gibt das dem Gegner nicht nur Entlastung. Die eigene Mannschaft hat auch quantitativ gesehen weniger Angriffe in einem Spiel. Der Grund, warum Tottenham in dieser Saison so viele Spiele gewinnt ist nicht ihr spektakuläres Offensivspiel. Sie erobern einfach so viele Bälle direkt in der gegnerischen Hälfte, dass sie dem Gegner keine Entlastung geben und ein Tor irgendwann in den 90 Minuten die logische Folge ist.

Thomas Tuchel musste in seiner ersten Halbserie beim BVB selbst erfahren, wie wichtig eine gute Konterabsicherung für eine so dominant auftretende Mannschaft ist. In der Hinrunde kassierte der BVB in 17 Spielen 21 Gegentore, in der Rückrunde waren es dann nur noch 11. Zwischenzeitlich hatte der BVB eine Serie von acht Spielen, in denen sie insgesamt nur ein Gegentor hinnehmen mussten. Bei eigenem Ballbesitz spielte Dortmund oft im WM-System, also einem 3-2-2-3. Grob gesagt waren die hinteren 5 Spieler für den Spielaufbau und die Absicherung der vorderen 5 Spieler verantwortlich.

„Wenn du angreifst, musst du dich gegen Konter absichern. Und zwar sehr sehr hoch im Feld. […] Im sechsten Jahr [in der Bundesliga] habe ich gelernt wo man im Feld, wie hoch man im Feld verteidigen muss, um Kontertore zu verhindern.“ – Thomas Tuchel

Tuchel ist jetzt in Paris, das WM-System wird weiterhin sehr häufig von ihm genutzt. Da PSG aber regelmäßig die Grundordnung wechselt, habe ich mir die verschiedenen Konterabsicherungen angeschaut.

Organisation der Konterabsicherung bei PSG

Formation 4-2-2-2

Im Spiel gegen Caen spielte PSG in einer 4-2-2-2 Formation, Caen spielte im 4-5-1. Die Sechser standen dabei aber nicht – wie in der Abbildung – zwischen den Innenverteidigern, sondern versuchten immer ein Dreieck mit einem Innenverteidiger zu bilden, also einer links und einer rechts vom Innenverteidiger.

Konterabsicherung PSG Thomas Tuchel

Die Außenverteidiger übernahmen beide zunächst eine offensive Position, wurde der Ball auf einen Flügel gespielt, rückte der ballferne Außenverteidiger in den Halbraum ein. Der ballnahe Sechser positionierte sich im ballnahen Halbraum und der ballferne Sechser besetzte das Zentrum.

Konterabsicherung PSG Thomas Tuchel

Sollte sich PSG in dieser Szene auf dem linken Flügel nicht durchspielen können, ist der Spieler im ballnahen Halbraum eine Rückpassoption und der Angriff könnte verlagert werden. Rückpässe auf einen Sechser sind für den eingerückten Außenverteidiger im ballfernen Halbraum das Zeichen, in die Tiefe zu laufen. Durch die enge Staffelung der Offensivspieler und die fehlende Breite ist Raum für ein solches Vorstoßen offengehalten worden.

Das Einrücken des Außenverteidigers hat zwar auch einen möglichen offensiven Mehrwert, dient aber vor allem der Konterabsicherung. Fünf Spieler bleiben hinter dem Ball, die drei zentralen Zonen sind besetzt und ein Konter kann unterbunden bzw. mindestens verlangsamt und auf den Flügel geleitet werden. Die Innenverteidiger sind in einer Überzahl.

Greift Paris über die rechte Seite an, sieht die Staffelung analog zu der aus der vorherigen Abbildung aus. In diesem Fall besetzen die beiden Sechser den ballnahen Halbraum und das Zentrum, der linke Außenverteidiger rückt in den ballfernen Halbraum ein. Gegen Caen hatte Paris in der ersten Halbzeit aber immer wieder Probleme mit dem linken Mittelfeldspieler, der nach Ballgewinnen am eigenen Sechzehner sofort den offenen Flügelraum attackiert hat und dort auch angespielt werden konnte. Tuchel passte die Konterabsicherung zur zweiten Halbzeit daher etwas an.

