Entscheidung – Kognition – Chaos

Ein trainingspraktischer Ansatz

Theoretischer Grundgedanke

Ein Chaos ist als Zustand völliger Unordnung oder Verwirrung definiert, die damit einhergehenden Zustände sind in nicht wenigen Fällen das exakte Gegenteil dessen, was am Platz ersichtlich sein soll. Struktur, Organisation und System. Durch die Integration unterschiedlichster Funktionen und Positionen sowie durch treffsichere Adaptionen im Bereich des Reglements ist es möglich, kontemporäre Veränderungen zu erzielen. Die daraus resultierende Dynamik bezieht sich im grundsätzlichen auf das Verhältnis zwischen Mit- und Gegenspielern, um sich als Spieler an selbigem anpassen zu können, müssen die entsprechenden Informationen im Vorfeld wahrgenommen werden. Hier, angekommen am kleinsten gemeinsamen Nenner, liegt der Fokus auf der Aufmerksamkeit, der damit in Zusammenhang stehenden Wahrnehmung sowie der infolgedessen entstehenden Entscheidungsfindung.

Wo Entscheidungen getroffen werden, wird Verantwortung übernommen, manche Entscheidungen sind von der Attraktivität der zur Verfügung stehenden Optionen getrieben, andere wiederum von der Reizlosigkeit der breiten Masse. Einige Entscheidungen sind wohl überlegt, andere werden tendenziell intuitiv getroffen, bei vielen liegt die Lösung auf der Hand, bei einigen wenigen ist der Prozess ein langwieriger. Unabhängig davon welche Entscheidungen wie getroffen werden, das Vorliegen gewisser Optionen und Informationen dient in diesem Zusammenhang als existenzielle Grundlage.

Spielformen in einem primär chaotischen Rahmen zielen, durch die Integration zusätzlichen Stressoren, darauf ab eine hohe Spieldynamik zu entwickeln. Spieler, welche in zwei oder mehr Spielfeldern agieren dürfen, fungieren dabei als wesentlicher Faktor. Sie selbst müssen zu jedem Zeitpunkt im Spiel abwägen, auf welchem Spielfeld sie sich positiver für die entsprechenden Mannschaften auswirken können. Um dieses Vorhaben auch tatsächliche realisieren zu können, bedarf es einer gezielten Steuerung ihrer Aufmerksamkeit welcher eine aktive Veränderung der Körperposition vorhergeht. Selbige sollte, in erster Instanz, zu jedem Zeitpunkt den Ball, die eigene Position am Spielfeld bzw. sämtliche Mit- und Gegenspieler mit einbeziehen.

In weiterer Folge, so die momentane Studienlage, unterscheiden sich Personen der Elite und Novizen sowohl in der quantitativen als auch der qualitativen Art und Weise Informationen zu beziehen. Während Novizen aufgrund mangelnder Erfahrungen ihre Umwelt sehr oberflächlich wahrnehmen, können erfahrene und professionelle Spielsportler relevante Kanäle schneller und treffsicherer identifizieren um infolgedessen zwar in Summe weniger (quantitatives Defizit), jedoch wesentlich schneller wertvollere (qualitativer Benefit) Informationen wahrzunehmen. Doch nicht nur für die Spieler zwischen den Feldern, speziell jene, welche auf die Unterstützung dieser Spieler angewiesen sind ist es ein kognitiv konstant fordernder Prozess.

Ein praktisches Beispiel

In dem von mir am 28.03.2019 auf Twitter publizierten Chaosrondo wurden 24 Spieler kontemporär beschäftigt, davon waren 16 an ihre jeweiligen Spielfelder gebunden und acht in jeweils zwei Feldern tätig.

Die daraus resultierenden Differenzen des im Vorfeld beschriebenen Verhältnisses zwischen Mit- und Gegenspieler fand im Bereich 2v2 bis 5v3 statt. Die leicht nach außen gerichtete Positionierung der zentral gelegenen Tore provoziert einen im ersten Schritt nach außen gelenkten Spielaufbau, der diamantförmige Organisationsrahmen stellt dafür jedoch nur wenig Spielraum zur Verfügung. Das in diesem Zusammenhang logische Ergebnis ist eine massive Maximierung sämtlicher Druckbedingungen, kombiniert mit den bereits skizzierten Herausforderungen im Bereich der Entscheidungsfindung entsteht eine kognitiv sehr anspruchsvolle Spielform in welcher es dennoch möglich ist, die uns charakterisierenden Spielprinzipien und Strukturen zu festigen.

Methodik

Der methodische Grundsatz “vom Einfachen zum Komplexen” bietet sich in diesen Spielformen häufig an um die Spieler an die in weiterer Folge eintretenden kognitiven Reize zu gewöhnen. Es wäre demnach sinnvoll die Anzahl der Bälle sukzessive zu steigern. Die Frage nach dem Ziel und den hinführenden Wegen ist im Bereich der Methodik eine wesentliche, zwar trägt eine stetig wachsende Anzahl an Bällen zur Funktionalität chaotisch geprägter Spielformen bei, sorgt jedoch auch dafür, dass jene kognitiven Stimuli auf welche diese Trainingsformen abzielen, erst zu einem weit späteren Zeitpunkt eintreten.

Ein Zeitpunkt an dem sowohl konditionelle als auch kognitive Vorermüdungen vorhanden sind was dazu führt, dass der Sprung ins kalte Wasser nicht kategorisch ausgeschlossen werden sollte. Der Mut zum Overload, der maximalen kognitiven Forderung bringt eine Reihe an Vorteilen mit sich und gewinnt mit zunehmender Erfahrung der Spieler an diese Spielformen sukzessive an Wert.

Coaching

In Chaosspielformen soll die Fähigkeit trainiert werden, aus einer Vielzahl an visuellen, akustischen und/oder taktilen Reizen die für die Entscheidungsfindung relevanten Informationen zu generieren, zu verarbeiten um sich infolgedessen positiv auf die Spielsituation auswirken zu können. Der aktive Eingriff seitens des Trainers lenkt die Aufmerksamkeit des entsprechenden Spielers, der Gruppe oder gar der gesamten Mannschaft auf die jeweilige Situation oder Handlung. Aufgrund der Tatsache, dass sich Spieler innerhalb dieser Spielformen bereits mit einer enormen Informationsflut konfrontiert sehen, ist die Wirkung sowie die Sinnhaftigkeit eines aktiven Coachings während der Spielform kritisch zu hinterfragen. Da Chaosspielformen aus guten Gründen bevorzugt im Intervallcharakter durchgeführt werden, ergibt sich in den damit in Zusammenhang stehenden belastungsfreien Phasen der Spielform die Möglichkeit, mittels gezielten Fragestellungen die Spieler implizit auf die im Rahmen und der Positionierung vorkommenden Besonderheiten hinzuweisen.

Abstract

Summa Summarum stellen Chaosspielformen- und Rondos ein probates Mittel zur Optimierung kognitiver Funktionen dar. Sie sorgen für Abwechslung innerhalb des teils monotonen Trainingsbetriebs und beinhalten einen enormen Spaßfaktor. Der Gestaltungsfreiraum des Trainers scheint unendlich wodurch mittels Adaptionen im Bereich des Rahmens sowie durch die Integration von Provokationsregeln das Verhalten der Spieler innerhalb der Spielform implizit verändert werden kann. Zwar ist Chaos ein nicht zwingend erstrebenswerter Zustand, doch verhilft die richtige Dosierung den Spielern häufig zu strukturiertem, organisierten und systematischen Verhalten.

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