Konterabsicherung PSG Thomas Tuchel

Kehrer – in der ersten Halbzeit noch linker Innenverteidiger – tauschte die Position mit Marquinhos – vorher rechter Innenverteidiger. Bei Angriffen über die rechte Seite rückte Kehrer aus seiner Position sehr weit in das Loch am Flügel vor und ließ Marquinhos in einer 1-gegen-1 Situation an der Mittellinie. So konnte PSG aber den linken Mittelfeldspieler im Griff behalten und kam zu vielen Ballgewinnen auf dieser Seite. Zur Absicherung von Marquinhos ließ sich der linke Verteidiger in diesen Situationen aber sehr weit zurückfallen. Diese Staffelung erinnerte dann schon sehr an die Spiele, in denen PSG mit einer Dreierkette spielte.

Formation 3-2-5

Gegen Nimes wählte Tuchel eine 3-2-5 Formation, die wohl mittlerweile als Standardformation angesehen werden kann. Im Aufbauspiel rücken die Halbverteidiger seitlich neben den Stürmern vor, sodass öfter mal 1-4 Staffelungen entstehen, welche Tuchel auch schon zu Dortmunder Zeiten genutzt hat.

Konterabsicherung PSG Thomas Tuchel

Die Konterabsicherung hängt stark von der Staffelung im eigenen Ballbesitz ab. Da die Halbverteidiger in den Raum neben den Sechsern vorrücken, werden alle drei zentralen Spuren (Halbräume und Zentrum) sowie der ballnahe Flügel besetzt.

Konterabsicherung PSG Thomas Tuchel

Verliert Paris beispielsweise am linken Flügel den Ball, kann der Halbverteidiger dort den Raum hinter dem aufgerückten Wing-Back absichern. Die beiden Sechser positionieren sich im linken Halbraum und im Zentrum. Der ballferne Halbverteidiger kann sich fallenlassen und die letzte Linie auffüllen. Da Nimes im 4-1-4-1 spielte, entstehen so automatisch Mannorientierungen im Gegenpressing, welche PSG einen guten Zugriff ermöglichen.

Konterabsicherung PSG Thomas Tuchel

Das Gegenpressing ist aber nicht immer planbar. Hat der Sechser beispielsweise einen kürzeren Weg zum Flügel, kann er diesen Spieler unter Druck setzen. Damit keine großen Löcher entstehen, schieben die Spieler dahinter nach. In dieser Szene läuft Verratti den Gegenspieler am linken Flügel an, Paredes schob als ballferner Sechser in den linken Halbraum – eine Spur weiter als Verratti – und Marquinhos rückte ins Zentrum ein – eine Spur weiter als Paredes.

Im Hinspiel gegen Manchester United tat sich Paris leichter, den Gegner tief in die eigene Hälfte zu drücken. Dabei verlagerten sie den Ball häufig auf einen Flügel, um von dort durchzubrechen oder das Spiel wieder neu zu verlagern. In diesen Szenen ist das gute Positionsspiel der Mittelfeldspieler zu erkennen, die essenziell für eine gute Konterabsicherung ist.

Konterabsicherung PSG Thomas Tuchel

Zunächst war der Ball auf der linken Seite. Verratti – linker Sechser – besetzte den linken Halbraum, Marquinhos – rechter Sechser – das Zentrum. Die Flanke vom linken Flügel war zu weit, wurde aber von einem Pariser aufgesammelt. Da der Ball nun auf der rechten Seite war, verschob Marquinhos in den rechten Halbraum und Verratti ins Zentrum. So hat PSG bei einem Ballverlust einen Sechser im ballnahen Halbraum und einen im Zentrum. Von der gegnerischen Verteidigung geklärte Bälle können so oft direkt von den Sechsern aufgesammelt, Konterversuche schon im Ansatz unterbunden oder verlangsamt werden.

Konterabsicherung PSG Thomas Tuchel

In dieser Szene lief der Angriff über die rechte Seite, weshalb Kehrer im Halbraum mit aufgerückt war. Weil der Szene eine Spielverlagerung vorausgegangen war, waren die beiden Sechser noch im Zentrum bzw. ballfernen Halbraum positioniert. Alves spielte einen Fehlpass in den Strafraum, der schon am ersten Pfosten abgefangen wurde. Alexis Sanchez erhielt den Ball am Strafraumeck, konnte aber schnell von Marquinhos gestellt werden, wodurch das Tempo aus einem möglichen Konter genommen wurde. Dank eines guten Rückwärtspressings der Angreifer konnte PSG den Ball 25 Meter vor dem gegnerischen Tor zurückerobern.

Auch im Rückspiel gegen Manchester United spielte PSG im 3-2-5 System. Da die Engländer in einem 4-4-2 verteidigten, organisiert sich die Konterabsicherung etwas anders als gegen das 4-1-4-1. Kehrer und Kimpembe, die in diesem Spiel als Halbverteidiger spielten, orientierten sich an den beiden Stürmern Lukaku und Rashford.

Konterabsicherung PSG Thomas Tuchel

Diese Szene entstand nach einer Flanke von der rechten Seite. Kehrer war zunächst als Anspielstation im Halbraum gewesen, sobald Alves aber die Flanke spielte, orientierte er sich schon direkt zu Rashford. Mit den beiden Mannorientierungen gegen die Stürmer und den beiden Sechsern, die den Raum vor dem Strafraum besetzten, konnte ManU in den ersten 30 Minuten des Spiels fast ausschließlich in der eigenen Hälfte gehalten werden.

Formation 3-1-4-2

In beiden Spielen, die PSG zuletzt gegen Dijon hatte, spielten sie in einem 3-1-4-2. Dijon verteidigte im 5-3-1-1. In dieser Formation hat Paris einen Sechser weniger, der für die Konterabsicherung zuständig ist, dafür einen Achter mehr, der für mehr Offensivgefahr sorgen soll. Auch in dieser Formation sollen Angriffe mit fünf Spielern abgesichert werden, allerdings ist der fünfte Spieler dabei sehr variabel. Es kann ein Achter sein, der sich etwas fallen lässt oder der ballferne Wing-Back, der einrückt. Die Konterabsicherung ist im 3-5-2 jedoch nicht so stabil wie in den anderen Formationen. Ist der Ball am Flügel, besetzt der Sechser den ballnahen Halbraum und der ballferne Halbverteidiger das Zentrum. Der ballnahe Halbverteidiger sichert den Flügel ab.  

Zusammenfassung der Ordnung

Je nach Formation ist die Konterabsicherung unterschiedlich, eine Konstante gibt es aber. Die beiden Sechser besetzen, wenn der Ball an einem Flügel ist, den ballnahen Halbraum und das Zentrum. Die Positionierung der unterschiedlichen Spieler liegt an der Formation. Bei einer Viererkette wird der ballferne Halbraum vom Außenverteidiger besetzt und PSG sichert die Angriffe in einer 2-3 Staffelung ab. Die Flügelzonen sind dabei zwar offen, dafür kann Paris aber mehr zweite Bälle nach geklärten Flanken oder Strafraumaktionen gewinnen. In einer Dreierkette ist die Absicherung eine 3-2 Staffelung. Durch die Rolle der Halbverteidiger bekommt PSG einen besseren Zugriff am Flügel. Durch die beiden Sechser können nur zwei der drei zentralen Spuren (Halbräume und Zentrum) besetzt werden. In diesem Zusammenhang wäre eine Statistik interessant, in welche Zonen die Bälle nach Flanken geklärt werden. Im Hinspiel gegen Manchester United klärten die Engländer viele Flanken in den flankennahen Halbraum. Diese Zone wurde von PSG besetzt und direkte Ballgewinne waren die Folge.

Umsetzung des Gegenpressings

Die erste Aktion im Gegenpressing ist bei Paris automatisch vorgegeben. Der Spieler, der nach dem Ballverlust am nächsten zum Ball ist, macht Druck. In der Regel ist das auch der Spieler, in dessen Zone der Ball geklärt wurde. Wie aggressiv er dabei auf den Ballgewinn geht, liegt an der Situation. Konnte ein Gegenspieler bereits den Ball annehmen und aufdrehen, wird er nur angelaufen. Dabei soll er bestenfalls nach außen geleitet werden. Hat der Gegenspieler das Blickfeld zum eigenen Tor oder konnte noch gar kein Gegenspieler den Ball kontrollieren, versucht PSG den Ball direkt zu erobern.

Die anderen Spieler sind im Gegenpressing zunächst raumorientiert. Sollte sich allerdings ein Spieler in ihrer Zone befinden, sind sie mannorientiert. Diese Mannorientierung wird auch aufrechterhalten, wenn der Gegenspieler sich in einen freien Raum hinter einen herausgerückten PSG-Spieler bewegt. Beispiel: Der Halbverteidiger rückt am Flügel vor, der gegnerische Stürmer rückt hinter ihm auf den Flügel. In diesem Fall rückt der zentrale Innenverteidiger mit auf den Flügel, um dort direkt in den Zweikampf gehen zu können. 

Konnte PSG geordnet bis ins letzte Drittel aufrücken, ist das Gegenpressing sehr gut. Die Gegner kommen nur zu wenigen Angriffen und es können lange Druckphasen aufgebaut werden. Das beste Beispiel ist die erste halbe Stunde aus dem Rückspiel gegen Manchester United. Paris schafft es aber nicht, über die kompletten 90 Minuten diese Dominanz auszustrahlen. Weder in der Champions League, noch gegen schwächere Mannschaften aus der Ligue 1.

Probleme in der Konterabsicherung

Eine Sache, die Manchester Citys Dominanz auszeichnet, sind die wenigen Ballverluste bis zum gegnerischen Strafraum. Durch das gute Positionsspiel wirkt es zum Teil so, als würde jeder Pass auf dem Weg dorthin ein Sicherheitspass sein. Die ganze Mannschaft rückt geschlossen auf, gegnerische Balleroberung landen gleich wieder im Netz des Positionsspiels. Bei PSG sieht das anders aus. In vielen Momenten des Spiels agieren sie noch sehr vertikal und unbedacht. Anstatt den Ball weiter zirkulieren zu lassen und kontinuierlich aufzurücken spielen sie den Ball in Situationen hinein, wo sie fast schon zwingend den Ball verlieren. Durch diese schnellen vertikalen Angriffe sind die vertikalen Abstände zwischen den Spielern sehr groß, in der Folge fehlt der Zugriff im Gegenpressing und sie müssen weite Wege zurück machen. Dadurch können sie in den meisten Spielen den Gegner auch nicht dauerhaft hinten reindrücken und nicht die Dominanz ausstrahlen, die sie eigentlich ausstrahlen könnten.

Diese Probleme im Spiel erhalten in diesem Artikel zwar nur eine kurze Aufmerksamkeit, kommen im Spiel der Pariser aber nicht selten vor. Teilweise gelingt es PSG eine ganze Halbzeit lang nicht, den Gegner kontinuierlich in die eigene Hälfte zu drücken – dieses Problem zeigt sich auch gegen die schwächeren Mannschaften der Ligue 1. Natürlich kann diese Vertikalität im Spiel auch so gewollt sein, immerhin hat man mit Mbappe einen Spieler im Sturm, der mit viel Platz hinter der Abwehr viel anzufangen weiß. Es wirkt aber nicht so, denn in diesen Phasen des Spiels hat PSG relativ wenige Torchancen und die Gegner kommen zu vielen (Gegen-)Kontern und vielen Abschlüssen.

Paris Saint-Germain ist eine sehr gute Fußballmannschaft. In der Liga haben sie von 29 Spielen 26 gewonnen und haben eine Tordifferenz von +71. In der Champions League sind sie vor Liverpool und Napoli Gruppenerster geworden und sehr unglücklich und unverdient gegen Manchester United im Achtelfinale ausgeschieden. Tuchel und seine Mannschaft müssen aber in den kommenden Monaten daran arbeiten, dass sie noch konsequenter Fußball spielen, um ihre Dominanz über das ganze Spiel zu zeigen. Das zu schaffen ist nicht so einfach, aber Guardiola hat mit seinen Mannschaften gezeigt, dass es möglich ist. Und PSG strebt danach, auch auf dieses Level zu kommen.

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